Zukunftssicherung

Das Leben und Arbeiten mit Kindern, es ist nicht immer leicht. Man nehme zum Beispiel dieses Blog hier. Ohne die Kinder gäbe es das gar nicht. Man sieht’s schon am Titel. Wäre es nicht eh schon toll, dass die Kinder da sind, wäre das hier doch ein prima Grund, um sich zu freuen.

Auf der anderen Seite ist es jedoch auch so, dass ich mit den Kindern um mich herum eher nicht so gut schreiben kann. Oder um es etwas ehrlicher auszudrücken: Das geht gar nicht. Es gibt ja Leute, die schaffen es, stoisch am Schreibtisch zu verharren, während eine Schar von Kindern um sie herumkrabbelt, auf den Schoß klettert, im Rechner gern YouTube-Videos gucken möchte oder mit sonstigem Tamtam für reichlich Ablenkung sorgt. Ich kann das nicht. Ich bin schon abgelenkt, wenn andere auch nur darüber nachdenken, ob und wie sie mit mir interagieren könnten. Ansprechen ist gar nicht nötig, ich falle schon vom Stuhl bevor jemand auch nur auf die Idee kommt, mich anzusprechen.

Da hilft es, dass das Leben mit den Kindern von einer gewissen Routine geprägt ist. So stehen sie nicht nur kindesgemäß früh auf, sondern sie gehen auch zu einer ihrem Alter angemessenen Zeit wieder schlafen. Und zwar jeden Tag zur gleichen Zeit.

Der Rest des Abends findet ohne die Kinder statt. Das ist zum Beispiel die Zeit, in der Texte entstehen. Da habe ich schließlich die totale Ruhe. Das dachte ich zumindest, bis mir der Sohn heute beim ins Bett bringen angeboten hat, dass ich nachher, wenn ich noch nicht schlafe und vielleicht noch einmal ein Blatt Papier brauche, vielleicht ja so ein großes, dass ich dann ruhig nochmal rein kommen kann. Er hat noch Blätter, ich dürfte mir eins holen. Denn er schläft nämlich gar nicht gleich, wenn ich “Gute Nacht” gesagt habe und heraus gegangen bin.

Für mich stürzen natürlich Weltbilder ein. Was zur Hölle macht er da bitte? Abends in seinem Zimmer? Der Junge braucht seinen Schlaf. Und ich brauche meine Ruhe am Abend. Da muss man sich doch drauf verlassen können. Da sitze ich schließlich planlos herum, starre aus dem Fenster, mit dem sprichwörtlichen Kissen unter dem Arm. So vor mich hin sinnierend lasse ich die Gedanken streifen, die Welt an mir vorüber ziehen. Die Entspannung hat die Macht übernommen, wenn die Kinder erst einmal im Bett sind und tief und fest schlafen. Jetzt können die Synapsen feuern, jetzt sprießen die Ideen, jetzt können Geschichten reifen. Oder zumindest Blogeinträge. Was glaubt der kleine Mann eigentlich, wo die sonst herkommen?

Überhaupt: Was soll dieses Wachbleiben? Ich frage ihn.

Und er erklärt, dass er die Zeit einfach nutzt, um mal ein wenig zu dösen. Um die Gedanken streifen zu lassen. Die Welt an sich vorüber ziehen zu lassen. Etwas zu entspannen. Und um sich Geschichten auszudenken. Das sind auch immer ganz tolle Geschichten. Denn wenn er nachts mal nicht träumen sollte, dann hat er wenigstens diese Geschichten am nächsten Morgen. Das ist doch was.

Es wird wirklich Zeit, dass er in die Schule kommt und endlich richtig Schreiben lernt. Dann übernimmt er einfach die Arbeit hier. Wir geben Bescheid, wenn ich das Blog an ihn weitergegeben habe.

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Auf dem Tablett: Feiertag von Jan Essig

Ein kleiner Protipp für alle Feiertagsbanausen, die es noch nicht mitbekommen haben: in Kürze ist Ostern! Und Ostern ist toll. Wenn man Glück und clever geheiratet hat, wird die heimatliche Bude hübsch dekoriert. Es gibt nicht ganz so einen überkandidelten Geschenkewahn, wie er zu Weihnachten üblich geworden ist. Und es gibt schon im Vorfeld ordentlich etwas zu Essen, so dass man nicht erst zu den Feiertagen selbst in sein Foodkoma fällt. Was kann man sonst noch wollen?

Vielleicht ein neues Spiel von Jan Essig. Der Mann hat nicht nur selbst Kinder, er programmiert auch iPad-Spiele für sie. Die können wir vom normalen Volk dann im App-Store kaufen und ich kann das Ergebnis nicht anders zusammenfassen als: alles sehr großartig! Oder wie man das aktuell wohl noch sagt: supergeil, wirklich supergeile Spiele.

Vier Stück sind es in dieser Feiertags-App zu Ostern. Vier Spiele. Das ist genau die richtige Portion, um sich wohldosiert auf die anstehenden Feiertage vorzubereiten. Es gibt schön Hasen in den Spielen, Ostereier gibt’s natürlich auch. Mal treten sie gegeneinander im Tic-Tac-Toe an, mal verstecken sich die Hasen in den Eiern und man muss sie finden, mal gucken sie aus dem Boden heraus und muss schnell genug mit dem Finger auf sie zeigen. Das ist alles ein großer Spaß. Zum Teil hat man es mit leicht abgewandelten Figuren auch schon in anderen Spielsammlungen des Autoren gesehen. Das macht aber nichts. So hat man wenigstens die Regeln gleich drauf. Die Kinder hier im Haus waren jedenfalls sofort souverän dabei.

Der Höhepunkt ist aber ganz klar das hier:

Feiertag von Jan Essig

Keine Hasen, keine Eier, sondern Marienkäfer. Und zwar welche, die unter ihren Flügeln etwas verstecken. Man sieht’s am Anfang kurz, danach tanzen die drei ein wenig herum und bringen ihre vorherige Ordnung durcheinander. Und man darf Fragen beantworten wie jene, die man im Bild oben sieht. Es ist somit: ein Hütchenspiel. Wie großartig ist das denn? Viel eleganter kann man den Nachwuchs auf die bittere Realität da draußen doch kaum vorbereiten.

Darauf ein Ei, oder zwei!

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Ein Wettstreit

Wir sitzen mal wieder beim Essen. Und nachdem der anfängliche Hunger überwunden und die nötige Ruhe eingekehrt ist, fragt der Sohn ganz überraschend nach, ob wir nicht mal ein Spiel spielen können.

Na, so ein Spiel geht doch immer. Und gerade in seinem Alter als Vorschüler sind Spiele wichtig. Er lernt momentan quasi alles durch die eine oder andere Art eines Spieles. Es ist faszinierend. Also nehme ich die Herausforderung gern an, stimme erstmal zu und frage nach Details.

Und man glaubt es gar nicht: die Lage wird immer besser. Beim Spiel soll es darum gehen, ob die Herren oder die Damen am Tisch leiser sind. Wie großartig ist das denn? Wie lange predige ich schon die Ruhe im Haus? Endlich ist die Botschaft angekommen. Endlich hat er mich verstanden. Nächster Level: Weltfrieden. Passender kann ich das nicht zusammenfassen.

Obwohl. Wer weiß? Der Sohn ist immer gut für eine Überraschung. Meist steckt hinter seinen Spielideen ein solider Plan. Oder zumindest kommen sie nicht ganz aus dem Nichts. Auch wenn der Ansatz, leise zu sein schon mal eine sehr lässige Idee ist, steckt da bestimmt noch mehr dahinter. Ich frage nach. Leise sein, das ist doch bestimmt nicht alles, was denn noch so im Spiel passiert. Nichts. Laut Sohn passiert da gar nichts mehr. Wir sind einfach nur um die Wette leise. Das reicht doch, oder?

Klar. Von mir aus schon. Ich kommentiere es erst einmal nicht weiter. Das würde ja auch nur wieder Geräusche verursachen. Ich bin jetzt einfach mal leise. Der Sohn auch. Er schmatzt noch nichtmal. Super Spiel.

Bis die Tochter irgendwann auflöst: Wer verliert, muss für die anderen einen Kuchen backen.

Damit haben die Damen verloren. Den Kuchengutschein lösen wir bei Gelegenheit mal ein. Und wie die Tochter ebenfalls noch aufklärt, kommt das Spiel aus der Kita, in der die verschiedenen Gruppen gegeneinander antreten. Und tatsächlich haben die Zauberer auch schon für die Hummeln einen Kuchen gebacken. Oder war es umgekehrt?

Na, egal. Ich stelle auf jeden Fall wieder fest: So eine Kita ist eine super Sache. Einmal mehr verstehe ich die Fraktion der vehementen Ablehner dieser Idee nicht. Aber vielleicht hören die auch alle einfach nur schwer.

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Aus dem Regal: Im falschen Film von Michael Meisheit

Dieses Buch ist tatsächlich mal etwas anderes. Und zwar auf so einige Arten. Gehen wir die doch mal der Reihe nach durch.

So ist es ein E-Book. Oder es kam zumindest hier als ein solches an. Das ist jetzt nicht der ganz große Durchbruch. Davon hatten wir hier schließlich schon so einige. Papierbücher gibt’s hier aber auch noch. Der Stapel der Ungelesenen wächst fortwährend. Es ist eine Plage. E-Books sind für diese jedoch keine Lösung. Der Ordner mit den Ungelesenen davon wird nämlich auch nicht leerer. Ganz im Gegenteil. Für das E-Book gibt’s in diesem Fall somit weder Bonuspunkte noch Punktabzug. Das Medium ist manchmal doch nicht die Botschaft.

Dann stammt das Buch von Michael Meisheit. Ach nein, von Vanessa Mansini. Aber sie ist in Wirklichkeit Michael Meisheit. Und genau so schreibt er es auch ganz groß dran, auf der Webseite des Buches zum Beispiel. Nun ist gegen das Verwenden von Pseudonymen prinzipiell nichts zu sagen. Denn sind wir doch mal ganz ehrlich: Das mit den Namen, das ist schon ganz schön viel Schall und Rauch. Bei welchem Autoren fragt man schon nach dem Personalausweis, bevor man ein Buch von ihm oder ihr kauft? Das passiert wohl doch eher selten. Von mir aus kann auf dem Buch als Autor sonst etwas drauf stehen. Wenn es nett klingt, warum nicht? Aber dann möchte ich bitte auch, dass der Name einigermaßen konsequent beim Buch stehen bleibt. Dieses Hin und dieses Her und dieses Auflösen des Pseudonyms im nächstgelegenen Halbsatz ist keine freundliche Sache. Es fühlt sich ein wenig so an, als ob einem jemand mit dem nassen Lappen ins Gesicht klatscht und freundlich grinsend fragt, ob man den zielgruppengerechten Marketingspaß jetzt endlich verstanden habe. Also: Vanessa oder Michael – es kann nur eine(n) geben. In dieser Disziplin ziehe ich dem Buch jetzt glatt einen Punkt ab.

Das Buch ist selbstpubliziert. Das ist nichts Schlimmes. Es qualifiziert sich damit zwar nicht für den Indiebookday, aber irgendwas ist ja immer. Ich bin durchaus ein Freund des Selbstpublizierens. Die üblichen Einwände und Schmährufe sind mir bekannt. Doch sind wir mal ganz ehrlich: Weder das Abendland noch das Internet sind untergegangen, als auf einmal wir vom gemeinen Pöbel angefangen haben, in letzteres reinzuschreiben. Wenn man seine Filterblase halbwegs im Griff hat, gilt sogar genau das Gegenteil. Dann kommen richtige Perlen zum Vorschein und man lernt interessante Autoren und neue Freunde kennen. Warum soll das nicht auch mit Büchern funktionieren? Eben. Ich gebe hierfür jetzt einfach mal einen Pluspunkt, auch wenn man den jetzt falsch verstehen könnte. Aber wie gesagt: irgendwas ist ja immer.

Die Geschichte ist eine glasklare Vertreterin der Unterhaltungsliteratur. Das passt, schreibt der Autor doch offenbar gelegentlich auch Drehbücher für die Lindenstraße. Wer hier die Nase rümpft, kommt zu spät. Dafür hätten doch die obigen Punkte schon ausreichen können, oder? Das mit der Abscheu vor der leichten Kost ist durchaus so eine Sache. Es ist vergleichbar mit einer Flasche Wein. Wenn man unter der Woche am Abend einfach mal eine aus dem Regal zieht, um das Surfen im Internet etwas angenehmer zu gestalten, dann ist der gemeine Hauswein vollkommen in Ordnung. Wenn man am Wochenende mit der Dame des Hauses verträumt in die Kerzen auf dem Tisch starrt, dann darf es auch etwas edler dekantiert sein. Die Analogie jetzt rückwärts wieder aufzulösen, spare ich mir jetzt mal. Es ist eh klar, oder? Da man Zeitpunkt und Umstände des Lesens selbst bestimmen kann, gebe ich für die Unterhaltungsliteratur einen Pluspunkt.

Unter dem Strich steht es 2:1 für die Geschichte. Das hätte doch viel schlimmer kommen können. Experiment gelungen. Den Link zum Kaufen gibt es auf oben erwähnter Webseite zum Buch.

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Arbeit? Urlaub!

And now for something completely different. Wie zum Beispiel: Verreisen ohne Familie. Das ist ja eine Unsitte, die in der Tat selten geworden ist. Wenn ich das dann doch mal mache, kann es sich auch lohnen. Also warum nicht mal ans Meer fahren? Das Meer geht schließlich immer. Das hat sich bewährt. Zumindest mit Familie ist das Meer ganz fein. Die Küste auch. Warum soll das nicht allein ebenfalls eine Freude werden?

Gedacht, geplant, ausprobiert.

Und damit man es aus den Tiefen der Südstaaten auch wirklich pünktlich bis an die Küste schafft, muss man natürlich früh aufstehen. Aber den Frühaufstehern gehört eh die Welt. Ich habe mir sicherheitshalber trotzdem einen Wecker gestellt. Kaum war ich im Bad, kam jedoch auch der Sohn hereingetorkelt. Ganz ohne Wecker ist er auch schon wach. Als Weltretter in spe hat er die Sachen mit der Morgenstund, dem frühen Vogel, dem Gold, dem Wurm und wie die ganzen Sprüche so heißen, abrufbereit verinnerlicht. Ich glaube, wenn ich ihn nachts um drei wecken würde und sage, dass es Zeit zum Aufstehen sei, hätte er seine Zähne geputzt bevor ich den miesen Witz aufklären könnte. Es ist zum Verzweifeln. Und so sitzt er jetzt im Bad auf seinem Hocker und textet mich zu einer Zeit voll, die noch weit vor dem ersten Kaffee liegt.

Dabei sagt er gar nicht viel, sondern wünscht mir nur eine gute Reise, sagt, ich mache das schon und viel Spaß soll ich auch noch haben. Ich putze mir weiter die Zähne und wundere mich über diesen weltgewandten Hochstapler erst, als er schon längst wieder verschwunden ist und in seinem Zimmer neue Weltrekordtürme aus Legosteinen baut.

Wer schlau ist, stört ihn dabei übrigens lieber nicht. Also verabschiede ich mich dezent, er winkt nur wortlos, ich schließe die Tür. Den ersten Kaffee des Tages gibt es in Hamburg. Von da aus geht es noch ein wenig weiter. Wir nennen es schließlich Arbeit. Dabei soll man es ja auch nicht zu schön haben. Wir Männer in grauen Anzügen wissen, was wir zu tun haben und ziehen uns zurück in irgendwelche Besprechungsräume. Diese heißen mal Jolle, mal Optimist, wir sind wohl in Kiel. Es soll aber noch Stunden dauern, bis ich merke, dass “fast an der Küste” letztlich genauso weit vom Wasser entfernt ist wie gleich im Schwarzwald sitzen zu bleiben.

Mitten auf dem Rückweg, es ist wohl bei einer weiteren Tasse Kaffee in Hamburg, lässt der Sohn über die Dame des Hauses in seiner gewohnt trockenen Art anfragen, warum ich nicht ins Hotel gehe und einfach während der Arbeit noch etwas Urlaub mache.

Tja, er hat’s geschafft und der Tag endet, wie er begonnen hat: Während man selbst glaubt, die Lage voll im Griff zu haben, ist der Sohn schon längst einen Level weiter.

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Ausgeflogen

Selbst in gut geführten Haushalten kommt es manchmal vor: Sachen passieren, die hat man so nicht eingeplant. Zum Beispiel stehen auf einmal Geräte auf dem Fußboden, die dort originär nicht hingehören:

Baufahrzeug

Aber das macht ja nichts. Spontan, wie unsereins mit der Zeit so geworden ist, nutzen wir die Gelegenheit natürlich. Wenn das Gerät schonmal herumsteht, kann man es auch benutzen und damit durch die Gegend fahren. Und Kram draufpacken. Und wenn der Enthusiasmus plötzlich mit einem durchgeht, dann hat man plötzlich alle Sachen aus der Wohnung gefahren. Ruckzuck geht das. Geschickt, wie ich mit derlei physischen Aktivitäten so bin, kann ich kaum schnell genug mit den Augen blinzeln, wie das Inventar an mir vorbei rauscht.

Wenn man jetzt schon mal Tabula Rasa macht, warum dann nicht richtig? Also chauffieren wir testhalber auch mal die Kinder nach draußen. Sie haben hier für den Moment eh nichts mehr zum Spielen. Also was soll’s? Raus und ab zu den Großeltern. Für mehrere Tage sogar. Wir bleiben zurück und starren eine Weile in leere Räume. Das gab’s noch nie. Also nicht das Starren. Das gibt’s hier laufend. Aber ein Leben ohne Kinder: Das gab’s hier wirklich noch nicht, zumindest nicht, seitdem sie die Bude hier mit bevölkern.

Das ist ein Experiment von einem Ausmaß, man macht sich keine Vorstellungen. Aus anderen Familien hört man, dass die Söhne schon in der Vorschulzeit für eine ganze Woche auf Klassenfahrten gehen. So etwas gibt es hier nicht. Das ist eine Legende, die aus dem hohen Norden bis zu uns in die Südstaaten vorgedrungen ist. Hier läuft das alles etwas gesitteter ab. Hier bereiten wir die Kinder behutsam auf ihren eigenen kleinen Urlaub vor. Hier wird wochenlang darauf eingestimmt. Hier erzählen wir ihnen, was sie alles tolles machen werden, auch ohne uns, das Leben geht weiter, es wird bestimmt schön. Sie gucken uns mit großen Augen an und bauen weiter ihre Legogebilde zusammen.

Aber irgendwann kommt der Tag. Irgendwann ist es soweit. Irgendwann laden wir den Nachwuchs ins Gefährt und bringen sie auf die Reise. Wir rollen durch’s Land, bis wir die Großeltern winken sehen. Kaum angehalten, liegen die Kinder in deren Armen. Ich denke mir: zum Abschied nochmal umarmen, in den Arm nehmen, Küsschen hier, Küsschen dort, tröstende Worte mitgeben – all das sollte nochmal drin sein. All das brauchen auch die Kinder. Sie sind uns Eltern schließlich gewohnt. Wir sind immer da. Sie kennen das gar nicht anders. Und jetzt drehen sie sich nur kurz um, sagen “Tschüß!” und texten ab dann nur noch ihre Großeltern zu.

So läuft’s auch in den nächsten Tagen. Es ist auf einmal sehr ruhig. Die Kinder sind nicht da. Sie rufen nicht an. Auch im Skype rührt sich nichts. Nur durch Dritte bekommen wir mit, was sie eigentlich den ganzen Tag so tun, dass sie am Abend pünktlich und ganz ohne uns ins Bett gehen und prompt einschlafen.

Unsereiner bleibt hier zurück, hängt mit der Dame des Hauses in diversen Restaurants oder im Kino herum. Ich bin morgens plötzlich zu Zeiten im Büro, zu denen ich dort seit Jahren nicht mehr gesehen wurde. Und ich drehe am Abend Laufrunden durch die Vororte, bei denen es gar nicht wirklich schlimm ist, dass ich mich mehrfach im Wald verirre und in Feldwegsackgassen ende. Es wartet eh niemand auf mich und möchte noch einmal etwas zu Trinken oder die Decke neu glattgestrichen haben.

Kurzum: Das ist doch kein Leben. Zumindest nicht, bis auf einmal die Geräte auf dem Boden wieder so aussehen:

Luftballons

Dann weiß man: Es ist geschafft. Sie sind wieder da.

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Vorschülerei

Woran merkt man eigentlich, dass die Zeit nur so dahin fliegt und die Kinder immer größer werden? Zum Beispiel daran, dass auf einmal ein Vorschüler mit im Haus wohnt.

Dieser sitzt dann ganz unschuldig am Tisch, zählt erst die vorhandenen Stückchen Kuchen vor sich durch und anschließend die Personen um sich herum. Er stellt fest: 6 Stück Kuchen, 4 Personen. Der Sohn fängt an zu rechnen. Jeder bekommt erst mal ein Stück ab. Danach wird es kompliziert. Mama und Tochter könnten jeweils noch ein Stück bekommen. Oder Papa und Sohn. Oder die beiden Kinder. Aber sicher nicht nur die Eltern, oder? Nein, das wäre ungerecht. Aber durchschneiden könnten wir die beiden Stückchen. Dann hat doch jeder etwas davon. Das wäre doch toll. Und während er so theoretisiert und erzählt, bringt sich der Vorschüler des Hauses schon mal en passant selbst die Bruchrechnung bei.

Was nicht heißt, dass er den kreativen Künsten abgeschworen hat. Natürlich macht er, was Kinder in dem Alter oft so tun. Er malt zum Beispiel. Viel. Von diesem Fleiß können wir Erwachsenen uns viel abschauen. Da ist noch Leidenschaft am Werk. Und doch ist eine gewisse Effizienz zu erkennen. Malt der Sohn zum Beispiel einen Teich, in dem zwei große Fische auf den Besuch des Reihers warten, so sind die Fische der komplizierte Teil. Sie brauchen nicht nur Kopf und Körper. Es gehören auch diverse Flossen, Schuppen und Kiemen dazu. Das ist nicht leicht. Braucht man zwei Exemplare von der Sorte, muss man sehen, wo man bleibt. Da kann es passieren, dass der interessierte Betrachter am Ende nur einen Fisch auf dem Bild erkennt. Es sind in Wahrheit natürlich trotzdem zwei. Und damit das auch den Uninspiriertesten verständlich wird, schreibt der Sohn eine große “2” oben drauf. Mitten auf den Fisch. Alles klar, oder?

Ein Vorschüler wohnt im Haus. Man sieht es ganz deutlich. Auch wenn es irgendwie nicht immer ganz leicht ist.

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Gemisch von vielen Sorten Gemüse

Der Sohn wird langsam erwachsen. Man merkt es nicht nur daran, dass er dieses Jahr in die Schule kommt. Man merkt es auch an seinen Umgangsformen. Sie werden wirklich immer geschliffener. Da wirkt nicht mehr nur kindliche Naivität und Direktheit. Man merkt jetzt, wie er immer professioneller versucht, taktisch zu agieren und strategisch geschickt Fäden im Hintergrund zu ziehen, die später ihre vordergründige Wirkung entfalten können.

So wird zum Beispiel seine Kritik immer subtiler. Anfangs hat er sich noch im Fall einer Meinungsverschiedenheit mit uns Eltern einfach mehr oder weniger schreiend auf den Boden geworfen, bis wir in irgendeiner Form reagiert haben. Das passiert heute seltener. Heute bleibt er lieber gelassen auf seinem Stuhl sitzen. Das ist besser als sich auf dem Boden zu wälzen. So kann er zum Beispiel während seines gleich einsetzenden Protests noch locker seinen selbst gemixten Cocktail durch den Strohhalm schlürfen. Ergänzt wird diese erhabene Eleganz durch seine Wahl dessen, was er kritisiert. Als Baby und Kleinkind sind das ja eher momentane Anlässe. Da geht’s noch um das, was einen gerade umgibt und das, was im aktuellen Moment besonders auffällig ist. Mal ist es das Gummibärchen, welches man nicht essen darf. Ein anderes Mal ist es das falsche Paar Socken, welches man anziehen soll. Das sind Ungerechtigkeiten, auf die man spontan reagieren muss. Da hilft auch kein gelassen eingestreuter Kommentar. So etwas verstehen Eltern nicht, das nehmen sie nicht angemessen ernst genug. Da hilft nicht viel mehr, als sich adäquat auf den Boden zu werfen und panisch strampelnd ein wenig herumzuschreien.

Ganz anders sieht die Lage für sechsjährige Vorschüler aus. Natürlich brauchen auch diese ihre Gummibärchen noch. Und natürlich ziehen auch diese nicht jedes beliebige Paar Socken an. Aber wenn man es clever anstellt, dann hat man mit sechs quasi ausgesorgt. Die Süßigkeiten gibt es aus der eigenen Vorratskamer. Und die Klamotten für den Tag wählt man sich natürlich eh selbst aus. Wenn man das ein paarmal ganz vernünftig macht, werden Eltern für diese Entlastung im Stress der Morgenroutine dankbar und gewähren einem die Freiheit gern. Was dann mit dieser passiert, darüber schweigen wir uns an dieser Stelle wohl lieber aus.

Zumal es ganz andere Themen gibt. Größere Themen. Themen, bei denen man auch als Kind in der Familie aufpassen muss, dass man nicht zu kurz kommt. Die Wahl des korrekten Abendessens zum Beispiel. Das kann man nicht den Eltern überlassen. Es ist unverantwortlich, was dabei herauskommt. Wenn’s nach mir ginge, gäb’s zum Beispiel immer etwas mit Brot. Helles Brot, dunkles Brot, Vollkornbrot, Dinkelbrot, Mischbrot, Kartoffelbrot, Zwiebelbrot, Brot mit Kümmel, Brot als Baguette, Ciabatta, Brot als Kringel, Brot als Ball, Brot als langgezogene Pyramide – Brot geht immer. Man kann es obendrein auch noch hervorragend kombinieren. Frisches Brot mit Butter geht ja immer. Oder es kommt Frischkäse darauf. Oder Schwarzwaldcreme. Oder Pesto. Oder Guacamole. Oder Tomaten. Oder kleingeschnittene Tomaten als Bruschetta. Ergänzend spießt man sich Oliven auf und isst sie dazu. Oder, als bekennender Flexitarier gebe ich das unumwunden zu, man dreht sich kleine Schinkenröllchen. Oder man spielt etwas mit Käse herum. Davon gibt es sehr viele verschiedene Sorten. Das wird alles nicht langweilig. Da geht sehr viel. Brot zum Abendessen: das ist generell etwas ganz Feines.

Der Meinung ist der Sohn jedoch überhaupt gar nicht. Er findet Brot zum Abendessen eher, nun, gar nicht so toll. Er weiß aber, dass ich für unqualifiziertes Herumjammern über das Essen nicht sonderlich empfänglich bin. Also sitzt er, wie gesagt, ganz ruhig da, schlürft an seinem Glas herum und sagt mir in einem wohl lange trainierten aber komplett desinteressiert klingenden Tonfall, dass er eine sehr großartige Idee für ein neues Rezept hat. Es hört auf den unscheinbaren Namen Gemisch von vielen Sorten Gemüse und man braucht dafür lediglich:

  • Tomaten
  • Milch
  • Reis
  • Erbsen
  • Das alles wird kurz vermischt und kommt in den Kühlschrank. Für eine ganze Minute. Wenn man es eilig hat, reicht auch eine halbe. Danach kommt alles ganz schnell in den Backofen. Aber bitte nur für 1 Minute länger als es im Kühlschrank war. Et voilà.

    Das Rezept ist in seiner Schlichtheit wirklich bestechend. Da kann man gar nicht viel falsch machen. Die Botschaft des Sohnes ist ganz klar: das sollten wir ganz schnell mal probieren. Dann gibt es endlich etwas Vernünftiges zu Essen in diesem Haus. Noch viel deutlicher kann er es ja nun wirklich nicht mehr sagen. Man sieht’s ihm auch förmlich an: Es war ihm ein Bedürfnis. Es lag ihm sehr am Herzen, die Botschaft endlich mal klar rüber zu bringen und seine Kritik am Einheitsfraß mit Brot endlich mal dezent loszuwerden.

    Ich verstehe ihn, so ist’s ja nicht. Und am besten schlage ich ihm vor, zu seinem tiefgefrorenen Gemüseauflauf ein frisches Baguette zu servieren. Ich glaube, das passt ganz gut.

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Scharfe Teile

Wer Kinder hat, weiß, dass Verletzungen zu vorher ungeahnten Erlebnissen werden. Denn es ist natürlich erst einmal so, dass man nicht mehr nur die eigenen Wunden erleidet, sondern jene der Kinder gleich mit. Das ist schließlich der eigene Nachwuchs, der in verwundeten Momenten vor den eigenen Augen zugrunde geht. Das kann man nicht unberührt wegstecken. Da spürt man mit, lässt es sich aber selbstverständlich nicht anmerken. Statt dessen pustet man und tröstet bis die Welt wieder in Ordnung ist. Und wenn man selbst mal aus Versehen mit seinem Fuß umknicken sollte, weil er in einer der zahlreichen Baustellen vor Ort überraschend in einem Loch verschwunden ist, so beißt man kurz die Zähne zusammen und erklärt den folgenden Stützverband zum modischen Accessoire. Das ist die Chance, den Kindern ein leuchtendes Vorbild zu sein, wenn es um das graziöse Ertragen der kleinen Hürden auf dem großen Weg des Lebens geht.

Auf der anderen Seite freuen die Kinder sich tatsächlich sogar, wenn sie wieder irgendwoher einen Kratzer mitgebracht haben. Entweder können sie in einem Tonfall der totalen Begeisterung schildern, wie dramatisch der Unfall war, dem sie zum Opfer geworden sind. Man glaubt gar nicht, zu welch großen Ausschmückungen auch recht kleine Kinder bereits fähig sind. Es ist atemberaubend. Außerdem glaubt man gar nicht, wie groß Kinderaugen werden können, wenn sie ein wundervoll kitschig buntes Pflaster bekommen und damit stolz hausieren gehen können. Aus leidvoller Erfahrung gebe ich Ihnen jedoch den Tipp, derartige Pflaster nicht nur mit unterschiedlichen Tiermotiven darauf vorrätig zu haben, sondern möglichst auch mehrere Farben anbieten zu können. Die Kinder werden es danken. Und sei es nur mit erhabener Kreativität beim Aufspüren ihrer eigenen Verletzungen.

So zeigte mir der Sohn kürzlich ganz stolz ein Pflaster an seiner Hand. So, wie es aussah, musste es ihn wirklich stören. Es saß genau zwischen Daumen und Zeigefinger. Wenn sich da eine Wunde entlang zieht, dann ist das unangenehm. Dann kann man einen der beiden Finger meist gar nicht mehr so recht bewegen. Das ist schlimm, wirklich. Ohne Daumen oder Zeigefinger sind die meisten von uns ganz arg aufgeschmissen. Glauben Sie mir das ruhig. Sie müssen es nicht extra ausprobieren.

Nach einer angemessenen Bewunderung seines tollen Pflasters habe ich den Sohn natürlich gefragt, wie er sich da verletzt hat. Das kann schließlich alles mögliche sein. Hat man erst einmal etwas Scharfes in der Hand, rutscht man schnell mal ab und zack: blutet es. Seit kurzem ist er obendrein derjenige hier im Haus, der für das Brotschneiden zuständig ist. Mit dem großen scharfen Messer, versteht sich. Nur kurz denke ich darüber nach, verwerfe die Möglichkeit aber auch gleich wieder. Denn dafür, dass er auf die Art und Weise an seiner Hand gesägt haben sollte, ist die Wunde samt Pflaster viel zu klein. Man freut sich über die kleinen Dinge im Leben. Alltag kann so schön sein. Und wie gesagt: Da ich nicht von selbst drauf komme, frage ich den Sohn einfach, was ihm denn da passiert ist.

Er guckt mich kurz an, er guckt seine Hand kurz an, er sagt für einen Moment erst einmal gar nichts und verrät mir dann in sehr ernstem Ton: Er habe sich an seinen Unterhosen geschnitten.

Das habe ich tatsächlich nicht erwartet. Allerdings: Es sind schon scharfe Teile. Ich hätt’s mir also denken können. Mein Fehler.

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