Was man von einem Poetry Slam lernen kann

Die Zeiten sind hart geworden. So kann man beispielsweise bei quasi jedem beliebigen Stammtisch nachfragen und erfährt dort, dass die Kinder in der Schule heutzutage nichts mehr lernen. Also zumindest lernen sie nichts brauchbares mehr. Korrektes Schreiben, zum Beispiel, ging früher nach einem Monat Schule direkt ins Blut. Ab dem zweiten Monat konnten wir alle Romane schreiben. Möglicherweise nur nach Diktat, das aber fehlerfrei. Heute hingegen dürfen die Kinder in der Schule machen, was sie wollen, Hauptsache, es sieht entfernt nach Buchstaben, Worten und ganzen Sätzen aus. So sieht er aus, der Untergang des Abendlandes. Und wer es nicht glaubt, fragt bitte seinen örtlichen Stammtisch.

Den hat Christian Fischer offenbar nicht. Das ist jemand, der nicht nur eine eigene Meinung hat, sondern diese auch gern ins Internet schreibt. Sachen gibt’s, man glaubt es gar nicht. Zur Rechtschreibmode hat er eine solche Meinung und sagt sie in recht klaren Worten. Mit erstaunlich korrekter Orthographie und selbst die Satzzeichen sehen wohlplatziert aus. Inhaltlich sagt er, dass zwischen früher und heute respektabel viel Zeit vergangen ist, man möge das doch bitte beachten. Und als wäre das nicht schon genug, stimmt Herr Buddenbohm ihm auch noch zu. Zustände sind das. Nächste Woche geben beide bestimmt zu, dass sie heimlich immer gemeinsam etwas Trinken gehen.

Weiterhin schreiben beide noch, dass man doch einfach mal abwarten könne. Mal sehen, wie es am Ende der Schule so aussieht mit dem Nachwuchs und seinen Schreibkünsten.

Aber wer möchte schon warten? Eben. Ich auch nicht. Also habe ich mich kurzerhand zum Auftakt des BW Slam einladen lassen. Das sind die lokalen Landesmeisterschaften im Poetry Slam. Es stehen also Leute auf einer Bühne, die dort um die Wette eigene Texte vortragen. Gelegentlich singt auch mal jemand. Aber selbst das ist dann meist Sprechgesang und zwar selbstgedichteter. Die Akteure sind dabei oft respektabel jung. Bei ihnen ist die Schule noch nicht sehr lange her. Sie machen zumindest nicht den Eindruck, schon vor dreißig Jahren das Schreiben gelernt zu haben. So alt müssen sie nämlich erst noch werden.

Als passiver Zuhörer, mit meinem Stammtischbier in der Hand, stelle ich fest: Diese Texte sind Kunst; diese Texte haben Esprit; diese Texte sprühen vor Witz; diese Texte spielen mit Dialekt. Diese Texte hätte ich selbst so gut nicht hinbekommen. Wie ärgerlich.

Leider wurde alles frei vorgetragen. Ob die Texte vorher jemals in korrekter Rechtschreibung auf dem Papier oder im Rechner standen, kann ich somit gar nicht sagen. Was ich aber sagen kann: Es ist vollkommen egal. Solange derart feine Reime und so kurzweilige Wortkunst dabei heraus kommt, können die Autoren ihre Ideen von mir aus auch mit kleinen Bildchen aufmalen.

Der Untergang des Abendlandes sieht auf jeden Fall anders aus.

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