Knieper

Früher war mehr Hummer. Da machen wir uns mal nichts vor. Das letzte Mal Hummerschlemmen: wie lange ist das wohl her? Na? Jetzt komme mir niemand mit “Letzte Woche. Heute ist schließlich erst Montag.” Das glaube ich Euch eh nicht. Und das liegt ausnahmsweise nicht nur an meiner zweifelnden Ignoranz. Sondern ganz schlicht an den knallharten Fakten.

Früher gab’s nämlich tatsächlich mehr Hummer. Zumindest in den uns nahegelegenen Krebswohngegenden. Rund um Helgoland zum Beispiel. Die Insel war quasi von Hummern umzingelt. Belagerung nennt man das wohl. Passenderweise war’s der zweite Weltkrieg, der dem Treiben ein Ende gesetzt hat. Der Legende nach wurde der Krebsfang während dieser Zeit glatt für eine Weile ausgesetzt. Das muss man sich mal vorstellen: Da ziehen Leute lieber durch die Gegend und hauen sich gegenseitig die Köpfe platt, anstatt solide ins Wasser zu tauchen und Krebse an Land zu ziehen. Zeiten gibt’s, die muss man nicht verstehen. Diesen Unsinn haben viele dann auch eingesehen und mit dem Köpfeplatthauen schlicht aufgehört. Es hat dann glatt noch einmal ein paar Jahre gedauert, bis wieder jemandem eingefallen ist, was man statt dessen sinniges machen kann. Und, zack, ging er ins Wasser – Nachgucken, was die Krebse machen.

Das Ergebnis war wohl bitter. Sagt die Legende. Denn, ich traue mich kaum, es so zu sagen: Früher war mehr Hummer.

Alle weg.

Statt dessen wimmelt es auf einmal nur so von Taschenkrebsen. Hummer? Taschenkrebse! Man könnte das jetzt anprangern. Aber das führt ja zu nichts. Den gemeinen Krebs zumindest lässt das herzlich kalt. Der ändert deswegen zumindest nicht seine Wohngegend. Besser ist’s, man arrangiert sich. Und holt sich eben die Taschenkrebse an Land. Die haben schließlich auch ihre feinen Seiten. Die Scheren zum Beispiel. Auch Knieper genannt; zumindest bei denen, die fit genug in Halunder sind. Und wer würde schon freiwillig zugeben, das nicht zu sein? Eben.

knieper_vorher Knacken wir eben diese. Wichtig ist, es mit Stil zu tun. Was keineswegs immer leicht ist. Denn gucken wir doch mal genau hin: Die Scheren sind mit einer soliden Schale versehen und es liegt ein Hammer daneben. Man kann sich denken, was diese Kombination bedeutet. Mit Eleganz und Stil hat das gemeinhin eher wenig zu tun. Aber es macht wahnsinnig Spaß. Und wann kann man das schon mal von seinem Essen sagen? Viel zu selten, korrekt. Also greifen wir zum Hammer und klopfen erst vorsichtig, dann jedoch mit dem angemessenen Schmackes bei den Kniepern an.

knieper_danach Relativ fix hat man den Dreh raus. Dann reicht ein solider Hieb mit dem Hammer auf die korrekt anvisierte Schwachstelle des Panzers und selbiger ist zertrümmert. Da sind auch die Kinder schnell dabei. Trauen Sie sich ruhig. Geben Sie den Hammer einfach mal aus der Hand. Der Nachwuchs macht das dann schon und schlägt einfach zu. Passen Sie jedoch auf, ihnen den Hammer danach wieder wegzunehmen und geben Sie den Kleinen noch den Tipp mit auf den Weg, dass der Trick bei Nudelgerichten nicht so gut funktioniert. Man möchte schließlich seinem Erziehungsauftrag gerecht werden, so ist’s ja nicht.

Das, was nach dem Zertrümmern und dem Auflesen der Schalenrestteile übrig bleibt, ist übrigens erstaunlich genießbar. Das ist Seafood vom Feinsten. Ganz ohne knorpelige Extravaganzen. Man kann’s einfach essen. Es ist kein Verbrechen, das ebenfalls gereichte Brot trotzdem zu verspeisen. Das passt durchaus. Nur wozu die zwei Alibi-Salatblättchen gedacht sind, das hat sich mir nicht erschlossen. Aber auf hoher See und beim Essen: Da dürfen ruhig ein paar Fragen ungeklärt bleiben.

Das große Dilemma an dem ganzen Spaß ist übrigens ein ganz anderes: Man frönt ihm am Besten direkt auf Helgoland, bei Rickmers zum Beispiel. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll das Scherenkrachen demnächst auf das Hamburger Festland exportiert werden. Da kann es sich eigentlich nur noch um Jahrzehnte handeln, bis wir auch direkt in den Südstaaten in diesen Genuss kommen. Wir sind hier schließlich eine prima Küstengegend, wenn auch südlich der Elbe.