Lernen im Akkord

Der Sohn wurde in dieser Woche eingeschult. Wir hatten das hier ja schon. Und was soll ich sagen? Es waren bereits ein paar aufregende Tage. Obwohl bisher alles noch relativ ruhig ist. Alle gewöhnen sich aneinander. Also die Kinder an die Schule. Umgekehrt aber ebenfalls. Da kann man nicht gleich mit vollem Tempo einsteigen. So gab’s am ersten Tag neben etwas Schulerkundung nur etwas Probeunterricht zum Kennenlernen. Der Sohn hat das im Nachhinein recht prägnant zusammengefasst: “War gut. Aber wir hatten keine Pause!”

Auf die Pausen hat er sich gefreut. Seine Kumpels, die schon ein Jahr vor ihm in die Schule kamen, haben davon erzählt. Pausen sind ganz toll. Es gibt große, es gibt kleine. Manche sind drinnen, in manchen geht man nach draußen. Und für andere kann man Kritik ernten, wenn man während ihnen zu lange auf der Toilette sitzt. Das reizt. Das lockt. Davon träumen kleine Jungs.

Jetzt ist er selbst in der Schule und hat gleich am ersten Tag gelernt: Das mit den Pausen ist alles Quatsch. Offenbar gibt es gar keine. Das sind alles nur Urban Legends. An so einer Schule wird stattdessen im Akkord geschafft. Man sieht ihm an, was diese Erkenntnis auslöst; seine Augen werden ganz groß. Aber er beruhigt sich schnell wieder. Kinder sind offenbar doch leidensfähiger, als wir es manchmal annehmen.

Immerhin wirft er jedoch nicht gleich alle alten Sitten über Board. So darf ich ihm zum Beispiel weiterhin am Abend noch etwas vorlesen. Er lässt diese Großzügigkeit aber nicht ganz selbstverständlich so im Raum stehen, sondern erklärt sie gleich noch. Den Spaß gönnt er mir schließlich nur, weil er selbst noch nicht lesen könne. Das muss er doch in der Schule erst lernen. Das dauert wohl noch ganz lange.

Aber ich soll ihn nächste Woche noch einmal fragen. Vielleicht kann er es ja dann.

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Altern in Würde

Kraftwerk: Machine

Eine schwarze Halle, eine große Leinwand mit minimalistischem Inhalt, davor vier Herren, nur schwach zu erkennen, sie bewegen sich auch kaum. Oder nennen wir die Szene ruhig beim Namen: es sind Kraftwerk live im ZKM. Da kommt zusammen, was zusammen gehört. Und als jemand, der gerade einen runden Geburtstag erlebt hat, welcher zeigt, dass auch die 80er Jahre noch zum Bewusstsein zählen, kann man da ruhig mal hingehen. Gedacht, getan.

Und ich kann es klarerweise gar nicht anders beschreiben als: ganz feine Sache. Kraftwerk live erleben: das kann man ruhig mal machen. Da schaffen es vier Herren mit etwas nüchtern präsentiertem Klingklang tatsächlich, eine phänomenale Show abzuliefern. Und während auf der einen Seite die Musik ordentlich vorwärts treibt, bleibt die Atmosphäre durchaus von einer soliden Eleganz geprägt. Selbst ein ordentlicher Bass leistet dem keinen Abbruch.

Man kann das Ganze auch prägnant benennen, wie Mizzi Schnyder es gemacht hat:

Das passt. Und es ist doch immer gut, auch für die kommenden Jahrzehnte noch ein paar Vorbilder zu haben. Vor allem, wenn sie so unterhaltsam sind.

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Zwischen den Zeiten

Der Sohn hat sich aus der Kita verabschiedet. Der Freitag vor dem Urlaub war sein letzter Tag. Erhobenen Hauptes hat er das langjährige Haus der Tagesunterhaltung verlassen, um nur zum gelegentlichen Abholen seiner kleinen Schwester wieder dorthin zurückzukehren.

Bei einem Glas irgendeines feinen Kaltgetränks frage ich ihn während des Urlaubs, was er denn jetzt ist. Ein echter Vorschüler, oder?

Das sei natürlich eine vollkommen absurde Annahme, klärt er mich auf. Er hätte schließlich vor einiger Zeit die Übernachtung in der Kita mitgemacht. Diese fand exklusiv für die Vorschüler statt. Damit wurde diese Phase hochoffiziell abgeschlossen. Irgendwann ist’s auch mal gut.

Ich sehe: Der Nachwuchs hat das mit den Phasen schon souveräner heraus als unsereiner. Aber trotzdem geht er noch nicht zur Schule. Und in den Kindergarten auch nicht mehr. Nihilisten sind wir hier nicht. Irgendwas muss also sein. In irgendeine Schublade muss ich ihn doch herein bekommen.

Der Sohn guckt mich ungläubig an. Wo das Problem sei?, fragt dieser Blick. Er ist gerade ein Ferienkind, sagt der Sohn. Das ist doch ganz klar. Ich sehe das nur viel zu kompliziert.

In drei Tagen ist der Spuk trotzdem vorbei. Dann verstehe auch ich endlich wieder, wie die Welt funktioniert.

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So ein Volkslauf ist für alle da

FiveFingers

Es war einmal vor langer Zeit, das ist jetzt bestimmt schon ein paar Tage her, da hat mich die Dame des Hauses auf eine Laufrunde in den nahegelegenen Wald entführt. Dass ich immer nur allein dort herumturne, dass wird ihr dann doch zu bunt. Wer weiß, welche Pausen ich da immer heimlich einlege, um mich zwischendurch adäquat auszuruhen? Das kann man ruhig mal kontrollieren. Also sind wir zusammen los. Und sie hat prompt eine neue Kilometerbestzeit provoziert, mit lächerlichen viereinhalb Minuten. Pace nennt sich das. Und wem das wenig sagt, dem verrate ich gern: für meine Verhältnisse ist das recht fix. Im normalen Reisetempo brauche ich eine ganze Minute mehr. Frauen, sie sind halt doch die wahren Antreiber.

Passenderweise hat nur wenig später ein lokaler Freund des Laufens ein paar Startunterlagen für mich vorbei gebracht. Für den Volkslauf der örtlichen Stadtwerke. Und wenn man so dezent gedrängt wird, dann bleibt einem natürlich nur eins: Danke! sagen und Laufen. Der besagte Freund meinte noch etwas von “Zielzeit bitte unter 50 Minuten.” Ich habe das nicht weiter kommentiert. Die Strecke geht über zehn Kilometer. Das wäre also eine durchschnittliche Pace von weniger als fünf Minuten/km. Die Betonung liegt dabei auf durchschnittlich.

Heute war es dann soweit. Und was soll ich sagen? Es war ein Spaß!

Mit der vollkommen irrsinnigen Zielvorgabe im Kopf habe ich mich irgendwo im ersten Drittel des Startfeldes platziert. Noch schneller kann doch schließlich niemand laufen wollen, oder?

Weit gefehlt. Während der ersten zwei Kilometer wurde ich quasi konstant überholt. Es war kein Massengedränge, es war eher ein konstanter Strom einzelner Läufer, der stetig vorbei zog. Das demotiviert. Das erdet. Das zeigt einem die eigenen Grenzen auf. Mit dem Tempo, das ich offenbar drauf hatte, wird die gesamte Strecke wohl mehr als eine Stunde dauern. Nach dem ersten Kilometer werfe ich einen kurzen Blick auf die Uhr am Arm. Sie sagt 3:54 Minuten. Das ist nicht gut. Das ist eine Pace jenseits meiner Ohnmachtsgrenze. Den Blick wieder nach oben gerichtet habe ich ein wenig Tempo heraus genommen und mich lieber noch ein wenig überholen lassen. Meine Güte!

Immerhin hatte ich wieder mein Laufshirt dabei. Das muss so. Und mit ein wenig Glück reagiert auch jemand darauf. Es hat beim Badenmarathon im letzten Jahr geklappt. Und heute wieder. Mitten auf der Strecke kam jemand von hinten heran und eröffnete ein Gespräch:

Laufshirt

“¿Hablas Español?”
“¿Que?”
“¿Hablas Español?”
“Solo un pocito.”
“Porque tu eres el Señor Rolando.”
“Oh, correcto.”

Das Gespräch war damit zwar noch nicht wirklich beendet, aber mehr konnte ich trotzdem nicht mehr sagen. Pace und so. Dem werten Laufkollegen wurde das natürlich zu langweilig und er zog vorbei und von dannen.

Für die 50-Minuten-Zielvorgabe hat’s am Ende immerhin noch gereicht. Glück gehabt. Nur der Sohn war irgendwie nicht zufrieden. Er hat prompt nach meiner Medaille gefragt. Ohne Medaille findet er die ganze Lauferei irgendwie nicht so recht sinnig. Aber ich konnte sie ihm nicht zeigen. Es gab wohl keine.

Irgendwas ist echt immer.

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Aus dem Regal: Die Hex ist tot von Monika Geier

Das ist doch tatsächlich das Buch vom diesjährigen Indiebookday. Da kann man mal sehen, wie langsam ich lese. Aber ich verrate Ihnen eins: Schreiben geht tatsächlich noch langsamer. Man mag’s kaum glauben. Es ist aber so. Schlimm. Ich weiß.

Aber zum Glück geht’s hier gar nicht um mich. Es geht um dieses Buch. Und das ist ein Krimi. Die Handlung spielt in Ludwigshafen und ein wenig auch im Mannheim. Das sind beides Vororte der Südstaaten hier. Ist das somit jetzt ein Regionalkrimi? Dazu würde auf jeden Fall passen, dass die Toten, die es hier natürlich unweigerlich gibt, nicht einfach auf der Straße herumliegen, sondern kopfüber in Gullies gesteckt werden. Das ist doch mal eine Idee. Genauso, wie das Motiv, oder besser gesagt: die falsche Fährte, auf die wir gelenkt werden. Da geht’s um Übergewichtige, um Abnehmkurse und um skurrile Drogen. Es werden also wirklich große niedere Instinkte bedient. Und letztlich geht’s dann doch wieder nur um Neid, Besitz und etwas Macht.

Die entstehenden Intrigen sind recht clever miteinander verwoben. Das ist unterhaltsam. Das kann ich empfehlen. Auch Schelllesern, versteht sich. Und jenen, die nicht aus den Südstaaten kommen und für welche dieses somit kein Lokalkrimi ist.

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Von Booten und ihrem Nutzen

Wie gesagt, wir sind im Urlaub und gucken Boote. Es sind Kreuzfahrer dabei, Segelboote, Ruderboote, Paddelboote, bestimmt ist irgendwo auch ein Kanu mittendrin. Es gibt viel zu sehen. Und alles hat seinen Zweck.

Bis der Sohn ein Militärboot entdeckt, so ein graues. Wofür das denn gut sei, möchte er wissen.

Tja, gute Frage.

Segel hat es schon mal keine. Spaß schließen wir also aus.

Es fängt Räuber! Meint der Sohn. Das ist immerhin eine Theorie. Aber mit dem Militär im Inland ist das so eine Sache, erkläre ich ihm. Das passt also eher nicht.

Vielleicht hilft es wenigstens der Polizei, wenn sie selbst nicht mehr kann. Der Sohn gibt nicht auf. Für irgendwas wird der Kahn schon gut sein. Ich muss ihn trotzdem enttäuschen. Polizei und Militär – das sind zwei verschiedene Sachen und das ist auch gut so.

Aber vielleicht hilft es Booten in Not? Kreativ ist der Sohn, das muss man ihm lassen. Aber wer hat davon schon mal ersthaft gehört? Vom Militär als Freund und Helfer, dem Retter in der Not? Vor allem in lokalen Gewässern ist das wohl eher selten. Es würde mich nicht wundern, wenn es noch keinen dokumentierten Vorfall dieser Art gibt. Seenotretter schließen wir somit auch aus.

Aber es ruft die Retter, wenn es andere Boote in Not sieht? Das, immerhin, ist doch mal eine plausible Theorie. Vielleicht machen sie wenigstens das. Für irgendwas muss die ganze Technik an Board schließlich gut sein.

Ansonsten schlage ich vor, die Teile ab sofort etwas farbenfroher anzustreichen. Dann kann ich sie dem Nachwuchs als Küsschenwache verkaufen. Das wäre doch ganz klar zum Vorteil aller, oder?

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Wahnsinn

Es ist Sommer. Auf den ersten Blick erkennt man es kaum. Der Himmel ist bedeckt, nur sporadisch guckt die Sonne durch. Der Blick auf den Kalender ist aber eindeutig. Wir lassen uns also nicht beirren. Wir nehmen den Moment, wie er ist. Wir genießen den Augenblick und harren der Dinge.

Es ist an der Zeit, die Seele baumeln zu lassen. Der Alltagsstress kann ruhig mal bleiben, wo er hingehört: irgendwo anders; an einem Ort, an dem wir gerade nicht sind.

Der Sohn zeigt, wie man damit am besten umgeht. Er sitzt in seinem Stuhl, warm eingepackt, lässt sich den Wind um die Ohren pfeifen und zählt die Beiboote des Kreuzfahrtschiffs vor seiner Nase. Irgendwann dreht das Boot. Direkt auf der Stelle. Der Sohn beobachtet ruhig, keine Mine verzieht er dabei. Es scheint, als wäre es die reine Routine für ihn. Vollkommen unbeweglich sitzt er da. Zugedeckt, sein Kopf lugt aus der Decke, seine Augen sind das Einzige, was sich bewegt. Nach einer Weile hat das Boot fertig gedreht. Ganz ruhig lief das ab. Stress ist definitiv anders. Der Sohn starrt noch immer stur geradeaus. Plötzlich brummt er leise “Wahnsinn!” vor sich hin. “Zweiundzwanzig”, sagt er noch. Es ist so leise, man hört es kaum. Alle Beiboote erfasst.

Langsam dreht sich sein Kopf. Die Augen wandern suchend umher, versuchen, das nächste Boot zu erhaschen. Irgendwas wird es auch dort zu zählen geben.

So geht das eine Weile. Wir nennen es Urlaub. Ganz egal, was das Wetter dazu sagt.

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Aus dem Regal: Schlafenszeit von Jim Gaffigan

Hier haben wir ein Buch mit kurzen Geschichten aus dem Alltag eines Vaters. Was es alles gibt. Ich weiß auch nicht, wer sich das mal ausgedacht hat. Aber wenn man als Autor keinen wirklichen Plan hat, dann kann man das wohl mal machen. Wenn es für einen Roman nicht reicht: kurze Geschichten gehen immer. Alltagsbeobachtungen sind auch nicht schwer. Man muss ja nur hingucken. Und Aufschreiben. Irgendwann hat man genug. Dann pappt man zwei Buchdeckel drum herum und denkt sich einen Titel aus. Mit etwas Glück schafft man es noch, das Cover nicht gar zu kitschig zu gestalten. Aber das klappt nicht immer. Nur gut, dass ich eh selten Bilder im Blog habe. Da fällt es doch jetzt gar nicht auf, wenn wir es uns auch heute mal sparen, oder? Gut.

Übrigens scheint dieses Ich-mache-jetzt-auch-mal-ein-Buch-Rezept nicht nur einfach. Es ist auch so. Das wird in den besten Familien ausprobiert. Schlimm ist das auch gar nicht. Man traue sich ruhig. Im hier vorliegenden Fall hat es schließlich auch mal wieder jemand getan. Mit mit Übersetzer sogar. Das sieht man wiederum selten. Manfred Allié hat hier die Familienspäße des Autors noch einmal in die Hände genommen. Und die Anekdoten alle ins Deutsche gebracht. Sprachlich ist das OK. Immerhin.

Ob man Geschichtensammlungen wie diese wirklich braucht, ist natürlich eine andere Frage. Und ich weiß es auch nicht so recht. Aber ich bin da auch nicht vollständig objektiv, habe es schließlich selbst schon getan. Aber wer es nicht unbedingt ausgedruckt auf Papier braucht, kann sich derlei Dramen viel einfacher in diversen Papablogs holen. Davon habe ich mal ein paar in der Blogroll rechts aufgelistet. Praktisch, oder?

Wenn’s aber unbedingt Geschichten eines Amerikaners, gedruckt auf Papier sein sollen, dann ist dieses Schlafenszeit durchaus eine unterhaltsame Wahl.

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Routine ist alles

Ordnung muss sein. Es hilft ja alles nichts. Leugnen ist da zwecklos. Ich zähle mich in dieser Hinsicht ganz zum biederen Durchschnittsvolk, welches zwar gern vom progressiven Draufgängertum träumt, aber doch tief im Herzen eine gewisse Berechenbarkeit der Welt nicht immer vollkommen ablehnt. Ein paar Konstanten darf es durchaus geben. An denen hangeln wir uns durch. Die Aufregung gibt es dann irgendwo dazwischen.

Das prägt natürlich auch die Kinder. Routine bestimmt ihren Alltag. Das ist etwas Gutes. So wissen sie, was wirklich wichtig ist. Das Unumstößliche steht einfach fest. Daran wird nicht gerüttelt. Sie wissen zum Beispiel genau: Ohne Frühstück geht es morgens nicht aus dem Haus. Die anderen Mahlzeiten stehen ebenfalls fest. Auch ins Bett geht es nicht nur jeden Tag sondern auch zur immer gleichen Zeit. Darauf ist Verlass. Darauf können sie bauen. Diesen routinierten Alltag gibt’s hier übrigens nicht nur unter der Woche. Der findet auch am Wochenende statt. Dann dürfen sie jedoch ganz wild und lange schlafen. So sind wir hier gar nicht. Wie gesagt: Die Aufregung findet irgendwo inmitten der Routine statt. Hier bietet sich eine gute Gelegenheit.

Und die Kinder wissen sie zu nutzen. Am Wochenende ist zum Beispiel die Zeit, sich morgens endlich mal in Ruhe ausspielen zu können, ohne dass die Eltern mit dem Gang zum Bäcker oder gar dem schon gedeckten Frühstückstisch dazwischen kommen. Es ist vor allem der Sohn, der diese Zeiten zu schätzen weiß. Ich bin mir nicht sicher, ob er sogar extra früher aufsteht. Aber wenn ich mir angucke, was er zu Zeiten, in denen der Rest des Clans hier noch schläft schon alles gelesen, gemalt, gebastelt, gebaut und aufgetürmt hat, dann scheint es zumindest so.

Anders die Tochter. Entweder nutzt sie die Zeit, um wirklich mal in Ruhe auszuschlafen oder sie wird wach wie immer, stapft an der geschlossenen Tür des Bruders vorbei, reißt die vom Schlafzimmer mit Schmackes auf und ruft: “Papa, kannst Du bitte mal aufstehen und ins Bad zum Zähneputzen kommen?”

Ich dachte mir schon, dass sich diese ganze Erzieherei irgendwann rächt. Ich habe nur nicht geahnt, dass es noch vor dem ersten Kaffee passiert. Routiniert ist anders.

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Von Zöpfen und dem Lebensende

Einer der glasklaren Vorteile am Leben mit zwei Kindern ist es, dass sie sich damit abwechseln können, das notwendige Unterhaltungsprogramm für die Auflockerung des Alltags zu liefern. Wenn also beispielsweise der Sohn mit seinem gewohnten Entspannungspegel am Morgen sich heimlich in seinem Zimmer verbarrikadiert, um dort in Ruhe Bücher zu lesen oder phänomenale Legogebilde zu schaffen, dann ist wenigstens die Tochter so gnädig, einen aus dem Bett zu holen, um in trauter Zweisamkeit das alltägliche Badritual abzuspulen.

Das ist sehr schön. Ich weiß das zu schätzen. Endlich können wir uns mal in Ruhe zu zweit unterhalten. Ganz ohne, dass sich jemand einmischt, laufend ablenkt oder fragt, was wir hier eigentlich herumtrödeln. Hier und jetzt gibt es nur die Tochter und mich. Wir haben alle Zeit der Welt. Lass die anderen doch schlafen, Bücher lesen oder Gebilde erschaffen. Uns tangiert das nicht. Wir putzen hier schließlich die Zähne. Wir planen den Tag. Wir werten den letzten Klatsch und Tratsch aus der Kita aus. Wir sind quasi Yin und Yang. Wir sind so dermaßen tiefenentspannt, dass die Tochter mich sogar darum bittet, ihr die Haare zu bürsten und einen Zopf zu schnüren. Das gibt’s nicht oft. Das ist gemeinhin nicht ihr Ding. Sie mag es nicht gern eingeschränkt. Auch ihre Haare sollen sich entfalten dürfen. Das ist wahrscheinlich der neue Liberalismus, von dem man gelegentlich hört. Die Tochter hat ihn schon voll drauf.

Wenn aber die kleine Dame spontan von ihrer Routine abweichen möchte, unterstütze ich das gern. Beschwingt nehme ich die Bürste und lasse sie sanft durch ihre Haare gleiten. Sie lässt es sich nicht nur gefallen, sie hält sogar vollkommen still. Es scheint fast, als genieße das Kind unsere Zweisamkeit. Es fehlt nicht viel und sie fängt an zu schnurren. Ich kann das verstehen. Als moderner Mann von heute ist man auch zu sanften Tätigkeiten berufen. Das Kämmen von Haaren wird dabei zum Ausdruck der vollkommenen Eleganz. Natürlicher wird’s nicht. Das ist Zen.

Bis sich ein kleiner Knoten in den Haaren der Tochter in den Weg stellt. Zwei kleine Strähnen haben sich über Nacht wohl verheddert. Das kann ja mal passieren. Das kommt auf den besten Köpfen vor.

Entsetzt guckt die Tochter mich an. Damit hat sie offenbar nicht gerechnet. Fast schon schmerzverzerrt presst sie hervor: “Papa, müssen wir alle sterben?”

Ich habe den Zopf dann doch noch fertig bekommen. Und einen halben Tag später sind hier im Haus auch alle wohlauf. Aber es war wohl knapp.

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