Party. Oder: Wasser oben, Wasser unten

Der Sohn war unterwegs. Wilder Partyhengst, wie er es nunmal ist, hat er einen Geburtstag gefeiert. Ein Kumpel von ihm wurde fünf. Und der Rest der Clique war auch dabei. Was kann es Schöneres geben als eine Horde wild gewordener Halbstarker, die ganz ohne zierlich zurückhaltende Prinzessinnenmädchen ein rauschendes Gartenfest feiern? Eben. Da stört es noch nicht einmal, dass es mehrere Male am fraglichen Nachmittag recht unbescheiden geregnet hat. Wolkenbruch nennen es die einen, quasi Hagel sagen andere. Der Sohn und seine Gang, sie sagen nur: super! Und sie machen, was es an so einem Tag nunmal zu machen gilt: Sie spielen, sie laufen, sie rutschen. Mal draußen, mal im Zelt, mal im Regen. Papa, die Rutsche war nass. Aber nur am Anfang. Nach uns dann nicht mehr. – sagt der Sohn. Den Satz mit der Sintflut denke ich mir nur und sage lieber nichts. Was soll ich mich groß einmischen? Die Jungs hatten die Lage ganz offensichtlich gut im Griff. Ich sitze hier und staune noch immer, wie der Sohn es geschafft hat, vollkommen trocken und mit unbenutzten Wechselsachen wieder nach Hause zu kommen.

Es wundert sicherlich niemanden, dass die Jungs natürlich auch noch den Grill angeworfen haben. Es war schließlich ein Gartenfest. Das muss man ausnutzen. Da draußen in der freien und wilden Natur können die kleinen Kerle das wahre Leben kennenlernen. Immer nur militant in der Stube hocken, mit dem Rechner auf dem Schoß: das bringt’s einfach nicht. Der Sohn sagt zum Thema übrigens nur ganz lapidar: Papa, so mit Regen ist es gar nicht einfach, Feuer im Grill zu machen. Ach, sag bloß. Da brauchst Du einen kräftigen Puster!, wirft er noch hinterher.

Gut, dass wir das geklärt haben. Ich weiß gar nicht, wie er solche Sachen von mir lernen könnte. Man muss die Kinder wirklich auch mal allein raus lassen, damit sie sich entfalten können. Der häußlichen Enge entflohen, lernen sie, wie die Welt da draußen wirklich tickt. Man stelle sich vor, immer nur behütet, behätschelt und betätschelt zu werden. Ausschließlich von Schreibtischtätern erzogen: ein Horror. Da muss man einfach mal die Leine etwas lockerer lassen und den Kindern ihren wohlverdienten Freiraum geben. Davon verderben sie nicht gleich. Ganz im Gegenteil: all die feinsinnigen Akzente, die man selbst als Teil der Erziehung so gesetzt hat, können sich draußen in freier Natur erst so richtig entfalten.

Plötzlich fällt dem Sohn noch etwas ein: Und Papa, weißt Du was?

Ich: Bestimmt, aber was meinst Du denn?

Sohn: Auf der Toilette, da im Garten, konnte man im Stehen Pipi machen!

Tja, was halt wirklich zählt, wenn Männer mal so richtig wild feiern.

Ganz langsam

Das Leben mit Kindern bleibt spannend. Zweifel hatten wir daran natürlich nie. Beweise gibt es trotzdem immer wieder neu. Oft auch ungebeten. Zum Beispiel dann, wenn der Sohn nicht nur Fieber sondern auch irgendwelche Punkte am ganzen Körper und Beläge auf der Zunge aus der Kita mitbringt. Scharlach nennt sich das Ganze. Wollte niemand haben. Hat er trotzdem nicht dort gelassen.

Am ersten Tag war das wohl auch noch ganz unterhaltsam. Alle haben sich rührend um ihn gekümmert und er hatte nicht nur die Couch für sich allein, sondern auch den Rechner. Zumindest eine Zeit lang. Das gibt’s nicht so oft. Papa, bin ich jetzt ganz lange krank? hat er gefragt. Na, hoffentlich nicht. habe ich geantwortet. Er hat mich verständnislos angeguckt. Quasi um ihm zu zeigen, wie unelegant das nach außen tatsächlich aussieht, sind wir als Eltern wenige Tage später einfach auch geschlossen umgekippt. Scharlach nennt man das dann wohl nicht mehr. Die Ärztin meint, es ist dann eine Art Angina. Ist mir – ehrlich gesagt – egal. Es fühlt sich scheiße an. Da muss man gar nicht viel schönreden.

Ein Trost im ganzen Dillemma ist dann, wenn man lernt: Kinder unter drei Jahren bekommen noch kein Scharlach. Wusste ich vorher nämlich nicht. Stand dann aber in irgend so einem Internetforum. Stimmt offenbar trotzdem. Die Tochter war hier im Haus somit “last man standing.” Unser Supergirl. Zu anderen Zeiten wäre ich stolz auf sie gewesen. So habe ich nur mit großer Latenz ihren Bewegungsdrang bewundern können.

Stellen Sie es sich ganz schlicht etwa so vor: Sie liegen auf der Couch, die der Sohn natürlich vorher räumen musste. Die Tochter rennt laut schreiend an Ihnen vorbei. Sieht, dass die Balkontür offen ist und brüllt glatt noch lauter, wahrscheinlich hat sie draußen eine Katze gesehen. Das Supergirl stürmt weiter, leiser wird sie nicht. Ziemlich fix ist sie nicht nur auf dem Balkon sondern auch die paar Stufen herunter, die von dort in den Hof führen. Sie merken während der ganzen Aktion nur: irgendwas stimmt hier nicht. Nach vollkommen aufgebrauchter Latenzzeit fällt Ihnen auch auf, was es ist: diese Stufen, da am Ende vom Balkon, die sind doch viel zu hoch für die Tochter. Die kann sie noch gar nicht allein herunter gehen. Supergefährlich. Panik! Sie aktivieren irgendwelche Kräfte, die Sie gar nicht mehr haben und schleichen hinterher. Am Ende des Balkons gucken Sie sich um, die Tochter ist nicht zu sehen. Sie gehen vorsichtig die Stufen herunter, halten sich dabei natürlich sorgfältig am Geländer fest. Unten angekommen sehen Sie dann das Kind im Sandkasten sitzen und fröhlich vor sich hin buddeln. Der Schweiß läuft von der Stirn. Und zwar von Ihrer. Gelegentlich fragen Sie sich, ob der wirklich nur vom Fieber kommt.

So läuft’s übrigens nur am ersten Tag. Am zweiten Ihres eigenen Dilemmas wird der Sohn langsam wieder fit. Es ist wohl das Ergebnis irgendwelcher Drogen, über die wir hier lieber nicht weiter reden. Dafür sieht das Bild jetzt so aus: Sie liegen immernoch auf der Couch. Zwei Kinder rennen gröhlend an Ihnen vorbei. Und Sie wünschen sich nur noch, einfach die Augen schließen zu können, um den nahen Weltuntergang nicht mit ansehen zu müssen. Am Ende des Tages stellen Sie nur fest, dass Sie keine Ahnung haben, wie er eigentlich vorüber gegangen ist, dass die Kinder total glücklich den halben Sandkasten in die Wohnung getragen haben und vollkommen tiefenentspannt eingeschlafen sind.

Es bleibt als kleiner Tipp für Eltern: Werden Sie ruhig mal krank. Da lernen Sie ihre Kinder aus einer vollkommen neuen Perspektive kennen.

Feierabend

So ein Feierabend ist etwas Feines. Da kommen der Reihe nach alle nach Hause. Die einen von der Arbeit, die anderen aus der Kita. Und gemeinsam wird der Tag ausgewertet. Was gab’s überall jeweils so zum Mittag? Wer hatte vielleicht etwas Spaß an besonders unterhaltsam peinlichen Auftritten der jeweiligen Spielkameraden? Gemeinsam gebaute Sandburgen? Wasserspiele? Ausflüge? Es sind die wirklich essenziellen Fragen des Lebens, die an so einem Feierabend im trauten Kreis der Familie geklärt werden.

Wenn denn alle mitspielen. Was bei den Kindern keineswegs garantiert ist. Auf die Frage Wie war Dein Tag? Was habt Ihr denn in der Kita heute so gemacht? antwortet der Sohn gern mit: Sag’ ich Dir nicht. Hättest ja die Erzieherinnen fragen können. Tja, ein Vierjähriger müsste man sein. Dann klappt’s auch mit den egalitären Antworten. Eltern sind schließlich verständnisvoll. Mit denen kann man’s ja machen. Das denkt auch die Tochter und antwortet auf die gleiche Frage mit einem lapidaren: Ja, toll. Viel wichtiger scheint es ihr nämlich zu sein, sich den Weg zum Kühlschrank frei zu boxen, um die trockene Kehle mit einem beherzten Schluck aus der kühlen Milchtüte zu bekämpfen.

Kinder zu haben kann ich nur empfehlen. Denn über die großen Dramen der Weltgeschichte macht man sich auf einmal gar keinen Kopf mehr. Weltfrieden? Lächerlich. Man scheitert lieber schon an den kleinen Fragen des Alltags. Vorübergehend zumindest, denn wenn man bei der Abendtoilette am Wickeltisch feststellt, dass die Tochter in ihrem Body nicht nur den üblichen Sandkastensand gehortet hat, sondern auch ein paar Taschentücher, etwas Spielplatzrindenmulch und ein vierblättriges Kleeblatt, dann gilt für den Tag wohl: Ja, toll.

Zuhören will halt auch gelernt sein.

Berufswunsch (14)

Es soll Leute geben, die fangen schon in frühester Jugend an, ihre Karriere zu planen. Da wird der Lebenslauf getrimmt, dass einem schwindelig wird, wenn man nur davon zu hören bekommt. Wir kennen sie alle. Es sind die Kinder, bei denen man schon den Eltern ansieht, dass der Ernst des Lebens wahrlich kein Spaß ist. Sie sind gehetzt, gestresst und ständig aus der Puste. Dabei verwalten sie nur den Terminkalender der Kinder. Die eigentliche Arbeit machen die Kleinen. Schwimmen, Reiten, Chor, Fremdsprachennachhilfe und Kunsterziehung machen da nur den Anfang. Die richtig ernsten Berufsvorbereitungskurse gehen erst los, wenn die Kleinen erstmal drei Jahre alt geworden sind.

Dabei ist das alles natürlich gar nicht nötig. Wenn wir mal ganz ehrlich sind, wissen wir es doch viel besser. Alles, was wir tun müssen, ist: Augen auf und gucken, was der Nachwuchs besonders gut kann. Diese ganz persönlichen Stärken fördert man dann zielgerichtet. Da braucht es gar nicht viel. Etwas Zuspruch hier, einen Akzent gesetzt dort. Und schon nehmen die Dinge ihren Lauf und die Entwicklung des Überfliegers geht sprichwörtlich ab wie eine Rakete. Wie gesagt: Alles, was man dafür braucht ist ein offenes Auge im richtigen Moment.

Zum Beispiel bei der abendlichen Routine im Bad. Der Sohn ist schon vorgegangen. Angeblich, um sich die Zähne zu putzen. Freiwillig, quasi. Ich weiß zwar nicht, wie er ausgerechnet heute auf diese Idee gekommen ist, aber wenn der Nachwuchs mal freiwillig macht, was man jahrelang allabendlich gebetsmühlenartig vorgeträgt, dann stellt man nicht viele Fragen. Dann ist man dankbar. Und reißt erwartungsfroh die Badtür auf, um den Sohn freudestrahlend zu seinen großen Taten zu beglückwünschen. Positives motiviert. Also: Tür auf und – Augen ebenfalls, ganz weit sogar. Denn mitten im Bad steht der kleiner Mann, mit freiem Oberkörper, auf seinem Hocker. Er hat sogar die Zahnbürste in der Hand. Jedoch weniger zum Putzen sondern vielmehr als Ersatz für einen Dirigentenstab. Er schwingt sie hoch, er guckt, und er singt mit langsam aber stetig ansteigender Lautstärke:

Eine Fliege war nicht dumm,
sie flog mit viel Gebrumm
um’s rote Pferd herum.
|: Da hat das rote Pferd
sich einfach umgekehrt
und hat mit seinem Schwanz
die Fliege abgewehrt.
Die Fliege war nicht dumm,
sie flog mit viel Gebrumm
um’s rote Pferd herum. :|

So geht es eine Weile. Und nur mit Mühe kann ich dem ekstatischen Künstler seinen Dirigentenstab entreißen, um etappenweise seine Zähne zu polieren.

Zähneknirschend ist mir eines klar geworden: Der Sohn wird mal ein großer Star in der Partykracherszene. Und wer jetzt sagt, dass in dem Text ein summ, summ fehlt, der bekommt es mit seiner kleinen Schwester zu tun. Sie hat sich nämlich vorhin schon als Türsteherin bewährt.

Vielleicht sollte ich mich mal nach einer Balettschule umschauen.


Flattr this

Von Zimmern und Farben

Papa, fragt der Sohn, wohnen wir jetzt wirklich alle in diesem Zimmer?

Ich: Ja, mein Sohn. Wir sind hier in einem Hotel. Da ist das durchaus üblich so.

Er: Cool.

Als sorgender Elter fragt man sich dan dieser Stelle natürlich, was genau dieses Cool jetzt wohl bezeichnet. Aber fragen lohnt sich nicht. Der Sohn würde es eh nicht auflösen. Ich spreche da aus Erfahrung. Versuchen Sie mal, die Hintergründe einzelner Phasen von sprachlichen Exzessen eines Vierjährigen aufzudröseln. Sie werden verstehen, was ich meine.

Auf jeden Fall stecken wir in einem Hotel, in Hamburg, noch bevor die Klassenfahrt wirklich los geht. Und dieses Zimmer in dem Hotel, in dem wir alle wohnen, also gemeinsam, die ganze Familie, wie aufregend, alle zusammen, also – dieses Zimmer ist eine super Bude. Vielleicht steht deswegen auch Superbude draußen dran. Wer weiß das schon? Zusammenhänge gibt’s ja, an die glaubt man fast gar nicht. Die Bude ist übrigens nicht nur super, sondern auch ganz in Rot gehalten. Alles rot. Fußboden, Wände, Decke, Einrichtung, Bad, Hocker: alles rot. Immer irgendwie ein wenig anders, aber rot. Die Dame des Hauses hat insgesamt tatsächlich sechs verschiedene Rottöne gezählt. Und da sie sich sowohl mit Farben als auch dem Zählen verdammt gut auskennt, wird das stimmen. Und man mag’s kaum glauben, aber das Gesamtbild wirkt: super. Sehr wahrscheinlich ist das ein Wort, welches der Sohn noch nicht kennt. Prompt nennt er es statt dessen schlicht: Cool. Kann ja alles sein.

Wir fahren trotzdem wieder weiter. Bude hin oder her, super – klar: alles toll. Aber Klassenfahrt ist Klassenfahrt. Und da kann man nicht einfach schwänzen und sagen: Ach, weißt Du, ich bin lieber die ganze Zeit in meiner Bude geblieben und habe mich am coolen Spiel der Farben erfreut. So geht das nicht. Wo kämen wir hin? Eben. Also: Klassenfahrt. Und wir wissen ja, was das bedeutet: rauf auf die Insel und ab in das nächste Hotel.

Der Sohn fragt ganz erstaunt: Wohnen wir hier schon wieder alle zusammen?

Ich: Ja klar. Ist ja ein Hotel.

Sohn: Aber es ist doch gar nicht rot?

Stimmt, hier dominiert eher Blau. Das hat er gut erkannt. Inselblau, sage ich mal, aber vielleicht ist’s auch irgendein anderes Blau. Andere kennen sich da besser aus. Auf jeden Fall ist rund ums Blau charmant minimalistischer Retrochic aus den 60ern zu finden. Das passt wirklich gut, man muss einfach nur Glück haben mit der Wahl des Hotels, auch wenn der Sohn glatt fragt: Aber wo sollen wir hier spielen? Die Antwort ist klar, denke ich: Draußen, mein Sohn. Da gibt es auch mehr Strand. Das hat ihn überzeugt. Und was man da draußen tatsächlich so alles anstellen kann, hat die Klassenlehrerin bereits protokolliert. Ich fasse es mal schlicht zusammen mit: alles super, macht aber müde. Und hat irgendwann ein Ende. Man glaubt’s ja kaum, stimmt aber. Also zurück. In die Bude. Als Eltern denken wir uns: Was am Anfang der Reise passt, kann am Ende nicht verkehrt sein. Es ist schließlich eine Superbude, was soll da schon schief gehen? Die Kinder fanden’s schon beim ersten Mal toll, was will man mehr? Sie haben gespielt, fast so schön wie zuhause. Es ist ein garantierter Treffer. Wir sollten niemals Lotto spielen, denn alles Glück ist schon verbraucht.

Nur ist das Zimmer dieses Mal keineswegs rot, sondern: grün. Wir kommen rein, wir finden’s toll. Wir können’s gar nicht glauben, so schön ist es. Nur der Sohn guckt sich kurz um, stellt sich in der Mitte des Raumes ganz ruhig hin und stellt fest: Grün ist nicht meine Lieblingsfarbe. Ich will lieber das rote Zimmer. Hier schlafe ich nicht.

Geh’ auf Reisen, heißt es. Da erlebst Du was, heißt es. Das stimmt wohl, sage ich.

Apart auf Helgoland

Wenn man früh am Morgen mal so richtig hemmunglos alle verfügbaren Gummibärchen auf dem Boden einer Fähre verteilt und wenn man spät am Abend eine Pfeffermühle mit Schmackes auf einen Windbeutel wirft, dann ist man wohl auf Klassenfahrt.

Señora Bogdan und Señor Buddenbohm haben als Klassenlehrer einen Ausflug nach Helgoland organisiert und einen Stapel Schüler eingeladen, die während des Unterrichts sonst in das Internet schreiben. Auch wenn nicht alle davon unkontrolliert mit Süßigkeiten und Gewürzwerkzeugen um sich werfen, ist das erwartungsgemäß ein Haufen, den man nur schwer zügeln und zusammenhalten kann. Also haben die Lehrer clevererweise das aparte Aparthotel Klassik Helgoland als Absteige arangiert. Das ist von außen maritim blau und von innen klassisch stilvoll. Damit bändigt man auch den aufmüpfigsten Schüler. Und dass wir gerade alle auf einer Insel sind, hilft natürlich enorm dabei, Moral, Ordnung und Benehmen im Griff zu behalten. Denn was sollen wir machen? Weg kommen wir eh nicht. Da können wir also ruhig mal so tun, als wüssten wir uns zu benehmen. Für die Dauer der Klassenfahrt zumindest.

Jetzt gehe ich aber erst einmal gucken, ob ich noch etwas finde, was weder niet- noch nagelfest ist. Mal gucken, was sich dann damit so anstellen lässt.

Aus dem Regal: Suna von Pia Ziefle

Nachdem offenbar schon alle dieses Buch gelesen und darüber geschrieben haben, sagte ich zum Sohn: Sohn, sagte ich, Sohn, geh mal bitte zum Regal und hole dieses Buch heraus. Das lesen wir jetzt auch. Er hat’s dann geholt, aber da erstaunlich wenig Bilder drin sind (gar keine!), durfte ich es für mich behalten. Und hab’s gelesen.

Es ist die Geschichte einer Familie. Einer fremden Familie, die man stückweise kennenlernt. Das Erste, was aber gleich mal passiert ist, dass man sich fragt: Warum? Denn mal ganz ehrlich: Warum sollte man die Geschichte einer fremden Familie lesen? Eine Geschichte, bei der es um Leute geht, die man gar nicht kennt. Als hätten wir nicht schon mit unserer eigenen Familie genug zu tun, sollen wir uns hier jetzt auch noch um die anderer Leute kümmern. Wie unsinnig, oder? Nun, das ist es nicht, wenn diese Geschichte zum einen so charmant erzählt ist, wie diese hier. In der die bescheiden zurückhaltende Rahmengeschichte vom kleinsten Kind des Clans erzählt, das in der Nacht nicht schlafen kann. Aus Solidarität bleibt die Mutter mit wach und erzählt der kleinen Dame Geschichten. Die nämlich – zum anderen – von einer spannenden Familie handeln. Sieben Nächte braucht’s, bis sowohl das Kind als auch der Leser die ganze Sippe kennen lernen. Und es sind sieben Nächte, die sich lohnen. Das ganze Konglomerat wird mehr oder weniger europaweit zusammengewürfelt. Dramen spielen sich da ab. Schicksale entstehen. Wunder geschehen. Der ganz normale Wahnsinn breitet sich aus. Es ist faszinierend. Wahrscheinlich auch aus einem ganz profanen Grund: So aufregend leben wir selbst nicht. Machen wir uns mal nichts vor: Unsere eigene Familiengeschichte ist viel langweiliger als das, was Señora Ziefle hier beschreibt. Überschaubarer auch. Es siegt der Voyerismus. Er zieht einen durch das Buch. Und man hat noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei. Im Gegenteil: Es könnte noch eine Weile so weitergehen. Man möchte immer weiter lesen. Auch wenn es unklar erscheint, wie das Kind bei diesen Geschichten in den Schlaf finden soll: Man gönnt ihr mehr davon, denn dadurch würde man es selbst auch bekommen.

Es ist ein wahrer Seitenwechsler.

Und falls ich tatsächlich doch nicht der Letzte gewesen sein sollte, falls Sie dieses Buch wirklich noch nicht selbst gelesen haben: holen Sie es nach! Gehen Sie in einen Buchladen und kaufen es sich, gehen Sie zu Amazon und kaufen es dort, laden Sie sich bei Freunden auf einen Kaffee ein, holen das Buch aus dem Regal, bewundern es angemessen und leihen Sie es sich dan aus. Alles egal. Machen Sie’s, wie es Ihnen passt. Aber: Lesen Sie dieses Buch. Es wird Sie traurig machen und es wird Sie glücklich machen. Denn es ist ein wunderschönes Buch.

Osterhasi

Wer seinen Kindern immer noch Märchen erzählt, wer ihnen sozusagen einen Hasen aufbindet und sagt: Osterhase? Gibt’s nicht. Das hat sich alles nur jemand ausgedacht. Keine Ahnung, was der Quatsch soll. – der sei eines besseren belehrt. Denn selbstverständlich gibt’s den Osterhasen. Und wenn man mal so richtig früh aufsteht, dann kann man ihn auch sehen. Hier zum Beispiel:

Osterhasi

Damit ist das Thema hoffentlich geklärt, ja?

Frohe Ostern!

Berufswunsch (13)

Es ist spät am Abend. Die Kinder sind im Bett. Eine von beiden schläft auch tief und fest, nur beim großen Bruder herrscht keine Ruhe. Ihn treibt etwas um. Er ruft laut: Papa! – da gibt es wohl etwas zu klären. Ich gehe ruhig hin, damit wir das regeln können. Ganz unter Männern. Und kaum bin ich zur Tür rein, platzt es schon aus dem Sohn heraus: Papa, stimmt’s: statt “Diebe” oder “Räuber” darf man auch “Einbrecher” sagen?

Ich: Ja, klar! Aber hier sind keine, Du kannst ruhig wieder einschlafen.

Sohn: Oder “Wegnehmer!”

Ich: Wegnehmer?

Sohn: Ja, Wegnehmer! Sie nehmen einem ja etwas weg.

Ich: Alles klar, mein Schatz. Wegnehmer darfst Du sie auch nennen. Aber jetzt wird geschlafen. Gute Nacht.

Sohn: OK, Papa. Gute Nacht.

Und noch im Herausgehen höre ich ihn ein weiteres Synonym vor sich her brubbeln: Gangster!

Tja, was soll ich sagen? Am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Kita, stellen wir fest: es fehlt tatsächlich das Radio im Gefährt.

Ich sag’s mal so: Der Sohn wird später ganz sicher ein Omen. Nur an seiner Vermarktungsfähigkeit muss er wohl noch arbeiten.

Aus dem Regal: Marmelade im Zonenrandgebiet von Maximilian Buddenbohm

Cover: Marmelade im Zonenrandgebiet Im normalen Leben schreibt der Herr Buddenbohm ein Blog. Herzdamengeschichten steht draußen dran. Drin gibt’s jedoch meist etwas über zwei Kinder. Als wär’ das nicht per se schon schlimm genug, nimmt er diese Texte manchmal, schleift noch ein wenig daran herum, presst sie schließlich zwischen zwei Deckel und nennt das Ergebnis: Buch. Wiederholt. Unerhört.

Denn sind wir doch mal ganz ehrlich: Wer will schon immer nur Geschichten über Kinder lesen? Die Kleinen machen dies, die Kleinen machen das; guck mal – wie lustig, was haben wir gelacht; bitte ruhig weiter geh’n, hier gibt’s nichts zu sehen. Irgendwann reicht’s.

Das hat sich offenbar auch Herr Buddenbohm gedacht und jetzt glatt mal ein Buch über einen Erwachsenen geschrieben: sich selbst. Endlich mal etwas Solides, Bodenständiges, Ernstes. Es ist ein Buch voll mit Fragen, die jeder von uns unmittelbar nachvollziehen kann. Es geht um die großen Dinge des Lebens. Also um die Studienwahl und die Suche nach einer Frau. Und das Allerbeste ist: Die Antworten gibt’s auch. Im Buch. Also kann ich nur eines empfehlen: Zugreifen! Kaufen, Holen, Selbst-lesen. Nachdem wir in den ersten Büchern des Schriftstellers mit dem Kinderkram konfrontiert wurden, erfahren wir hier endlich alles über seinen ganz eigenen Werdegang. Wir bekommen tiefe Einblicke in seine Vergangenheit. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Er macht sich quasi nackt. Nichts ist tabu. Alles wird geklärt.

Nur eine Frage bleibt am Ende doch offen: Was wurde eigentlich aus Wiebke?