Knieper

Früher war mehr Hummer. Da machen wir uns mal nichts vor. Das letzte Mal Hummerschlemmen: wie lange ist das wohl her? Na? Jetzt komme mir niemand mit “Letzte Woche. Heute ist schließlich erst Montag.” Das glaube ich Euch eh nicht. Und das liegt ausnahmsweise nicht nur an meiner zweifelnden Ignoranz. Sondern ganz schlicht an den knallharten Fakten.

Früher gab’s nämlich tatsächlich mehr Hummer. Zumindest in den uns nahegelegenen Krebswohngegenden. Rund um Helgoland zum Beispiel. Die Insel war quasi von Hummern umzingelt. Belagerung nennt man das wohl. Passenderweise war’s der zweite Weltkrieg, der dem Treiben ein Ende gesetzt hat. Der Legende nach wurde der Krebsfang während dieser Zeit glatt für eine Weile ausgesetzt. Das muss man sich mal vorstellen: Da ziehen Leute lieber durch die Gegend und hauen sich gegenseitig die Köpfe platt, anstatt solide ins Wasser zu tauchen und Krebse an Land zu ziehen. Zeiten gibt’s, die muss man nicht verstehen. Diesen Unsinn haben viele dann auch eingesehen und mit dem Köpfeplatthauen schlicht aufgehört. Es hat dann glatt noch einmal ein paar Jahre gedauert, bis wieder jemandem eingefallen ist, was man statt dessen sinniges machen kann. Und, zack, ging er ins Wasser – Nachgucken, was die Krebse machen.

Das Ergebnis war wohl bitter. Sagt die Legende. Denn, ich traue mich kaum, es so zu sagen: Früher war mehr Hummer.

Alle weg.

Statt dessen wimmelt es auf einmal nur so von Taschenkrebsen. Hummer? Taschenkrebse! Man könnte das jetzt anprangern. Aber das führt ja zu nichts. Den gemeinen Krebs zumindest lässt das herzlich kalt. Der ändert deswegen zumindest nicht seine Wohngegend. Besser ist’s, man arrangiert sich. Und holt sich eben die Taschenkrebse an Land. Die haben schließlich auch ihre feinen Seiten. Die Scheren zum Beispiel. Auch Knieper genannt; zumindest bei denen, die fit genug in Halunder sind. Und wer würde schon freiwillig zugeben, das nicht zu sein? Eben.

knieper_vorher Knacken wir eben diese. Wichtig ist, es mit Stil zu tun. Was keineswegs immer leicht ist. Denn gucken wir doch mal genau hin: Die Scheren sind mit einer soliden Schale versehen und es liegt ein Hammer daneben. Man kann sich denken, was diese Kombination bedeutet. Mit Eleganz und Stil hat das gemeinhin eher wenig zu tun. Aber es macht wahnsinnig Spaß. Und wann kann man das schon mal von seinem Essen sagen? Viel zu selten, korrekt. Also greifen wir zum Hammer und klopfen erst vorsichtig, dann jedoch mit dem angemessenen Schmackes bei den Kniepern an.

knieper_danach Relativ fix hat man den Dreh raus. Dann reicht ein solider Hieb mit dem Hammer auf die korrekt anvisierte Schwachstelle des Panzers und selbiger ist zertrümmert. Da sind auch die Kinder schnell dabei. Trauen Sie sich ruhig. Geben Sie den Hammer einfach mal aus der Hand. Der Nachwuchs macht das dann schon und schlägt einfach zu. Passen Sie jedoch auf, ihnen den Hammer danach wieder wegzunehmen und geben Sie den Kleinen noch den Tipp mit auf den Weg, dass der Trick bei Nudelgerichten nicht so gut funktioniert. Man möchte schließlich seinem Erziehungsauftrag gerecht werden, so ist’s ja nicht.

Das, was nach dem Zertrümmern und dem Auflesen der Schalenrestteile übrig bleibt, ist übrigens erstaunlich genießbar. Das ist Seafood vom Feinsten. Ganz ohne knorpelige Extravaganzen. Man kann’s einfach essen. Es ist kein Verbrechen, das ebenfalls gereichte Brot trotzdem zu verspeisen. Das passt durchaus. Nur wozu die zwei Alibi-Salatblättchen gedacht sind, das hat sich mir nicht erschlossen. Aber auf hoher See und beim Essen: Da dürfen ruhig ein paar Fragen ungeklärt bleiben.

Das große Dilemma an dem ganzen Spaß ist übrigens ein ganz anderes: Man frönt ihm am Besten direkt auf Helgoland, bei Rickmers zum Beispiel. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll das Scherenkrachen demnächst auf das Hamburger Festland exportiert werden. Da kann es sich eigentlich nur noch um Jahrzehnte handeln, bis wir auch direkt in den Südstaaten in diesen Genuss kommen. Wir sind hier schließlich eine prima Küstengegend, wenn auch südlich der Elbe.

Zur Lesung am Abend vor der Klassenfahrt

Einmal im Jahr geht’s los. Einmal im Jahr geht’s auf Klassenfahrt. Das war schon in der Schule so. Warum soll das auf einmal aufhören, nur weil man etwas älter geworden ist? Dafür gibt’s überhaupt keinen Grund. Ganz genau. Also suchen wir uns eine neue Klasse und los geht’s. Ab auf die Insel. Helgoland, um genau zu sein. Man will es sich ja auch nicht zu einfach machen. In guter alter Tradition sind wir jetzt schon zum zweiten Mal mit dabei. Da gehört man quasi schon zu den alten Hasen. Immerhin einmal ist man bereits versetzt worden. Eine Klasse wäre geschafft. Ich warte nur noch auf die Zeugnisse. Aber irgendwann kommen die bestimmt auch noch.

Eines weiß man als alter Haudegen auf jeden Fall schon ganz gut: Wer morgens mit dem Boot auf eine Insel fahren möchte, sollte sinnigerweise schon am Abend vorher grob in Hafennähe sein. Also zack, ab nach Hamburg. Hamburg geht ja immer. Da kann man auch schon mal für einen Tag extra hin. Einen kleinen Buchladen in der Langen Reihe plündern, zum Beispiel. Oder schon länger nicht mehr besuchte Spielplätze bespielen. Es gibt wirklich immer was zu tun.

Und wenn die Winde günstig stehen, wenn die Gezeiten richtig mitspielen, wenn die nordischen Geister einem wohlgesonnen sind, dann gibt’s womöglich sogar noch ein passendes Abendprogramm. Eine Lesung zum Beispiel. Eine Lesung geht schließlich ebenfalls immer. Hamburg, Lesungen – irre, was da geht. Das passt wie die Faust auf’s Auge, wenn ich mir so eine profane Analogie mal erlauben darf. Und wenn wir schon von passenden Konstellationen reden, habe ich gleich noch eine: ausgerechnet die beiden Klassenlehrer haben ihren aktuellen Termin von Bonjour Tristesse, Du alte Hackfresse an den Abend vor der Bootsfahrt gelegt. Das trifft sich. Man trifft sich. Wenn man erstmal da ist.

Aber was soll einen schon daran hindern? Was soll schon schiefgehen? Wir sind schließlich rechtzeitig in der Stadt, somit quasi schon da. Da kann man entspannt etwas Essen, die Kinder ins Hotel werfen und sich fix von der Hochbahn zur Lesung bringen lassen. Geht ja schnell. Ich kenne mich schließlich aus. Habe doch nicht umsonst schon mal in dieser Stadt gelebt.

Also raus aus dem Hotel und rein in die Bahn. Wenn auch in die, ähh, falsche Richtung. Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist. Habe im Vorfeld sogar extra nochmal online den Fahrplan studiert. Sicher ist sicher. Da muss doch irgendwo jemand etwas falsch ausgewiesen haben. Der Fehler kann unmöglich bei mir liegen. Da bin ich mir ganz sicher. Bis zu dem Moment, als eine Durchsage die Endstation ankündigt. Ohne vorher bei der Lesung vorbei zu kommen, versteht sich. Da ist doch etwas kaputt. Und ich schnappe mir den nächsten greifbaren Hanseaten und schüttel ihn solange durch, bis ausreichend Tipps für eine korrigierte Reiseroute aus ihm heraus purzeln. Das klappt dann auch glatt besser. Nach nur einer halben Stunde komme ich wieder dort vorbei, wo ich ursprünglich losgefahren bin. Wenig später bin ich sogar am Ziel. Den verbleibenden Fußmarsch lasse ich mir sicherheitshalber vom Navi auf dem Telefon anzeigen. Ich bin zwar nicht lernfähig, tue aber wenigstens so.

Und was soll ich sagen? Von vier drei Lesenden habe ich nur eine halb verpasst. Die anderen waren lustig und bedrückend, auf jeden Fall aber unterhaltsam. Und im Publikum saß schon mal fast die gesamte Klasse für den Ausflug am Tag danach.

Aber der ist glatt eine andere Geschichte.

Wunschlos glücklich

Herbstzeit ist Kuschelzeit. Da es jetzt draußen quasi ganztägig stockdunkel ist, rücken wir drinnen näher zusammen und machen uns erstmal ein paar Kerzen an. Das bringt nicht nur Licht, das bringt auch Gemütlichkeit und etwas Training für den Weihnachtsbaum. Machen wir uns mal nichts vor: Die Zeit ist reif. Es ist wieder Saison. Die Einen zählen die Tage bis zum Fest. Andere arbeiten genussvoll an ihrem Winterkörper. Und ein paar üben das möglichst beiläufige Ausblasen von Kerzen, ohne dabei übermäßig dramatische Kollateralschäden zu verursachen. Die Kinder zum Beispiel.

Sie sind fleißig bei der Sache. Es gibt kaum eine Mahlzeit, bei der sie nicht peinlich genau darauf achten, dass zusätzlich zum möglichst stilvoll gedeckten Tisch auch wenigstens zwei Kerzen bereitgestellt und angezündet werden. Wer glaubt, dass damit das herbstliche Stimmungsgefüge ins rechte Licht gerückt werden soll, irrt natürlich gewaltig. Nein, es geht um Größeres. Es geht um zwei Sachen. Klarerweise als Erstes natürlich um die Frage, wer hier welche Kerze endlich wieder auspusten darf. Und als Zweites geht es absolut beiläufig darum, auf dem Weg dorthin die Toleranz und Belastungsfähigkeit der anwesenden Erziehungsberechtigten zu testen, indem sämtliche Warenbewegungsmanöver rund um die Nahrungsaufnahme so arrangiert werden, dass mindestens einer der Kerzenständer leicht ins Wanken gerät. Das sorgt für Stimmung, hält die Gespräche im Gange und garantiert somit die familiäre Interaktion beim gemeinsamen Essen. Wie schön.

Irgendwann ist es letztlich doch immer soweit. Irgendwann ist das Mahl beendet und die Kerzen möchten ausgepustet werden. Meistens darf jedes der Kinder bei einem der Flammenwerfer ran. Gerechtigkeit wird gemeinhin zwar überbewertet. Aber manchmal sind wir hier im Haus gar nicht so und leben sie auch ein Stück weit. Selbstverständlich kann sich jeder beim Kerzeauspusten auch etwas wünschen. Traditionen entstehen schließlich nicht aus dem Nirwana. Sie wollen behutsam eingebracht werden. Da Kinder in ihrem Enthusiasmus auch nicht immer an alles denken können, erinnern wir sie gelegentlich gern. Die Tochter hat beim ersten Mal sogar kurz inne gehalten und auf die Frage, ob sie sich auch etwas gewünscht hat, zurückhaltend mit einer “Nachtisch?”-Gegenfrage geantwortet. Seit dem darauf folgenden dezenten Hinweis, dass wir mit dem Essen doch längst fertig seien, ist das Thema für sie jedoch durch.

Ihr Bruder ist etwas euphorischer bei der Sache. Nach einem anfänglich skeptischen Blick denkt er sich schnell: “Sie meinen das wohl wirklich ernst.” Und holt längst vergessen geglaubte Bastelkartons hervor, aus welchen er die Einzelteile jetzt gern zusammengesetzt bekommen möchte. Die Eltern des Hauses stellen spontan fest, dass sie irgendwie vergessen haben, das Detail des Nichtverratens der Wünsche adäquat kund zu tun. Aber irgendwas ist ja immer. Erziehung ist echt keine leichte Sache. Für den Moment bedeutet das: gewünscht, gesagt, getan. Bastelkiste leer, Modell aufgebaut. Nur gut, dass wenigstens ein Elter hier im Haushalt praktisch veranlagt ist.

Nach diesem Auftakt harren wir natürlich gespannt der Dinge, die jetzt folgen mögen. Wenn so ein Kind erst einmal die Initialzündung erhalten hat, entwickelt sich ganz leicht eine Eigendynamik, die man nur schwer wieder in den Griff bekommt. Aus der Idee des stillen Wunsches kann hier leicht die Explosion eines kreativen Brainstormingprozesses werden, welche allein durch ein fünfjähriges Kind verursacht wird und keines schlecht moderierten Teams von zehn Erwachsenen mit Post-Its vor einem Flipchart bedarf, die dort ihrer Midlife-Crisis entgegensteuern.

Wir machen uns also Sorgen. Vollkommen umsonst. Denn schon am zweiten Tag der Kerzensaison stellt der Sohn fest: Es sind keine Wünsche mehr da. Man sieht ihm die Mühe richtig an, die er sich geben muss, um nicht einfach immer nur “Gummibärchen” und “Buch lesen” zu sagen. Wir hören schnell auf zu fragen und stellen lieber eine Kerze extra auf den Tisch. Was macht man nicht alles. Für die Kinder.

So. Und jetzt sind wir alle bitte mal ganz ehrlich: Wann haben wir diesen Zustand des zen-gleichen Glücks ohne sinnfreie Wunscheskapaden zuletzt selbst erlebt? Wenn Sie jetzt richtig brutal ehrlich sich selbst gegenüber sind, geht’s Ihnen bestimmt wie mir: Sie erinnern sich nicht mehr daran.

Das dachte ich mir.

Man soll über die Wünsche bekanntermaßen gar nicht viel reden. Aber ich schlage trotzdem mal vor, dass wir bei der nächsten Kerze alle etwas mehr meta sind, uns weniger wünschen und lieber mehr kuscheln. Wie früher, in den alten Zeiten. Die waren bekanntlich eh besser.

Leseempfehlung: Pia Ziefle zur Eventisierung der Kindheit

Nur selten gebe ich ich hier Linkempfehlungen. Nur selten sage ich: “Guckt mal dort, jener Text ist lesenswert, geht da mal hin.” Denn zum einen können das andere besser und zum anderen bin ich mir sicher, dass Ihr die guten Texte eh schon kennt und meist sogar deutlich vor mir gesehen habt.

Heute gibt’s trotzdem mal eine Ausnahme. Heute geht Ihr bitte alle mal zu Frau Ziefle, welche in einem Rant die omnipräsente Eventisierung der Kindheit an den Pranger stellt. Das ist kein ganz neues Thema. Das haben andere vor ihr auch schon getan. Aber nur wenige können es trotz aller Gereiztheit und schlechten Laune so wundervoll in Worte fassen. Die Dame kann das bekanntermaßen auch in Buchform, wir hatten das schon mal. Aber auch in kurz und zu einem Alltagsthema brilliert sie wirklich.

Ich greife mal eine beliebige Stelle heraus:

Mütter backen sich nachmittags die Finger wund, Lehrer*innen haben Handpuppenalpträume, Väter lesen im Väterhandbuch nach, welche Aktivität sie mit ihren Kindern ausüben müssen für eine stabile Vater-Sohn-Bindung, und die Kinder müssen 24 Stunden am Tag begeistert sein, sonst fragen sich all diese Erwachsenen sofort, was sie falsch gemacht haben und wo es Optimierungsbedarf gibt.

In dem Tenor wird vorher eingeleitet. In dem Tenor geht es anschließend weiter. Und es ist nicht nur insgesamt ganz wundervoll geschrieben, sondern Madame Ziefle hat recht.

Warum also entspannen wir alle nicht ein wenig mehr? Verdammt nochmal!

Eine kurze Geschichte: Jacks Villa

Hat hier nicht kürzlich jemand gesagt, dass Geschichten immer gehen? Ja, klar. Das war ich sogar selbst. Und es stimmt ja auch, Geschichten gehen schließlich immer.

Ich war daher mal so frei und habe eine solche vorbereitet:

Jacks Villa

Die Geschichte habe ich zur Abwechslung mal nicht aus diesem Blog geholt. Das ist auch sehr gut so. Denn sie passt hier überhaupt nicht her. Wir sind hier schließlich auf dem Familienkanal. Und für den ist die Geschichte nicht gedacht. Sie ist jugendfrei, keine Angst. Wir wollen schließlich glaubwürdig bleiben. Aber es geht doch immerhin um das Zusammenspiel von Leuten, die keineswegs nett und freundlich miteinander umgehen. Da wird eingesperrt. Da wird gefoltert, wenn auch nur hinter den Kulissen. Da wird gejagt, verfolgt und gefangen genommen.

Ich sag’s mal so: Die Geschichte ist eine Art Hinweis darauf, in welche Richtung das nächste Buch vielleicht gehen könnte. Wenn es denn jemals ein nächstes Buch geben wird, versteht sich.

Dann mal viel Spaß.

Auf dem Tablett: Real Racing 2 HD

Autos gehen immer. Wir sind hier schließlich in den Südstaaten. Hier wurden die Gefährte vor einer Weile erfunden. Hier verstopfen sie heute noch die Städte und Autobahnen. Autos gehören schlicht dazu. Das kann man für den Moment einfach mal so akzeptieren. Die Kinder machen es schließlich auch. Sie gucken Autos, sie fahren Autos, sie spielen mit Autos – sowohl ganz real, als auch auf dem Tablett. Wir hatten das schonmal zur Eröffnung dieser kleinen Serie. Damals ging’s eher um einen beschaulichen Kleinwagen. Jetzt aber hauen die Kinder auf den Putz.

realracing2hd_cockpit Jetzt spielen die Kinder Real Racing 2 HD. Da ist nichts mehr klein. Dabei geht es um die großen Boliden. Es werden Rennen gefahren und man ist mittendrin. Vom soliden Golf bis zum sportlichen Rennflitzer ist in dem Spiel alles zu haben. Und man lässt die Gefährte möglichst elegant über diverse Hochgeschwindigkeitsparkours gleiten. Diese sind realen Strecken nachgebildet. Und sowohl diese Strecken als auch das Verhalten der Autos ist im Spiel wohl möglichst realistisch nachgebildet. Aber darum geht es gar nicht primär.

Es geht um Geschwindigkeit. Es geht darum, möglichst schnell zu fahren und dabei gleichzeitig eine Partie Mensch ärgere Dich nicht zu spielen. Denn ein schnelles Auto zeigt nicht in jeder Kurve die ihr gebührende Grazie. Nein, manchmal kracht man auch ganz schlicht von der Straße herunter, über den Acker und gegen die Bande. Das bremst aus. Das pumpt Adrenalin. Das fördert den Ärger. Aber: Was soll man sich ärgern, wenn man statt dessen auch auf’s Gaspedal drücken kann? Eben.

Der Sohn nimmt’s übrigens tatsächlich recht gelassen und sagt: “Stimmt’s Papa, das Spiel ist extra so gemacht, dass man immer Letzter wird?”

So einfach lasse ich ihn da natürlich nicht aus der Verantwortung. Was wäre das für eine Erziehung, wenn man nicht auch den Ehrgeiz ein wenig fördern würde? Also sage ich ihm, dass das keineswegs so läuft. Und da ich mir meiner Verantwortung und Vorbildfunktion vollkommen bewusst bin, zeige ich dem Sohn, wie das geht. Ich zeige ihm, dass man auch mal ein Rennen gewinnen kann. Ich nehme dafür einen Kurs ganz am Anfang. Ich drehe an den Einstellungen ein wenig, damit das Ergebnis auch so ausfällt, wie es pädagogisch sinnvoll ist. Und irgendwann später, der Sohn liegt längst im Bett und träumt seelenruhig von großen Pokalsiegen, drehe ich die Einstellungen wieder zurück, schraube den Realitätsgrad möglichst weit hoch und gucke mal kurz, ob ich damit nicht auch klarkomme. Nur mal kurz. Man kann’s doch ruhig ausprobieren. Die Autos fahren schnell. Da dauert das zum Glück nicht lange. Denke ich mir.

Dumm nur, dass ich gerade in den ganzen Einstellungen über diese Statistikangaben gestolpert bin:

realracing2hd_zeit

Nach einem Blick auf die Zahl unten rechts mache ich das Tablett erst einmal aus und komme zu der Erkenntnis, dass ich von den acht Stunden wohl mindestens sieben selbst am Steuer saß.

Als nächstes lasse ich endlich die Kinder mal wieder ran. Und während sie so ihre Runden drehen, gehe ich mal gucken, ob es nicht noch irgendwo einen liegengebliebenen Text gibt, dem ich mich sinnigerweise mal wieder widmen könnte. Geschichten gehen schließlich auch immer.

Also wirklich.

Stille

Das Leben mit Kindern, es ist kein Leises. Am Anfang schreien sie den ganzen Tag laut rum oder schlafen. Mit etwas Pech schnarchen sie dabei. Später fangen sie dann an zu reden. Man versteht sich dadurch zwar besser, es wird aber nicht unbedingt leiser. Wer schon mal ein Kind erlebt hat, welches zwingend, sofort und mit Nachdruck etwas mitteilen wollte, wird der Redewendung des sich-in-etwas-Reinsteigerns eine vollkommen neue Bedeutung zuschreiben. Obendrein lernt der Nachwuchs irgendwann auch noch Laufen. Leider nicht automatisch im Stil des leise sich anschleichenden Indianers, eher in der Variante des eiligen Elefanten. Das alles ist nicht per se verwerflich. Das muss schließlich so. Aber all jene von uns, die mit einem sensiblen Gehör gesegnet sind, nehmen es doch zur Kenntnis. Still meist. Und im Stillen prangern wir an.

Meistens. Bis auf die Momente, in denen die Erziehungsader pulsiert. Dann sagt man doch mal etwas. Dann pssstet man den Nachwuchs an, dann turnt man ihnen vor, wie leise die Navigation sogar durch die heimische Wohnung machbar ist, dann unterhält man sich mit ihnen in einer Lautstärke, bei der sie erstaunt feststellen, dass man sich tatsächlich versteht, ganz ohne ersteinmal die Ohren in Watte packen zu müssen. Mit dem Lärm ist es letztlich wie mit dem Licht am Morgen: es gehört irgendwie dazu, aber die Dosierung will wohlüberlegt sein. Also erzählt man, zeigt man, erzieht man. Das harmonische Miteinander möchte schließlich trainiert sein. Steter Tropfen höhlt bekanntermaßen den Stein.

Plötzlich spricht die Dame von Plänen. Reiseplänen. Es geht um freie Tage, das Nutzen eben dieser. Ich höre etwas von Gelegenheiten und beim Schopfe greifen. Das Gute an all dem ist: Sie erzählt es ruhig und besonnen. Das muss Liebe sein. Ich schaue sie an, ich himmle sie an. Und werfe doch noch einen Blick auf den Kalender. Von Anhimmeln kann da keine Rede mehr sein. Ich sag’s mal so: Schlussendlich habe ich ein paar Tage sturmfrei. Bei aller Dramatik ist das nicht nur schlecht. Wir hatten das ja schon mal: endlich ungestört arbeiten. Oder ehrlicher formuliert: endlich ungestört prokrastinieren, ohne dass es jemand mitbekommt und später haarklein aufbereitet aus der Schublade holen kann, wenn man selbst larmoyant in der Ecke liegt und wimmernd von Deadlines in der Vergangenheit stammelt.

Sturmfrei heißt obendrein: endlich ist es mal vollkommen ruhig im Haus. Niemand trampelt, niemand brüllt, niemand überfällt einen aus dem Hinterhalt. Einfach nur entspannte Ruhe. Der Sohn sieht es übrigens recht ähnlich und sagt am Abend vor der Abfahrt: “Wir fahren alle, aber ohne den Papa. Dann haben wir es wenigstens ruhig.”

Er meint es bestimmt gut.

Aus dem Regal: Abgeschnitten von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos

Ein Roman von zwei Autoren also. Warum nicht, kann man alles ruhig mal ausprobieren. Nicht immer nur in ausgefahrenen Bahnen gleiten, nicht immer nur in den üblichen Strukturen denken, nicht immer nur lesen, was es immer schon zu lesen gab. Der Ruhestand kann schließlich noch warten. Also immer her mit den Experimenten.

Aber: Warum musste es unbedingt eine Mischung aus Krimiautor und Rechtsmediziner sein? Und warum hat niemand vorher gesagt, in welcher Art martialischer Metzelei diese Mischung letztendlich münden muss, quasi zwangsläufig?

Aber der Reihe nach. Denn vielleicht habe ich ja selbst nicht gleich richtig aufgepasst und hätte die Zeichen von Anfang an richtig deuten können. Denn die Geschichte geht damit los, dass ein leichenaufschneidender Rechtsmediziner aus einem der Körper, mit denen er so hantiert, einen wohlverpackten Zettel herausfischt, auf dem ihm eine Botschaft übermittelt wird. Im zivilen Kontext nennen wir so etwas meist Glückskeks. Das trifft den Kern hier in der Geschichte natürlich nicht so ganz. Hier ist es eine Nachricht seiner Tochter mitsamt Mobilfunknummer, hinter der ein Anrufbeantworterspruch wartet, der auch nicht gerade vor Charme sprüht. Die junge Dame ist nämlich verschwunden. Entführt, versteht sich.

Und damit geht die Jagd auch los. Ein Mann fängt an, seine Tochter zu suchen. An seiner Motivation und Durchschlagskraft braucht man für den Rest der Geschichte nicht mehr zu zweifeln. Die sind jetzt einfach glasklar und eh gegeben. Hinzu kommt noch ein engagierter Jungunternehmer, der ihm mehr zufällig anbei gestellt wird. Et voilà, haben wir ein Team, welches schlau, unerbittlich und finanzstark ist. Was will man mehr? Damit lässt sich jedes Rätsel lösen.

So klappt es letztlich auch hier. Natürlich. Und selbstverständlich mit den nötigen Umwegen. Die Handlung fängt zwar in Berlin an, spielt aber in großen Teilen auf Helgoland. Das gibt sympathische Bonuspunkte. Helgoland ist schließlich super. Wasser und Inseln gehen ja immer. Als fluchtwegarmer Hochseestandort ist das Plätzchen der Hort des Grausamen, versteht sich. Hier lauert quasi hinter jeder Ecke der totale Schrecken und hier liegen die Leichen nur so in der Gegend herum. Gleichzeitig tobt drum herum ein sportlicher Orkan. Sowohl ein Hin- als auch ein Wegkommen ist damit unmöglich. Hier gibt’s kein Entkommen. Hier gibt’s keine Hilfe. Bitte gruseln Sie sich jetzt.

Rund um das Gruseln liefert dieses Buch übrigens handwerkliche Feinarbeit. Die Kapitel werden mit aufregenden Cliffhangern abgeschlossen. Spuren werden gelegt und führen meist in die Irre. Der Leser wird ständig in irgendwelche gedanklichen Richtungen geschubst, die sich natürlich meist als vollkommen abwegig herausstellen und letztlich ganz schlicht falsch sind. Die Auflösung kommt entweder in Form einer neuen Leiche oder als eines der Details der diversen Hinrichtungen, von denen ich lieber nichts zitiere. Wir sind hier schließlich auf dem Familienkanal, hier geht es jugendfrei zu.

Ganz ehrlich, was soll ich sagen? Augenscheinlich bin ich zu weich für solch ein Drama. Obwohl – oder gerade: weil – es nach allen Regeln der Krimikunst und Spannungsbogengestaltung perfektioniert ist. Nicht auszuhalten, dieser Nervenkitzel.

Aber immerhin das mit Helgoland ist doch eine Idee. Nach Helgoland könnte man ruhig mal wieder fahren. Jetzt, nachdem die Ganoven alle geschnappt und wieder auf dem Festland sind.

Demokratische Grundrechte

Wir leben in einer Demokratie. Wir haben’s quasi geschafft und den Olymp der politischen Freiheit erklommen. Es nicht nicht mehr wie zu den Urzeiten, in denen irgendwelche willkürlich erkorenen Tyrannen einfach die Regeln des alltäglichen Zusammenlebens bestimmt haben. Nein, heute haben wir ein System, bei dem wir alle mitbestimmen können. Ein System, in das wir uns einbringen können. Eines, bei dem wir nicht einfach nur Marionetten an der Hand ahnungsloser Nichtstuer sind, sondern Akteure, welche die Richtung bestimmen, anstatt nur an der Leine hinterher zu taumeln.

Oder so ähnlich.

Jedenfalls haben wir die Wahl. Alle vier Jahre auf’s Neue entscheiden wir mit, wer uns sagen soll, wo es lang geht, damit wir selbst uns bis zur nächsten Ankreuzerei aus allem heraushalten können. Gerade hatten wir es wieder. Vor einigen Tagen war Wahl. Und ein paar gingen sogar hin, machten ein Kreuz oder zwei und sorgten nach der Auszählung dafür, dass sich quasi alle anderen gefragt haben, was das denn jetzt sollte. So richtig zufrieden mit dem Ergebnis scheint kaum jemand zu sein. Ein Jammern geht durch’s Land. Ein Jammern darüber, dass die anderen alle anders abgestimmt haben als man selbst. Es ist suspekt. Nach Äonen der hinterwäldlerischen Abhängigkeit haben wir endlich die Chance zur Mitbestimmung und verstehen nicht, sie zu unserem Glück und Vorteil zu nutzen. Stattdessen stürzen wir uns in ein Drama, welches sich für die nächsten Jahre nur unter Zuhilfenahme von bewusstseinserweiternden Drogen ertragen und schönreden lässt. Aus genau diesem Grund ist übrigens der gewöhnliche Stammtisch entstanden, falls sich das schon mal jemand gefragt haben sollte.

Aber ist das Alles denn ein Wunder? Lernen wir es denn besser? Bekommen wir jemals sinnvoll mitgegeben, wie das mit der Wahl korrekt abläuft? Können wir das vielleicht irgendwo mal üben, ohne gleich katastrophalen Schaden anzurichten? Können wir irgendwo die Spannbreite dessen erfahren, was es heißt, die Wahl zu haben, sich für eine der Alternativen zu entscheiden und mit dem Ergebnis schließlich zufrieden und glücklich zu leben?

Gucken wir doch mal zu denen, die der Sache noch unbelastet gegenüber stehen. Gucken wir mal, wie die Lage bei unseren Kindern so aussieht.

So sitze ich heute zum Beispiel mit dem Sohn zusammen. In einem Gespräch von Mann zu Mann. Wir sitzen in der Sonne und lassen die Beine baumeln. Wir werten den Tag und sein bestimmendes Weltgeschehen aus. In der Kita haben sie zum Beispiel seit heute ein neues Thema. Das ist eine Art übergeordnetes Motto, welches sie benutzen, um verschiedene Aktionen zu starten, passende Spiele zu spielen und den Teamgeist zu stärken. Das neue Motto wird per Abstimmung beschlossen. Die Kinder haben also die Wahl. Wie großartig ist das denn? Um Personen geht es dieses Mal. Es geht dieses Mal darum, wessen Abenteuer nachgespielt werden, in wessen Rolle die Kinder jeweils schlüpfen können, wessen Lieder gesungen werden. Zur Wahl angetreten sind Pippi Langstrumpf und Wickie, der Wikinger.

Ganz lässig sitzt der Sohn da, lässt die Beine schwingen und erzählt, dass Pippi gewonnen hat. Super sei das. Den Titelsong kennt er eh schon auswendig. Als Pferd und Affe kann er sich jetzt endlich verkleiden. Der Sohn ist zufrieden. So eine Wahl findet er gut.

Ich frage ihn, ob er dann wohl auch für Pippi gestimmt hat.

Ganz entsetzt guckt er mich an. Die Frage ist wohl vollkommen abwegig. Er sagt: “Nein, Papa. Ich habe doch für Wickie gestimmt! Aber nicht, weil ich den toller finde. Ich habe das nur gemacht, damit wir mehr verschiedene Themen haben. Wenn alle gleich wählen, ist das ganz langweilig. Aber es ist ganz gut, dass Pippi gewonnen hat. Die finde ich auch viel besser.”

Tja, ich sag’s mal so: Der Sohn hat das Prinzip der demokratischen Wahl bereits vollumfänglich verstanden. Ein Hoch auf die Kita. An der Jugend scheitert es nicht. Den entspannten Umgang mit hart erkämpften demokratischen Grundrechten verlernen wir irgendwann später, irgendwann beim erwachsen werden. Der Nachwuchs führt uns ahnungslose Erwachsene einmal mehr gnadenlos vor.

Bei der Wahl haben wir die Chance auf zwei Stimmen, jeweils mit einem Kreuz. Hier im Haushalt wohnen zwei Kinder und ich habe spontan eine Idee, wer meine beiden Kreuze in vier Jahren möglicherweise setzen darf.

Ein Badenmarathon

Früher, als die Welt noch in Ordnung war, lief Señor Pheidippides durch ein Stück von Griechenland, rief “Wir haben gesiegt!” und fiel tot um.

Heute gehen wir das ganze etwas zivilisierter an. Heute laufen wir nicht durch die Gegend, um eine Botschaft zu überbringen. Heute gestalten wir ein Volksfest und irgendwann währenddessen wird sich auch ein wenig bewegt. Normalerweise fällt dabei niemand tot um und das Ganze läuft in relativ geordneten Bahnen ab. Wenn man sich zumindest halbwegs an die Spielregeln hält, gibt’s am Ende sogar eine Medaille. Ich glaube, das war im alten Griechenland noch nicht so. Ein Hoch auf den Fortschritt.

Medaillen gab’s bei uns im Haus bekanntermaßen gestern schon: Beide Kinder haben eine abgesahnt. Die fortwährenden und langsam schon ins Gehässige abgleitenden Nachfragen, warum ich denn wohl keine habe, erträgt man auch als moderner Mann von heute nur bedingt. Also habe ich mir heute auch eine geholt.

Und ich geb’s ganz unumwunden zu: Das klingt einfacher als es war. Aber der Reihe nach.

Die Vorgeschichte

Es war gar nicht der erste Versuch. Zweimal bin ich vorher schon gescheitert. Beide Male verletzungsbedingt. Beide Male war da was circa zwei bis drei Wochen vor dem Termin. Das sollte dieses Mal anders werden. Dieses Mal habe ich mir mein Leiden schon vier Monate vor dem Termin geholt. Da blieb somit genug Zeit zum Auskurieren. Wenn’s denn dabei geblieben wäre. Aber mit Traditionen soll man bekanntlich nicht brechen. Also hat drei Wochen vor dem Start hier nochmal jemand nachgelegt und die linke Wade meldete ein K.O. Sie wollte bitte nicht weiter belästigt werden. Hochlegen auf der Couch? Klar, das sei drin. Bewegen aber? Draußen gar? Im Laufschritt? Vollkommen abwegige Idee. Meinte die Wade. Drei Wochen lang.

badenmarathon_startnummer Gehässige Mitbürgerinnen und Mitbürger können jetzt natürlich sagen: “Tja, Du wirst halt auch nicht jünger.” Aber das ist natürlich Quatsch. Selbstverständlich werde ich jünger. Quasi täglich. Gefühlt zumindest. Heute morgen zum Beispiel: da ging’s mit der Wade. Sie durfte also mit.

Ready. Set. Go.

Unterwegs

Eins muss man der örtlichen Laufveranstaltung lassen: langweilig ist sie nicht. Auf der Straße läuft man selbst. Links und rechts daneben tummeln sich Musikanten, Bauch- und andere Tänzer, anfeuernde Südstaatler und örtlich sogar die eigene Familie und ein paar Nachbarn, lauthals brüllend. Was für ein Spaß. Das gibt’s sonst nur auf dem Spielplatz, also mit den Kindern, nicht den Nachbarn.

tshirt_sr-rolando Auch auf der Strecke wird übrigens einiges geboten. Mitläufer können nämlich reichlich unterhaltsam sein. Da hat man beispielsweise schon im ersten Viertel der Strecke eine Nachfrage, was denn ein Schreibtischtäter eigentlich macht. Das Wort steht hinten auf meinem Shirt. Und wenigstens einer hat’s gesehen. Zack, da hat sich die Werbung doch glatt schon gelohnt.

Die üblichen “Komm, Du schaffst das!”-Motivationssprüche unterschlage ich jetzt mal. Vor allem auch jene, die sich ein Pärchen lautstark und über einen längeren Streckenabschnitt gegenseitig zuruft. Es gibt halt Sachen, die passieren auf der Strecke und sollten auch dort bleiben.

Nicht verschweigen möchte ich jedoch, dass ich Norman Bücher getroffen habe. Unterwegs! Die Südstaaten sind halt doch ein Dorf. Und zwar eines, bei dem man ganz nah dran ist an der Prominenz.

Der Mann mit dem Hammer

Wer kennt sie nicht? Die Mythen und Theorien rund um’s Marathonlaufen? Man kann ja quasi beliebig Leute auf der Straße ansprechen und nach konstruktiven Tipps fragen: man wird bestimmt nicht ohne Antwort davon gehen. Neben Hinweisen, es ruhig angehen zu lassen, um später ganz wild aufzudrehen hört man dabei mit besonderer Zuverlässigkeit vom Mann mit dem Hammer. Der steht genau bei Kilometer 35 und schlägt einfach zu. Bumm. Und man hat keine Lust mehr, stellt alles in Frage und zweifelt für drei Kilometer am Sinn des Lebens. Danach folgt nur noch butterweicher Zieleinlauf.

Soll ich mal etwas verraten? Alles Quatsch.

Denn auch, wenn man adäquat längere Trainingsrunden im Vorfeld absolviert hat, kann man den Hammermann schon bei Kilometer 23 finden. Weiter hinten ist’s ihm auf Dauer wahrscheinlich zu voll oder langweilig. Also hatten wir unsere Aussprache nicht erst im letzten Drittel, sondern einfach ein ganzes Ende früher. Und was soll ich sagen? Er hat gewonnen. Lust weg, Motivation weg, Energie weg, Tempo weg. Für den Rest des Rennens.

Klarer Vorteil dieses Dramas: der sagenumwobene Kilometer 35 wird auf einmal vollkommen harmlos und zu einem Streckenabschnitt wie jeder andere auch. Was bin ich froh.

Der Irrsinn mit der Strecke

Überhaupt: die Strecke. Vom Start bis zum Ziel sind es auf der Luftlinie circa 195 Meter. Beim Laufen nimmt man dafür einen Umweg von ziemlich genau 42 Kilometern, einmal quer durch die Stadt. Aber wie heißt’s so schön? Der Weg ist das Ziel. Dumm nur, wenn man die Stadt auch vorher schon kennt. Da wird der Weg recht schnell überraschungsarm. Ich fange langsam an, zu verstehen, warum so viele Leute so gern und oft für solche Späße um die halbe Welt reisen. Wer sagt denn, dass ein Städteurlaub immer gleich eine ganze Woche dauern muss? Man kann auch in ein paar Stunden quasi alles von einem Ort gesehen haben.

Danach

badenmarathon_km24 Als Erster gratuliert oben erwähnter Norman Bücher zum Finish der Runde. Ich habe durchaus eine Weile überlegt, ob ich mir die Schulter, auf die er geklopft hat, jetzt eine Woche lang nicht mehr waschen sollte. Zum Glück war das T-Shirt dazwischen. Die Entscheidung war somit doch machbar. Die Familie und Kollegen werden es wohl danken.

Viel lernen kann ich Anfänger offensichtlich noch von manchen der bereits erfahreneren Mitstreiter. In der eher ruhigen zweiten Hälfte des Rennens habe ich so manchen von ihnen des Öfteren getroffen. Mal liegt der Eine vorn, mal der Andere. Es ist ein Geben und Nehmen. Das Yin und Yang der Straße. Wir sind ähnlich erschöpft, wir quälen uns ähnlich stark durch die verbleibenden Kilometer. Während ich aber nachher kraftlos im Ziel abhänge und staune, wie langsam ich wieder regeneriere, treffe ich die Anderen, welche bereits lautstark die nächsten Rennen planen und von vergangenen Erfolgen schwärmen. Ich mache große Augen und stelle fest: von den Großen kann man immer lernen. Man muss die Gelegenheiten nur aufmerksam auf sich zukommen lassen.

Wieder raus aus dem Stadion mache ich mich langsam auf den Weg zur Straßenbahn. Wie gesagt: die Strecke verläuft quasi im Kreis. Am Ende kommt man einfach dort wieder an, wo man auch losgelaufen ist. Botschaften von A nach B braucht man dabei nicht zu überbringen. Sinn hat die ganze Aktion natürlich keinen. Aber wir hatten das ja schon. Kaum gibt’s dann eine Gelegenheit, doch noch Sinn in das Herumgelaufe zu bringen, vergeigt der gemeine Athlet aber auch das. Denn den Weg nach Hause laufen die meisten nicht etwa. Nein, den fahren sie mit der Straßenbahn. Irgendwie kann man die Mitläufer dabei leicht von den paar verbleibenden Fahrgästen unterscheiden. Ruck zuck werden wir zu Verbündeten auf Zeit. Wir werten aus, theoretisieren über Schuhe, Dämpfungen und das Barfußlaufen. Wir tauschen auch Tipps zur besten Strategie für die Regeneration aus. Schwimmen empfiehlt einer. Radfahren ein anderer. Radfahren ist schließlich etwas komplett anderes als Laufen. Das leuchtet ein. Ebenso wie der Tipp auf gar keinen Fall passiv auf der Couch abzuhängen. Genau jener Couch zum Beispiel, auf der ich diesen Text hier gerade schreibe. Aber mal im Ernst: wer tippt schon auf dem Fahrrad? Eben, vollkommen abwegige Idee. Dass die Anderen aber auch wirklich gar keine Ahnung haben müssen. Schlimm ist das.

Resümee

Tja, früher lief man von einem Ort zum Anderen, überbrachte eine Botschaft und fiel danach schlicht tot um. Heute jammern wir nur. Auf App.net und Twitter gibt’s für solche Späße ein prägnantes Hashtag: #allebekloppt. Und auf eBay sagt man wohl: Gerne wieder.

Treffender hätte ich es nicht sagen können. Zumal ich jetzt auch meine Medaille habe und von den Kindern wieder mit dem korrekt angemessenen Respekt behandelt werde.