Vom Einfluss der Werbung auf den Nachwuchs

Der Sohn und ich: wir sind unterwegs. Es ist nicht weit. Wir nehmen trotzdem das Auto. Und aus irgendeinem Grund läuft das Radio. Kann ja mal vorkommen. Der Sohn kommentiert es nach einer Weile und fragt mich, ob ich eigentlich diese Werbung kenne, diese eine. Das mag schon sein, ich frage ihn daher, welche er eigentlich meint.

Es geht um das Bergsteigermüsli von Seitenbacher.

Oha. Jetzt ist Gefahr im Verzug. Jetzt gilt es vorsichtig zu sein. Bloß nichts falsches sagen. Er soll sich schließlich seine eigene Meinung bilden. Wenn ich jetzt zu vorschnell mit abschätzigen Kommentaren um die Ecke komme, beeinflusse ich ihn nur unnötig. Das muss doch nicht sein. Ganz vorsichtig frage ich ihn, ob ihm die Werbung gefällt. Es klingt quasi beiläufig. Die Frage liegt schließlich durchaus nahe.

Sie kommt kommt viel zu oft. Sagt er. Laufend muss er sie hören. Kaum stößt er mal auf ein Radio, läuft diese Werbung. Und ob ich etwas wüsste? Ich weiß es gerade nicht. Aber der Sohn sagt es mir: Sie geht im auch ganz schön auf den Keks, diese Werbung. Vor allem, weil sie so oft kommt. Aber auch, weil sie gar nicht so toll ist. Also kaufen würde er das Zeug jetzt eher nicht.

Glück gehabt. So ist doch alles in Ordnung. Von seiner Wortwahl einmal abgesehen.

Aus dem Regal: Pentecost von J.F. Penn. Deutsch von Tina Tenneberg

Das ist doch mal eine nette Abwechslung. Pentecost – Ein ARKANE Thriller ist ein selbstpubliziertes Buch von Joanna Penn. Dabei handelt es sich um die Dame hinter dem recht unterhaltsamen Selfpublishing-Podcast The Creative Penn. Und da es immer einen Blick wert ist, zu gucken, wer einem da eigentlich lauter schlaue Tipps ins Ohr flüstert, habe ich mir ihr erstes ins Deutsche übersetzte Buch geholt. Wie es sich für Selbstpublizierer gehört, hat sie für die Übersetzung ein interessantes Modell gewählt. Sie ist nicht einfach zu einer Übersetzerin gegangen und hat die Arbeit normal in Auftrag gegeben. Wenn kein (großer) Verlag im Hintergrund dafür sorgt, dass die Risiken abgesichert sind, muss man eben selbst gucken, was sinnvoll ist. In diesem Fall ist es eine Gewinnteilung mit der Übersetzerin. Soll heißen: je besser sich die Übersetzung verkauft, desto besser verdient nicht nur die Autorin, sondern auch die Übersetzerin. Sie teilen sich somit nicht nur das Risiko, sie teilen sich auch das Potenzial nach oben. Ich finde das gut.

Und das Ergebnis ist gelungen. Die Geschichte ist solide erzählt und ordentlich übersetzt. Technisch stört ein wenig die manchmal etwas holprige Silbentrennung. Ich möchte aber nicht ausschließen, dass diese durch einen Automatismus meiner E-Book-Lese-App verursacht ist.

Inhaltlich geht es um eine Schatzsuche mit religiösem Hintergrund. Dabei kämpfen die guten Archäologen gegen die bösen religösen Fanatiker. Das ist jetzt nicht bahnbrechend innovativ, zugegeben. Das haben wir schon mehrfach gesehen. Die passenden Analogien kennen viele sicher. Aber das macht gar nichts. Ihren Theologie-Master hat die Autorin ordentlich eingesetzt. Man spürt ihre Leidenschaft für das Thema. Die Handlung spielt quasi weltweit und die verschiedenen Orte sind gründlich beschrieben. Manchmal etwas zu gründlich, aber es passt gerade noch, die Beschreibungen schaffen knapp aber gekonnt die Kurve vor der Schwafelei. Die Handlung ist dabei spannend aufgebaut. Man spürt richtig die einzelnen Etappen der klassischen Heldenreise. Am Ende ist somit fast alles gut. Das ist beruhigend. Immer nur Dramen – das hält doch niemand aus.

Wir haben also eine spannende Geschichte, solide erzählt, ordentlich übersetzt. Was will man eigentlich mehr? Wer Thriller mag, kann sich diesen hier ruhig mal angucken.

Eine Empfehlung.

Der Ganztag, dieses neumodische Ding

Unter uns Schreibtischtätern hat es sich in letzter Zeit eingebürgert, das sehr feine, hochwertige, ehrenwerte und hart erkämpfte Recht auf demokratische Mitbestimmung durch das Ankreuzen des korrekten Feldes in Online-Petitionen nicht nur wahrzunehmen, sondern bis an sein maximal mögliches Limit zu treiben. Das ist natürlich etwas ganz Feines. Denn mal ganz ehrlich: In der Vielzahl der Themen, Probleme und Dramen, die tagtäglich auf uns einprasseln ist allein die pure Meinungsäußerung manchmal schon das meistmöglich Machbare. Und es geht durchaus oft um verständliche Sorgen. Erinnern wir uns zum Beispiel an das Hebammendrama. Das ging hier im Haus damals zwar noch gut aus und die Tochter ist ganz wundervoll zur Welt gekommen. Aber das Thema kommt leider .

Erinnern wir uns aber auch an die unsägliche Stoppschildidee zum Sperren des Zugangs zu unliebsamen Webseiten, anstatt diese einfach löschen zu lassen. Was sogar funktioniert. Manche staunen. Und war es nicht auch eine Petition, die ein wenig mit an der Vernunftsschraube gedreht hat? Auf jeden Fall war es bei der ganz themenverwandten Vorratsdatenspeicherung so. Und bei vielen anderen. So einige davon waren und sind sehr sinnvoll, manche zugegebenermaßen eher nicht so.

Jetzt gibt es auf jeden Fall eine neue. Es ist eine Petition gegen verpflichtende Ganztagesschulen. Sie ist natürlich wohlbegründet und sicherlich sehr gut gemeint. Geht es doch um nichts anderes, als die Nachmittagsgestaltung für unsere Schüler möglichst flexibel zu belassen. So, wie sie aktuell ist. Oder besser: so, wie sie es vor kurzem noch war. So, wie wir es kennen. Mit einem Elternteil zu Hause, der sich dann kümmern und Fahrdienst spielen kann. Mit vielen kleinen, unabhängigen Sportvereinen, Theatergruppen, Chören, Musikschulen und freien Musiklehrern. Das ist Vielfalt. Das ist toll. Das kann man durchaus für bewahrenswert halten. Sei es als Eltern, sei es als jene, die diese Angebote schaffen. Eine Ganztagesschule nimmt hier einiges vom Spielraum. Sie bündelt die Aktivitäten an der Schule. Die in der Gegend verteilte Vielfalt hat es damit schwer. Ein Kind, das in der Schule Sport treibt oder musiziert, lässt sich nicht gleichzeitig von den Eltern an entferntere Orte fahren, um das gleiche zu tun.

Die Sorge um den so fehlenden Nachwuchs ist zu verstehen.

Aber die Zeit schreitet trotzdem voran. Das Leben geht weiter. Die Sitten ändern sich. Das ist nichts Neues. Wenn wir genau hingucken, war das schon immer so. Nur wenige laufen heute noch nackt mit der Keule durch den Busch, um sich ihr Frühstück zu jagen. Nein, nein. Andere Zeiten, andere Lebensumstände. Und derzeit haben wir wieder die Möglichkeit, dass auch Eltern sich recht frei entfalten können. Dazu gehört zum Beispiel, jeweils eigenen Tätigkeiten nachzugehen. Und dazu gehört, die Kinder in Ganztageskitas und -schulen mit ihren Freunden eine möglichst interessante und anregende Zeit verbringen zu lassen.

Zwei Kitas habe ich hier in den Südstaaten in letzter Zeit persönlich erlebt. In einer davon ist ein größerer lokaler Musiklehrerverband aktiv und bietet seine Kurse an. Für diese Kurse kommen die Lehrer direkt in die Kita, versteht sich. Dafür muss kein Kind extra durch die Gegend fahren. In einem Moment toben die Kinder draußen im Garten, im nächsten Moment musizieren sie drinnen und nur wenig später toben sie weiter. Das passt. In der anderen Kita ist eine selbständige Musiklehrerin aktiv. Auch sie bietet ihren Kurs an. Auch sie macht es direkt in der Kita. Spielen, musizieren, weiterspielen. Passt.

Ich kann das Konzept der Ganztagesbetreuung nur empfehlen. Den Kindern macht es Spaß. Wir Eltern haben trotzdem unsere Freude mit dem Nachwuchs. Nur eben weniger beim Pendeln zwischen diversen Freizeitaktivitäten und mehr beim Spielen und Lernen im ganz eigenen Umfeld. Andere sehen das anders, ganz klar. Ich habe da volles Verständnis für. Für jene gibt es jetzt z.B. diese Petition. Aber Vereine und andere Anbieter von Alltagsfreizeiten sollten vielleicht trotzdem überlegen, ob ein Gespräch mit den örtlichen Kitas und Schulen nicht ein gutes sein könnte. Denn der Nachwuchs der kommenden Jahre, er steckt genau dort. Der Blognachbar Herr Buddenbohm hat es kürzlich recht prägnant auf den Punkt gebracht:

Die Vereine, die Sportarten, die Freizeitbeschäftigungen, sie müssen alle, alle in die Schulen, sie müssen in den Ganztag, es geht sonst einfach nicht.

Es geht sonst einfach nicht. Ganz genau. Eine Petition wird daran wenig ändern.

Es gibt zu wenig Tiere in den Museen

Vor noch gar nicht langer Zeit waren wir im Urlaub. Und bei aller feinen Abhängerei am Strand läuft so etwas nicht vollkommen kulturlos ab. Wir waren schließlich in Dänemark. Das Mindeste, was man dort machen kann, ist, sich ein paar Designwerke anzuschauen. Also sind wir in Museen, Ausstellungen und ganz ordinäre Möbelläden gegangen. Wobei das ordinär nach dänischen Verhältnissen ein ganz anderes ist als man das landläufig so meinen könnte; aber ich möchte das hier gar nicht im Detail vertiefen.

Auf jeden Fall kamen wir zwischendurch in irgendsoeine Ausstellung mit modernem Schnickschnack. Um es nicht zu sehr zu verkomplizieren, verkauften wir es den Kindern schlicht als Museum. Das passte auch. Es gab kein Murren. Der Sohn fand alles toll und hat es angemessen kommentiert. Die Tochter fragte nur: “Und wo sind die Tiere?”

Wir sind dann weiter und tatsächlich noch ins Dänische Designmuseum gekommen. Auch dort war alles recht fein. Stühle gab es viele zu sehen. Auch andere Alltagsgebrauchsgegenstände in eleganter Form. Der Sohn hielt gelegentlich inne, sinnierte, erklärte den Zweck. Die Tochter fragte: “Wo sind hier die Tiere?”

Wie gesagt, haben wir den Schwierigkeitsgrad dann etwas nach unten geschraubt und sind in einige ganz gewöhnliche Möbelläden gegangen. Zum Teil waren dort jedoch genau die gleichen Stuhlklassiker zu sehen, wie im Museum vorher auch. Der Sohn war fasziniert, kam aus dem Staunen nicht heraus und konnte endlich alles einmal probesitzen. Die Tochter fragte nur: “Wo sind hier die Tiere?”

In Dänemarks Kunstbibliothek waren wir trotzdem noch. An Details kann ich mich jedoch gar nicht mehr recht erinnern. Beschwerden gab es aber keine. Nur die Tochter fragte: “Wo sind hier die Tiere?”

Ich weiß gar nicht, wieviel Ausflüge sie mit ihrer Kita schon ins örtliche Naturkundemuseum gemacht hat. Aber sie waren wohl einprägsam.

Fünf Finger machen aus einem halben Marathon gefühlt einen Ganzen

Es ist wieder diese Zeit im Jahr, in der hier in den Südtstaaten die Straßen abgesperrt werden, damit die Fußgänger auch mal freie Bahn haben. Wir nennen das Badenmarathon. Ich erwähnte es im letzten Jahr schon einmal.

Bei einem so kurzen Anreiseweg kann man sich den Spaß ruhig in der Wiederholung gönnen. Ergo habe ich mich erneut angemeldet, bin gelaufen und habe mir eine Medaille abgeholt. Man suche jedoch den Fehler in folgendem Bild:

Startnummer und Medaille

Richtig: Das “M” steht für die gesamte Strecke, die Silbermedaille nur für die Hälfte. Das passt aber trotzdem so. Und es wurde unterwegs auch durchaus angemerkt. Denn wie kürzlich im Kommentar zum Volkslauf erwähnt, wird man hier in den Südstaaten tatsächlich immer von jemandem angesprochen. Es ist ein kommunikatives Volk. Ist es nicht wunderschön? Man bekommt zum Beispiel das hier zu hören:

“Guck mal, der läuft barfuß. Coole Sau!”

Das bezieht sich auf meinen heutigen Dresscode, der unter anderem das hier beinhaltet:

FiveFingers an den Füßen

Allein der obige Kommentar zum Schuhwerk ist die ganze Aktion doch wert. Aber eines sei verraten: Die Dinger strengen wirklich an. Vor allem in den Bereichen, die der klassische Läufermeinungshaber latent unterschätzt. So habe ich ganz absichtlich meinen Waden die Entscheidung überlassen, ob sie zur Halbzeit lieber heraus ins Ziel oder doch weiter auf die ganze Strecke möchten. Sie haben sich für das Zwischenziel entschieden. Schlaue Muskeln. Jetzt mache ich mit den Schuhen trotzdem erstmal das hier:

FiveFingers am Nagel

Ich hänge sie an den Nagel. Deswegen ist natürlich noch lange nicht Schluss mit dem Training, keine Frage. Aber Abwechslung sorgt für Unterhaltung. Also ist jetzt ein anderer Teil der Ausrüstung für den Spaß zuständig. Das sieht ab sofort so aus:

Helm mit Stirnlampe

Warten wir doch mal ab, wofür das vielleicht nützlich sein könnte.

Was man von einem Poetry Slam lernen kann

Die Zeiten sind hart geworden. So kann man beispielsweise bei quasi jedem beliebigen Stammtisch nachfragen und erfährt dort, dass die Kinder in der Schule heutzutage nichts mehr lernen. Also zumindest lernen sie nichts brauchbares mehr. Korrektes Schreiben, zum Beispiel, ging früher nach einem Monat Schule direkt ins Blut. Ab dem zweiten Monat konnten wir alle Romane schreiben. Möglicherweise nur nach Diktat, das aber fehlerfrei. Heute hingegen dürfen die Kinder in der Schule machen, was sie wollen, Hauptsache, es sieht entfernt nach Buchstaben, Worten und ganzen Sätzen aus. So sieht er aus, der Untergang des Abendlandes. Und wer es nicht glaubt, fragt bitte seinen örtlichen Stammtisch.

Den hat Christian Fischer offenbar nicht. Das ist jemand, der nicht nur eine eigene Meinung hat, sondern diese auch gern ins Internet schreibt. Sachen gibt’s, man glaubt es gar nicht. Zur Rechtschreibmode hat er eine solche Meinung und sagt sie in recht klaren Worten. Mit erstaunlich korrekter Orthographie und selbst die Satzzeichen sehen wohlplatziert aus. Inhaltlich sagt er, dass zwischen früher und heute respektabel viel Zeit vergangen ist, man möge das doch bitte beachten. Und als wäre das nicht schon genug, stimmt Herr Buddenbohm ihm auch noch zu. Zustände sind das. Nächste Woche geben beide bestimmt zu, dass sie heimlich immer gemeinsam etwas Trinken gehen.

Weiterhin schreiben beide noch, dass man doch einfach mal abwarten könne. Mal sehen, wie es am Ende der Schule so aussieht mit dem Nachwuchs und seinen Schreibkünsten.

Aber wer möchte schon warten? Eben. Ich auch nicht. Also habe ich mich kurzerhand zum Auftakt des BW Slam einladen lassen. Das sind die lokalen Landesmeisterschaften im Poetry Slam. Es stehen also Leute auf einer Bühne, die dort um die Wette eigene Texte vortragen. Gelegentlich singt auch mal jemand. Aber selbst das ist dann meist Sprechgesang und zwar selbstgedichteter. Die Akteure sind dabei oft respektabel jung. Bei ihnen ist die Schule noch nicht sehr lange her. Sie machen zumindest nicht den Eindruck, schon vor dreißig Jahren das Schreiben gelernt zu haben. So alt müssen sie nämlich erst noch werden.

Als passiver Zuhörer, mit meinem Stammtischbier in der Hand, stelle ich fest: Diese Texte sind Kunst; diese Texte haben Esprit; diese Texte sprühen vor Witz; diese Texte spielen mit Dialekt. Diese Texte hätte ich selbst so gut nicht hinbekommen. Wie ärgerlich.

Leider wurde alles frei vorgetragen. Ob die Texte vorher jemals in korrekter Rechtschreibung auf dem Papier oder im Rechner standen, kann ich somit gar nicht sagen. Was ich aber sagen kann: Es ist vollkommen egal. Solange derart feine Reime und so kurzweilige Wortkunst dabei heraus kommt, können die Autoren ihre Ideen von mir aus auch mit kleinen Bildchen aufmalen.

Der Untergang des Abendlandes sieht auf jeden Fall anders aus.

Lernen im Akkord

Der Sohn wurde in dieser Woche eingeschult. Wir hatten das hier ja schon. Und was soll ich sagen? Es waren bereits ein paar aufregende Tage. Obwohl bisher alles noch relativ ruhig ist. Alle gewöhnen sich aneinander. Also die Kinder an die Schule. Umgekehrt aber ebenfalls. Da kann man nicht gleich mit vollem Tempo einsteigen. So gab’s am ersten Tag neben etwas Schulerkundung nur etwas Probeunterricht zum Kennenlernen. Der Sohn hat das im Nachhinein recht prägnant zusammengefasst: “War gut. Aber wir hatten keine Pause!”

Auf die Pausen hat er sich gefreut. Seine Kumpels, die schon ein Jahr vor ihm in die Schule kamen, haben davon erzählt. Pausen sind ganz toll. Es gibt große, es gibt kleine. Manche sind drinnen, in manchen geht man nach draußen. Und für andere kann man Kritik ernten, wenn man während ihnen zu lange auf der Toilette sitzt. Das reizt. Das lockt. Davon träumen kleine Jungs.

Jetzt ist er selbst in der Schule und hat gleich am ersten Tag gelernt: Das mit den Pausen ist alles Quatsch. Offenbar gibt es gar keine. Das sind alles nur Urban Legends. An so einer Schule wird stattdessen im Akkord geschafft. Man sieht ihm an, was diese Erkenntnis auslöst; seine Augen werden ganz groß. Aber er beruhigt sich schnell wieder. Kinder sind offenbar doch leidensfähiger, als wir es manchmal annehmen.

Immerhin wirft er jedoch nicht gleich alle alten Sitten über Board. So darf ich ihm zum Beispiel weiterhin am Abend noch etwas vorlesen. Er lässt diese Großzügigkeit aber nicht ganz selbstverständlich so im Raum stehen, sondern erklärt sie gleich noch. Den Spaß gönnt er mir schließlich nur, weil er selbst noch nicht lesen könne. Das muss er doch in der Schule erst lernen. Das dauert wohl noch ganz lange.

Aber ich soll ihn nächste Woche noch einmal fragen. Vielleicht kann er es ja dann.

Altern in Würde

Kraftwerk: Machine

Eine schwarze Halle, eine große Leinwand mit minimalistischem Inhalt, davor vier Herren, nur schwach zu erkennen, sie bewegen sich auch kaum. Oder nennen wir die Szene ruhig beim Namen: es sind Kraftwerk live im ZKM. Da kommt zusammen, was zusammen gehört. Und als jemand, der gerade einen runden Geburtstag erlebt hat, welcher zeigt, dass auch die 80er Jahre noch zum Bewusstsein zählen, kann man da ruhig mal hingehen. Gedacht, getan.

Und ich kann es klarerweise gar nicht anders beschreiben als: ganz feine Sache. Kraftwerk live erleben: das kann man ruhig mal machen. Da schaffen es vier Herren mit etwas nüchtern präsentiertem Klingklang tatsächlich, eine phänomenale Show abzuliefern. Und während auf der einen Seite die Musik ordentlich vorwärts treibt, bleibt die Atmosphäre durchaus von einer soliden Eleganz geprägt. Selbst ein ordentlicher Bass leistet dem keinen Abbruch.

Man kann das Ganze auch prägnant benennen, wie Mizzi Schnyder es gemacht hat:

Das passt. Und es ist doch immer gut, auch für die kommenden Jahrzehnte noch ein paar Vorbilder zu haben. Vor allem, wenn sie so unterhaltsam sind.

Zwischen den Zeiten

Der Sohn hat sich aus der Kita verabschiedet. Der Freitag vor dem Urlaub war sein letzter Tag. Erhobenen Hauptes hat er das langjährige Haus der Tagesunterhaltung verlassen, um nur zum gelegentlichen Abholen seiner kleinen Schwester wieder dorthin zurückzukehren.

Bei einem Glas irgendeines feinen Kaltgetränks frage ich ihn während des Urlaubs, was er denn jetzt ist. Ein echter Vorschüler, oder?

Das sei natürlich eine vollkommen absurde Annahme, klärt er mich auf. Er hätte schließlich vor einiger Zeit die Übernachtung in der Kita mitgemacht. Diese fand exklusiv für die Vorschüler statt. Damit wurde diese Phase hochoffiziell abgeschlossen. Irgendwann ist’s auch mal gut.

Ich sehe: Der Nachwuchs hat das mit den Phasen schon souveräner heraus als unsereiner. Aber trotzdem geht er noch nicht zur Schule. Und in den Kindergarten auch nicht mehr. Nihilisten sind wir hier nicht. Irgendwas muss also sein. In irgendeine Schublade muss ich ihn doch herein bekommen.

Der Sohn guckt mich ungläubig an. Wo das Problem sei?, fragt dieser Blick. Er ist gerade ein Ferienkind, sagt der Sohn. Das ist doch ganz klar. Ich sehe das nur viel zu kompliziert.

In drei Tagen ist der Spuk trotzdem vorbei. Dann verstehe auch ich endlich wieder, wie die Welt funktioniert.

So ein Volkslauf ist für alle da

FiveFingers

Es war einmal vor langer Zeit, das ist jetzt bestimmt schon ein paar Tage her, da hat mich die Dame des Hauses auf eine Laufrunde in den nahegelegenen Wald entführt. Dass ich immer nur allein dort herumturne, dass wird ihr dann doch zu bunt. Wer weiß, welche Pausen ich da immer heimlich einlege, um mich zwischendurch adäquat auszuruhen? Das kann man ruhig mal kontrollieren. Also sind wir zusammen los. Und sie hat prompt eine neue Kilometerbestzeit provoziert, mit lächerlichen viereinhalb Minuten. Pace nennt sich das. Und wem das wenig sagt, dem verrate ich gern: für meine Verhältnisse ist das recht fix. Im normalen Reisetempo brauche ich eine ganze Minute mehr. Frauen, sie sind halt doch die wahren Antreiber.

Passenderweise hat nur wenig später ein lokaler Freund des Laufens ein paar Startunterlagen für mich vorbei gebracht. Für den Volkslauf der örtlichen Stadtwerke. Und wenn man so dezent gedrängt wird, dann bleibt einem natürlich nur eins: Danke! sagen und Laufen. Der besagte Freund meinte noch etwas von “Zielzeit bitte unter 50 Minuten.” Ich habe das nicht weiter kommentiert. Die Strecke geht über zehn Kilometer. Das wäre also eine durchschnittliche Pace von weniger als fünf Minuten/km. Die Betonung liegt dabei auf durchschnittlich.

Heute war es dann soweit. Und was soll ich sagen? Es war ein Spaß!

Mit der vollkommen irrsinnigen Zielvorgabe im Kopf habe ich mich irgendwo im ersten Drittel des Startfeldes platziert. Noch schneller kann doch schließlich niemand laufen wollen, oder?

Weit gefehlt. Während der ersten zwei Kilometer wurde ich quasi konstant überholt. Es war kein Massengedränge, es war eher ein konstanter Strom einzelner Läufer, der stetig vorbei zog. Das demotiviert. Das erdet. Das zeigt einem die eigenen Grenzen auf. Mit dem Tempo, das ich offenbar drauf hatte, wird die gesamte Strecke wohl mehr als eine Stunde dauern. Nach dem ersten Kilometer werfe ich einen kurzen Blick auf die Uhr am Arm. Sie sagt 3:54 Minuten. Das ist nicht gut. Das ist eine Pace jenseits meiner Ohnmachtsgrenze. Den Blick wieder nach oben gerichtet habe ich ein wenig Tempo heraus genommen und mich lieber noch ein wenig überholen lassen. Meine Güte!

Immerhin hatte ich wieder mein Laufshirt dabei. Das muss so. Und mit ein wenig Glück reagiert auch jemand darauf. Es hat beim Badenmarathon im letzten Jahr geklappt. Und heute wieder. Mitten auf der Strecke kam jemand von hinten heran und eröffnete ein Gespräch:

Laufshirt

“¿Hablas Español?”
“¿Que?”
“¿Hablas Español?”
“Solo un pocito.”
“Porque tu eres el Señor Rolando.”
“Oh, correcto.”

Das Gespräch war damit zwar noch nicht wirklich beendet, aber mehr konnte ich trotzdem nicht mehr sagen. Pace und so. Dem werten Laufkollegen wurde das natürlich zu langweilig und er zog vorbei und von dannen.

Für die 50-Minuten-Zielvorgabe hat’s am Ende immerhin noch gereicht. Glück gehabt. Nur der Sohn war irgendwie nicht zufrieden. Er hat prompt nach meiner Medaille gefragt. Ohne Medaille findet er die ganze Lauferei irgendwie nicht so recht sinnig. Aber ich konnte sie ihm nicht zeigen. Es gab wohl keine.

Irgendwas ist echt immer.