Leserunden-Prämiere

Machen wir doch mal etwas ganz anders. Machen wir doch mal eine Leserunde mit. So etwas gibt es regelmäßig auf Lovelybooks. Und während die veranstaltenden Verlage und Autoren darauf hoffen, hier ganz große Leserscharen zu gewinnen und top Rezensionen quasi en passant zu ergattern, dienen diese Veranstaltungen auf der anderen Seite gern dazu, einfach kostengünstig an die Lektüre zu kommen.

Davon sind wir hier natürlich völlig frei. So leicht sind wir nicht zu haben. Oder anders gesagt: Natürlich bin ich käuflich, aber für den Nachschub an Lektüre habe ich zum Beispiel mein mikrotext-Abo. Schon dessen Lieferungen schaffe ich kaum zu lesen. Da trifft es sich gut, dass der Verein seine erste Leserunde veranstaltet. Es geht um Mein Akku ist gleich leer, einem Dialog zwischen Faiz und Julia Tieke. Da bin ich doch gern dabei. Auch wenn die Autoren-Dame offenbar keine Homepage hat. Sachen gibt’s, es ist schwer zu glauben. Man macht was mit.

Und man macht das, selbst wenn es schon wieder um so ein aktuelles politisches Thema geht. Auch, wenn es schon wieder um diesen IS geht. Dazu hat Zoe Beck kürzlich erst solide vorgelegt. Hier kommt der nächste Text hinterher. Immerhin ist es ein kurzer. Ich habe ihn tatsächlich innerhalb der geplanten Woche der Leserunde geschafft. Nur viel dazu schreiben konnte ich auf dieser Lovelybooks-Plattform nicht. Das war schlicht nicht drin. Man kommt schließlich zu nichts. Schlimm ist das. Und ich bin dem Social Reading offenbar nicht gewachsen. Was will man machen?

Außer, sich im Nachgang so richtig in Ruhe Zeit zu nehmen, um seine Eindrücke aufzuschreiben. So, wie hier. Und das Ergebnis lautet: Aha, so sieht also die Fortsetzung der klassischen Sammlung eines Briefwechsels aus.

Briefe entstehen gemeinhin nicht mehr per Hand, mit dem Füllhalter auf Papier getröpfelt. Statt dessen tippen wir. In den Rechner oder das Smartphone. E-Mails entstehen. Oder – wie in diesem Fall – Facebooknachrichten. Warum auch immer jemand lieber Facebooknachrichten als E-Mails schicken sollte. Bequemer ist das nicht. Aber sei es drum. Immerhin erlauben letztere, dass der Austausch etwas Dramatik dadurch gewinnt, dass der automatisch von Facebook bestimmte Standort des einen Briefeschreibers nicht mit dem übereinstimmt, den er selbst angibt. So entstehen Konflikte. Vor allem, wenn dieser Jemand auf der Flucht ist, ohne Papiere, mit der gastunftreundlichen Politik auf der einen Seite und dem IS auf der anderen.

Die Konflikte der Erzählung verstärken sich auch dadurch, dass die Texte kürzer werden. Da bleibt kein Platz für überragende Kontemplationen. Da wird aus der Situation heraus geschrieben und argumentiert. Da schwingen Gefühle und Antipathien mit, die nicht klar ausgedrückt, sondern nur angedeutet werden.

Am Ende entsteht ein lückenhafter Text. Hier gibt’s eine dramatische Geschichte, deren Hintergründe man sich selbst denken darf. Es ist wirklich sehr anders als die klassischen Briefwechsel der großen Denker, wie sie gelegentlich als Coffee-Table-Books herumliegen. Hier bekommt man beim Lesen keine umfassende gesamtgesellschaftliche Betrachtung einer politischen Situation. Statt dessen wird man eingeladen zum Selberdenken.

Kann man mal machen. Nur zu.