Vom Ausschlafen und selbständigen Kindern

Das Leben als Familie ist ein latent anderes als das Leben nur so für sich allein. Andere Bräuche, andere Sitten, andere Verantwortlichkeiten.

So steht man mit Nachwuchs zum Beispiel vor der Aufgabe, eben diesen nicht nur groß- sondern auch zur Selbständigkeit zu erziehen. Das passiert nicht magisch von allein, man muss sich durchaus ein wenig darum kümmern. So ist derzeit zum Beispiel viel über die diversen Spielarten der sogenannten Helikoptereltern zu lesen. Dabei muss man diese gar nicht alle verurteilen. Das passiert nämlich ganz schnell und fast von allein. Einmal nicht aufgepasst und zack, helikoptert man so vor sich hin. Das heißt nichts anderes, als dass man in jeder wachen Minute der Kinder diese fest im Blick hat. Sie stehen einfach immer unter Kontrolle, sind nie allein, machen nichts ohne Beaufsichtigung.

Das ist oft gut gemeint von den Eltern. Sie möchten sich kümmern. Sie sorgen sich. Sie widmen sich ihren Kindern. Sie möchten die Eltern sein, von denen sie selbst schon immer geträumt haben.

Das ist natürlich nicht ganz frei von Nebenwirkungen. Die Gewöhnung, die einzieht, wird tatsächlich zur Normalität. Irgendwann können alle Beteiligten gar nicht mehr ohne einander auskommen. Die Eltern werden zu Dauerbetreuern, die Kinder zu Vollüberwachten. Was für den Moment noch akzeptabel erscheint, wirft jedoch die Frage auf, was langfristig daraus werden soll. Wann lassen wir ein wenig los, ab wann darf jeder auch für sich selbst da sein, hat mal Momente ohne die anderen? Wenn die Kinder zu Teenagern werden, als Twens, ab Dreißig?

Nein, da sollte man ruhig rechtzeitig ans Werk gehen. Ruhig schon mal in frühen Jahren die Zügel ein wenig locker lassen. Und ich habe da auch einen ganz praktischen Tipp parat: Schlafen Sie einfach mal wieder aus!

Ja, genau: Ausschlafen als Hilfe bei der Erziehung. Einfach mal Liegen bleiben für den familiären Weltfrieden. Wir haben das hier im Haus einmal aufopferungsvoll getestet. Und was soll ich sagen? Es funktioniert.

Zum Einstieg nehme man sich ein Wochenende. Für die Kinder sind das schlaftechnisch Tage wie alle anderen auch. Sie stehen einfach auf, wie an jedem der sonstigen Tage. Für Nichteltern sei verraten, dass wir somit von morgens sechs Uhr, vielleicht halb sieben reden. Das geht. Das kann man machen: einfach automatisch wach werden. Kinder brauchen zu dieser Zeit noch nichtmal einen Wecker.

Als Eltern jedoch bleibt man bitte einfach liegen und schläft weiter. Sollte ein Auge zucken und die Routine drohen, es zu öffnen: widerstehen Sie dem! Drehen Sie sich lieber um und schlafen einfach weiter.

Wenn Sie die Kinder bis hierher einigermaßen brauchbar erzogen haben, werden sie schon nicht im Pyjama das Haus verlassen und nach draußen auf die furchtbar gefährliche Straße laufen. Stattdessen bleiben sie drin und sind froh, endlich mal in Ruhe spielen zu können, ohne dass sich ständig jemand einmischt und den Spaß beenden möchte. Endlich kann der Nachwuchs wirklich restlos alle vorhandenen Legosteine zu den unmöglichsten Gebilden formen. Endlich können auch die kompliziertesten Puzzle zusammengesetzt werden. Endlich kann auch der letzte Rest freien Papieres bemalt werden, ohne dass sich jemand einmischt. Endlich können sich die Kinder auch ungestört gegenseitig darauf hinweisen, was sie jeweils falsch machen, ohne, dass irgendein Erwachsener laufend meint, das gleich als Streiten bezeichnen zu können, welches doch bitte zu unterbleiben hat.

Endlich herrscht kreative Ruhe im Haus. Nach etwa drei Stunden haben sich die Kinder langsam warm gespielt. Sollte man selbst dann gegebenenfalls nicht mehr liegen können und plötzlich überraschend im Kinderzimmer sehen lassen, kann es jedoch passieren, dass der Nachwuchs nur ungläubig guckt und fragt, ob man wirklich schon wach sei. Nur mit Mühe können Sie dann vielleicht wenigstens eines der Kinder überreden, mit ins Bad zu kommen. Wenn das jedoch klappt, bekommen sie dieses immerhin ausgehfertig gemacht und können es mit zum Bäcker nehmen. So brauchen Sie dort wenigstens nicht allein aufzutauchen, das wäre ja auch unangenehm, so kurz vor Ladenschluss.

Beim Frühstück haben Sie übrigens auch Ihre Ruhe. Die Zeitung ist jetzt sicher schon da. Die Kinder essen ruhig, weil sie wirklich langsam Appetit bekommen haben. Nur um den frischen Kaffee müssen Sie sich vielleicht noch selbst kümmern.

Aber so insgesamt kann ich das Konzept sehr empfehlen. Also lassen Sie ruhig mal los. Lassen Sie die Kinder einfach mal ein wenig in Ruhe. Es tut ihnen gut und in diesem Fall auch den Eltern gar nicht weh.

Wenn das mal nichts ist.

Aus dem Regal: Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen

Wissenschaftler sind ein wenig gestörte Gestalten, oder? So stellen wir sie uns zumindest vor: intelligent, introvertiert, etwas weltfremd, für den Alltag nicht zu gebrauchen. So in etwa kommen sie auch in den Kurzgeschichten von Pippa Goldschmidt vor. Diese Geschichten hat Zoë Beck übersetzt. Krimis sind das trotzdem nicht.

Es sind Erzählungen über Wissenschaftler. Das ist zumindest ihr wohl kleinster gemeinsamer Nenner. Es sind meist Physiker, Astrophysiker oft, wenn man es richtig genau nehmen möchte. Und immer tun diese Wissenschafter genau eins: dem obigen Klischee entsprechen. Sie sind intelligent, introvertiert, weltfremd, den anderen um sie herum gleichzeitig nicht gewachsen und haushoch überlegen. Es ist faszinierend.

Diese Geschichtensammlung hebe ich mir auf. Ich werde sie an die Kinder weitergeben. Nicht als Gutenachtgeschichten, zumindest nicht jetzt, nicht zu Vorlesezeiten. Aber zum selbst Lesen. Später. In diesen Teenagerzeiten. Wenn sie an sich selbst zweifeln, die Welt in Frage stellen, ihren Platz darin suchen, ihn finden, wieder verlieren und das Spiel ein paar Mal wiederholen. Dann können sie einen Blick auf diese Geschichten werfen und hoffentlich zumindest eins erkennen: es ist egal. Wie man sich auch entscheidet, welchen Weg man auch geht, einen Sinn gibt’s überall. Auch, wenn ihn andere vielleicht nicht sehen. Oder ganz besonders dann.

Eine schöne Textsammlung. Ich kann sie empfehlen. Nicht nur Wissenschaftlern.

Vom Generationenwechsel bei der Küsschenwache

Wir waren zum Jahreswechsel an der Ostsee. Es ist ein ruhiger Ort zur Kontemplation und Besinnung; somit hervorragend geeignet, um das alte Jahr Revue passieren zu lassen und das neue Jahr angemessen gedenkvoll einzuleiten.

Gleichzeitig ist es ein Ort, um Traditionen zu pflegen. So werfen wir einen Blick über die Mole, betrachten die vorbeiziehenden Boote und erzählen uns alte Geschichten. Es sind die gleichen Geschichten, wie jedes Mal, wenn wir dort sind. Es hat sich eine Routine entwickelt. Es sind Muster, auf die Verlass ist. Wie gesagt: Wir pflegen Traditionen.

Nur eines klappt nicht mehr mit der gewohnten Umbeschwertheit: die wilde Knutscherei beim Vorbeiziehen der Küsschenwache. Der Sohn des Hauses geht jetzt schließlich in die Schule, er kann jetzt Lesen, er lässt sich da nichts mehr vormachen. Fehler beim Buchstabieren der Bootsbeschriftungen korrigiert er eiskalt. Oder zumindest je nach Laune. Denn er hat durchaus Spaß an dem Spiel, so ist’s ja nicht. So weiß man beim Vorbeiziehen der Boote meistens nicht: kommt der Sohn und wird geknutscht oder kommt der Sohn, um eine Lektion in korrekter Lesart von Bootsbeschriftungen zu erteilen?

Wir beobachten jedoch auch: Lehnt der Sohn etwas ab, wird’s auf einmal für seine Schwester interessant. Bisher eine konsequente Verweigerin des Küssens auf Kommando, erkennt sie plötzlich den Charme dieser Momente. Wenn der Sohn das Spiel für einen Moment mal total uninteressant finden sollte – und nur dann – ist es spontan die Lieblingsbeschäftigung der Tochter, laut Küsschenwache! zu brüllen, eilig die Eltern zu suchen und jeden mit zarten Küsschen zu überhäufen.

Ich beschwere mich nicht. Und falls sich jemand fragt, warum manche Familien nicht nur eines, sondern gleich mehrere Kinder haben, dem sei hiermit verraten: es dient dem Bewahren von Traditionen. Ganz einfach.

Auf einen feinen Start ins neue Jahr

So ein neues Jahr möchte angemessen begrüßt werden. Es ist schließlich noch jung, gerade erst zur Welt gekommen. Da kann man nicht gleich mit dem Hammer draufhauen. Das muss man sanft behandeln, süß quasi. Für den Anfang könnte das doch glatt so aussehen:

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Die Fortsetzung liegt auf der Hand, oder? Es gibt sie in drei Teilen:

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Das Ergebnis folgt ebenfalls logisch. Und für alle, denen es nicht auf den ersten Blick klar ist, zeigt der Sohn, dass es aus drei Ecken besteht:

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Auf gar keinen Fall sollte man ein neues Jahr übrigens ausgesprochen einsam angehen. Das muss nun wirklich nicht sein. Gesellschaft ist Trumpf:

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Und da Leidenschaft auch weiterhin gefragt ist, wird’s jetzt heiß:

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Damit wird auch klar, wo die Reise hingeht:

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Und zur Feier des Tages richten wir alles adäquat an:

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Und wünschen allen einen süßen Start ins neue Jahr:

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So kann’s ruhig weitergehen, oder?

Was von 2014 bleibt

Da geht doch glatt ein Jahr zur Neige. Meine Güte, wie die Zeit vergeht. Aber immerhin ist auch etwas passiert. Es zieht also nicht spurlos davon, dieses Jahr. So wird der Sohn zum Beispiel nicht müde, bei allen möglichen Gelegenheiten anzumerken, dass wir ja immer noch Weltmeister sind. Das scheint ihn wirklich arg geprägt zu haben, dieses Fußballereignis. Es bleibt mir ein wenig schleierhaft. Aber insgeheim bin ich einfach froh, dass es den Spaß nur alle vier Jahre gibt. Wäre die Frequenz höher, würde meine komplette Ahnungslosigkeit zum Thema wohl irgendwann auffallen und nicht einfach als Coolness durchgehen.

Viel faszinierender als das reine Ballgeschiebe sind natürlich die diversen Begleiterscheinungen. So sind wir zwar Weltmeister, aber deswegen noch lange nicht die Tollsten. Auch das verrät einem der Sohn bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Die Brasilianer zum Beispiel, sie waren schon fünfmal Weltmeister. Wir nur viermal. Tja, der junge Mann hier kam dieses Jahr auch in die Schule. Seitdem rechnet er auf faszinierend vielfältige Art und Weise vor, wie viel toller Fünfmal im Vergleich zu Viermal ist.

Trotzdem bringt so ein Weltmeistertitel durchaus seine Vorteile. So ist’s ja nun auch wieder nicht. Man kann ruhig selbst ein wenig feiern, auch wenn andere noch viel toller sind. Das geht sogar ganz problemlos. Auf diese Weise ist zum Beispiel unsere Flagge durchaus wieder salonfähig geworden. Es ist jetzt nicht so, dass wir jemals erwägen würden, diese an irgendwelche Gefährte zu hängen. Es ist auch nicht so, dass wir Winkelemente schwingend durch die Straßen ziehen. Aber es kann durchaus vorkommen, dass sich die Kinder ihre Frühstücksbrötchen als Flaggen dekorieren. Und hierbei steht die einheimische recht hoch im Kurs. Die klassische Gestaltungsform sieht dabei ein möglichst gleichwertiges und sortenreines Auftragen von Nutella, Erdbeerkonfitüre sowie Honig auf dem Brötchen vor. Aber mal ganz ehrlich: Wer isst schon immer nur dasselbe? Eben. Das sehen auch die Kinder so. Und während die Tochter im Zweifel einfach vollends auf die Schokocreme umschwenkt, bleibt der Sohn seiner Flagge treu, wandelt sie jedoch nach persönlichem Gutdünken ab. Das Glas mit der Schokolade könne sie ruhig behalten, bietet er seiner Schwester an. Auf meinen erstaunten Blick ob seiner neugewonnenen Großzügigkeit antwortet er mit dem lapidaren Hinweis, dass Erdnussbutter das neue Schwarz sei. So hat er das jetzt beschlossen. Die mag er eh lieber. Und ich doch auch. Erdnussbutter, verrät er mir mit einem Augenzwinkern, ist die Schokolade für Männer.

Abgesehen davon, dass Erdbeerkonfitüre und Honig auch weiterhin zu seinen Lieblingen zählen, muss ich dem Nachwuchs zugestehen, dass er schneller einen entspannten Umgang mit Nationaldevotionalien entworfen hat, als andere von uns ihren ersten Kaffee des Tages hinter die Binde kippen.

Wenn sich das Jahr mal nicht gelohnt hat. Auf ein ebenso feines Neues!

Der kleine Weltfrieden

Was macht man eigentlich als moderne Familie, wenn auf einmal ein Stapel Feiertage ansteht? Im normalen Alltag haben alle tagsüber etwas Gelegenheit, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen, um des Abends in trauter Gemeinsamkeit dem Familiensinn zu frönen. Die eine ist in der Kita, der nächste geht in die Schule, die Eltern spielen jeweils im Büro. Das inspiriert, das regt an und selbst das gelegentliche Agressionspotenzial lässt sich an diesen Orten recht brauchbar ventilieren. Zu Hause braucht das schließlich niemand. Besser, dass lässt sich außer Haus kompensieren.

Und dann ist plötzlich Weihnachten. Es kommt so überraschend wie in jedem Jahr. Auf einmal sitzen alle den ganzen Tag zu Hause. Schule? Geschlossen. Büro? Auch. Kita? In logischer Konsequenz ebenfalls.

Wer schlau ist, plant voraus. Und lädt sich für die Feiertage einen Hund nach Hause ein. Am besten einen jungen, der noch fit ist. Ruckzuck, gibt’s genug Anlässe für die eine oder andere Gassirunde mit dem Gast des Hauses. Mal geht der eine, mal die andere. Mal geht’s gemütlich um den Block, mal geht’s auf die Laufstrecke durch den Wald. So gibt es nicht nur Gelegenheit, zwischen den Mahlzeiten immer mal etwas frische Luft zu schnappen. So lässt sich auch etwas Alltag simulieren und sowohl Inspiration als auch Anregung sammeln sowie angestaute Energie in geordnete Bahnen lenken. Oder anderes formuliert:

Wer jedoch denkt, dass man zum Beispiel am späten Feiertagsvormittag mehr oder weniger allein im Wald ist und dort seine Ruhe hat, täuscht sich gewaltig. Ja, man kann sich statt dessen sogar zur Aussage hinreißen lassen, dass es zu einer solchen Gelegenheit respektabel voll dort ist und die Leute quasi zur Erholung anstehen. Man trifft sowohl andere Gassigänger – mit übrigens ganz unterschiedlichem Entspannungspegel – man trifft aber auch andere Waldläufer, sie sind jeweils ganz allein unterwegs und drehen ihre Runden, es überrascht letztlich wenig, dass man einige von ihnen unterwegs mehrmals zu sehen bekommt. Es ist ein Anblick, den es in diesem Wald in dieser Form sonst wirklich selten gibt. Die Gegend ist wahrlich groß genug, der Wege gibt es auch recht viele. Man könnte sagen, die Läufer verlaufen sich. Wer es mit Kalauern nicht so hat, spricht wohl lieber von einer harmonischen Gleichverteilung. So hat jeder sein kleines Revier für sich. Man trifft nur selten andere Mitstreiter. Man tritt sich nicht gegenseitig auf den Füßen herum. Das ist sehr angenehm. Genau dafür sucht man schließlich den Weg in den Wald. Das passt schon so.

Nur hier und heute nicht. Am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres wurde der Wald zum Läuferhighway. Die Gassen waren dicht. Gerade noch so flossen die Massen dahin. Es hätte nicht viel mehr bedurft und wir hätten einen Stau erlebt. Das wäre dann doch zu viel des Alltags. So war das mit den Vorzügen dessen nun auch wieder nicht gemeint.

Und während man so läuft, mit der Leine in der Hand, immer bedacht, den anderen sorgfältig auszuweichen, macht man sich so seine Gedanken. Führen all diese Leute hier gerade ihre Festtagsbraten spazieren oder schaffen mit einer kleinen Sporteinlage gerade Platz für den nächsten Nachtisch? Oder laufen sie wegen eines schlechten Gewissens? Wird es für diese Massen gar keine nächste Feiertagsmahlzeit mehr geben, weil alle Vorräte schon vertilgt sind und jetzt laufen sie, um wenigstens den zum Frühstück gelehrten Bunten Teller zu verdrängen? Um zu zeigen, dass das bestimmt nie wieder vorkommt? Sind es also Läufer aus guten Vorsätzen? Meine Güte, was soll denn das erst zum Jahresanfang werden? Absolvieren dann alle einen Triathlon schon am 1. Januar? Nicht auszumalen.

Vielleicht schnappen sie aber auch einfach nur kurz frische Luft. Vielleicht möchten sie alle nur ihren Kopf einmal kalt von der Waldluft durchpusten lassen. Um dann ruhig, ausgeglichen und harmonisch ins traute Heim zurück zu kehren und gelassen den Rest der Feierlichkeiten zu absolvieren.

Es wäre irgendwie die schönere Alternative.

Saisonale Wünsche

Wir haben einen Baum gekauft. Wie sich das gehört. Der gesamte Familienclan war gemeinsam unterwegs. Traditionen wollen erschaffen werden. So sind wir losgezogen zum großen Platz, der sonst den lokalen Flohmarkt beherbergt. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Die Bäume wirkten immerhin erstaunlich frisch und unbenutzt.

So zogen wir durch die Reihen, an jedem Baum ging ich in Position, stand stramm, streckte die Arme und stand Modell. Denn das war das Maß. Darunter wollten wir es nicht machen. So lang wie der Herr des Hauses, Arme bitte ausgestreckt, so hoch sollte auch der Baum sein. Mindestens. Eigentlich wollten wir den größten, bitte. Jetzt wollten wir mal so richtig auf den Putz hauen. Man muss sich doch auch mal etwas gönnen können. Den Platz würden wir schon schaffen. Und wer sagt denn überhaupt, dass man so einen Baum nicht auch draußen im Hof aufstellen kann? Er ist doch schließlich auch draußen irgendwo groß geworden. Dann können wir ihn auch dort wieder kaputt spielen.

Aber es half alles nichts. Letztlich haben wir eine deutlich bescheidenere Wahl getroffen. Eine, die auch in die Wohnung rein passt. Der Baum ist natürlich trotzdem noch größer als ich, keine Frage. Aber mal unter uns: so schwer ist das auch nicht. Dafür hat das Gewächs unten herum eine kleine Problemzone mit Freiraum. Also an den Füßen, ganz dezent. Darüber ist alles vom Feinsten, eine wahre Pracht, eine volle, runde, gefüllte, wunderschöne. Mit blankem Fuß. Und das ist natürlich ein Feature, kein Bug, ganz klar. So passen einfach größere Geschenke für mich dort hin. Das Argument haben letztlich sogar die Kinder verstanden und die Wahl akzeptiert.

Sie haben ihn auch geschmückt. Zum Beispiel so:

Frohe Weihnachten!

Auf Nachfrage meinte der Sohn, das müsse so sein. Es sei schließlich einmal eine echte süße Stange und einmal eine unechte. Oder saisonal passender formuliert:


Das eine Stück falsch,
das andere echt,
Hauptsache bleibt,
es gefällt Knecht Ruprecht.

Na dann. Und was auch immer dieser bringt: ob große Geschenke, kleine Geschenke oder keine Geschenke – egal, das passt alles.

Denn was ich eigentlich sagen wollte: Der Clan des Hauses wünscht allen Lesern ein frohes Weihnachtsfest!