Küstenlauf

Biber Wir schreiben das Jahr des entspannten Laufens. Veranstaltungen mit größerem logistischen Aufwand passen da nicht rein und werden abgesagt. Dafür dürfen andere Späße spontan auf die Agenda. Ein abendlicher Marsch an der Küste zum Beispiel passt da ganz hervorragend.

Ein ebensolcher nennt sich Marathon-Nacht. Der eigene Entspannungspegel ist froh, dass es nicht wirklich die Nacht durch geht, sondern eher am lockeren Abend stattfindet. Außerdem in Rostock. Und Rostock ist ja immer eine Reise wert, sowohl zum Boote gucken, als auch zum Knutschen bei der Küsschenwache. Warum also nicht auch zum Laufen? Eben. Das passt durchaus. Ich habe es gerade ausprobiert, wenn auch nur für den halben Spaß der besagten Marathon-Nacht.

Startnummer Und ich kann das sehr empfehlen. Den Teil der Strecke, den man weniger läuft, darf man in Rostock nämlich mit dem Boot fahren. Das ist sehr, sehr großartig. Diese Küstenbewohner wissen schon, wie das geht mit dem Entspannen. Man bekommt quasi eine Hafenrundfahrt ohne nervige Ansagen, dafür mit einem Spaziergang auf dem Rückweg. Und dieser Spaziergang führt durch schöne Gegenden. Zusammen mit ein paar Hundert anderen Leuten hat sogar so etwas Dröges wie der Warnowtunnel seinen Reiz. Irgendjemand kann garantiert laut pfeifen. Irgendwo kommt garantiert ein Echo her. Es ist ein Spaß.

Rostocker Seehafen

Wenn man mal nicht in die eine oder andere Richtung durch den Tunnel läuft, darf man im IGA-Park entspannen oder direkt am Seehafen entlang der Warnow die Gegend bewundern.

Trommler am Rand

Zwischendurch gibt es auch in Rostock am Straßenrand die üblichen Scherzkekse mit feinen Motivationssprüchen, Kinder zum Hände-Abklatschen und tatsächlich auch Halbstarke, die den laufenden Kilt kommentieren. Und ich sage absichtlich Halbstarke, denn es war wirklich eine Premiere, von erstaunlich vielen Männern gebeten zu werden, den Rock zu heben und endlich mal die Frage zu klären, ob man nun etwas darunter trägt oder nicht. Ich nehme es mal als Kompliment. Und falls jetzt jemanden interessiert grübelt: Die Damen sind tatsächlich deutlich zurückhaltender. Sie kommentieren eher meinen Laufstil und die Teile der Füße, mit denen ich den Boden berühre. Wir hatten das auch in Kandel schon einmal. Die Blickwinkel, sie könnten unterschiedlicher kaum sein. Ich sollte nur noch einmal überlegen, was das mit der Werbung auf dem T-Shirt soll. Denn das guckt nun wirklich überhaupt niemand an. Vielleicht lässt sich bei den Kniestrümpfen etwas machen. Wir bleiben am Ball.

Ich werde berichten.

Auf die Ohren: Folge 13 der Büchergefahr

Folge 13 der Büchergefahr: Crowdfunding

Im Podcast des Hauses wird jetzt Geschichte geschrieben. Denn mal im Ernst: Wer hat schon einmal davon gehört, dass jemand aufgrund eines Kommentars im Internet seine Meinung geändert hat? Eben.

Aber hier ist es passiert. Noch in der letzten Folge habe ich das Crowdfunding für Bücher belächelt. Aber ich habe mich eines besseren belehren lassen. Kiki Thaerigen ist nicht nur eine feine Illustratorin und Designerin, sie ist auch noch rhetorisch so geschickt, dass sie mich informiert, aufgeklärt, belehrt und überzeugt hat, dass es durchaus valide Anwendungsfälle für so ein Crowdfunding von Texten geben kann.

Und genau darum geht es in der neuen Folge der Büchergefahr. Viel Spaß!

Werbung: Teil 2 meiner Serie

Na, wer erinnert sich noch? Es gab hier mal einen Auftakt zu einer kleinen Serie von Kurzgeschichten. Das ist gerade mal etwa ein halbes Jahr her. Und zack, kommt jetzt schon der zweite Teil.

Ich präsentiere: Im Café.

Im Café
Teil zwei der Serie »Totale Kontrolle«

Inhaltlich geht’s darum, dass dieser Typ, der im ersten Teil verschwunden ist, auch weiterhin nicht auftaucht. Die Dame, welche ihn sucht, ist sichtlich verwirrt. Und insgesamt entwickelt sich die Geschichte eher zu einer Romanze als dem knallharten Krimi, als der es mal gedacht war. So soll es sein.

Ich kann das natürlich sehr empfehlen. Bei Inteesse geht’s hier entlang. Und wer über derlei feine Neuigkeiten verlässlich und pünktlich informiert sein möchte, darf sich gern in meinem zugehörigen Newsletter eintragen.

Viel Spaß!

Sich selbst zuhören

Es gab in letzter Zeit relativ viel Laufcontent hier im Blog. Aber keine Angst. Das wird auch wieder anders. So fit bin ich schließlich gar nicht. Andere können das viel besser.

Andere amüsieren sich zum Beispiel bei einem Triathlon. Sie gehen also nicht nur im Wald spazieren. Sie Baden vorher auch und machen obendrein noch einen Radausflug. Das ist reichlich verrückt. Ich habe einen großen Respekt davor. Das nenne ich mal vielseitige Begabung und Talent, sich gegebenenfalls in einer Form der Sportart verausgaben zu können, selbst wenn es in den anderen nicht klappt.

Hut ab! Auch, wenn es leider nicht immer gut geht. So fand der Frankfurter Triathlon kürzlich bei sommerlichen Rekordtemperaturen statt. Das ist quasi so, als käme zu den drei Disziplinen noch eine vierte hinzu. Eine, die über die volle Distanz geht. Leider war die Gesamtbelastung für einen Teilnehmer letztlich zu groß. Er ist deswegen gestorben.

Recht adäquate und einfühlsame Worte dazu hat Thorsten Firlus-Emmrich gefunden. Er liefert keine pauschale Antwort. Er weiß es nicht einfach besser und hat alles vorher kommen gesehen. Er spricht stattdessen über Grenzen und sagt:

Diese Grenzen liegen bei jedem woanders. Kennen kann sie nur jeder selbst.

Genau so ist es. Man sollte auf seinen Körper hören. Der meldet sich schließlich, wenn etwas nicht passt. Technische Hilfsmittel können dabei helfen, das eigene Gefühl aber nicht ersetzen. Man sieht’s im Wald, wenn man seine Trainingsrunden zieht: Kaum jemand ist ohne passende Uhr unterwegs, Brustgurte schimmern durch Laufshirts, Smartphones sind zu sehen, auch schon mal an jedem Arm eines. Es ist erstaunlich, dass nur wenige einen Bollerwagen voll Überwachungstechnologie mit sich führen.

Das ist alles nicht verkehrt. Es kann helfen, den einen oder anderen Impuls zu bekommen. Es kann helfen, das eine oder andere Signal leichter und früher wahrzunehmen. Das Spielen mit all der Technik macht vielen von uns auch erheblichen Spaß. Aber Hören wir doch trotzdem wieder mehr auf unsere Körper. Die melden sich schon.

Und ich mich demnächst sicher auch wieder mehr mit unterhaltsameren Themen.

Eine Lobby ist kaputt

Wer in den letzten Jahren seinen eigenen Aufmerksamkeitsradar auch nur ein klein wenig auf Familien und das ganze Drumherum ausgerichtet hat, dürfte eines mitbekommen haben: Die Hebammen sterben aus. Und das liegt nicht etwa daran, dass das, was sie machen so uninteressant und sterbenslangweilig ist, dass ihnen der Nachwuchs ausgeht. Nein, ganz im Gegenteil: Es scheint ein ganz feiner Beruf zu sein und die von Hebammen betreuten Mütter sind gemeinhin sehr glücklich mit ihrer jeweiligen Partnerin auf Zeit. Die Väter sind froh über reibungslose und wohlumsorgte Abläufe. Es ist eine klare Win-Win-Situation.

Und doch: Sie sterben aus. Es ist ein Ding. Ein unerhörtes, wenn ich das mal so zurückhaltend anmerken darf. Dieser Umstand wird getrieben durch einen Mangel an Aufklärung, durch überwiegend recht einseitige Darstellung und Konzentration auf potenzielle Risiken einer ganz normalen Geburt, wie sie seit Äonen durchaus üblich war und funktioniert hat. Es gibt natürlich auch Interessen, die für die Alternative stimmen, für den Kaiserschnitt; für den künstlichen Eingriff, welcher als Mittel der modernen Medizin möglich macht, dass auch in den Fällen tatsächlicher Komplikationen und Schwierigkeiten eine Geburt überhaupt möglich ist. Das ist toll. Das passt so. Es hilft, auch in diesen Ausnahmesituationen Kinder zur Welt zu bringen. Aber es sollte nicht zum Normalfall werden. Denn das ist er nicht.

Wenn jetzt einige auf die angeblich böse Lobbyarbeit schimpfen, stimme ich auch nicht mit ein. Ich wundere mich viel eher, dass sie nicht richtig funktioniert. Ich wundere mich, dass die Stimmen jener Organisationen nur so schwach zu vernehmen sind, die eine natürliche Geburt befürworten dürften: Die Krankenkassen. Denn der gemeine Kaiserschnitt ist deutlich teurer als eine natürliche Geburt. Warum ist jedoch die Lobby der Krankenkassen so wenig zu spüren? Kann es wirklich ihr Ziel sein, unbedingt und dauerhaft deutlich mehr Geld für Geburten zahlen zu müssen? Es scheint schwer nachvollziehbar.

Anna Luz de León liefert in ihrem Blog mögliche Ansatzpunkte, aktiv werden zu können, selbst die Stimme für den natürlichen Weg äußern zu können und sie bringt das ansonsten drohende Szenario prägnant auf den Punkt:

Wir werden zugeben müssen, dass wir uns nicht laut genug empört haben und dass es deshalb keine interventionsfreien, natürlichen Entbindungen mehr gibt.

Ich bin bekanntermaßen kein Freund des Empörens. Aber interventionsfreie, natürliche Abläufe: Sie erfreuen mich sehr. Gerade, wenn es um Entbindungen geht. Dafür muss es doch eine Lobby geben.

Bergdorfmeilerei

Wer nicht fit genug für seine ursprünglich geplanten Späße ist, sucht sich am besten schnell einen passenden Ersatz. Hier in der Gegend nennt man das zu Beispiel Badische Meile. Davon gibt es sogar einen Ableger. Und wie es sich für Schwarzwaldvororte gehört, nennt sich dieser Bergdorfmeile. Beide Meilen sind badisch korrekt jeweils 8,88889 Kilometer lang. Während sich bei der Badischen Variante mehrere Tausend Läufer durch die Flachlandgegend schubsen, sind es in den Bergdörfern nur ein paar Hundert, die entspannt durch die Hügel trotten.

Heute war es wieder soweit. Aufmerksame Leser wissen, was ich von Läufen mit relevanten Höhenmetern halte, nämlich: gar nicht so viel. Aber ein Läufer muss tun, was ein Läufer tun muss. Und ehe man sich von Start bis zum Ziel durch die Massen steht, leidet man eben ein wenig bergauf und auch wieder bergab.

Wie auch schon bei dem anderen erwähnten Höhenmeterparcours habe ich wieder jemanden gefunden, der mich nicht nur zur Veranstalung hin- sondern auch vor Ort durch die Strecke hindurchzieht. Motivation ist schließlich alles. Und zumindest kurz vor dem Lauf haben wir uns auch die Mühe gegeben, noch halbwegs die Contenance zu wahren:

Bilder aus dem Zielbereich gibt es vorerst lieber nicht. Das ist hier schließlich ein Familienkanal. Wir nehmen somit entsprechend Rücksicht darauf, was wir den Lesern zumuten.

Glaubt mir: Das ist etwas Gutes.

Und ein großer Spaß war es natürlich trotzdem. Wie heißt es so schön bei den Kommentaren einer gängigen Auktionsplattform: Gerne wieder.

Immer schön locker bleiben

Wenn man sich ein wenig Mühe gibt, kann man alles zelebrieren. Das geht wirklich. Und man muss sich gar nicht übermäßig anstrengen dafür. So ist es zum Beispiel eine elegante Idee, ein ganzes Jahr dem eher entspannten Laufen zu widmen. Für Eleganz dieser Art bin ich zu haben. Und natürlich rede ich mir das schön. Zum Beispiel damit, im Jahr davor sowohl fünfmal rund um Helgoland als auch vollkommen unsinnig durch ein Bergwerk gelaufen zu sein. Das lässt sich eh nicht toppen, mit meiner Kondition zumindest nicht. Also folgt ein Jahr der Tiefenentspannung. Vernünftig geplant, versteht sich.

So habe ich mich im Vorfeld von einem Freund des Hauses dazu verleiten lassen, den Olymp des Marathons endlich ernsthaft anzugehen. Wobei dieses ernsthaft natürlich ein ganz eigenes ist. Denn bei dem Olymp handelt es sich keineswegs um eine Strecke mit beeindruckendem Höhenprofil oder irren Wetterbedingungen. Das gibt’s auch alles, klar. Zwei Exemplare davon hatten wir im letzten Jahr. Siehe oben.

Nein, hier geht es um den Spaß auf Médoc in Südfrankreich. Dieser kombiniert die bekannten 42 Kilometer mit 22 Erfrischungsständen, welche von zum Teil recht hochkarätigen Weingütern betrieben werden. Und ausgeschenkt wird wohl nicht nur reiner Traubensaft.

Das klingt verlockend. Das klingt genau so, als ob es wundervoll zu einem Jahr des entspannten Laufens passt. Also hat der besagte Freund des Hauses den nötigen Schub gegeben und wir haben uns ordentlich registriert. Das schafft Verbindlichkeiten. So eine Entspannung möchte schließlich adäquat geplant und organisiert werden. Da dulden wir auch keinen Aufschub. Zehn Minuten nach Eröffnung der Registrierung waren auch die ersten Unterkünfte bereits ausgebucht. Danach wurden die Preise absurd. Aber: Entspannung gibt es nicht geschenkt. Also zack, Knopf gedrückt. Und gerade noch rechtzeitig kam das Kleingedruckte zum Vorschein. Dort steht gleich vorn ganz dick dran:

THE MEDOC HAS TO BE RACED FANCY DRESSED!

Oha. Und ich dachte, wir sähen immer gut aus. Zur Sicherheit habe ich jedoch direkt nach der Registrierung auch noch auf der Webseite des Anbieters das passenden Outfits auf den richtigen Knopf gedrückt. Das Ergebnis wurde dann in der Pfalz und in Wien schon mal probegelaufen. Passt.

Was nicht so sehr passt, ist der Entspannungspegel. Kaum aus Wien zurück, kam nämlich, was kommen musste. Oder besser: Es kam, was immer zu dieser Zeit kommt: Die Polle, die gemeine.

Das klingt jetzt vielleicht harmlos. Ich meine: Die Polle, also wirklich. Was für ein niedlich unscheinbares Ding. Was soll denn damit schon groß sein? Tja, was soll ich sagen? Ich bin ein Mann. Und wir Männer, wir machen nicht nur aus Mücken Elefanten, wir basteln aus kleinen Pollen auch große Dramen.

Ich schalte also den Leidensmodus an und den Laufmodus aus. Seit dem Spaziergang von Wien habe ich mein Körpergewicht um etwa 10% nach oben angepasst, meine Laufleistung um ein Vielfaches davon nach unten. Im Ergebnis ergibt das kein Gleichwicht, kein ausgeglichenes. Im Ergebnis ergibt das ein mittelgroßes Drama, ganz klar. Und wozu passt ein Drama überhaupt gar nicht? Korrekt: zu dem Plan, ein Jahr des entspannten Laufens zu absolvieren. Laufveranstaltungen, die mit ordentlichem Training, einer dem Anreiseweg entsprechend ausgefeilten Logistik und — auch das — respektablen Kosten aufwarten, passen dazu nicht wirklich; auch dann nicht, wenn sie vordergründig einen absolut tiefenentspannten Eindruck machen.

Also haben wir getan, was Männer tun müssen. Und im Ergebnis kam gerade die folgende Mail vom Médoc-Organisationsteam rein:

Dear,

I confirm to have done the credit on your card today

Die Anrede wirkt tatsächlich etwas verkrampft. Wie beruhigend. Ich hoffe nur, dass jetzt die Welt nicht untergeht. Man weiß ja nie. Immerhin stimmt es mich etwas zuversichtlich, dass auch lokale Helden und andere Berühmtheiten ihre aktuellen Laufpläne revidieren.

Ein Trost.

Ein neuer Level-Endgegner

Wenn wir gerade so schön am Laufen sind, nutzen wir den Schwung am besten gut aus. Wer weiß, wann wir wieder so fit durch’s Land ziehen. Gelegenheiten möchten genutzt werden. Passenderweise verweile ich für einen Moment in einem Hotel für Businesskasper. Es liegt idyllisch im Niemandsland, hübsch auf einem Berg. Drumherum gibt es wenig, nur viel Wald. Das ist für derlei Hotels sehr praktisch. Man kann sich dort treffen, um endlich mal wirklich in Ruhe über die hochwichtige Arbeit zu reden, ohne dass ständig jemand abgelenkt ins nahe gelegene Bureau oder die City zum Shoppen läuft.

Außerdem sorgt eine derart entspannte Umgebung natürlich für den hervorragenden Ausgleich, indem man einfach ein paar Runden entspannt durch den Wald spaziert. Eine charmante Dame an der Rezeption kann sogar zwei Laufstrecken empfehlen. Diese sind auch gar nicht schlimm. Eine ist dreieinhalb Kilometer lang, die andere viereinhalb. Das ist nicht viel, aber so sei’s. Man kann ja beide Runden laufen. Vielleicht sogar mehrfach. Einfach mal locker ein paar Waldwege dahintraben. Wie gesagt: Das entspannt. Das schafft Platz im Kopf für Businesskasperei. Das passt.

Ich habe einen Tag auch extra so geplant, dass etwa zwei bis drei Stunden für den lockeren Lauf durch die Natur passen. Der nächste Marathon kommt bestimmt, da ist ein wenig Grundlagenausdauer nicht verkehrt. Und ein freier Kopf für die anschließenden Treffen mit den Kollegen hilft auch. Alles super. Ich laufe los.

Und der erste Kilometer geht erst einmal nur bergauf. Das trifft mich ein wenig unerwartet. Laufstrecken rund um Hotels dieser Art sind für gewöhnlich sehr entspannte Angelegenheiten. Sie sollen niemanden überfordern, es soll jeder mit einem guten Gefühl wieder zurück kommen. Wäre es hier anders, hätte die Dame an der Rezeption das sicher erwähnt. Die Entspannung kommt bestimmt gleich. Dort, hinter der nächsten Kurve.

Und es stimmt: Der Anstieg ist vorbei.

Dafür geht es auf einmal flott bergab. Und zwar richtig bergab. Das Gefälle ist steil, der Untergrund lose. Für einen Blick zurück fehlt die Muße. Ich stolpere mehr oder weniger kontrolliert den Hang hinab.

Zum Ausgleich geht’s kurz darauf wieder bergauf. Gerade Strecken scheint’s hier nicht zu geben. Stattdessen kommt eine Weggabelung, an der ein Pfad geschätzte 60 Grad Steigung bietet, der andere um die 40. Richtig ist immerhin der letztere, das gilt hier wohl quasi schon als ebenerdig.

Irgendwo in diesem Durcheinander verlaufe ich mich natürlich auch. Das passiert sogar im heimischen Wald gelegentlich. Warum also nicht auch in der Ferne? Irgendwann kreuze ich die ausgeschilderten Laufrouten jedoch wieder. Es ist ein Moment des Durchatmens. Dass es den in diesem Wald noch geben wird, ich habe schon daran gezweifelt.

Wenn ich die kleinen Schilder an den Bäumen richtig deute, habe ich beide Strecken kennengelernt. Nach etwa neunzig Minuten, also zur Halbzeit, taucht sogar das Hotel plötzlich wieder auf. Es wirkt trotz seiner nüchternen Erscheinung für einen kurzen Moment wie ein Märchenschloss. Mein persönliches Märchenschloss. Ich kann nicht widerstehen, ich will da jetzt hin. Nur knapp vermeide ich es, den letzten Abstieg einfach herunter zu rollen. Mein Drang zur Wahrung von wenigstens etwas Restwürde hält mich auf den Beinen. Neu startende Läufer kommen mir entgegen. Sie wirken frisch, sie scheinen ausgeruht, sie ahnen nicht, welches Waldwegungeheuer vor ihnen liegt. Ich starre sie nur ungläubig ab, nicke dezent zum Gruß.

An der Rezeption vorbei stolpernd fehlt mir jetzt auch die Kraft, der entspannt strahlenden Rezeptionistin gehörig entgegen zu brüllen, welch feine Details sie mir beim Empfehlen der zwei kleinen, netten Laufrunden verschwiegen hat. Ich lege mir jedoch ein paar ausdrucksstarke Formulierungen im Kopf zurecht. Ich werde sie später vortragen, frisch geduscht, ausgeruht und voller Elan. Und ich bilde mir bestimmt nur ein, dass sie dezent ihrer Kollegen zunickt. Leicht süffisant wirkt das Lächeln, das dabei kurz aufblitzt. Und ganz bestimmt macht sie auch keine Kerbe in den Rezeptionstresen für ein weiteres Opfer, das sie gefunden hat.

Später ist die fragliche Dame leider nicht mehr aufzutreiben. Sie hat wohl einfach Feierabend gemacht, drückt sich vor der Konfrontation. Oder sie läuft gerade mit viel Routine und ganz entspannt zwei lockere Waldrunden entlang. Diese sind ja nicht so lang. Diese sind ja gar nicht schlimm.

Nur für meine kleine Laufkarriere habe ich einen neuen Level-Endgegner gefunden, in einem einsamen Wald, irgendwo im Nichts, getarnt als harmlos wirkende Waldwege. Und eines steht auf jeden Fall fest: Mich selbst überschätzen, das kann ich. Businesskasper halt.

Einzelkämpfer

Es gibt so Tage. An denen geht man nicht einfach nur Laufen. An denen klappt’s wirklich. An denen läuft’s rund. An denen spulen die Füße ein Programm ab, von dem ahnte man vorher nicht, dass man es selbst einmal erleben würde. Das fühlt sich dann tatsächlich gut an. So entstehen Momente der Euphorie. Als Läufer schäumt man derart über vor pulsierendem Ego, es wird einem fast schon selbst unheimlich.

Es sind Läufe wie diese, während denen man anfängt zu träumen. Unterwegs fliegen die Gedanken, sie laufen nicht nur. Ewig könnte es so weitergehen, denkt man sich. Hier, heute und jetzt: Einfach einen Marathon laufen. Das wäre gar kein Problem. Das würde einfach passieren. Hätte man sich für später am Tag nicht schon etwas vorgenommen, es spräche auch kaum etwas dagegen. Wenn das klappt, dann jetzt. Diese Gedanken schießen einem durch den Kopf. Und doch scheint das alles nicht genug zu sein. Als gemeiner Läufer träumt man plötzlich von mehr. Schließlich scheint heute alles möglich. Warum bei einem Marathon aufhören? Warum nicht weiterlaufen? Hier entsteht ein Ultra. In Gedanken ist man schon mittendrin, bin ich schon mittendrin. Ein Ultra, das ist schließlich nichts anderes als nach der Marathondistanz einfach weiterzulaufen. Warum aufhören, warum anhalten, wenn die Füße einen locker weitertragen können? Ich bin im Flow. Endlich! Da sind sie, diese Endorphine. Was habe ich sie gesucht.

Wenn ich zurück bin, wenn diese eine kleine Abendlaufrunde beendet ist, muss ich gleich der Dame davon berichten. Sie kennt mich nämlich. Daher ist sie es gewohnt, dass ich nach einem Lauf fertig auf dem Boden liege und es vor Jammerei kaum allein unter die Dusche schaffe. Jetzt ist alles anders. Heute fließt Glück pur aus mir heraus. Ich teile es mit Ihr. Ich erzähle ihr von meinem Traum. Ach was, ich erzähle nicht; ich schwärme von großen neuen Plänen, davon, dass mir die Laufstrecken dieser Welt zu Füßen liegen werden. Mein Enthusiasmus ist nicht mehr zu bremsen.

Die Dame hört mir zu, blickt dabei zwar nicht wirklich von ihrem Rechner hoch, ist aber trotzdem garantiert vollkommen bei der Sache, hundertprozentig bei mir, gleich entfacht das Feuer auch in ihr. Nur so ganz beiläufig fragt sie mich jedoch, ob ich gerade neue Drogen ausprobieren würde. Sie widmet sich dann weiter dem Gerät auf ihrem Schoß.

Tja, Laufen ist tatsächlich ein Sport für Einzelkämpfer. Die eigenen Füße gegen die Natur; mehr braucht’s gar nicht. Manchmal muss einen nur jemand dezent daran erinnern.

Jetzt gehe ich erst einmal Duschen.