Wettbewerbsvorbereitungen

Das Leben mit Kindern. Es ist ja nicht immer einfach. So bringt einen der Nachwuchs, ich verrate das hier jetzt mal eiskalt, zum Beispiel gern aus dem liebgewonnenen Rhythmus. Ein Teil dessen sind hier im Haus die verlässlichen Abendrituale. Kinder brauchen Routine. Diese hilft ihnen, durch den Alltag zu kommen. So verkaufen wir das zumindest. Dass es in Wahrheit möglicherweise nur darum geht, dass wir Erziehungsberechtigten am Abend einfach pünktlich Zeit für uns haben möchten, um uns auf die Couch zu fläzen, ein Kaltgetränk zu verinnerlichen, die Pantoffeln abzustreifen und vor dem Bildschirm zu versauern, all das würden wir natürlich niemals zugeben. Das sind natürlich vollkommen absurde Vorstellungen. Hier gehen die Kinder pünktlich ins Bett, weil es für sie selbst am besten so ist. Und ab dem Moment sitzen wir Eltern vor der Zimmertür und lauschen aufmerksam, ob der Schlaf des Nachwuchses auch ein ruhiger ist. Wir machen das so lange, bis wir selbst todmüde ins Bett plumpsen.

Oder so.

Was ich jedoch eigentlich sagen möchte, ist, dass Kinder ein ganz subtil ausgeprägtes Talent dafür zeigen können, den obigen Zeitplan gekonnt durcheinander zu bringen. So schafft es der Sohn des Hauses zum Beispiel ganz hervorragend, selbst die einfachsten abendlichen Aufgaben, also jene mit einer klaren Prozessbeschreibung, Aufgaben, deren Durchführung ihm vollkommen klar ist, einfach, nun ja, wie soll ich es sagen, auszusitzen.

Das äußert sich zum Beispiel beim Zähneputzen. Das ist so ein Prozess, dessen Ablauf er kennt. Wenn man ihn nach dem Abendmahl also losschickt, um genau das schon mal zu machen, während man mit seiner Schwester noch über den Nachtisch sinniert und gemeinsam überlegt, wie man den gleichmäßig über den Tisch verteilten Kollateralschaden wieder in den Griff bekommt, dann kann man streng genommen ruhig erwarten, dass er zumindest mit der Zahnbürste in der Hand im Bad steht und mehr oder weniger überzeugend auch Putzbewegungen nachahmt.

Stattdessen steht er zwar im Bad, putzt jedoch nicht, sondern übt lieber lauthals das Liedgut, welches er aus der Schule mitgebracht hat. Und damit meine ich keinesfalls nur den Unterricht, aber Details dazu möchten wir hier wohl lieber nicht vertiefen. Wir putzen dann gemeinsam. Wir erledigen auch den Rest der Abendtoilette. Seine Schlafsachen kann er sich anschließend ruhig im Kinderzimmer anziehen. Sie liegen eh gerade dort. Das ist somit effizienter, als sie erst ins Bad zu holen. Und effizient ist gut, man vergesse schließlich nicht den Zeitplan. Ich schicke den Sohn somit los, Schlafsachen anziehen. Das geht fix. Er könne sich doch auch schon mal eine Gutenachtgeschichte heraussuchen. Das klingt nach einem guten Plan. Er stimmt dem zu. Und marschiert sogar los.

Ich widme mich derweil der Tochter. Wir spulen das Badprogramm auch für sie noch einmal ab. Ganz in Ruhe. Bei aller Zeitplanung möchte man ja auch nicht übertrieben stressen. So kann ihr Bruder auch seiner aktuellen Aufgabe problemlos nachgehen. Ich gönne ihm das Erfolgserlebnis durchaus.

Einmal abgesehen davon, dass im Kinderzimmer zwischenzeitlich nicht viel mehr passiert ist, als dass der junge Mann des Hauses sich seiner Socken entledigt hat. Um mit ihnen entweder Knotenexperimente durchzuführen oder zu versuchen, sie geschickt zu einem Kreis zu formen. Das kann man schließlich ruhig mal ausprobieren. Wer weiß, wofür genau diese Fähigkeit später mal gut sein könnte? Eben. Ich verstehe das. Stelle jedoch trotzdem fest, dass er gerade einen latenten Hang zum Trödeln zeigt und dass das keineswegs etwas Gutes sei. Ein Trödelmane, meine Güte, so kommt man doch zu nichts!

Das ist natürlich ein Irrtum, belehrt mich der Sohn. Was er da macht, sei total praktisch. Wofür wohl, frage ich mich. Offenbar laut.

Für die Schule natürlich, antwortet er. Ich solle mir doch einfach nur mal vorstellen, dass sie dort einen Wettbewerb veranstalten. Einen, bei dem es darum geht, wer am langsamsten ist. Bei dem wird er dann garantiert Erster.

Er sagt es, lacht sich eins und fängt tatsächlich an, sich seinen Pyjama anzuziehen.

Es ist halt alles eine Frage der Perspektive. Ich ziehe mich mal lieber auf die Couch zurück.

Aus dem Regal: Remember, remember von Zoë Beck

Ein Kalender-Thriller. Hier haben wir die Novemberausgabe aus einer Serie von Krimis, die der Reihe nach monatlich erscheinen. Während man sich im ersten Moment möglicherweise dabei erwischt, kurz zu denken: Meine Güte, jetzt werden die Verlage kreativ und dabei leise vor sich hin seufzt, folgt kurz darauf zum Glück der Folgegedanke: Ein Glück.

Dabei möchte ich mich hier nicht groß über Verlage und ihre Sorgen in der aktuellen Textwelt verlieren. Dafür gibt’s schließlich bereits einen besser geeigneten Kanal. Aber ich möchte doch feststellen, dass auch in unseren modernen Zeiten Autoren noch Autoren sind und bei dem, was sie tun, am Ende Texte herauskommen. Die dürfen und sollen gern ihre Leser finden und von mir aus dürfen auch gern Verlage dafür aktiv werden.

Jetzt also Zoë Beck. Das ist eine recht umtriebige Autorin, was man nicht nur an ihrem recht omnipräsenten Auftreten rund um die derzeitige (E-)Buch-Lage der Nation sieht, sondern auch an dem Verlag den sie mit gegründet hat und natürlich den Büchern, die sie schreibt. Umtriebig, ich sagte es ja schon.

Remember, remember ist ein ein kleines Interludium zwischen zwei Romanen. Brixton Hill war der letzte, Schwarzblende kommt demnächst. Mittendrin gibt es diese Kurzgeschichte.

Es geht um eine junge Frau, die von einem Teil ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Früher hatte sie eine Freundin, eine ganz enge. Irgendwann haben sie sich jedoch aus den Augen verloren. Das passiert. Man kennt es ja. Doch plötzlich taucht die Freundin wieder auf. Oder möchte es zumindest. Leider verschwindet sie kurz vor der Ankunft. Und um dieses Verschwinden geht es den Rest der Geschichte. Es ist schließlich ein Krimi. Am Ende gibt es auch eine Auflösung. Es wird jedoch nicht alles gut, soviel sei verraten. Und bei aller Dramatik spricht das natürlich für die Geschichte.

Diese Geschichte zeigt, wie ein ein Zwischenwurf aussehen soll. Ach was, so soll ein Krimi aussehen. Klar gezeichnete Charaktere, eine ordentlich strukturierte Handlung, ein zumindest in Teilen überraschendes Ende. Wundervoll. Und dass dieser Text kein vollständiger Roman ist, spricht ebenfalls für ihn. Diese starre Vorgabe, dass man eine Geschichte nur in Form eines klassischen Romans erzählen kann, dessen Länge klar vorgegeben ist, ja durch ein Naturgesetz bestimmt wird, hat sich doch mittlerweile überholt, oder? Für papiergebundene Bücher hat das Romanformat ganz klare Vorteile. Das ist verständlich. In dem Fall darf das ruhig so sein. Aber hier, elektronisch, auf dem Telefon als Lesegerät? Hier passt’s auch kürzer, eben für zwischendurch.

Nur die Sache mit dem DRM hätte nicht sein müssen. Aber darüber habe ich mich schon an anderer Stelle aufgeregt.

In eigener Sache: eine neue Kurzgeschichte

Der Unfall Wie wäre es eigentlich mal wieder mit einer Kurzgeschichte? Dieser hier zum Beispiel: Der Unfall, dem Auftakt einer kleinen Serie.

Eine Zusammenfassung habe ich auch:
Ein Mann hat einen Unfall. Er kommt ins Krankenhaus, wird aber sofort wieder verlegt. Die Frau, die ihn angefahren hat, möchte ihn besuchen, findet ihn aber auf einmal nicht mehr. Irgendetwas stimmt nicht. Sie möchte dem auf den Grund gehen. Aber kann sie es auch?

Na dann. Viel Spaß!

Aus dem Regal: Asphalt von Axel Hollmann

Das ist doch mal was. Das ist ein Roman von einer der beiden Stimmen des Schreibdilletanten-Podcasts. Den höre ich durchaus gern. Die beiden Macher sind recht unterhaltsam. Das ist nicht wenig, denn sie reden über Theorien des besseren Schreibens, um es mal etwas plump zusammenzufassen. Da möchte man doch gern einmal wissen, wie die praktischen Ergebnisse ihrer theoretischen Betrachtungen so aussehen. Also ich möchte das. Und hier gibt’s endlich mal die Gelegenheit.

Asphalt ist ein Krimi. Die Geschichte ist durchaus charmant konstruiert. Es gibt ein paar anständig böse Charaktere. Morde gibt’s auch. Und es gibt einen Guten. Oder besser: eine Gute.

Und da liegt leider auch die Crux. Denn diese Dame wirkt ein wenig, nun, sagen wir: überzeichnet. Sie ist eine ehemalige Polizistin. Das ist noch OK. Jetzt lebt sie davon, billige Fotos an die billige Presse zu verkaufen. Das mag man auch noch OK finden. Aber mit dem Hintergrund und ihren angeblichen Erfahrungen wirkt ihre Alltagsnaivität durchaus ein wenig plump. Und tatsächlich stört das beim Lesen. Ob sie sich nun wundert, dass man bei einem Empfang der lokalen High Society eher mit Abendkleid und Sektflöte flaniert als im T-Shirt mit einem Bier in der Hand am Grill zu stehen oder ob sie bei einem Angriff der bösen Jungs innerlich eher um das Loch in ihrem T-Shirt trauert als sich Sorgen um ihre Schuss-, Stich- oder sonstige Wunde zu machen, das alles glaubt man ihr nicht. Also: ich glaube ihr das nicht.

Und sie braucht es auch nicht. Weder die Heldin, noch die Geschichte. Denn beides ist auch ohne dem stark genug. Grundsätzlich passt diese Dame mit ihrem Ehrgeiz, starken Willen und Durchhaltevermögen wunderbar in das umgebende Geflecht aus Intrigen, roher Gewalt und Polizeibürokratie. So ist’s ja nicht.

Ist das hier eine Empfehlung? Wenn man das Genre mag, dann durchaus. Und den Podcast höre ich mir auch weiterhin an.

7

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Gestern Abend hat der Sohn beim Schlafengehen noch mit mir zusammen überlegt: Ist er jetzt einfach nur sechs Jahre alt? Oder doch schon kurz vor sieben? Mehr als halb sieben doch wohl bestimmt. Ist er vielleicht einfach dreiviertel sieben? Nein, mehr als das. Man könnte doch auch schon sieben sagen, was macht die eine Nacht schon? Seine Uhr geht doch auch nicht immer ganz genau, stellt er fest.

Einfach mal fünf gerade sein lassen, das klingt doch nach einer brauchbaren Idee. Damit hat der Sohn eine der wichtigen Lektionen des Älterwerdens schon ganz gut verinnerlicht. Vielleicht wollte er auch nur schon mal einen vorzeitigen Blick auf seine Geschenke werfen. Auch das kann natürlich sein. Da möchte ich jedoch nichts unterstellen. Entspannen kann der Sohn nämlich ganz gut. Mit sechs Jahren zumindest. Das wird er mit quasi sieben nicht auf einmal abgelegt haben.

Heute morgen stellen wir jedoch fest: Es wird nicht alles leichter und entspannter, wenn man älter wird. Das Auspusten aller Kerzen in einem Schwung zum Beispiel. Das müssen wir jetzt wohl doch nochmal üben. Immerhin haben wir jetzt fast ein Jahr Zeit. Er ist jetzt schließlich kurz nach sieben.

Andernorts: Tausend Tode schreiben

Jetzt geht’s zur Abwechslung mal um den Tod.

Das klingt dramatisch, oder? Aber mal im Ernst: Der Tod gehört zum Leben. Ohne ihn geht’s nicht. Und während viele von uns durchaus ein Problem damit haben, viel über ihn zu reden, ich nehme mich da gar nicht aus, ist es für Kinder noch herrlich unbeschwert. Sie wissen ganz genau: Leben, das hat etwas mit der Geburt zu tun, mit dem Tod und mit vielen Abenteuern dazwischen. Da geht so einiges. Kinder formulieren das manchmal sogar sehr griffig:

Nun ja.

Ein wenig von dem oben erwähnten Spektrum gibt es jetzt in Buchform. Tausend Tode schreiben steht draußen dran. Und entsprechende Geschichten zum Thema sind auch drin. Sie sind nicht nur kurz, sondern von verschiedenen Autoren. Und ich traue mich fast gar nicht, es zu sagen, aber: es ist ein großer Spaß! Frau Ziefle ist mit dabei, Patricia Das Nuf Cammarata ist mit dabei, Isa macht eh alles mit und ist auch hier dabei, das Fräulein Idee ist mit dabei, Zoë Beck ist mit dabei und ich könnte das Spiel jetzt noch eine Weile fortsetzen. Ich sagte ja schon: es ist ein großer Spaß. So eine illustre Runde kommt doch wirklich selten zusammen, oder?

Und wer wissen möchte, ob es wirklich nur Frauen sind, die sich hier versammelt haben, holt sich das Buch am besten selbst. Es kostet fünf Euro und ist zum Beispiel bei minimore zu haben. Alle anderen gut sortierten E-Book-Läden sollten es aber auch liefern können.

Nur zu. Der Verkaufserlös wird übrigens dem Kinderhospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet. So schön war das Lesen über den Tod doch schon lange nicht mehr.

Das Video zum Untertage-Marathon in Sondershausen

Bilder sind ja schön und gut. Worte auch. Aber wie sieht das eigentlich wirklich aus, wenn man untertage einen Marathon läuft? Krabbelt man durch enge Schächte? Wird man von einem Fachkundigen in großen Hallen an die Hand genommen? Sieht man überhaupt etwas? Bewegen sich alle brav in einer Reihe oder kann jeder seinen eigenen Laufstil entfalten?

Es ist alles ganz einfach. Ich habe es mal festgehalten:

Die wahren Probleme beim Vorlesen

Die Kinder, sie werden immer größer. Das muss wohl so sein. Man kann auch gar nicht viel dagegen tun. Muss man auch nicht. Stattdessen freut man sich als moderner Mann von heute über die unterschiedlichen Phasen, die der Nachwuchs dabei so durchmacht. Das ist durchaus ernst gemeint, denn entgegen manch landläufiger Meinung bestehen diese Phasen keineswegs nur aus unterschiedlichen Ausprägungen des nächtlichen Aufwachens und Störens des wohlverdienten elterlichen Schlafes. Ganz im Gegenteil, aber darum geht es heute gar nicht.

Heute geht es darum, dass die Rituale, welche noch vor dem Schlafen tagtäglich abgespult werden, eine gewisse Entwicklung durchmachen. So passiert es zum Beispiel, dass sich die Kinder allein ins Bett bringen. Aber selbst dann bestehen sie darauf, dass wir vorher eines machen: Bücher vorlesen. Und was soll ich sagen? Spätestens seit dem Räuber Hotzenplotz ist das ein großer Spaß. Auch für die Vorlesenden. Die repetitive Monotonie der Bilderbuchexplorationen ist selbst bei ausreichend großer Auswahl eben dieser stellenweise recht schwer zu ertragen. Ich gebe das hier jetzt einmal ganz schamlos zu. Man macht es natürlich trotzdem, man macht es auch gern. Es ist verrückt, wozu Kinder einen alles treiben.

Aber mit den Geschichten, die erst durch den Text zwischen den immer seltener werdenden Bildern gewinnen, wird es einfacher. Da liest man mit Begeisterung. Da fiebert man zusammen mit dem Nachwuchs dem nächsten Tag entgegen, wenn die Geschichte endlich weiter geht. Denn es ist durchaus spannend, wenn zum Beispiel besagter Räuber Hotzenplotz sich wieder einen gemeinen Hinterhalt überlegt und es noch nicht ganz klar ist, ob er damit durchkommt oder am Ende doch geschnappt wird. Das möchte man wissen. So offen kann eine solche Frage nicht im Raum stehen bleiben. Nur gut, dass am nächsten Abend die Kinder wieder ins Bett gehen. Nur gut, dass wir am nächsten Abend wieder weiter vorlesen. Nur gut, dass dann die Auflösung kommt.

Wenn nicht am nächsten Abend die andere Erziehungsberechtigte im Haus mit dem Vorlesen beim Sohn dran ist. Dann hat man Pech. Dann sitzt übermorgen der eben noch quietschvergnügt neue Pläne schmiedende Räuber im Gefängnis und man fragt sich, wie er dort hingekommen ist. Und je nach Lust, Laune und Vorlesewünschen der Kinder ist er übermorgen schon wieder draußen und man selbst steht vollkommen verwirrt daneben.

Und es wird nicht besser. Mit weiteren Büchern und mit länger werdenden Geschichten wird die Lage sogar noch dramatischer. Nehmen wir zum Beispiel Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer. Das ist nämlich auch ein ganz wundervolles Buch. Es ist voll mit traumhaften Ideen, was die beiden zusammen mit Emma, der Lokomotive, alles erleben.

So sind sie zum Beispiel auf einer fernen Insel unterwegs. Wie sie dort hingekommen sind, wissen wir nicht. Das hat die Dame des Hauses vorgelesen. Aber jetzt sind sie auf dem Weg in die Drachenstadt. Eine Prinzessin wird vermisst und möchte befreit werden. Das verspricht Abenteuer. Das wird spannend. Schon der Weg steckt voller Tücken. Schluchten werden durch Echos zerstört, Riesen sind in Wahrheit ganz klein, Wege verschwinden scheinbar im Nichts. Es kitzelt beim Lesen die Nerven. Man hebt die Stimme, man senkt sie, man taucht richtig tief ein. Der Sohn bekommt seinen Mund vor Staunen auch nicht mehr zu. Und mitten in all den Abenteuern legt man trotzdem eine Pause ein. Morgen ist schließlich auch wieder ein Tag. Morgen gehen die Kinder auch wieder ins Bett. Morgen lesen wir auch wieder vor. Jedem Kind sein Buch, gar keine Frage.

Doch man ahnt, was passiert. Kaum bringe ich am nächsten Tag die Tochter ins Bett, gibt es am übernächsten nicht etwa weitere Abenteuer auf dem Weg in die Drachenstadt zu bestaunen. Oh nein. Beim nächsten Vorlesen sind die Helden schon mitten drin in der Drachenstadt und kämpfen gegen das Endmonster.

So geht doch das nicht. Da hat sich tatsächlich schon wieder jemand zwischendurch ein Kapitel fremdvorlesen lassen. Das ist doch nicht auszuhalten.

Ich glaube, ich muss ab jetzt dem Sohn seine Bücher abends heimlich aus dem Zimmer holen und die fehlenden Kapitel mit der Taschenlampe unter der Bettdecke nachlesen.

Untertage-Marathon. Oder: Mit dem Laufen geht’s bergab.

Sondershausen Bahnhof

Es hält ein Zug in Sondershausen. Warum hier nicht ruhig mal aussteigen? Es ist schließlich ein idyllisches Kleinstädtchen, mitten in Thüringen, hat ein Schloss und vor allem auch: ein Bergwerk.

Sondershausen Schachtturm

Warum das so interessant ist? In genau diesem Bergwerk findet ein Untertage-Marathon statt. Oder besser gesagt: fand statt. Denn gerade jetzt am Wochenende gab es den Spaß zum letzten Mal.

Mancher mag beim Wort Marathon nur müde gähnen und diesen Tweetklassiker aus dem Hut ziehen:

Aber das bedeutet natürlich nur, dass wir hier ein klein wenig aneinander vorbei reden. Denn zum einen hat ein Herr Thorsten Firlus das Statement als lustig aber dennoch falsch kommentiert. Was durchaus passt. Und zum anderen ist der Spaß in Sondershausen ein ganz besonderer. So geht es hinter der folgenden Tür für 700 Meter bergab, was übrigens sogar den Smartphone-Empfang lahm legt. Man macht wirklich etwas mit.

Sondershausen Fahrstuhltür

Und dort unten geht es dann für 12 Runden immer schön den gleichen Parcours entlang. Allerdings ist dieser nicht ganz eben, sondern sieht im Profil in etwa so aus:

Sondershausen Streckenprofil
(Quelle: www.vehre.com)

Man kann es auch mit diesen drei Punkten zusammenfassen:

  • 1.020 Höhenmeter
  • stellenweise 30 Grad Celisius Lufttemperatur
  • anständig trockene Luft, wir reden schließlich von einem Salzbergwerk.

Oder anders: Es ist anstrengend. Und zwar deutlich anstrengender als der gewöhnliche Flachlandmarathon oben im Freien. Und in seiner ehrlichen Konsequenz ist dieser Lauf auch anstrengender als der Rundkurs auf Helgoland, wobei auch der schon seine Tücken hat, man kann es ja nachlesen.

Blick in den Schacht

Auf Dailymile meinte jemand während des aktuellen Trainings nur: “verrückte sache.” Bei der FAZ sind sie erwartungsgemäß etwas konsequenter mit ihrer Meinung und nennen die Aktion schlicht Irrsinn im Bergwerk. Sie argumentieren unter anderem damit, dass so mancher dort unten an seine Leistungsgrenzen stößt. Da ist auch durchaus etwas dran. Ich habe es selbst erlebt.

Aber, und das meine ich durchaus ernst: Die Leute dort unten waren fit. Ich habe keinen gesehen, der die Aktion auf die leichte Schulter nahm; keinen, der untrainiert wirkte; dafür viele, die kerngesund und solide vorbereitet waren. “25 Stunden pro Woche trainiere er”, sagte einer der Platzierten im Anschluss. Die Hälfte davon auf dem Rad, aber Schwimmen und Laufen sind auch dabei. Von solchen Leuten sollte jede Krankenkasse träumen, stattdessen profitiert von dessen Bonussystemen eher, wer die 25 Stunden pro Woche vor dem Fernseher verbringt und sich ein paarmal im Jahr zum Arzt schleppt.

Dabei waren die Läufer hier sogar so vernünftig, sich nach der Aktion zu duschen, in der Waschkaue als angemessenem Ambiente, versteht sich:

Umkleide des Bergwerks

In einem liegt auch die FAZ jedoch durchaus richtig: so ganz alltäglich ist dieser Lauf nicht, ein wenig verrückt darf man gern sein, um das mitzumachen. Mancher bringt es in nicht einmal 140 Zeichen auf den Punkt:

Und es ist schön, auf andere zu treffen, die ähnlich motiviert sind. Die ehrenwerte Frau Schmitt hat es einmal sehr schön formuliert:

Aber nichts lieben diese Bekloppten so sehr, wie die Gesellschaft von anderen Bekloppten. Vermutlich, um sich zu versichern, dass sie bestenfalls mittelbekloppt sind, denn es gibt IMMER einen, der noch behämmerter ist.

Das ist in der Tat beruhigend.

Am Ende des Laufes habe ich die gar nicht behämmerten sondern überhaus charmanten Leute vom Begleitpersonal nur noch gefragt, ob das hier wirklich das Ziel sei.

“Ja, hast es geschafft. Glückwunsch!”, haben sie gesagt.

Eine gute Antwort. Und man kann ja nicht immer nur Bestzeit laufen, nicht wahr?