Aus dem Regal: Der Brenner und der liebe Gott von Wolf Haas

Krimis muss man lesen. Es werden viel zu wenig Krimis auf dieser Welt gelesen. Soviel steht auf jeden Fall fest. Also ab, Krimi geholt. Auf Empfehlung sogar. Da kann ja kaum noch etwas schief gehen.

Cover: Wolf Haas - Der Brenner und der liebe Gott Außer natürlich man erwischt ausgerechnet einen österreichischen Autoren. Aber warum eigentlich nicht mal einen Autor aus Österreich ausprobieren? Man muss auch mal etwas wagen. Nicht immer nur in eingefahrenen Strukturen lesen. Nicht immer nur Hamburger Autoren wegblättern. Also Wolf Haas. Ein Krimi. Auf Österreichisch. Und ich sage mal lieber nicht mehr zur Sprache im Buch. Es wäre sicher unqualifiziert.

Außerdem sind wir doch mal ehrlich: Wen interessiert schon die Sprache bei einem Krimi? Spannend muss er sein. Die Fetzen sollen fliegen. Zur Sache geht’s, da liegt der Witz. Und dem wird die Geschichte durchaus gerecht. Es ist nicht gerade das am schnellsten erzählteste Drama dieser Welt. Aber da wollen wir mal nicht so sein. Es scheint nämlich Absicht. Das respektieren wir. Und immerhin gibt’s nicht nur Tote, sondern auch Bestechliche, ins Güllefass Geworfene und falsch Beschuldigte. Das passt schon für einen Krimi.

Aber jetzt mal unter uns: Was soll der Quatsch mit diesem typischen Ende? Dieser Schluss, bei dem der furchtbar Böse dem großen Aufklärer in einem epischen Monolog haarklein das ganze Drama schildert? Gibt’s ja öfter in Krimis. Gibt’s vielleicht sogar immer in Krimis. Verstehen wir sie sonst nicht, oder was? Es ist auf jeden Fall eine Unsitte. Und es gibt sie auch hier. Fragen bleiben am Ende auf keinen Fall offen. Das wird sichergestellt. Wirklich haarklein auch den letzten denkbaren Zweifel aus dem Weg schreibend. Kleinkindkompatibel. Das ist natürlich furchtbar beruhigend.

Nur ein Buch muss man dafür nicht extra lesen. Auch keinen Krimi.

Männer, die auf Wasser starren

Männer, die auf Wasser starren

Wir machen einen Ausflug. Und damit es nicht langweilig wird, hatte der Sohn die Idee, auch die beiden Damen des Hauses mitzunehmen. Verrückt, der Junge. Aber acht Augen sehen bekanntermaßen mehr als vier. Also ist das eine weise Entscheidung.

Wir zählen dann jetzt mal Boote.

Das Verhandlungskonzept

Es gibt wenig geschenkt im Leben. Überall regieren die Egozentriker. Wer in diesem Umfeld auch mal etwas abbekommen möchte, muss knallhart verhandeln können. Ohne grundfestem Expertenwissen über das Harvard-Konzept ist man quasi nicht mehr überlebensfähig. Es reicht nicht mehr aus, eine eigene Meinung und einen Willen zu haben. Wenn man sie nicht in Kompromissen gegenüber den Mitmenschen durchsetzen kann, sind beide vollkommen wertlos. Es ist schlimm. Ein Glück nur, dass wenigstens die Kinder von dieser grausamen Realität verschont aufwachsen können. Friedlich im Schoß der Familie werden sie groß. Sie dürfen nicht nur Wünsche haben, sondern bekommen diese erfüllt, bevor sie auch nur ansatzweise zu Ende gedacht oder gar fertig ausformuliert sind.

So in etwa läuft das zumindest mit den Eltern. Bei der kleinen Schwester beziehungsweise dem großen Bruder müssen sie jedoch selbst ran. Da ist knallhartes Verhandlungsgeschick angesagt, wenn sie vom jeweiligen Gegenüber etwas wollen.

Man kann die sich hierbei entwickelnden Strategien sehr gut beim Sohn beobachten. Er ist der große Bruder. Er hat das Sagen. Das ist ganz natürlich so. Wer soll die kleine Schwester erziehen, wenn er es nicht macht? Er trägt eine große Verantwortung. Und er weiß das auch, er stellt sich dieser.

Zum Beispiel am Abend, wenn es darum geht, das Kinderzimmer aufzuräumen, damit er anschließend ruhig dort schlafen kann. Was dabei stört, sind unter anderem herumliegende Bücher. Die müssen weg. Es gibt auch einen vorgesehenen Platz dafür. Gemeinsam räumen die Kinder die Bücher dort hin. Es ist ein Traum, ihnen dabei zuzusehen. Harmonie pur. Bis sich die Tochter entschließt, doch noch ein Buch mit ins Bett zu nehmen. Sie kann sonst nicht einschlafen, meint sie. Der Sohn bekommt Panik und macht große Augen.

Aber nur ein Buch! sagt er und wehrt hier den Anfängen. Wenn es erst einmal damit losgeht, dass die Bücher in das Bett der Schwester wandern, dann sind bald keine mehr für ihn da. Er kennt die kleine Dame.

Nur ein Buch! wiederholt er noch einmal mit Nachdruck. Keine zwei Bücher!

Hier weiß jemand, was er will. Hier verteidigt jemand sein Revier. Hier sieht jemand, wie sein Gegenüber anfängt, sich die Arme voll zu laden. Zwei Bücher hat die Tochter sich heraus gesucht. Die sollen es sein. Die will sie haben. Der Sohn sieht seine Autorität untergraben. Man sieht ganz klar, wie er überlegt, mit welcher Methode er jetzt in die Verhandlungen geht. Ganz klar hat er doch gesagt, was erlaubt ist und was nicht. Zur Sicherheit wiederholt er seine Forderung noch mal: Nur ein Buch! Hörst Du? Nur ein Buch. Nicht zwei Bücher!

Das ist eine klare Ansage. Das versteht auch die Schwester. Sie wirft einen Blick auf ihre Beute. Zählt durch. Stellt fest, dass es genau zwei Bücher sind. Sie dreht um und geht zurück zum Bücherregal. Ganz offensichtlich hat sie verstanden, was der Bruder gesagt hat. Er ist der große Bruder. Davor hat sie Respekt. Auf ihn muss man hören. Ordnung muss sein. Der Sohn sieht’s. Er guckt zufrieden.

Die Tochter steht vor dem Regal. Nur zur Sicherheit, eher beiläufig wiederholt der Sohn noch einmal seine Verhandlungsposition.: Keine zwei Bücher! Sie kramt währenddessen und hat plötzlich drei Bücher in den Händen. Ganz stolz ihr Blick, die Bücher sind nicht klein. Nur mit Mühen kann sie diese halten, keine Miene verzieht sie dabei.

Der Sohn macht jedoch immer größere Augen und wiederholt mit Nachdruck: Nur ein Buch! Dann überlegt er kurz. Und sagt: Oder drei. Vielleicht: vier. Aber nicht zwei Bücher!

Die Tochter guckt ihn kurz an, nickt beiläufig und stapft mit drei großen Büchern unter dem Arm los zu ihrem Bett.

Keine zwei Bücher, sagt der Sohn und guckt zufrieden ob seines Erziehungserfolges.

Dieses Verhandlungsgeschick ist beachtlich. Als Erziehungsberechtigter sitze ich nur staunend daneben und lerne gerade: Wenn man seine Ziele genau kennt und benennen kann, dann hat man auch in den härtesten Verhandlungssituationen immer die Oberhand. Ganz ohne faule Kompromisse.

Aus dem Regal: Sachen machen von Isabel Bogdan

Wann waren Sie eigentlich das letzte Mal auf einer Party und haben dort schüchtern in der Ecke gesessen, dabei innigst hoffend, dass niemand Sie anspricht und vielleicht fragt, was Sie so für ein aufregendes Leben führen? Das ist schon länger her? Echt? Dann sind wir doch mal ehrlich: es liegt nur daran, dass Sie gar nicht mehr zu Partys gehen. Es könnte schließlich jemand kommen und fragen. Und wenn wir schon mal so ehrlich zueinander sind, gebe ich zu: Ich schreibe hier nur deswegen “Sie”, weil das “ich” irgendwie zu hart wäre. Vor allem für mich. Aber machen wir uns nichts vor: Mein Leben ist genauso langweilig wie Ihres. Da haben wir’s. Es ist ein Elend.

Cover Sachen Machen Zum Glück gibt es immer wieder goldene Nasen, die uns aus diesem Elend heraus helfen. Isabel Bogdan ist so eine. Sie hat offenbar ein großes Herz und einfach mal einen Haufen von den Sachen gemacht, von denen wir gern auf Partys berichten würden. Freiluftmusikveranstaltung in Wacken? Check. Einen Darm von innen angucken? Check. Souverän auf einer SM-Party abhängen? Check. Ein Schwein schlachten? Check. Die Ästhetik eines Windhundrennens bewundern? Check. Paddeln im Stehen? Check. Mit einem Rhönrad oder Segway fahren? Check.

Irre, was die Frau alles gemacht hat. Und unser Glück, dass man es jetzt einfach als Buch kaufen kann.

Also schlage ich vor: das nächste Mal, wenn wir uns alle nicht aufraffen können, aus dem Haus zu gehen und etwas Aufregendes zu erleben, dann holen wir uns einfach ein nettes Kaltgetränk, lümmeln uns auf die heimische Couch und stöbern im Buch Sachen machen der Dame Bogdan. Das liefert genug Stoff für souveränen Smalltalk auf den Partys des nächsten Jahrhunderts. Wenn uns überhaupt noch jemand einladen sollte, versteht sich.

Bruder!

Was eignet sich eigentlich als erstes Wort am Morgen? So ganz generell? Es muss gar nicht das Eigene sein. Sondern einfach nur eines, mit dem sich der Tag gut starten lässt, etwas Frohes, Lebensbejahendes. Etwas, wofür es sich lohnt, auch den Rest des Tages auf zu bleiben und sich nicht gleich wieder frustriert hinzulegen. Was immer es also ist, dieses erste Wort des Tages, es will wohl überlegt sein. Das kann man nicht leichtfertig in den Raum werfen. Das ist quasi Kunst.

Ich bin mir sehr sicher, dass es in den meisten Familien jemanden gibt, der allmorgendlich für diese Tageseröffnungsrede zuständig ist. Jemand, der das Ritual mit Routine beherrscht und eine glamouröse Eleganz beim Festlegen der stilvollen Basis für den Tag walten lässt. Hier ist das zumindest so. Hier macht es die Tochter. Sie steht als erstes auf, also darf sie auch das erste Wort haben. Einfache Regel. Klare Regel. Versteht jeder, die Regel. Die Tochter nutzt die Regel. Und sagt: Bruder!

Ja, Bruder! Mit Ausrufezeichen. Das muss so bei ihr. Normale Satzzeichen kann sie nicht wirklich. Ich weiß gar nicht mehr, ob das normal ist bei Zweijährigen. Meine Erinnerung sagt etwas anderes. Aber das bilde ich mir garantiert nur ein. Die Tochter wiederholt auf jeden Fall noch einmal ihre Morgenandacht, sagt laut, klar und deutlich: Bruder! Und will trotzdem ersteinmal ins Bad. Um sich dort nach ihrem geliebten Lebensabschnittsgefährten umzusehen. Welcher natürlich nicht da ist. Sie guckt sich um, sie fragt: Bruder? Sie guckt mich an und sagt: Bruder! Sie zeigt auf die Tür und stiefelt nach draußen, geht zu seinem Zimmer, streckt sich, um zu testen, ob sie vielleicht heute endlich an die Türklinke heran kommt. Sie kommt nicht, grummelt beim Strecken aber Bruder! vor sich hin. Irgendwann gibt sie auf und setzt sich hin. Mit dem Rücken zur Tür, leicht an diese gelehnt, den Kopf in den Händen, die Hände auf den Knien, ihre Stimme wird weicher, melodisch fast. Sie singt: Bruder! Mein Bruder! Hinter der Tür rührt sich nichts, da schläft jemand tief. Die Tochter geht zurück ins Bad, lässt sich von mir ihre Zahnbürste geben, macht es sich auf dem kleinen Hocker bequem und fängt an zu putzen. Das ist für gewöhnlich der Moment, in dem es von draußen auf einmal doch an die Badtür klopft. Bruder! höre ich die kleine Dame säuseln. Irgendwann hört das Klopfen auf und er kommt rein, grinst ob seines genialen morgendlichen Türstreiches, torkelt aber ansonsten recht schlaftrunken erst einmal auf die Toilette. Dort erfindet er spontan neues Liedgut und wird dabei munter. Irgendwann reicht es und ich erlöse ihn von seinem Thron. Diese ständig wiederkehrenden Rituale: nur gut, dass man sie nicht täglich erneut hinterfragt. Verrückt würde man werden. Jetzt stelle ich nur fest, dass auch der Sohn offenbar Zähne putzen will. Sehr löblich. Doch während ich mich im ersten Moment noch stolz über diese wohlerzogenen Kinder freue, höre ich im nächsten lautes Geschrei. Das kommt – ganz klar – daher, dass der Sohn die kleine Schwester von seinem Hocker geschubst hat, um es sich selbst dort bequem zu machen. Wie soll er denn schließlich sonst in Ruhe die Zahnbürste schwingen? Eben. Die Tochter liegt jedoch recht ungläubig daneben auf dem Boden. Guckt dann hoch und sagt ermahnend: Bruder! Was folgt, ist ein kleines Handgemenge, bei dem es darum geht, ob der Platz auf dem Hocker für beide reicht oder nicht. Er tut es nicht. Und die Schlacht endet wie immer damit, dass ich beherzt in das Knäuel von Armen, Beinen und Zahnbürsten greife, um die Tochter heraus zu fischen. Ich setze sie auf ihren Wickeltisch und lasse sie dort weiterputzen. Der Sohn kann es sich nicht verkneifen, uns ein klares Das ist mein Hocker! hinterher zu werfen. Die Tochter guckt ihn leicht ungläubig an und reibt sich einen Arm, von dem ich hoffe, dass er keine blauen Flecken wachsen lässt. Sie guckt schließlich mich an, zeigt mit einem Finger dezent in Richtung des wieder einmal ungeschlagenen morgendlichen Endgegners und sagt im sanftesten ihr möglichen Tonfall: Bruder! Mein Bruder!

Geschwisterliebe. Was muss sie schön sein.

Kartoffeln gehören nicht in einen Zen-Garten

Die Zeiten sind hart. Wo man auch hinguckt: überall wird von Krisen gesprochen. Von Stress auch. Von Balance, wenn man mal Glück hat. Aber auch das meist nur, wenn es darum geht, dass selbige verloren gegangen ist und man gefälligst zusehen möchte, sie doch bitte möglichst schnell wiederzufinden. Was übrigens der totale Stress ist, wenn man mal darüber nachdenkt. Es ist ein Teufelskreis. Schlimm. Da kommt man wohl nur mit Glück wieder heraus.

Einen kleinen Trost habe ich immerhin: Das Glück ist mit jenen, die Kinder haben. Denn der moderne Mann von heute findet seinen Ausgleich beim Spielen mit den Kindern, ganz klar. Legotürme bauen, kreativ Musik machen, um die Wette schaukeln, Fahrradfahren lernen: das sind alles schlicht Synonyme für pure Tiefenentspannung. Nur durch Eines lassen sie sich toppen: den Sandkasten.

Denn genau dort sitzt man nach einer furchtbar anstrengenden Arbeitswoche, in der man beinahe den Weltfrieden gerettet hat. Man teilt sich die Kiesgrube möglicherweise mit dem Sohn. Also mit jemandem, der ambitioniert und voller Elan nicht nur tiefe Löcher gräbt, sondern auch hohe Burgen baut und ganze Straßenzüge ersinnt, die sich elegant durch die Schluchten winden. Dieser Ehrgeiz ist ehrenwert. Er ist jedoch auch dem eigentlichen Ziel des ganzen Spieles vollkommen abträglich, nämlich dem Finden von Ruhe, Ausgleich, Entspannung oder schlicht: mentalem Wohlbefinden. Da hilft nur eins: Knallharte Erziehung. Ich erzähle dem Sohn somit in aller gebotenen Ruhe und Ernsthaftigkeit etwas über das Anlegen eines Zen-Gartens. Wir sitzen uns gegenüber, haben jeweils eine Sandkastenharke aus spirituell neutralem Kunststoff in der Hand und setzen die frisch gelernte Theorie gekonnt in die Praxis um. Klare geometrische Formen entstehen im Sand. Sie werden gelegentlich wieder zerstört. Das aber nur, um in deutlich reiner Präzision neu zu entstehen. Nach einer Weile harken wir beide, ganz ohne uns dessen überhaupt noch bewusst zu sein. Wir sind nicht mehr nur im Sandkasten, wir sind schon viel weiter. Wir harken nicht einfach kleinste Körnchen von links nach rechts, wir sind jetzt eins mit unserer Umwelt, wir verbinden den Anfang mit dem Ende, wir kreisen um die Bedeutung des Wahren und schließen sie ein, wir erkennen uns selbst und unsere Bestimmung, wir ruhen in uns.

Doch plötzlich habe ich Durst, oder wie auch sonst man dieses weltliche Gefühl nennt, welches sich nur durch einen frischen Kaffee wieder in den Griff bekommen lässt. Ich verabschiede mich von Sohn, Sandkasten und Zen-Garten. Keiner der drei scheint viel dagegen zu haben. Ich hinterfrage das nicht, sondern sitze nur unwesentlich später auf dem Balkon, die Tasse Kaffee in der Hand, die Ruhe im Ohr, die Gedanken im Fluss.

Irgendwann kommt auch der Sohn und lehnt sich entspannt an das Balkongeländer. Er wackelt ein wenig mit dem großen Zeh, wirft noch einmal einen Blick in die Ferne, guckt schließlich herüber zu mir und sagt: Du Papa, ich habe noch Kartoffeln im Zen-Garten gepflanzt. Erwartungsvoll guckt er mich an. Stolz scheint er auf seine Leistung und den zugrunde liegenden kreativen Geist.

So geht es trotzdem nicht, mein Kaffee wird schließlich kalt. Ich reagiere also mit der einzig möglichen Antwort: In einen Zen-Garten gehören keine Kartoffeln, junger Mann! Du musst noch viel lernen im Leben.

Der Sohn sagt: Na gut. Und er stapft los, wohl um die willkürlich in den Sandkasten geworfenen Steine wieder heraus zu fischen.

Es ist ein weiter Weg auf dem Pfad zur Erleuchtung. Fragt sich nur, für wen von uns.

Aus dem Regal: Kochbücherei

Örtliche Besucher mögen es kaum glauben, aber auch hier im Haus gibt es Kochbücher. Diverse sogar. Seit langem schon. Aber jetzt verrate ich Ihnen einmal etwas: Es musste erst Herr ‘NutriCulinary‘ Paulsen anfangen, nicht nur schöne Bilder zu machen, sondern gleich ganze Bücher zu schreiben, bis selbige endlich nicht nur zur Deko hier herumliegen, sondern ab und an sogar mal aufgeschlagen werden. Was sich lohnt, denn Herr Paulsen ist ein Künstler. Zwar einer von der Sorte, die im kulturellen Rahmenprogramm einer Lesung tatsächlich Cantaloop von US 3 spielen. Aber: Schwamm drüber! Jugendsünden haben wir alle, die zugehörige Lesereihe gibt’s eh nicht mehr und manchmal muss man ja auch mit den alten Geschichten seinen Frieden schließen. Um statt dessen lieber etwas zu essen. Ein sinniges Chili sin Carne zum Beispiel. Oder Bulgur mit jungem Spinat. Oder Tandoori-Chicken. Oder schlicht eine schnelle Tortilla-Pizza. Oder sonst etwas von all den Sachen, die in diesem Buch oder dieser Anwendung für mobile Rechengeräte zu finden sind.

Schneller Teller
Go Veggie!


Lauter schöne Rezepte. Schön anzusehen. Schön einfach zu verstehen. Schön selbst zu machen.

Und wer nicht nur gutes Essen sondern auch gute Bücher mag, ist beim Herrn Paulsen trotzdem passend aufgehoben. Neben seiner Kochbücherei hat er nämlich noch Geschichten parat, bei denen die Rezepte nur Beiwerk sind. Das erste Buch mit Küchengeschichten gibt es schon seit längerem. Der Nachwuchs kommt demnächst. Es ist verrückt.

Und was die Kochrezepte anbelangt, gestehe ich Ihnen etwas, wir sind hier schließlich unter uns: Seitdem wir auf die Tipps des Herrn Paulsen setzen, kommt der Sohn abends freiwillig vom Spielplatz rein und sagt: Essen? Ja, ich will kochen! Das ist perfekt. Denn selbst bei den schnellen Tellern ist es um das leibliche Wohl und die Sicherheit aller hier im Haus deutlich besser bestellt, wenn der Sohn kocht und nicht ich.

Wir gehen mal zu zweit

Die Familie war eingeladen: einen Tag lang frühstücken. Irgendwann am Vormittag ging es los. Irgendwann im Verlauf des Tages haben wir dann aufgegeben und uns verabschiedet. Dazwischen lag viel Zeit. Während der naturgemäß auch einmal kam, was halt so kommt: der Sohn musste auf die Toilette. Wir waren in einer öffentlichen Gastronomieeinrichtung, die Toiletten im Keller, dem Sohn selbiges recht unheimlich. Ich sollte mit, also ging ich mit. Nach kurzer Inspektion stellte der Nachwuchs fest, dass das allgemeine Ambiente im Untergeschoss angemessen standesgemäß ist. Er suchte sich seine Kabine aus, zog mich mit hinein, schloss die Tür und machte es sich auf dem Thron bequem. Ich lehnte mich ganz entspannt an die – übrigens sehr saubere – Wand.

Das war ein Fehler. Denn der Sohn holte einmal tief Luft und sagte: Du Papa, ist die Tür eigentlich zu? Also ich meine: auch abgeschlossen? Ja? Ach ja. Habe ich doch selbst gemacht. Das ist ja auch wichtig. Denn guck mal: wenn jetzt noch jemand kommt, der weiß ja gar nicht, dass wir hier drin sind. Oder kann der das sehen? Kann er unten durch die Tür gucken? Macht man das so? Machen alle das so? Aber da kann man meine Füße doch gar nicht sehen. Deine Füße kann man aber sehen. Das ist gut, ja? Guck mal, Papa, da ist gerade ein Mann gekommen. Der ist jetzt gleich nebenan. Du Papa, ob er mal muss? Ach ja, sonst wäre er gar nicht hier, oder? Ich glaube, der muss auch mal. Aber ich bin viel schneller. Ich bin dann erster, ja? Guck mal, Papa. Der Mann ist schon wieder fertig. Hat er sich auch die Hände gewaschen? Kann man sich hier die Hände waschen? Papa, ich habe gar kein Waschbecken gesehen. Aber man kann sich hier die Hände waschen, ja? Das ist gut. Oh, ich glaube, das dauert jetzt länger. Aber das macht ja nichts. Bei Dir dauert das auch manchmal länger. Und wir haben gar kein Buch dabei? Haben wir ein Buch dabei? Guck mal, Papa. Da kommt schon wieder ein Mann. Nein, das ist gar kein Mann. Das sind die anderen Kinder. Nein Papa, das macht gar nichts, wenn man sich hier unterhält. Weißt Du: immer, wenn noch jemand mit im Klo ist, dann darf man sich auch unterhalten. Das ist so. Ich weiß das nämlich. Nein Papa, ich bin noch nicht fertig. Papa? Musst Du eigentlich auch mal? Nein? Warum nicht? Nein? Ich bin aber noch nicht fertig. Guck mal, hier gibt es zwei Papierrollen. Warum gibt es hier eigentlich zwei Papierrollen? Nimmt man die gleichzeitig? Warum nimmt man die gleichzeitig? Nimmst Du die auch immer gleichzeitig? Ich will die gleichzeitig nehmen. Machen wir das? Ja? Guck mal. Nein, ich habe das gar nicht alles abgerollt. Das war schon ganz weit abgerollt. Du, Papa? Weißt Du? Fertig!

Nur gut, dass ich nicht mit der Tochter im Keller war. Man hört ja viel darüber, was da so abgeht, wenn Frauen zu zweit auf die Toilette gehen. Gern auch während des Essens.

Knotenlehre

Nach einer planschenden Schwimmrunde im heimischen Balkonpool sitzt der Sohn im Bad. Quasi nackt. Nur seinen Bademantel trägt er. Offen, versteht sich. Denn auch wenn wir eigentlich gerade Zähne putzen wollen, sitzt er lieber da und widmet sich seinem Bademantelgürtel. Ich sehe es nur aus dem Augenwinkel. Die Tochter putzt schließlich schon und man macht sich keine Vorstellungen, welchen Aufmerksamkeitspegel das erfordert. Irre, sage ich Ihnen, es ist irre. Und währenddessen fuchtelt der Sohn gelegentlich mit seinen Armen, nur um sie im nächsten Moment schon wieder ganz ruhig zu halten und irgendwie weiter an seinem Bademantelgürtel herum zu spielen.

Irgendwann ist die Tochter fertig mit dem Hochleistungsputzen ihrer paar Zähne und wir setzen uns beide rüber zum Sohn, um zu gucken, was er da gerade anstellt. Zähne putzt er recht offensichtlich zumindest nicht.

Guckt mal, sagt er stattdessen. Knoten!

Und während ich gerade mit einem cleveren Klugscheißerspruch darauf antworten wollte, stelle ich beim genaueren Hinsehen fest: Tatsächlich, der Sohn macht lauter Knoten in seinen Gürtel.

Sohn: Knoten! Papa, guck mal, das geht ganz einfach: Du legst eine Acht und ziehst das Ende hier durch. Und dann fest ziehen. Da brauchst Du viele Muskeln für. Möchtest Du meine Muskeln mal sehen?

Ich: Klar! Und Deine Knoten sind faszinierend! Und einige sogar doppelt. Wo hast Du das denn gelernt?

Sohn: Im Kindergarten.

Ich: Ach, haben die Erzieherinnen Dir das gezeigt?

Sohn: Nein, nein, das habe ich von den anderen Kindern. Wir haben alle Knoten gemacht!

So, liebe Fraktion der Betreuungsgeldbefürworter: Jetzt seid Ihr dran.

Berufswunsch (15)

Die Kindheit, sie besteht aus Phasen. Man freut sich darüber besonders, wenn der Nachwuchs noch ganz jung ist. Weniger wegen der Phasen selbst. Mehr, weil man weiß, dass sie irgendwann auch wieder vorbei sind. Man denkt sich einfach: Lass die Kleinen doch schreien, das hört schon wieder auf. Und schon werden schlaflose Nächte viel erträglicher. Außerdem hilft das Aufsagen derartiger Mantras enorm, um sich selbst einfach nur wach zu halten, während man mit dem Kind auf dem Arm durch das Zimmer wippt.

Aber nur keine Angst. Die Phasen verschieben sich und finden irgendwann auch tagsüber statt. Da gibt es zum Beispiel die berühmte Baggerphase, schön tagsüber, und sie dauert auch nur ein paar Jahre. Dann gibt’s die Kiwis-sind-giftig-Phase, eine die-Schwester-ist-ein-Zerstörer-Phase, die dieses-T-Shirt-für-den-Rest-des-Lebens-Phase, die kein-Zähneputzen-unter-einer-halben-Tube-Zahnpasta-Verbrauch-Phase, die ich-lese-der-Schwester-die-Gutenachtgeschichte-vor-Phase und es gibt sogar eine musische Phase.

Diese ist übrigens ganz unheimlich. Denn wir wissen schließlich alle: Wenn die Musik einen erst einmal erobert, dann verschlingt sie einen mit Haut und Haaren. Und den Sohn hat es erwischt. Dieser junge Mann kann am frühen Morgen in einem Moment noch wohlklingend schnarchen und nur einen Augenblick später melodisch grummelnd ins Bad schlurfen. Er schafft es nicht nur, dort die Toilette zu erobern, sondern auch darauf sitzend eine Ode an die fröhliche Wurst zu ersinnen. Nach diesem Ohrwum wechselt er die Sitzgelegenheit und macht es sich auf seinem Waschtischhocker bequem. Munter vor sich hinsummend sortiert er dabei seine mitgebrachten Socken neu und überlegt, welches Paar er sich aus dem Sortiement zusammen stellt. Ich weiß auch nicht genau, wie er es macht, aber während er sich seine Socken anzieht, schafft er es, rhythmisch auf seinem kleinen Hocker zu trommeln. So treffend gar, dass man sich glatt beim Mitwippen erwischt, noch bevor man den Sohn daran erinnern kann, dass vor dem ersten Kaffee am Morgen gefälligst nicht so ein Krach gemacht wird. Er nimmt die Ermahnung zur Kenntnis, nickt zustimmend und optimiert seine Darbietung dadurch, dass er zum Trommeln noch die Zahnbürste hinzu nimmt. Was will man da machen? Außer, zuzusehen, dass man an Tempo etwas zulegt, damit wir aus dem Bad heraus und in die Küche zum Kaffee kommen. Irgendwie schafft der Sohn es dabei, schon vor einem dort zu sein, am Tisch zu sitzen und in seinem Müsli herumzustochern, während er mit der freien Hand auf dem Tisch trommelt und vor sich hinsummend neues Liedgut komponiert. Es ist beeindruckend, obwohl man manchmal heimlich still und leise in sich hineindenkt, dass es ein Segen sein kann, wenn die Kaffeemaschine den Nachwuchs wenigstens für einen kurzen Moment übertönt.

Und so geht es fortwährend weiter: Im Auto auf dem Weg zur Arbeit? Da trommelt, klatscht und singt er relativ textsicher zu dem Lied mit den Farben sowie der Quatschmusik. Da kann man sich schon mal das Radio klauen lassen – es fällt kaum auf. Auf dem Rückweg läuft es ähnlich. Und falls man sich erst zu Hause wieder über den Weg laufen sollte, gehört es zu den ersten Bitten des Sohnes, dass man doch all die Gegenstände erraten möchte, mit denen seine Gang in der Kita heute musikalische Experimente veranstaltet hat. Ich sage dazu nur soviel: FM Einheit würde blass vor Neid. Dass das sonstige neue Liedgut des Tages lautstark bei der Abendtoilette präsentiert wird, muss ich jetzt nicht extra erwähnen, oder?

Musik begleitet den Sohn durch den Tag. Man erkennt es ganz klar.

Noch während ich dem singenden Trommler seine Zähne nachputze, frage ich ihn somit dezent: Na, wirst Du später wohl mal Musiker?

Sohn: NEIN!

Ich: Ach, warum denn nicht?

Sohn: Ich werde doch LKW-Fahrer!

Na, da lag ich ja nur knapp daneben. Vielleicht frage ich einfach nächste Woche noch einmal nach. Bevor die Phase wieder vorbei ist.