Jedem ihr seine eigene Realität

Wir sind jetzt schon zwei Wochen Weltmeister und das Drama nimmt trotzdem kein Ende. Die Normalität ist noch nicht vollkommen wieder hergestellt. Der Sohn hat beispielsweise seine zwischenzeitliche Begeisterung für den Ballsport noch nicht wieder abgelegt. Ich verstehe das gar nicht, sondern habe ernsthaft damit gerechnet, dass das Thema ruckzuck wieder durch ist. So kann man sich irren.

So erzählt der Sohn quasi täglich abenteuerliche Geschichten davon, wie er mit seinen Kumpels im Kindergarten wieder um die Wette kickte, wer dabei am schnellsten war, wer wann und aus welchem Grund für wie lange den Ball hatte. Es ist faszinierend. Facetten tun sich auf, ich hatte keine Vorstellungen.

Die hat der Sohn übrigens auch nicht. So kann er sich zum Beispiel nicht vorstellen, wie ich mich der Faszination seiner neuen Nebenbeileidenschaft entziehen kann. Das sei doch alles ganz toll. Ich könne das jeden Morgen gut sehen, wenn er darauf besteht, dass er selbst nur noch sein Fußball-T-Shirt für den Gang zur Kita anzieht. Leider hat er nur eines. Sollte das tatsächlich einmal gewaschen werden müssen, besteht er auf andere weiße Ware. Er ist da kompromissarm. Es ist erschütternd. Und es muss bei mir doch ganz ähnlich sein, denkt er sich. Wir sind schließlich Weltmeister.

Aber ich bin immun. Ich besitze zum Beispiel gar kein Fußball-T-Shirt. Wozu auch? Im Büro trägt man schließlich ein Hemd. Das ist zwar meist auch weiß, aber trotzdem ungefährlich. Das dachte ich bisher zumindest. Bis mich der Sohn eines Abends beim Zähneputzen im Bad aufklärt und erfreut feststellt, dass ich ja auch ein Fußballshirt trage. Ich gucke wohl irritiert. Woraufhin er eingesteht, dass die Arme vielleicht nicht ganz stimmen. Sie sind doch etwas arg lang. Und der Kragen, gut, der gehört dort eigentlich auch nicht hin. Ebenso fehle mir natürlich ein Aufdruck mit Logo vorn und großer Zahl hinten. Und dass ich statt dessen diese Knöpfe von dran habe, sei recht unsinnig. Aber von all diesen kleinen, unwichtigen Details einmal abgesehen, stellt er fest, dass ich endlich zu Verstand gekommen bin und auch ein Fußballshirt trage.

Die Realität, sie ist nicht immer das, wofür wir sie halten. Weltmeister sind wir trotzdem noch. Glaube ich.

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Die bewusste Langsamkeit ist ein knallhartes Geschäft

Ein Trend geht um. Es ist der Trend des bewussten Handelns. Wir machen nicht einfach nur ruck zuck das, was gerade ansteht und sind froh, wenn es halbwegs geschafft ist, damit wir uns dem nächsten Drama widmen können. Nein, wer heute hipp sein möchte, erledigt die Dinge in Ruhe und mit der ihnen angemessenen Aufmerksamkeit. Dem bewussten Handeln geht das bewusste Denken voraus. Zur bewussten Erkenntnis führt es. Selbst wenn wir schwadronieren, sprechen wir lieber von der bewussten Rede. Einige meditieren auch grundsätzlich erst einmal, bevor sie irgendeinen Handschlag tun. Sicher ist schließlich sicher. Geschenkt gibt’s hier nichts. Die bewusste Langsamkeit ist ein knallhartes Geschäft.

Dabei könnte es alles so einfach sein. Mir müssten uns nur auf unsere ursprünglichen Fähigkeiten besinnen. Die Eltern unter uns kennen diese stetig wiederkehrende Situation sicherlich: Die Kinder sollen sich anziehen. Man selbst steht schließlich unter Druck, man möchte morgens zur Arbeit oder abends den Nachwuchs ins Bett bekommen. Und was macht dieser? Nichts! Augenscheinlich zumindest. Sitzt einfach nur herum. Liegt vielleicht. Möglicherweise ist er halb nackt, er sollte sich schließlich umziehen. Daraus ist aber irgendwie nichts geworden. Nach einem gefühlten Atemzug ist ganz plötzlich und vollkommen überraschend eine halbe Stunde vergangen. Wir Eltern werden immer unruhiger. Wo soll das nur hinführen? Man stelle sich vor, es bleibt dabei. Ein Volk der Nichtstuer wächst hier heran. Und so wollen sie unseren dekadenten Ruhestand finanzieren? Das wird doch nie etwas. Alle Sorgen sind sehr berechtigt. Wehret den Anfängen!

Um das Übel bei der Wurzel zu packen, frage ich einfach mal nach. Genau bei jenem Experten, der es wissen muss: beim Sohn. Was er da eigentlich mache, wenn er einfach nur herumliegt und lieber die Decke anstarrt als meinen klaren Anweisungen zu folgen, frage ich ihn. Er reagiert erst einmal nicht. Er starrt noch ein wenig. Dann dreht er langsam den Kopf zu mir, guckt mich an und sagt: “Papa, ich denke!”

So schlecht scheint’s um unsere Zukunft dann doch nicht bestellt zu sein. Entweder liegt sie mit ihrem Verhalten voll im Trend oder geht gerade wohlbedacht den Weltfrieden an. Welch ein Trost.

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Was man auf einer Lesung lernen kann

Lesungen sind ein drolliges Geschäft. Da kommen Leute zusammen, um gemeinsam einem aus der Runde zuzuhören, der aus einem Text vorliest, welcher gemeinhin dafür gemacht ist, dass man sich ihm allein und in aller Ruhe widmet. Warum machen die das? Die Frage wird ja wohl erlaubt sein. Vor allem, wenn die ausgewählte Örtlichkeit ausverkauft scheint und nicht nur alle Plätze belegt sind, sondern auch noch kreativ in der Gegend herumgestanden wird. So, wie wir es heute gestern auf der Lesung von Saša Stanišić hier vor Ort in den Südstaaten erlebt haben, dieser Lesung zu seinem aktuellen Buch. Mitten im Hochsommer. Eine ausverkaufte Lesung. Sachen gibt’s, man hätte sie gar nicht für möglich gehalten. Das haben wir hier schließlich auch schon anders erlebt.

Aber dieses Mal nicht. Dieses Mal ist die Bude voll. Wir haben es hier wohl mit einem Profi zu tun. Auf jeden Fall ist es jemand, der bereits eine gewisse Routine hat. Man merkt es von Anfang an. So fängt die Veranstaltung damit an, dass der Lesende quasi wie nebenbei eine emotionale Beziehung zum Publikum herstellt. Es gibt zum Auftakt gleich einmal einen lockeren Schwank aus der Jugend, der natürlich direkt hier vor Ort spielt. Es wirkt so leicht, als wäre es spontan improvisiert. In Wirklichkeit ist diese Spontanität solide vorbereitet. Daran habe ich keinen Zweifel.

Das Eis ist gebrochen. Der Autor geht zu seinem regulären Text über. Also dem seines Buches. Und liest ausgewählte Passagen vor. Allerdings nicht einfach als stupiden Monolog. Sondern sehr leicht. Er spielt mit dem Text. Den später von einer Dame aus dem Publikum angemerkten Stakkatocharakter des Textes erleben wir auf einmal als angenehm leichte Kost, die beim Selbstlesen übrigens gar nicht so trivial wirkt. Etwas beinahe Komplexes ganz einfach herüber zu bringen, das ist wahre Kunst, Vorlesekunst. Hier nimmt ein Autor alles Verkrampfte aus dem Umgang mit seinem Text heraus, es ist eine wahre Freude. Kompliziert kann nämlich jeder. Das ist viel einfacher. So paradox es auch klingt.

Es ist schön, wenn jemand Entspannung gegenüber seinem eigenen Text herstellen kann. Es hilft, wenn man sieht, dass der Griff zum Buch ein ganz natürlicher sein kann. Das hilft dem Leser. Das hilft dem Text. Das hilft dem Verständnis. Das hilft dem Spaß bei der Sache. Und darum geht’s doch, oder?

Damit hätten wir auch die Frage geklärt, was diese Sache mit dem öffentlichen Lesen von Texten, die eigentlich für das stille Kämmerchen gemacht sind, eigentlich für einen Sinn hat. Sie erinnert einen daran, dass es in Büchern um Geschichten geht; dass Geschichten dafür gemacht sind, dass sie erzählt werden; dass das Erzählen von Geschichten ein großer Spaß ist.

Das ist doch mal was.

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Aus dem Regal: Vor dem Fest von Saša Stanišić

Endlich mal wieder ein Buch von jemandem, der Schreiben kann. Richtig gut Schreiben kann. Vor geraumer Zeit haben wir von dem werten Herrn schon mal etwas gehabt. Wie der Soldat das Grammofon repariert hieß es damals. Und das ist schon sehr lange her. Acht Jahre hat sich Saša Stanišić gegönnt bis zum Erscheinen von Vor dem Fest. Acht Jahre, in denen er Sätze wie diesen konstruierte:

Herr Schramm ist ein Mann mit Haltung und Haltungsschaden.

Es ist nur ein Satz. Aber ich könnte auch quasi jeden anderen zitieren. Sie sind alle sehr schön. Na, oder fast alle zumindest. Ein paar Ausrutscher gibt es. Nein, ich suche sie jetzt nicht heraus. Sie erlaubt man doch gern. Die müssen sogar sein. Sonst wäre es doch arg deprimierend. So aber ist es einfach nur schön.

Worum geht es eigentlich? Um ein Fest, ein geplantes. Das verrät ja schon der Titel. In Vorbereitung des Festes lernen wir das Dorf kennen. Ein fiktives ist es. Fürstenfelde heißt es. In der Uckermark liegt es. Was streng genommen aber reichlich egal ist. Es ist ein ganz normales Dorf. Manchmal wirkt es etwas abgelegen vom Rest der Welt. Der beste Weg hin zum Dorf führt über einen See. Einen Fährmann braucht man also. Aber der stirbt gleich ganz am Anfang. Schon im zweiten Satz ist er tot.

Und der Fährmann taucht trotzdem immer wieder auf in der Erzählung. Genauso, wie alte Geschichten immer wieder auftauchen. Manche sind 80 Jahre alt. Andere gar 400. Aber egal. Sie gehören alle ins Dorf. Sie erzählen alle vom Dorf. Genauso, wie es die Geschichten aus dem Hier und Jetzt machen. Das ganze Buch dreht sich nur um das Dorf. Diese Fest, es ist nur ein Aufhänger. Es ist dieser schemenhafte Höhepunkt ganz am Ende, auf den alles hinarbeitet. Bis zum Fest wollen irgendwie alle Geschichten erzählt sein. Bis dahin möchte jeder im Dorf seinen Frieden machen. Mit dem Leben, mit den Sorgen, mit allem. Es sind lauter Einzelschicksale, die hier das ganze Bild formen.

Für diese kleine Durcheinander hat der Autor auf der Leipziger Buchmesse in diesem Jahr übrigens den Hauptpreis bekommen. Aber es ist trotzdem unterhaltsam und kurzweilig. Literaturpreis hin oder her. Das Buch ist eine klare Empfehlung. Und passenderweise liest der Autor morgen aus eben diesem; hier in den Südstaaten; im KOHI. Wie großartig ist das denn?

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Wie man große Zahlen anschaulich vermittelt

Der Sohn ist ein Vorschüler. Man merkt das recht deutlich. Jeden Tag aufs Neue. So liebt er beispielsweise das Spiel mit den Zahlen. Er meistert es schon recht souverän. Er zählt viel und selbständig. Selbst die Grundrechenarten halten Einzug. Addition ist gar kein Problem. Subtrahieren geht in Teilen auch. Multiplizieren gar. Es ist eine Freude, ihm dabei zuzusehen. So sieht Begeisterung aus. Wenn er sich mal vertut im Spiel mit den Zahlen, dann meistens weil er sich vor lauter Eifer überschlägt und das Ergebnis selbst kaum abwarten kann.

Schwierig ist es natürlich auch, wenn er wirklich an seine Grenzen stößt. Denn bei den ganz großen Zahlen, da muss er doch passen. Irgendwann kommt er beim Zählen und Rechnen in Bereiche, die sich nicht mehr ganz logisch aus jenen davor ergeben. Sehr schnell ist dann von Millionen die Rede, von Zillionen auch. Sind vier Milliarden jetzt mehr als fünf Millionen? Trillionen sind auf jeden Fall unschlagbar, oder? Wie gesagt: bei den großen Zahlen, da ist das Leben eines Vorschülers nicht mehr ganz einfach.

Kürzlich haben wir uns zusammen gesetzt, um einen Einkaufszettel zu schreiben. Ich wollte abends nochmal los. Spät an dem Tag. Nachdem die Kinder schon im Bett sind. In solchen Fällen ist es wichtig, dass jeder seine Wünsche vorher kund tut. Wer nicht mitkommen kann zum Einkaufen, muss genau sagen, was er möchte. Ansonsten gibt’s das vielleicht nicht. Auch so ein Papa ist fehlbar, der bringt manchmal echt nur das mit, was auf dem Zettel steht. Das hat der Sohn schon gelernt. Also stellen wir die Liste gemeinsam zusammen. Er möchte Käse. Eine bestimmte Sorge, ganz klar. Und er möchte reichlich. Viel. Viel mehr als er zählen kann. Ganz lange soll ich zählen, bis ich auf die richtige Zahl komme. Er würde dann einfach Stopp! sagen. Mir ist das Spiel jedoch nicht geheuer. Ich frage ihn, ob er nicht wenigstens eine Größenordnung angeben könne. Viel, sagt der Sohn nur. Er möchte unendlich viel Käse haben. Unendlich viel geht natürlich nicht. Ich sage ihm das. Er guckt mich nachdenklich an.

Schlussendlich bringt er es auf den Punkt und sagt: “Papa, kannst Du bitte einfach soviel Scheiben Käse mitbringen, wie Du alt bist?”

Ich habe zehn Scheiben geholt. Damit er gar nicht erst auf die Idee kommt, nachzuzählen.

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Ehrgeiz

Diese Evolutionsstufen der Kinder, sie sind immer wieder spannend. Auf eine Art sind sie immer auch berechenbar. Denn bei aller Individualität: letztlich entwickeln wir uns alle recht ähnlich. Es geht immer schön der Reihe nach. Die Ernährung kommt erst flüssig daher und wird dann schrittweise fester. Der Gang wird graduell aufrechter, bis die Kinder irgendwann richtig laufen können. Sprachlich fängt alles onomatopoetisch einfach strukturiert an und endet irgendwann in ganzen Sätzen, aneinander gereiht zu nicht enden wollenden Redeflüssen. Bei aller Kontinuität geraten die verschiedenen Kategorien manchmal ein wenig durcheinander. Der eine spricht halt erst, der andere läuft lieber vorher. Soviel Freiheit sei erlaubt. Aber im Großen und Ganzen steckt Ordnung im System. Man weiß, woran man ist.

Die Tochter ist zum Beispiel mit dem Radfahren an der Reihe. Seit einem halben Jahr bereits. Wir haben ihr im Herbst ein entsprechendes Gerät besorgt. Und immer mal wieder ein Nutzungsangebot unterbreitet. Man soll ja nicht nur dogmatisch Befehle erteilen. Also habe ich als moderner Mann von heute ihren eigenen Ehrgeiz angesprochen. Wenn sie nach ihrem Laufrad gerufen hat, habe ich ihr einfach das Fahrrad hervorgeholt und erwartungsvoll geguckt. Die Tochter wäre nicht die Tochter, wenn sie nicht ebenfalls gucken würde. Allerdings weniger erwartungsvoll, mehr zweifelnd. “Laufrad!”, sagt sie in solchen Momenten nur, dreht sich um und beschäftigt sich kurz sinnvoll, während ich meinen Fehler korrigiere. Die Zeit war bisher wohl noch nicht so weit.

Ich übe mich in Geduld, lade mir zur Entspannung ein paar Nachbarn ein und werfe erstmal den Grill an. Man kann ja nicht immer nur dasitzen und auf die Kinder warten. Irgendwann ist’s auch mal gut mit der Geduld. Lass den Nachwuchs doch machen.

Und der Nachwuchs macht. Während unsereiner entspannt in den Grill guckt und sich am Kaltgetränk festhält, stöhnt und ächzt die Tochter irgendwo auf dem Hof herum. Auf einmal ist kurz Ruhe. Dann brüllt das Mädel und bittet um Aufmerksamkeit. Wir gucken kurz hoch und sehen das Kind entspannt ihre Runden mit dem Fahrrad drehen. Routiniert tritt sie in die Pedale als hätte sie seit Monaten nichts anderes gemacht.

Zum Anhalten braucht sie noch Hilfe. Immerhin. Es ist mir ein Trost. Ich helfe gern. Kaum steht sie wieder mit beiden Beinen auf dem Boden, schmiedet sie umgehend Pläne und erzählt ohne weitere Atempause, was wir jetzt auf einmal alles machen können. Jetzt kann sie Radfahren. Jetzt geht die Post ab. Ausflüge kommen auf den Plan. Sport machen wir jetzt gefälligst zusammen, schön mit ausgedehnten Touren durch den nahegelegenen Laufwald. Und Urlaub, jetzt mal im Ernst: warum soll man dafür noch das Auto anspannen? Das machen wir jetzt alles mit dem Rad. Die Tochter hat das alles schon fertig durchgeplant.

Letztlich machen wir uns auch tatsächlich auf den Weg. Und schaffen es immerhin bis zur nahe gelegenen Eisdiele. Die Tochter ist erschöpft, aber glücklich.

Eis geht ja immer. Das nenne ich somit mal einen sehr lohnenswerten Entwicklungssprung. Und während ich noch sehnsüchtig dem Geschmack von weißer Schokolade und Lakritz nachhänge, guckt die Tochter sehnsüchtig meine Laufschuhe an und verplant das Wochenende.

Dieser hoffnungslos optimistische Ehrgeiz: in welcher Entwicklungsstufe kommt der uns eigentlich wieder abhanden?

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Verwirrt

Es sind verwirrende Zeiten. So kommt der Sohn zum Beispiel von der Kita nach Hause und ist knallbunt angemalt. Er hat dicke Farbstreifen im Gesicht. Drei Stück. Direkt parallel nebeneinander. Ich ahne Böses. Die Kollegen haben kürzlich etwas erwähnt. Es ging um irgendsoein sportliches Großereignis, angeblich wohl in einer Ballsportart. Ich habe jedoch nur halb hingehört, war wohl gerade mit meinem Eis beschäftigt. Aber ich drifte ab. Im Moment ist erst einmal der Sohn bunt angemalt. Wir sitzen beide am Tisch, gucken uns an und in meinem Kopf wirbelt es gerade das ganze Abendabschlussprocedere durcheinander. Was weiß ich denn vom Abschminken? Es ist nicht viel. Es ist ein Tag für die Badewanne, soviel ist spontan schon mal klar. Soll der junge Herr doch zusehen, wie er diese Malerei aus dem Gesicht bekommt.

Was soll das eigentlich? Warum müssen sie schon unschuldige Kinder in den Strom des organisierten Entertainments herein ziehen? Kinder, die sich nicht wehren können. Hier werden sie vor den Karren der kollektiven Massenbegeisterung gespannt. Als ginge es im Leben darum, Spaß zu haben! Ähh, nun ja. Bei Gelegenheit lasse ich mir viellicht doch mal die Spielregeln erklären. Vielleicht springt der Funken ja noch über.

Jetzt frage ich erst einmal den Sohn, zu welchem Land die Farben in seinem Gesicht gehören. Ich möchte an seiner Begeisterung teilhaben. Geteilter Spaß ist schließlich doppelter Spaß. Die Streifen sind weiß, rot und grün. Nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge. Ich verdränge so etwas umgehend. Es fehlt einfach die Übung. Man frage mich nach einer Flagge und ich gebe spontan und souverän komplett absurde Antworten. Das ist normal. Das muss hier so. Ich habe schon mal versucht, durch Lernen bunter Flaggenbildchen daran etwas zu ändern. Es hat nichts gebracht. Dabei wäre es so praktisch. Jetzt zum Beispiel.

Der Sohn klärt mich jedoch umgehend auf. Nur gut, dass ich ihn habe. Er ist meine Rettung.

Es sind die Farben eines Indianers. Es sind auf keinen Fall die Farben irgendeines Landes. Das wäre ja wohl eine vollkommen sinnfreie Frage von mir. Denn, auch darüber klärt der Sohn mich umgehend und ungefragt auf, die Fußball-WM läuft noch gar nicht. Sie kommt erst noch.

Wie gesagt: Es sind verwirrende Zeiten.

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Strandsand

Manchmal ist es doch kaum zu glauben. Zum Beispiel die Geschichten, die Eltern ihren Kindern auftischen. Die klingen so abenteuerlich, dass sie unmöglich wahr sein können. So habe ich hier kürzlich den Kindern erzählt, dass man auch mal Urlaub machen könnte, in einem Haus am Strand, bei dem schon der erste Schritt aus der Tür heraus ein Schritt in den Strandsand ist. Ich habe es in den Augen der Kinder gesehen: Diese Vorstellung ist dermaßen absurd, dass sie ernsthaft glaubten, mit dem Papa stimmt etwas nicht, wenn er ihnen ein derartiges Schlaraffenland in den Kopf setzen möchte. Meinem häuslichen Ruf als Geschichtenerzähler tat das immerhin mal ganz gut, den glaubt mir hier ja sonst niemand.

Ewig lässt sich so eine Illusion natürlich trotzdem nicht aufrecht erhalten. Egal, wie schön sie erscheint. Egal, was die Phantasie aus der Idee macht: Irgendwann ist Schluss mit lustig. Irgendwann muss man entweder den Traum einen Traum sein lassen oder einfach mal konkret werden. Also haben wir das Gefährt beladen und uns auf den Weg gemacht. “Urlaub!”, haben wir zu den Kindern gesagt. “Ab an den Strand!”, gleich hinterher. Und mit Anblick des Dünenaufgangs wurde die Szenerie doch tatsächlich real.

Duenenaufgang

Verträumt glasig gucken die Eltern, beherzt greifen die Kinder zu den Strandutensilien und laufen schon mal los. Da wir die Unterkunft bisher nicht bezogen haben, scheint diese tatsächlich hinter der Düne zu stehen. Was der Papa immer so erzählt, da ist wohl tatsächlich mal etwas dran. Also ruhig einmal nach links geguckt und einmal nach rechts geguckt. Und siehe da: ein Haus. Da steht ein Haus direkt auf dem Strand. Das ist chic von außen. Und die Sicht von innen ist nicht weniger brauchbar.

Ausblick Es kommt, was kommen musste. So ein Strand direkt vor dem Haus: lächerlich. Das reicht nicht. Es reicht nämlich nie. Einfach nur entspannt wäre zu entspannt. Die Kinder brauchen ihre 20 Meter Weg zum Buddeln im Sand. Sie müssen mit der ganzen Situation schließlich auch erst einmal fertig werden. Vor ihnen liegen insgesamt 30 Meter Strand. Vielleicht sind’s auch 40. Wir sind am Meer. Da gibt es Ebbe und Flut. Da wollen wir mal nicht kleinlich sein. Also laufen sie los. Der Nachwuchs vereinnahmt den Strand. Wer möchte bei so einem Angebot schon direkt vor der Tür sitzen bleiben? Hier wird Land erobert.

Ich sitze derweil im Haus fest und stelle fest, dass mit Überqueren der Düne quasi jedweder Netzempfang abhanden gekommen ist. Sachen gibt’s, man wähnt sie eigentlich nur im Märchen und weitläufigen norddeutschen Flachlandgegenden. Jetzt brauchen wir hier erst einmal eine Ersatzbeschäftigung. Wir können schließlich nicht alle den ganzen Tag im Sand buddeln bis wir auf Grundwasser stoßen.

Zum Glück hat ein Mitreisender vorgesorgt. Sorgfalt bei der Auswahl der Reisebegleitung zahlt sich halt aus. Zum Beispiel durch geeignetes Erwachsenenspielzeug:

Hausdrachen

Wir lassen dieses schöne Haustier zwischendurch sogar einmal testweise frei fliegen. Es stellt sich heraus: So zahm, wie vorher angenommen ist es gar nicht. Mit dem spontanen Rettungssprint ist das Bewegungssoll für den Urlaub in Rekordzeit erfüllt. Was ist es schön, in allem möglichst das Positive zu sehen. Die Kinder buddeln derweil einfach weiter im Sand.

Etwas später passieren ein paar der aufregenden Sachen tatsächlich erst, nachdem die Kinder bereits bereits schlafen. Aber so schlimm ist das nun auch wieder nicht. Denn nehmen wir zum Beispiel dieses bezaubernde Abendrot: Wer würde bei diesen Lichtverhältnissen schon gern im Strand buddeln? Das bringt doch wenig.

Abendrot

Da kann man sich doch viel besser bis zum nächsten Morgen fit schlafen. Die Kinder haben den Dreh besser heraus als wir altklugen und lange aufbleibenden Erziehungsberechtigten. Würden wir mehr auf sie hören oder uns einfach mal ihre Vorbildfunktion eingestehen, bräuchten wir den ganzen Athleten am nächsten Morgen nicht nur zuzusehen sondern könnten munter mitmischen:

Sport am Strand

Ein Stress, dieser Anblick. Es ist kaum auszuhalten.

Was soll ich zu so einem Urlaub noch mehr sagen? Außer: gerne wieder. Das habe ich mir so auch von den Kindern bestätigen lassen. Man kann schließlich nicht nur Geschichten erzählen.

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