Die wahren Probleme beim Vorlesen

Die Kinder, sie werden immer größer. Das muss wohl so sein. Man kann auch gar nicht viel dagegen tun. Muss man auch nicht. Stattdessen freut man sich als moderner Mann von heute über die unterschiedlichen Phasen, die der Nachwuchs dabei so durchmacht. Das ist durchaus ernst gemeint, denn entgegen manch landläufiger Meinung bestehen diese Phasen keineswegs nur aus unterschiedlichen Ausprägungen des nächtlichen Aufwachens und Störens des wohlverdienten elterlichen Schlafes. Ganz im Gegenteil, aber darum geht es heute gar nicht.

Heute geht es darum, dass die Rituale, welche noch vor dem Schlafen tagtäglich abgespult werden, eine gewisse Entwicklung durchmachen. So passiert es zum Beispiel, dass sich die Kinder allein ins Bett bringen. Aber selbst dann bestehen sie darauf, dass wir vorher eines machen: Bücher vorlesen. Und was soll ich sagen? Spätestens seit dem Räuber Hotzenplotz ist das ein großer Spaß. Auch für die Vorlesenden. Die repetitive Monotonie der Bilderbuchexplorationen ist selbst bei ausreichend großer Auswahl eben dieser stellenweise recht schwer zu ertragen. Ich gebe das hier jetzt einmal ganz schamlos zu. Man macht es natürlich trotzdem, man macht es auch gern. Es ist verrückt, wozu Kinder einen alles treiben.

Aber mit den Geschichten, die erst durch den Text zwischen den immer seltener werdenden Bildern gewinnen, wird es einfacher. Da liest man mit Begeisterung. Da fiebert man zusammen mit dem Nachwuchs dem nächsten Tag entgegen, wenn die Geschichte endlich weiter geht. Denn es ist durchaus spannend, wenn zum Beispiel besagter Räuber Hotzenplotz sich wieder einen gemeinen Hinterhalt überlegt und es noch nicht ganz klar ist, ob er damit durchkommt oder am Ende doch geschnappt wird. Das möchte man wissen. So offen kann eine solche Frage nicht im Raum stehen bleiben. Nur gut, dass am nächsten Abend die Kinder wieder ins Bett gehen. Nur gut, dass wir am nächsten Abend wieder weiter vorlesen. Nur gut, dass dann die Auflösung kommt.

Wenn nicht am nächsten Abend die andere Erziehungsberechtigte im Haus mit dem Vorlesen beim Sohn dran ist. Dann hat man Pech. Dann sitzt übermorgen der eben noch quietschvergnügt neue Pläne schmiedende Räuber im Gefängnis und man fragt sich, wie er dort hingekommen ist. Und je nach Lust, Laune und Vorlesewünschen der Kinder ist er übermorgen schon wieder draußen und man selbst steht vollkommen verwirrt daneben.

Und es wird nicht besser. Mit weiteren Büchern und mit länger werdenden Geschichten wird die Lage sogar noch dramatischer. Nehmen wir zum Beispiel Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer. Das ist nämlich auch ein ganz wundervolles Buch. Es ist voll mit traumhaften Ideen, was die beiden zusammen mit Emma, der Lokomotive, alles erleben.

So sind sie zum Beispiel auf einer fernen Insel unterwegs. Wie sie dort hingekommen sind, wissen wir nicht. Das hat die Dame des Hauses vorgelesen. Aber jetzt sind sie auf dem Weg in die Drachenstadt. Eine Prinzessin wird vermisst und möchte befreit werden. Das verspricht Abenteuer. Das wird spannend. Schon der Weg steckt voller Tücken. Schluchten werden durch Echos zerstört, Riesen sind in Wahrheit ganz klein, Wege verschwinden scheinbar im Nichts. Es kitzelt beim Lesen die Nerven. Man hebt die Stimme, man senkt sie, man taucht richtig tief ein. Der Sohn bekommt seinen Mund vor Staunen auch nicht mehr zu. Und mitten in all den Abenteuern legt man trotzdem eine Pause ein. Morgen ist schließlich auch wieder ein Tag. Morgen gehen die Kinder auch wieder ins Bett. Morgen lesen wir auch wieder vor. Jedem Kind sein Buch, gar keine Frage.

Doch man ahnt, was passiert. Kaum bringe ich am nächsten Tag die Tochter ins Bett, gibt es am übernächsten nicht etwa weitere Abenteuer auf dem Weg in die Drachenstadt zu bestaunen. Oh nein. Beim nächsten Vorlesen sind die Helden schon mitten drin in der Drachenstadt und kämpfen gegen das Endmonster.

So geht doch das nicht. Da hat sich tatsächlich schon wieder jemand zwischendurch ein Kapitel fremdvorlesen lassen. Das ist doch nicht auszuhalten.

Ich glaube, ich muss ab jetzt dem Sohn seine Bücher abends heimlich aus dem Zimmer holen und die fehlenden Kapitel mit der Taschenlampe unter der Bettdecke nachlesen.

Untertage-Marathon. Oder: Mit dem Laufen geht’s bergab.

Sondershausen Bahnhof

Es hält ein Zug in Sondershausen. Warum hier nicht ruhig mal aussteigen? Es ist schließlich ein idyllisches Kleinstädtchen, mitten in Thüringen, hat ein Schloss und vor allem auch: ein Bergwerk.

Sondershausen Schachtturm

Warum das so interessant ist? In genau diesem Bergwerk findet ein Untertage-Marathon statt. Oder besser gesagt: fand statt. Denn gerade jetzt am Wochenende gab es den Spaß zum letzten Mal.

Mancher mag beim Wort Marathon nur müde gähnen und diesen Tweetklassiker aus dem Hut ziehen:

Aber das bedeutet natürlich nur, dass wir hier ein klein wenig aneinander vorbei reden. Denn zum einen hat ein Herr Thorsten Firlus das Statement als lustig aber dennoch falsch kommentiert. Was durchaus passt. Und zum anderen ist der Spaß in Sondershausen ein ganz besonderer. So geht es hinter der folgenden Tür für 700 Meter bergab, was übrigens sogar den Smartphone-Empfang lahm legt. Man macht wirklich etwas mit.

Sondershausen Fahrstuhltür

Und dort unten geht es dann für 12 Runden immer schön den gleichen Parcours entlang. Allerdings ist dieser nicht ganz eben, sondern sieht im Profil in etwa so aus:

Sondershausen Streckenprofil
(Quelle: www.vehre.com)

Man kann es auch mit diesen drei Punkten zusammenfassen:

  • 1.020 Höhenmeter
  • stellenweise 30 Grad Celisius Lufttemperatur
  • anständig trockene Luft, wir reden schließlich von einem Salzbergwerk.

Oder anders: Es ist anstrengend. Und zwar deutlich anstrengender als der gewöhnliche Flachlandmarathon oben im Freien. Und in seiner ehrlichen Konsequenz ist dieser Lauf auch anstrengender als der Rundkurs auf Helgoland, wobei auch der schon seine Tücken hat, man kann es ja nachlesen.

Blick in den Schacht

Auf Dailymile meinte jemand während des aktuellen Trainings nur: “verrückte sache.” Bei der FAZ sind sie erwartungsgemäß etwas konsequenter mit ihrer Meinung und nennen die Aktion schlicht Irrsinn im Bergwerk. Sie argumentieren unter anderem damit, dass so mancher dort unten an seine Leistungsgrenzen stößt. Da ist auch durchaus etwas dran. Ich habe es selbst erlebt.

Aber, und das meine ich durchaus ernst: Die Leute dort unten waren fit. Ich habe keinen gesehen, der die Aktion auf die leichte Schulter nahm; keinen, der untrainiert wirkte; dafür viele, die kerngesund und solide vorbereitet waren. “25 Stunden pro Woche trainiere er”, sagte einer der Platzierten im Anschluss. Die Hälfte davon auf dem Rad, aber Schwimmen und Laufen sind auch dabei. Von solchen Leuten sollte jede Krankenkasse träumen, stattdessen profitiert von dessen Bonussystemen eher, wer die 25 Stunden pro Woche vor dem Fernseher verbringt und sich ein paarmal im Jahr zum Arzt schleppt.

Dabei waren die Läufer hier sogar so vernünftig, sich nach der Aktion zu duschen, in der Waschkaue als angemessenem Ambiente, versteht sich:

Umkleide des Bergwerks

In einem liegt auch die FAZ jedoch durchaus richtig: so ganz alltäglich ist dieser Lauf nicht, ein wenig verrückt darf man gern sein, um das mitzumachen. Mancher bringt es in nicht einmal 140 Zeichen auf den Punkt:

Und es ist schön, auf andere zu treffen, die ähnlich motiviert sind. Die ehrenwerte Frau Schmitt hat es einmal sehr schön formuliert:

Aber nichts lieben diese Bekloppten so sehr, wie die Gesellschaft von anderen Bekloppten. Vermutlich, um sich zu versichern, dass sie bestenfalls mittelbekloppt sind, denn es gibt IMMER einen, der noch behämmerter ist.

Das ist in der Tat beruhigend.

Am Ende des Laufes habe ich die gar nicht behämmerten sondern überhaus charmanten Leute vom Begleitpersonal nur noch gefragt, ob das hier wirklich das Ziel sei.

“Ja, hast es geschafft. Glückwunsch!”, haben sie gesagt.

Eine gute Antwort. Und man kann ja nicht immer nur Bestzeit laufen, nicht wahr?

Küsschenwache, revised

Wir sind gerade wieder für ein paar Tage draußen gewesen, frische Luft tanken, im Norden, am Wasser. Einfach mal durchpusten lassen. Das ist gut für den Kopf. Einfach mal in Ruhe Boote zählen. Das schadet meist auch nicht. Mittendrin im derart vollgepackten Aktivurlaub stellt der Sohn auf einmal recht trocken fest, dass er glaubt, die Küsschenwache heißt wohl eigentlich gar nicht so. Das hätte ich ihm nur eingeredet. Da steht streng genommen etwas ganz anderes dran, an den Booten. Küstenwache zum Beispiel.

Ich antworte ihm darauf erst einmal nicht. Ich gucke nur interessiert. Man möchte schließlich nicht lügen. Als Vater sieht man sich ja auch in einer gewissen Vorbildrolle. In Gedanken weine ich ihnen natürlich trotzdem nach, den schönen Zeiten. Das ist jetzt die Zeit zum sentimental werden. In Momenten wie diesem kann man es gehörig anprangern, wie schnell sie doch groß werden, die Kinder. Man kann sich fragen, was das soll. Und man kann sich fragen: Haben wir denn schon genug geküsst? Wohl kaum.

Während ich kurz davor bin, mich völlig meinen Gedanken hinzugeben, rührt sich der Sohn wieder. Er stellt fest, dass gerade wieder ein Boot vorbeigefahren sei. So eines mit den Streifen an der Seite. Ich wüsste doch wohl schon, was das heißt. Und er guckt ganz erfreut.

Tja, was soll ich sagen? Die Kinder, sie werden so schnell groß. Er zumindest hat dieses Spiel jetzt verstanden. Und die guten Zeiten, sie gehen wohl noch eine Weile.

Ganz unten

Platten

Das ist ein Tunnel. Oder besser gesagt: Das sind ein paar Platten, die demnächst möglicherweise zu einem Tunnel mit verbaut werden. Und ich hoffe sehr, dass das jetzt politisch korrekt genug ausgedrückt ist. Nicht, dass die Platten mir sonst auf’s Dach steigen, weil ich ihre enorme Bedeutung nicht adäquat wiedergegeben habe. Heutzutage weiß man ja nie.

Aber wie dem auch sei. Hier vor Ort in den Südstaaten wird tatsächlich gerade an einem Tunnel gebaut. Eine U-Bahn kommt dort dann rein. Das wird bestimmt toll. Vorerst stehen wir wegen dieser eigentlich unterirdischen Buddeleien übrigens ganztägig oberirdisch im Stau. Denn es sind zwar nur in etwa gefühlte 37% aller Straßen in dieser Stadt baustellenbedingt gesperrt. Aber das sind täglich andere 37%. Es ist wohl kompliziert. Aber immerhin: Wenn sich unter den werten Lesern jemand findet, dem seine Heimatstadt gerade ein wenig zu langweilig erscheint, empfehle ich, spontan den Bau einer U-Bahn anzuregen; da hat wirklich jeder etwas davon; dann ist immer etwas los.

An besonders glücklichen Tagen kann man zum Beispiel einen Blick in die Baustelle hinein werfen. Mit noch mehr Glück kommt man sogar ganz nah ran an den Bohrer, der in Kürze loslegt. Dass das kein handelsüblicher Baumarktbohrer ist, sollte auf der Hand liegen. Dass er einen eigenen Namen bekommt, vielleicht nicht. Dem ist hier jedoch trotzdem so:

Tja, das mit den Namen ist manchmal halt Glückssache. Regelmäßige Spielplatzbesucher können ein Lied davon singen. Davon unberührt schmieden der Sohn und ich ganz andere Pläne. Wir greifen uns einfach jeweils einen von diesen:

Helme

Und gehen nach unten.

Es ist verrückt. Dort gibt es einen Bahnhof. Mit vier Gleisen. Eins davon führt bis vor zu Giulia, unserem Fächerwurm. Die anderen helfen ein wenig aus. In pompösem Ambiente, das kann man ruhig so sagen.

Und pompöse Technik kommt natürlich auch zum Einsatz. Wir haben einen Führer dabei, einen schwärmenden. Dieses Bohren, das wird ganz toll, sagt er. Hier könne man sich sogar durch Granit bohren, das wäre gar kein Problem. Sie müssten nur erstmal welches finden. Findlinge jedoch, Findlinge sind mies. Die müssen sie gar nicht so unbedingt finden. Sie baumeln nämlich in der Erde, das macht wirklich keinen Spaß. Und dieser Beton hier, sagt er, guckt ihn Euch doch mal an, dieser Beton ist hart. Wirklich hart ist der, er hatte ja auch schon zwei Jahre Zeit zum Aushärten. Durch den werden sie sich bohren und das wird man merken. Das wird schütteln. Später, oben, wird er noch verraten, dass das alles so muss, gut so ist. Denn: Beton ist toll. Eigentlich sind doch alle guten Sachen aus Beton. Sein Mikro war da aber schon ausgeschaltet.

Es lief aber noch bei dieser Zahl:

9160kg

Und so wissen wir: Dieses Gewicht kann rein durch ein Vakuum gehoben werden. von Guericke hätte seinen Spaß gehabt. Hier lässt sich hingegen niemand zum eigentlich obligatorischen Kalauer verleiten, dass auf so einer Baustelle offenbar viel leere Luft produziert wird. Aber sei’s drum. Das ist ja auch ein ernstes Geschäft. Und davon verstehen sie hier in den Südstaaten etwas.

Das ist sicher auch der Grund, warum sie ihre Baustellenhäuschen gleich ganz pragmatisch in die Restmülltonne stellen:

Container im Müll

Aber keine Angst: für den Notfall ist vorgesorgt. Oder auch nicht:

Selbstretter

Der Sohn hatte bei der ganzen Aktion übrigens seinen Spaß. Nicht ein Wort hat er während der Führung gesagt. Dafür umso mehr mit offenem Mund gestaunt. Und oben im Festzelt konnten wir uns sogar schon einen Tunnelbohrerklärbericht ansehen, den es erst demnächst irgendwann im ordinären Programm der Sendung mit der Maus geben wird.

Wie großartig ist das denn?

Wie gesagt: in langweiligen Städten können gern die anderen leben. Hier ist sogar unter der Erde noch etwas los.

Aus dem Regal: Länger als sonst ist nicht für immer von Pia Ziefle

Was für ein Buch. Was für ein Buch 2. Mit Länger als sonst ist nicht für immer hat Señora Ziefle nach Suna gemacht, wovor die meisten Autoren mit einem derart fulminanten Debüt ein wenig Sorge haben: einen adäquaten Nachfolger abgeliefert. Damit ist dann eigentlich auch schon alles gesagt.

Inhaltlich geht’s ganz einfach um Abschiede. Liebende trennen sich hier oder werden voneinander getrennt. Sei es bei den einen, weil sie aus der DDR in den Westen gehen, sei es bei anderen, weil jemand seinem inneren Ruf zum Weiterziehen folgt.

Und als Leser sind wir bei denen, die zurückbleiben. Das ist nicht immer schön, ganz klar. Das ist alles hochgradig traurig, wenn man auch nur kurz darüber nachdenkt. Aber es ist so wunderschön erzählt, dass man gern mitfühlt, dass man gern dabei bleibt, weil man durchaus wissen möchte, ob sich nicht doch noch alles ganz fein zum Guten wendet, was es natürlich nicht tut, aber so ist doch auch das Leben. Es ist verzwickt.

Und während Pia ihr sprachliches Handwerkzeug ganz klar beherrscht, macht es Spaß, dass auch die kleinen Details am Rande stimmig sind. So heißen die Eltern im Osten Mutti und Vati. Das kann sich ja mancher heute gar nicht mehr vorstellen, aber so war es wirklich. Und auch das Laissez-fair in Indien, welches sie ganz beiläufig in der Geschichte mit unterbringt, wirkt authentisch und deckt sich zumindest mit meinen sporadischen Erfahrungen.

Und als wäre all dieses kunstvolle Ineinanderweben von sprachlichem Stil, Recherchekunst und Geschichtenerzählerei nicht ausreichend, findet sie in den Danksagungen sogar noch Platz für Blixa Bargeld und Meret Becker mit Stella Maris. Das ist, mit Verlaub, eine der schönsten Singles, die je erschienen ist. Und dieses Buch spielt in einer ganz ähnlichen Liga: es serviert bittere Melancholie, die jedoch so umwerfend präsentiert wird, dass man sich nicht von ihr losreißen kann.

Eine Empfehlung? Eine ganz gehörige!

Vom Einfluss der Werbung auf den Nachwuchs

Der Sohn und ich: wir sind unterwegs. Es ist nicht weit. Wir nehmen trotzdem das Auto. Und aus irgendeinem Grund läuft das Radio. Kann ja mal vorkommen. Der Sohn kommentiert es nach einer Weile und fragt mich, ob ich eigentlich diese Werbung kenne, diese eine. Das mag schon sein, ich frage ihn daher, welche er eigentlich meint.

Es geht um das Bergsteigermüsli von Seitenbacher.

Oha. Jetzt ist Gefahr im Verzug. Jetzt gilt es vorsichtig zu sein. Bloß nichts falsches sagen. Er soll sich schließlich seine eigene Meinung bilden. Wenn ich jetzt zu vorschnell mit abschätzigen Kommentaren um die Ecke komme, beeinflusse ich ihn nur unnötig. Das muss doch nicht sein. Ganz vorsichtig frage ich ihn, ob ihm die Werbung gefällt. Es klingt quasi beiläufig. Die Frage liegt schließlich durchaus nahe.

Sie kommt kommt viel zu oft. Sagt er. Laufend muss er sie hören. Kaum stößt er mal auf ein Radio, läuft diese Werbung. Und ob ich etwas wüsste? Ich weiß es gerade nicht. Aber der Sohn sagt es mir: Sie geht im auch ganz schön auf den Keks, diese Werbung. Vor allem, weil sie so oft kommt. Aber auch, weil sie gar nicht so toll ist. Also kaufen würde er das Zeug jetzt eher nicht.

Glück gehabt. So ist doch alles in Ordnung. Von seiner Wortwahl einmal abgesehen.

Aus dem Regal: Pentecost von J.F. Penn. Deutsch von Tina Tenneberg

Das ist doch mal eine nette Abwechslung. Pentecost – Ein ARKANE Thriller ist ein selbstpubliziertes Buch von Joanna Penn. Dabei handelt es sich um die Dame hinter dem recht unterhaltsamen Selfpublishing-Podcast The Creative Penn. Und da es immer einen Blick wert ist, zu gucken, wer einem da eigentlich lauter schlaue Tipps ins Ohr flüstert, habe ich mir ihr erstes ins Deutsche übersetzte Buch geholt. Wie es sich für Selbstpublizierer gehört, hat sie für die Übersetzung ein interessantes Modell gewählt. Sie ist nicht einfach zu einer Übersetzerin gegangen und hat die Arbeit normal in Auftrag gegeben. Wenn kein (großer) Verlag im Hintergrund dafür sorgt, dass die Risiken abgesichert sind, muss man eben selbst gucken, was sinnvoll ist. In diesem Fall ist es eine Gewinnteilung mit der Übersetzerin. Soll heißen: je besser sich die Übersetzung verkauft, desto besser verdient nicht nur die Autorin, sondern auch die Übersetzerin. Sie teilen sich somit nicht nur das Risiko, sie teilen sich auch das Potenzial nach oben. Ich finde das gut.

Und das Ergebnis ist gelungen. Die Geschichte ist solide erzählt und ordentlich übersetzt. Technisch stört ein wenig die manchmal etwas holprige Silbentrennung. Ich möchte aber nicht ausschließen, dass diese durch einen Automatismus meiner E-Book-Lese-App verursacht ist.

Inhaltlich geht es um eine Schatzsuche mit religiösem Hintergrund. Dabei kämpfen die guten Archäologen gegen die bösen religösen Fanatiker. Das ist jetzt nicht bahnbrechend innovativ, zugegeben. Das haben wir schon mehrfach gesehen. Die passenden Analogien kennen viele sicher. Aber das macht gar nichts. Ihren Theologie-Master hat die Autorin ordentlich eingesetzt. Man spürt ihre Leidenschaft für das Thema. Die Handlung spielt quasi weltweit und die verschiedenen Orte sind gründlich beschrieben. Manchmal etwas zu gründlich, aber es passt gerade noch, die Beschreibungen schaffen knapp aber gekonnt die Kurve vor der Schwafelei. Die Handlung ist dabei spannend aufgebaut. Man spürt richtig die einzelnen Etappen der klassischen Heldenreise. Am Ende ist somit fast alles gut. Das ist beruhigend. Immer nur Dramen – das hält doch niemand aus.

Wir haben also eine spannende Geschichte, solide erzählt, ordentlich übersetzt. Was will man eigentlich mehr? Wer Thriller mag, kann sich diesen hier ruhig mal angucken.

Eine Empfehlung.

Der Ganztag, dieses neumodische Ding

Unter uns Schreibtischtätern hat es sich in letzter Zeit eingebürgert, das sehr feine, hochwertige, ehrenwerte und hart erkämpfte Recht auf demokratische Mitbestimmung durch das Ankreuzen des korrekten Feldes in Online-Petitionen nicht nur wahrzunehmen, sondern bis an sein maximal mögliches Limit zu treiben. Das ist natürlich etwas ganz Feines. Denn mal ganz ehrlich: In der Vielzahl der Themen, Probleme und Dramen, die tagtäglich auf uns einprasseln ist allein die pure Meinungsäußerung manchmal schon das meistmöglich Machbare. Und es geht durchaus oft um verständliche Sorgen. Erinnern wir uns zum Beispiel an das Hebammendrama. Das ging hier im Haus damals zwar noch gut aus und die Tochter ist ganz wundervoll zur Welt gekommen. Aber das Thema kommt leider .

Erinnern wir uns aber auch an die unsägliche Stoppschildidee zum Sperren des Zugangs zu unliebsamen Webseiten, anstatt diese einfach löschen zu lassen. Was sogar funktioniert. Manche staunen. Und war es nicht auch eine Petition, die ein wenig mit an der Vernunftsschraube gedreht hat? Auf jeden Fall war es bei der ganz themenverwandten Vorratsdatenspeicherung so. Und bei vielen anderen. So einige davon waren und sind sehr sinnvoll, manche zugegebenermaßen eher nicht so.

Jetzt gibt es auf jeden Fall eine neue. Es ist eine Petition gegen verpflichtende Ganztagesschulen. Sie ist natürlich wohlbegründet und sicherlich sehr gut gemeint. Geht es doch um nichts anderes, als die Nachmittagsgestaltung für unsere Schüler möglichst flexibel zu belassen. So, wie sie aktuell ist. Oder besser: so, wie sie es vor kurzem noch war. So, wie wir es kennen. Mit einem Elternteil zu Hause, der sich dann kümmern und Fahrdienst spielen kann. Mit vielen kleinen, unabhängigen Sportvereinen, Theatergruppen, Chören, Musikschulen und freien Musiklehrern. Das ist Vielfalt. Das ist toll. Das kann man durchaus für bewahrenswert halten. Sei es als Eltern, sei es als jene, die diese Angebote schaffen. Eine Ganztagesschule nimmt hier einiges vom Spielraum. Sie bündelt die Aktivitäten an der Schule. Die in der Gegend verteilte Vielfalt hat es damit schwer. Ein Kind, das in der Schule Sport treibt oder musiziert, lässt sich nicht gleichzeitig von den Eltern an entferntere Orte fahren, um das gleiche zu tun.

Die Sorge um den so fehlenden Nachwuchs ist zu verstehen.

Aber die Zeit schreitet trotzdem voran. Das Leben geht weiter. Die Sitten ändern sich. Das ist nichts Neues. Wenn wir genau hingucken, war das schon immer so. Nur wenige laufen heute noch nackt mit der Keule durch den Busch, um sich ihr Frühstück zu jagen. Nein, nein. Andere Zeiten, andere Lebensumstände. Und derzeit haben wir wieder die Möglichkeit, dass auch Eltern sich recht frei entfalten können. Dazu gehört zum Beispiel, jeweils eigenen Tätigkeiten nachzugehen. Und dazu gehört, die Kinder in Ganztageskitas und -schulen mit ihren Freunden eine möglichst interessante und anregende Zeit verbringen zu lassen.

Zwei Kitas habe ich hier in den Südstaaten in letzter Zeit persönlich erlebt. In einer davon ist ein größerer lokaler Musiklehrerverband aktiv und bietet seine Kurse an. Für diese Kurse kommen die Lehrer direkt in die Kita, versteht sich. Dafür muss kein Kind extra durch die Gegend fahren. In einem Moment toben die Kinder draußen im Garten, im nächsten Moment musizieren sie drinnen und nur wenig später toben sie weiter. Das passt. In der anderen Kita ist eine selbständige Musiklehrerin aktiv. Auch sie bietet ihren Kurs an. Auch sie macht es direkt in der Kita. Spielen, musizieren, weiterspielen. Passt.

Ich kann das Konzept der Ganztagesbetreuung nur empfehlen. Den Kindern macht es Spaß. Wir Eltern haben trotzdem unsere Freude mit dem Nachwuchs. Nur eben weniger beim Pendeln zwischen diversen Freizeitaktivitäten und mehr beim Spielen und Lernen im ganz eigenen Umfeld. Andere sehen das anders, ganz klar. Ich habe da volles Verständnis für. Für jene gibt es jetzt z.B. diese Petition. Aber Vereine und andere Anbieter von Alltagsfreizeiten sollten vielleicht trotzdem überlegen, ob ein Gespräch mit den örtlichen Kitas und Schulen nicht ein gutes sein könnte. Denn der Nachwuchs der kommenden Jahre, er steckt genau dort. Der Blognachbar Herr Buddenbohm hat es kürzlich recht prägnant auf den Punkt gebracht:

Die Vereine, die Sportarten, die Freizeitbeschäftigungen, sie müssen alle, alle in die Schulen, sie müssen in den Ganztag, es geht sonst einfach nicht.

Es geht sonst einfach nicht. Ganz genau. Eine Petition wird daran wenig ändern.

Es gibt zu wenig Tiere in den Museen

Vor noch gar nicht langer Zeit waren wir im Urlaub. Und bei aller feinen Abhängerei am Strand läuft so etwas nicht vollkommen kulturlos ab. Wir waren schließlich in Dänemark. Das Mindeste, was man dort machen kann, ist, sich ein paar Designwerke anzuschauen. Also sind wir in Museen, Ausstellungen und ganz ordinäre Möbelläden gegangen. Wobei das ordinär nach dänischen Verhältnissen ein ganz anderes ist als man das landläufig so meinen könnte; aber ich möchte das hier gar nicht im Detail vertiefen.

Auf jeden Fall kamen wir zwischendurch in irgendsoeine Ausstellung mit modernem Schnickschnack. Um es nicht zu sehr zu verkomplizieren, verkauften wir es den Kindern schlicht als Museum. Das passte auch. Es gab kein Murren. Der Sohn fand alles toll und hat es angemessen kommentiert. Die Tochter fragte nur: “Und wo sind die Tiere?”

Wir sind dann weiter und tatsächlich noch ins Dänische Designmuseum gekommen. Auch dort war alles recht fein. Stühle gab es viele zu sehen. Auch andere Alltagsgebrauchsgegenstände in eleganter Form. Der Sohn hielt gelegentlich inne, sinnierte, erklärte den Zweck. Die Tochter fragte: “Wo sind hier die Tiere?”

Wie gesagt, haben wir den Schwierigkeitsgrad dann etwas nach unten geschraubt und sind in einige ganz gewöhnliche Möbelläden gegangen. Zum Teil waren dort jedoch genau die gleichen Stuhlklassiker zu sehen, wie im Museum vorher auch. Der Sohn war fasziniert, kam aus dem Staunen nicht heraus und konnte endlich alles einmal probesitzen. Die Tochter fragte nur: “Wo sind hier die Tiere?”

In Dänemarks Kunstbibliothek waren wir trotzdem noch. An Details kann ich mich jedoch gar nicht mehr recht erinnern. Beschwerden gab es aber keine. Nur die Tochter fragte: “Wo sind hier die Tiere?”

Ich weiß gar nicht, wieviel Ausflüge sie mit ihrer Kita schon ins örtliche Naturkundemuseum gemacht hat. Aber sie waren wohl einprägsam.

Fünf Finger machen aus einem halben Marathon gefühlt einen Ganzen

Es ist wieder diese Zeit im Jahr, in der hier in den Südtstaaten die Straßen abgesperrt werden, damit die Fußgänger auch mal freie Bahn haben. Wir nennen das Badenmarathon. Ich erwähnte es im letzten Jahr schon einmal.

Bei einem so kurzen Anreiseweg kann man sich den Spaß ruhig in der Wiederholung gönnen. Ergo habe ich mich erneut angemeldet, bin gelaufen und habe mir eine Medaille abgeholt. Man suche jedoch den Fehler in folgendem Bild:

Startnummer und Medaille

Richtig: Das “M” steht für die gesamte Strecke, die Silbermedaille nur für die Hälfte. Das passt aber trotzdem so. Und es wurde unterwegs auch durchaus angemerkt. Denn wie kürzlich im Kommentar zum Volkslauf erwähnt, wird man hier in den Südstaaten tatsächlich immer von jemandem angesprochen. Es ist ein kommunikatives Volk. Ist es nicht wunderschön? Man bekommt zum Beispiel das hier zu hören:

“Guck mal, der läuft barfuß. Coole Sau!”

Das bezieht sich auf meinen heutigen Dresscode, der unter anderem das hier beinhaltet:

FiveFingers an den Füßen

Allein der obige Kommentar zum Schuhwerk ist die ganze Aktion doch wert. Aber eines sei verraten: Die Dinger strengen wirklich an. Vor allem in den Bereichen, die der klassische Läufermeinungshaber latent unterschätzt. So habe ich ganz absichtlich meinen Waden die Entscheidung überlassen, ob sie zur Halbzeit lieber heraus ins Ziel oder doch weiter auf die ganze Strecke möchten. Sie haben sich für das Zwischenziel entschieden. Schlaue Muskeln. Jetzt mache ich mit den Schuhen trotzdem erstmal das hier:

FiveFingers am Nagel

Ich hänge sie an den Nagel. Deswegen ist natürlich noch lange nicht Schluss mit dem Training, keine Frage. Aber Abwechslung sorgt für Unterhaltung. Also ist jetzt ein anderer Teil der Ausrüstung für den Spaß zuständig. Das sieht ab sofort so aus:

Helm mit Stirnlampe

Warten wir doch mal ab, wofür das vielleicht nützlich sein könnte.