Lässigkeitsfaktor

Wir haben also Kindergeburtstag gefeiert. Mit einer Altersgruppe irgendwo im Zwischenraum von durchgeknallten Kleinkindern und wilden Teenagerpunks. Das ist jetzt sicher die Zeit der wohl friedlichsten Geburtstagsfeiern des Nachwuchses. Ever. Als Erziehungsberechtigte genießen wir das natürlich, sitzen daneben und schauen uns das Schauspiel an.

Zuhören sollte man jedoch lieber nicht. Denn macht man das versehentlich doch für einen Moment, merkt man schnell: es geht quasi nur um Wettrüsten. Das immerhin auf erstaunlich vielfältige Weise. Den Anfang machen natürlich die Geschenke. Die werten Kinder haben nämlich eine der grundlegenden Regeln des Lebens schon gut verinnerlicht: Verschenke nur, was Du auch selbst gern haben möchtest. So wechseln hier hauptsächlich Bücher, Lego- und Playmobilbausätze den Besitzer. Nicht jedoch ohne entsprechende Begleitkommentare, ob die Sachen entweder ganz toll sind, weil man sie selbst auch schon lange hat oder ob es sich hier nur um das kleine Einsteigerset handelt, man könne jedoch gern im Haus des Schenkenden einmal die fertig hochgerüstete Vollversion bewundern, das ließe sich sicher einrichten.

Davon, dass auch die Anzahl, die Größe, das Gewicht, der Automatisierungsgrad und sonstige Albernheiten der in den Büchern beschriebenen oder in den Bausätzen mitgelieferten Äxte, Morgensterne, Schwerter, Gewehre, Kanonen oder schlicht der Schutzschilder ausgiebig analysiert werden, reden wir jetzt lieber nicht. Die Faszination für diesen Unsinn ist zwar sehr sicher nicht genetisch bedingt, aber trotzdem nur schwerlich durch das besserwissende Erziehungspersonal im Haus beeinflussbar. Würden wir ordentliche Waffenkontrollen an unserer Eingangstür einführen, wie diese derzeit wohl selbst beim örtlichen Dorffußballverein üblich geworden sind, hätten wir sicher kleine Schreibtischtäter hier herumlaufen, die halt mit Bleistiften aufeinander schießen. Es ist nicht immer einfach.

Wir rufen sicherheitshalber die verbal immer weiter aufrüstende Meute zu Tisch. Dort können sie in Ruhe Kuchen mit Marzipanspinnen sowie hochgefährlichen Schlangen aus Gummitierchenmasse vernichten. Eines muss man der Jugend zugestehen: Sie schlägt sich tapfer. Und sie findet bei all den mutigen Taten noch Reserven, um Nebenkriegsschauplätze zu eröffnen.

So tönt es plötzlich aus einer Ecke der Tafel: “Ich sitze nur noch auf einer Sitzschale!”

Als neutraler Beobachter ist man verdutzt. Man wundert sich. Man überlegt, wer die hauseigenen Stühle zwischendurch mit irgendwelchen Extras ausgestattet hat. Und man ist offenbar einfach nur zu langsam im Kopf. Das mitfeiernde Volk versteht sich auf Anhieb und wirft entsprechende Reaktionen in den Raum.

“Mein Kindersitz ist nur ganz klein, wirklich!”

“Ein Kindersitz? Ha! Ich habe nicht nur eine Sitzschale, meine ist auch ganz flach!”

“Bei meinem Opa darf ich auch auf einer Sitzschale sitzen. Nur meine Eltern meinen noch, dass ich einen Kindersitz brauche.”

Schlimm muss das sein. Was für ein hartes Los. Man könnte meinen, dass hier eine ganze Generation heranwachsender Vollblüter durch ihre sicherheitszertifikatsgeprägten Familienvorstände dauerhaft von jedwedem Evolutionsfortschritt befreit werden. Die Zielgruppe nimmt das auf jeden Fall zur Kenntnis und hat den Mantel des Schweigens, den man um derlei Peinlichkeiten hüllen sollte, schlicht noch nicht für sich entdeckt.

Liebe mitlesende Gadgetfreunde: Wenn Sie das nächste Mal irgendwelche Ausstattungsanschaffungen für den eigenen Nachwuchs planen, vergessen Sie nicht, den Lässigkeitsfaktor aus Sicht der Betroffenen mit in die Entscheidungsmatrix aufzunehmen. Stark gewichtet, versteht sich. Sie werden sonst zum Partygespött. Und das auf den eher harmloseren Geburtstagsfeiern.

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Saisonal passend wohnen hier auf einmal diverse Familien auf den Tischen. Ja, auf den Tischen. Das sieht in etwa so aus:

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Und wer jetzt glaubt, dass die Zuordnung dieser einzelnen Personen zu den realen Bewohnern hier im Haus glasklar ist und selbstverständlich auf der Hand liegt, irrt natürlich gewaltig. Seit heute ist hier nämlich jemand groß geworden. Alt? Auch. Ab jetzt reichen nicht mehr die Finger einer Hand, ab jetzt brauchen wir zusätzlich jene der zweiten, um mit den Jahren des Sohnes durch die Gegend zu zeigen. Ab sofort ist der Sohn der größte Weihnachtsmann im Haus.

Auf einmal ist man abgeschrieben, so als eh steinaltes Elternteil. Auf einmal kann man froh sein, überhaupt noch einen Schokomann aus der Familie zugeteilt zu bekommen. Aber ich möchte mich nicht beschweren. Hier geht’s schließlich nicht um mich. Heute zumindest, heute geht’s um den Sohn, den Großen.

Mordslesung

Bücher sind etwas Feines. Oder besser gesagt: Geschichten sind etwas Feines. Denn wer schon mal meine Kommentare zum Thema ertragen genießen durfte, weiß, dass ich bezüglich der rosigen Zukunft des gemeinen Verlagswesens eher zurückhaltend bin. Aber um diese großen Themen geht’s heute gar nicht. Heute geht’s um die kleinen Veranstaltungen.

Es ist noch gar nicht so lange her, da habe ich ein paar der Veranstaltungslebenszeichen am literarischen Himmel der Südstaaten entdeckt. Es war bei beim Bücherbuffet. Und im Dunstkreis dieser Veranstaltung mäanderte ein Verlag herum, ein kleiner. Er nennt sich auch so: Der kleine Buchverlag. Wie es sich für einen solchen Laden gehört, veranstaltet er Lesungen. So behaupten es zumindest die Kollegen von mairisch. Und die müssen es wissen, bei ihren ganzen feinen Büchern. Der kleine Laden hier vor Ort hat ordentlich organisiert und zwei Schauspieler zum Lesen geholt. Eine gute Tat. Man sollte bloß nicht immer die Autoren lesen lassen. Das ist nämlich ein weiteres faszinierendes Element in dem ganzen Zirkus: erstaunlich viele Autoren können erstaunlich schlecht vorlesen. Selbst ihre eigenen Texte. Vielleicht auch: vor allem ihre eigenen Texte.

Hier haben wir also zwei Schauspieler: Farida Shehada und Georgios Tzitzikos. Jetzt, wo ich beide durch die Suchmaschinen schicke, fällt mir auf, dass ich damit tatsächlich gar nicht gerechnet habe: Dass es heute noch Medienschaffende gibt, welche keinen eigenen Webauftritt mitbringen. Man staunt immer wieder; zum Beispiel darüber, wie verdorben man von der eigenen Filterblase bereits ist. Aber möglicherweise sind Schauspieler auch genug mit ihrem Dasein auf den Bühnen der Welt beschäftigt. Da bleibt keine Luft für die Banalitäten des Onlinedaseins. Wir akzeptieren das mal. Und hören zu. Sie lesen nämlich nicht etwa Auszüge aus einem Roman. Sie lesen Kurzgeschichten. Krimikurzgeschichten, jeweils in sich abgeschlossen. Meistens in etwa 20 Minuten schön erzählt. Es sind tatsächlich kleine Singles, die in Summe zum Album werden. Konkret sind es hier zwei Alben, aus denen das Programm des Abends zusammengestellt ist. Aber das macht nichts. Das fließt trotzdem. Ich weiß gar nicht, ob das regulär als richtig tolle Literatur durchgeht. Aber das ist vollkommen egal. Die Geschichten des Abends sind knackig, auf den Punkt gebracht, spannend, lustig, schlicht: gut erzählt. Ich mag diese Form von Kunst. Ich mag Singles.

Die quasi obligatorische Paralleldiskussion zur Veranstaltung auf einem der üblichen Social Media-Kanäle offenbart übrigens hilfreiche Randinformationen. So erfahre ich ausgerechnet von einem Fotografen etwas über das epische Präteritum, welches sich durch den Abend schleicht, es ist ganz unheimlich. Vor allem, wenn man es ahnungslos zuhörend ertragen muss. Manchmal hat man es wirklich nicht leicht, so als Unwissender unter lauter Experten. Vorsicht bei der Wahl des Studienfachs, sage ich mal. Immerhin die letzte Geschichte des Abends wird im Präsens erzählt. Und sie wirkt. Wie beruhigend.

Gerne wieder.

Vom Medienwandel in den Augen der Jugend

Sonntage können auch als Familie und mit Kindern im Haus eine sehr lockere Angelegenheit sein. Alle schlafen in Ruhe aus, frühstücken gemeinsam in vollkommener Ruhe und planen die Entspannungen für den Tag. Im Schwung dieser ausgeglichenen Harmonie wird der Papa gelegentlich in den Wald entlassen. Einfach mal einen lockeren Spaziergang machen. Das tut gut. Das beruhigt die Seele. Das kann ich übrigens nur empfehlen. Nicht empfehlen kann ich, bei so einem Rundgang nonchalant auszurutschen, auch nicht auf wundervoll und ansehnlich drapiertem Herbstlaub, auch nicht, dabei kurz mit dem Fuß herzhaft umzuknicken, um anschließend wenig elegant zurück ins warme Wohnzimmer zu humpeln. Falls das doch mal passieren sollte, kann man sich dort immerhin angemessen für diese eigenen sportlichen Höchstleistungen und seine quasi unendliche Schmerztoleranz bewundern lassen. Das Leben als Familienvorsteher: es ist schließlich kein Leichtes. Da braucht es auch mal ein wenig positives Feedback. Aber was ist? Die Kinder sind gar nicht da. Alle weg.

Sie sind bei einem Freund in der Nachbarschaft. Sie erzählen nachher, was sie dort so treiben. Nämlich genau das, was der Freund am Sonntag um diese Zeit wohl des öfteren so treibt: sie gucken die neue Sendung. Das ist natürlich die Sendung mit der Maus, ganz klar. Bildungsprogramm also. Da lernt man richtig was. Und zum Glück tut Papas Fuß auch eine Stunde später noch weh. Mit dem Bewundern, Anhimmeln und Trösten klappt es leider trotzdem nicht. Denn der Sohn erzählt erst einmal ganz aufgeregt, dass sie zwar eine Sendung geguckt haben, das aber auf gar keinen Fall die aktuelle Folge war. Sie kam nämlich gar nicht im Computer, wie das zu Hause immer der Fall ist. Statt dessen mussten sie beim Kumpel die Maus mit so einem Fernseher gucken. Sehr suspekt. Das kann nur etwas Altes gewesen sein, eine Folge aus dem Archiv.

Wir werten diese natürlich trotzdem aus, reden darüber und bekommen irgendwann sogar die Kurve zu meinem dramatisch schmerzbelasteten Fuß. Das wird auch Zeit. Manchmal ist es wirklich nicht leicht, sich die angemessene Aufmerksamkeit und Wertschätzung in der Familie zu sichern.

Wenig später, es können nur Tage vergangen sein, sitzen wir im Auto. Das Radio läuft. Ausnahmsweise. Zu ertragen ist das nämlich nicht. Ich zappe entsprechend rege durch die Programme. Nur kurz vermögen es die meisten Sender, meinem über der Sendersuchlauftaste zuckenden Finger etwas entgegen zu setzen. Der Sohn schafft es trotzdem immer wieder verlässlich, sich zumindest einen kurzen Kommentar zu den jeweiligen Stücken abzuringen. Eines klingt wie Pippi Langstrumpf, eines wie Wickie und seine starken Männer und bei einem meint er nur ganz trocken: “jetzt wird’s ganz verrückt und klingt wie Ritter Rost.”

Ich schalte das Gerät lieber aus und wir unterhalten uns einfach gegenseitig. Bis der Sohn plötzlich feststellt, dass ich wie ein Pirat aussehe. Ich mache mir Sorgen, runzle mit der Stirn und frage dezent nach, ob er sich da nicht vertan hat. Später möchte ich noch ins Büro. Wer weiß, ob Piraten da wirklich als akzeptables Personal durchgehen. “Doch”, sagt der Sohn, “Papa, wie ein Pirat. Das sagt mein Freund in der Kita auch. Und er kennt sich mit Piraten aus. Wirklich. Er hat nämlich so ein ganz tolles Piratenbuch.” Ich nehme das für den Moment einfach mal so hin.

Und wir halten zusammenfassend fest: Fernsehen ist eine veraltete Technologie, die man gar nicht wirklich ernst nehmen kann. Das Radio bietet einen Katzenjammer gegen den sogar die MP3-Sammlung von mir Gold wert ist. Und wahres Wissen kommt aus Büchern.

Der Medienwandel in den Augen der Jugend: Er sieht ganz anders aus als wir uns das vielleicht so vorstellen. Sorgen mache ich mir jedoch keine, nichtmal an entspannten Sonntagen.

Spoilerwarnung

Kindererziehung ist ein knallharter Job. Wer glaubt, dass man sich den Nachwuchs zulegt, weil er einen mit strahlendem Lachen früh am Morgen mit Elan aus dem Tiefschlaf reißt, liegt natürlich goldrichtig. Aber den Erziehungsjob gibt es gratis dazu. Er ist auch nicht verhandelbar. Stellt man sich ihm nicht, nehmen die Kinder die Sache glatt selbst in die Hand. Das möchte man nicht. Glauben Sie mir.

Nach einigen Jahren Erfahrung kann ich mittlerweile sagen, dass dieser Job durchaus seine Vorteile hat. Er ist zum Beispiel vielseitig. So gibt es die Fragen des gesitteten Umgangs miteinander, auf die es Antworten zu finden gilt. Es gibt Tischsitten. Es gibt Kleiderordnungen beziehungsweise Verhandlungen darüber, bis zu welchem Toleranzbereich man sich hier gegenseitig inspirieren kann. Es gibt die Vermittlung von sinnvollen Wertvorstellungen, damit die Kinder später nicht in grenzdebilen Castingshows enden. Und es gibt Verkehrserziehung.

Das ist überhaupt ein weites Feld, das mit dem Verkehr. Denn wer jetzt glaubt, dass es einfach nur darum geht, dass man nicht einfach blind die linke Spur der Autobahn zur Fußgängerzone erklärt, irrt gewaltig. Nicht bezüglich der linken Spur. Das stimmt schon so. Aber das Spektrum der Fragen rund um den Verkehr ist doch deutlich breiter.

Man betrachte nur einmal die Wahl der möglichen Verkehrsmittel und die Toleranz, welche man dabei an den Tag legen kann. Wie schon mal erwähnt, sind wir durchaus bekennende Autofahrer. Das geht aber doch nicht so weit, dass wir nicht andere Arten der Fortbewegung vollkommen ablehnen. Man muss schließlich gönnen können. Auch darum geht es bei der Erziehung. Sollen andere somit ruhig machen, was sie für sinnvoll erachten. Radfahren zum Beispiel. Wir bremsen sogar für Radfahrer. So ist’s ja nicht. Wer im Auto sitzt hat schließlich vier Räder, mit denen er warten kann. Da ist das nur fair.

Aber nicht nur Radfahrer werden hier toleriert. Nein, die Akzeptanz gilt selbstverständlich auch quasi allen anderen sogenannten Verkehrsteilnehmern gegenüber. Fußgänger? Sollen sie doch laufen. Mopedfahrer? Nur zu, unter dem Helm erkennt man sie eh nicht. Laster, Trecker, Bagger? Total super, wir haben schließlich Kinder dabei. Straßenbahn? Durchaus, aber bitte nur die neuen, mit dem flachen Einstieg und irgendwelchen besonderen Farben; der Sohn hat es mir mal erklärt, worauf es bei Straßenbahnen ankommt, ich habe es wieder verdrängt. Andere Bahnen, ein ICE gar? Klar, kein Problem, tolerieren wir alles. Und selbst anderen Autofahrern sind wir einigermaßen aufgeschlossen gegenüber. Das Gros von ihnen ist gar nicht komplett dämlich und unfähig. Die meisten können sogar besser fahren als wir hier. Na, zumindest besser als ich. Aber das ist kein Problem, das tolerieren wir. Sollen sie ruhig. Unsere Großzügigkeit kennt sogar dermaßen wenig Grenzen, dass wir bei der Wahl des Gefährts den meisten Leuten ihren Geschmack nicht vollkommen absprechen. Große Autos, kleine Autos, hohe Autos, flache Autos, lange Autos, kurze Autos, Autos mit zwei Türen, drei Türen, vier Türen, fünf Türen: das gibt es alles, das kann man alles ruhig fahren. Wir vermitteln den Kindern, dass das alles Ergebnisse einer freien Wahl sind, dass die meisten Leute sich das jeweils genau so ausgesucht haben, dass sie selbst am besten wissen, was für sie gut und geeignet ist, dass wir uns da kein Urteil drüber erlauben. Die Kinder nicken, sie sagen “Ahh” und “Ohh”. Sie haben verstanden. Sie tolerieren. Sie sind einfach gut erzogen.

Nur neulich saß der Sohn auf einmal da, guckt sich um, denkt kurz nach, neigt den Kopf nach links, neigt ihn nach rechts und sagt schließlich: “Also wenn ich mal groß bin, dann hole ich mir ein rotes Auto. Mit Spoiler!”

Jetzt wird es bunt. Wo hat er solche Ideen nur her?

Der Sohn ergänzt: “Zwei Spoiler! Einer vorn und einer hinten.”

Offenbar ist es an der Zeit, etwas autoritärer zu erziehen. Es gibt schließlich Grenzen.

Modebewusstsein

Wir leben hier übrigens in einem Institut. Eine gewöhnliche Wohnung gab’s früher. Heute haben wir einen Bildungsauftrag zu erfüllen. Das ist kein einfacher Job. Das lässt sich nicht mal eben im Vorübergehen bewerkstelligen. Dafür muss auch die Umgebung stimmen.

Was das Institut auszeichnet, ist eine große Spielfläche ein angemessener Arbeitsbereich für die kreativ Schaffenden der Familie. Also für die Dame des Hauses mit gelegentlicher Zutrittserlaubnis für die Kinder. Ich bewache die Tür. Hier wird eben jeder nach seinen Kompetenzen eingesetzt. Das gilt auch für Türsteher mit schmalen Schultern.

Im Atelier stehen unter anderem diverse Nähmaschinen. Diese wurden ursprünglich mit sogenannten Räuberhosen eingearbeitet. Dabei handelt es sich um eine Art Strampler für Krabbelkinder mit einer extra geräumigen Brusttasche für anfallende Räuberbeute. Das ist praktisch. Und das ist gleichzeitig ein solider Einstieg in die Maßfertigungskarriere der modernen Kinder von heute. So gibt es mittlerweile Hosen und Werkzeug für ausgebildete Kleinzimmerer und -innen. Je nach Auftragslage gibt’s auch mal eine Aktentasche. Und je nach Jahreszeit kommt ein Frühlingskleidchen oder ein Mäntelchen hinzu. Oder Brehms kleines T-Shirt-Leben. Es ist selten langweilig im Institut, es gibt immer wieder Überraschungen, Stoff ist schließlich ausreichend vorhanden.

In ganz besonderen Momenten und je nach Wetterlage fällt auch mal ein Stück für die Erziehungsberechtigten ab. Nach ausdrücklicher und andauernder Wunschäußerung habe ich beispielsweise mal ein paar maßgefertigte Fummel abgesahnt. Beziehungen sind halt doch etwas wert.

Manchmal entdeckt die Dame auch einen Bedarf für sich selbst. Dann zieht sie sich zurück. Plötzlich herrscht im Institut fleißige Ruhe. Nur das Rascheln von Stoff ist gelegentlich zu hören. Natürlich kommen nur feine Stoffe in Frage, gute Stoffe, erlesene Stoffe. Irgendwann klappern Scheren, zischen Stoffreste durch die Luft, klappert eine Nähmaschine. Plötzlich regiert wieder die Stille. Eine Modenschau folgt und schließt das rege Treiben ab.

Letztlich kommt es, wie es kommen muss: Im Alltag, im gewöhnlichen, verblassen die Erinnerungen an das kreative Institutstreiben erstaunlich schnell. Klar: am Morgen hilft es, wenn ausreichend Alternativen zur Klamottenwahl der Kinder vorrätig sind. Da findet sich bestimmt etwas. Oder die Vorräte helfen eben nicht. Da schließlich alles ganz toll ist und es heute unbedingt, ganz wichtig, ein komplett anderes Outfit als gestern sein soll, obwohl eben dieses noch herrlich sauber ist. Oder heute muss es unbedingt das exakt gleiche Outfit wie gestern sein, ganz ungeachtet der Spielplatzspuren, darauf ausgekippten Joghurtbecher und gleichmäßig eingearbeiteten Nutellaglasinhalte. Es ist kompliziert. Wer Kinder hat, kennt das sicher.

Ebenfalls kompliziert, wenn auch aus gänzlich anderen Gründen, ist es schließlich am Abend. Der Tag ist durchgespielt, die Mahlzeiten alle eingenommen. Es fehlt nur noch das Zähneputzen und die Auswahl der jeweiligen Nachtgewänder. Der Gleichen wie am Vortag. Oder gänzlich anderer. Hier schließt sich plötzlich ein Kreis. Hier kehren die Muster vom Morgen am Abend zurück. Das Yin und Yang des Alltags: hier hat es sich versteckt, wir haben es gefunden. Wir müssen – wie gesagt – nur noch schnell die Zähne putzen. Auch wenn wir vielleicht schon viel zu müde dafür sind. Auch wenn uns der Sinn eigentlich nach ganz anderen Dingen steht. Auch wenn wir lieber unkontrolliert das Waschbecken anschreien möchten, dieses stille Ding, welches uns Wünsche nicht von den Augen abliest, dieses ignorante Miststück. Aber: wir schaffen das. Wir putzen jetzt auch noch die Zähne. Bei allen Kindern.

Selbst, wenn der Sohn ganz ruhig dasitzt, den müden Abendterror um ihn herum geübt ausblendet, die korrekte Schlafanzughose sogar schon angezogen, den Oberkörper jedoch noch nackt gelassen hat und mit einer lässig halb aus dem Mund heraushängenden Zahnbürste recht trocken feststellt: “Mama, Deine Bluse sieht heute aber chic aus!”

Eines hat der Nachwuchs im Institut auf jeden Fall schon gelernt: Diplomatie durch Komplimente, auch in kritischen Momenten. Bildungsauftrag erfüllt.

Schöne Dinge

Da war noch was, neulich, als man uns einfach vorzeitig von der Insel verwies und wir anschließend in dieser Hansestadt herumhingen, in dieser Stadt, welche zumindest in Teilen sogar nördlich der Elbe liegt.

Aber das macht ja nichts. Wir reden hier schließlich von Hamburg. Und in Hamburg ist etwas los. Ganz viel sogar. Da wird einem nicht langweilig. Hamburg geht immer. Und in Hamburg geht immer was. Da bleibt nur die Frage: Was von all dem machen wir jetzt bloß? Das Leben: es ist nicht immer ein Leichtes. Manchmal hat man’s wirklich besonders schwer. In solchen Momenten ist es hilfreich, wenn man ein paar Grundweisheiten hat, die einen durch das Leben bringen. Sozusagen ein paar Felsen in der Brandung zur Navigation durch den Alltag. Das passt, denn von Navigation verstehe ich wirklich etwas. Die wohl bekannteste dieser Weisheiten für Zeiten des Reisens ist: Eat where the locals eat. Das stimmt. Das passt. Daran sollte man sich halten. Es hilft nur nicht, wenn man gerade mal etwas unternehmen möchte. Denn: immer nur Essen, das geht dann doch zu weit. Wir halten uns somit an Motto Nummer zwei, welches passenderweise lautet: Go where the locals go.

Gedacht, getan. Wir fragen ein paar Hanseaten nach geeignetem Unterhaltungsprogramm und Sehenswürdigkeiten. Und da wir eh gerade im Bahnhofsviertel sind, lassen wir uns vom Museum für Kunst und Gewerbe überzeugen. So ein Museum ist schließlich etwas Feines. Die gibt es zwar überall, aber letztlich sind sie doch jeweils sehr unterschiedlich. Dieses hier verspricht unter anderem viele schöne Gegenstände des Alltags zu zeigen. Das klingt spannend. Das ist nicht nur für die Kinder geeignet, um ihr Industriedesign-Allgemeinwissen ein wenig auf Trab zu bringen. Nein, das passt auch für die Eltern. Die Sache mit dem Allgemeinwissen gilt wirklich generationsübergreifend.

Wir gehen rein. Wir staunen. Wir gucken. Und wir fassen um Himmelswillen nichts an! Wir reden hier zwar von Alltags- und Gebrauchsgegenständen. Aber diese lagern in einem Museum. Das ist zum Gucken da, nicht zum Anfassen. Das weiß doch jedes Kind. Jetzt zumindest. Wir gehen somit vorbei an Stühlen, auf die wir uns nicht setzen. Wir bestaunen eine Kantine, die sorgfältig von Besuchern abgeschirmt ist und wir erklären den Kindern Braun-Geräte auf einem möglichst abstrakt-theoretischen Niveau.

Dabei reizen wir gern aus, was an Ausreizbarem angeboten wird. Finden wir frei herumliegende Kopfhörer, setzen wir sie auf, um festzustellen, dass sie trotzdem stumm bleiben. Finden wir ein weißes Podest in einem weißen Raum, besteigen wir dieses, um vom Weißen auf das Weiße zu starren. Der Sohn ist mit einer Begeisterung dabei, man kann ihm kaum folgen.

hamburg_mkg_podest

Irgendwann sind wir trotzdem durch. Irgendwann landen wir im Keller. Dort gibt es ein kleines Kinderwunderspielparadies. Der Nachwuchs erkennt das sofort und ruft: “Schau mal, hier können wir hüpfen!”

“Aber eigentlich erst ab acht”, antwortet uns darauf eine Stimme von der anderen Seite des am Eingang aufgestellten Tresens. Wir verstehen nur: “eigentlich”. Und begutachten das Areal. Es ist wundervoll. Schöne Sachen, nützliche Sachen, interessante Sachen, interaktive Sachen, wohlgeformte Sachen, überraschende Sachen. Das kann ich sehr empfehlen. Hier kann man sich auch ohne Kinder ruhig mal austoben. Hier darf man nicht nur staunen und anfassen, hier sollte man es sogar. Ohne Anfassen gibt’s viel weniger Staunen. Wie im Flug vergeht die Zeit.

Und ich stelle fest: So eine spontane Familienfreizeit in Hamburg ist auch mal schön. Plötzlich kommt man sogar in ein Museum, welches schon seit Jahren auf der Besuchsliste steht. Interessant ist es vor allem wegen seiner phantastischen Sammlung von Gebrauchsgegenständen, welche man zwar unter keinen Umständen anfassen, aber dafür leise bewundern darf. Zum Spielen geht man halt in den Keller. Zum Lachen am Besten auch.

Bücherbüffet

Das Leben in den Südstaaten, es ist nicht immer ein Leichtes. So prangere ich beispielsweise mit beharrlicher Ausdauer an, dass viele der textsicheren ins-Internet-Schreiber eher nördlich der Fischkoppgrenze wohnen als hier im südlichen Binnenland. Von der fabelhaften Frau Ziefle einmal abgesehen. Jetzt mal unter uns: So geht das doch nicht! Wen soll ich denn da anhimmeln? Vor wem soll ich denn da bewundernd auf die Knie fallen? Eben. Es ist eine Unsitte. Man kann ja nicht immer in den Norden fahren, wenn man mal eine entspannte Lesung oder ähnliches erleben möchte. So einfach ist das schließlich nicht, wir hatten das ja gerade erst. Liebe Südstaaten, ich bitte um mehr Flair. Also wirklich.

Da trifft es sich gut, dass kürzlich ein paar in der lokalen Verlagsszene hochaktive Damen das Bücherbüffet veranstaltet haben. Das ist eine kleine Veranstaltungsmesse rund um das gedruckte Wort. Und ja, die Schreibweise stimmt schon so. Außerdem gibt’s die ganzen Umlaute nicht nur im Titel, sondern sogar im zugehörigen Domainnamen. Jetzt mal ganz ehrlich: Wie großartig ist das denn? Ich meine: Wir schreiben das Jahr 2013 und wenn wir uns mal so umschauen, stellen wir fest, dass wir erstaunlich oft erstaunlich große Probleme damit haben, ganz stinknormale und gewöhnliche Umlaute in den Rechner herein und wieder aus ihm heraus zu bekommen. Das ist erschreckend. Radfahren, Autofahren, Fliegen: geht alles. Umlaute jedoch eher nicht so. Komischerweise vor allem dann, wenn man die eher technikaffinen Mitbürgerinnen und Mitbürger fragt. Jetzt kommen die Verleger und stellen alles auf den Kopf. Bücher! Umlaute! Revolution! Das gab’s in der Kombination schon eine Weile nicht mehr.

Die Veranstaltung selbst spielt den Ball übrigens etwas flacher. Charmant flacher, versteht sich. Ort der Handlung ist dabei eine ehemalige Fleischhalle. Das passt doch. Erst nimmt man Tiere auseinander und setzt sie in neuer Konstellation wieder zusammen. Dann macht man das Gleiche mit Texten. Da zeigt jemand Mut zu Analogien. Ich mag so etwas. Vor allem, wenn es konsequent ausgestaltet wird. Wie beispielsweise bei zumindest einer der Abendveranstaltungen. Bei welcher auch etwas zu Essen geboten wird. Durchaus vegan, versteht sich. Wir reden hier schließlich von der Kreativbranche. Noch direkt live bei der Veranstaltung gibt es folgenden Kommentar dazu:

Dieses eher versteckt gehaltene Kompliment führt dazu, dass ich bei dieser Gelegenheit glatt den lokalen Ableger von Coffee-Bike kennenlerne, bei welchem ich von der charmanten Dame hinter dem Veranstaltungsblog nicht nur einen feinen Nachtisch, sondern auch einen Kaffee zum Trost spendiert bekomme. Das nenne ich Social-Media-Monitoring, welches man sich auf der Zunge zergehen lassen kann. Daran können sich andere ein Beispiel nehmen. Ich bin übrigens sehr flexibel, was die Wahl meines Nachtischs anbelangt. Aber das nur nebenbei.

Wenn man sich bei der Veranstaltung zwar erst einen Sitzplatz rechtzeitig vorher reserviert, dieser dann aber auf einmal in der ersten Reihe liegt, findet man sich schnell ganz hinten in der Halle wieder. Dort steht der Tresen. So ein Tresen geht ja immer. Gern auch auf Literaturveranstaltungen. Und bei der üblichen Unruhe in der letzten Reihe stellt man schnell fest, dass man sich den Platz mit dem Herrn von der Lesegefahr teilt. Irgendeine Gefahr lauert tatsächlich immer. Aber dieses Mal passt es glatt. Zufälle gibt’s, man glaubt es kaum. Er kommt übrigens nicht nur hier aus der Gegend, sondern macht unter anderem einen Podcast. Mit Folgen, die eher zehn Minuten als zwei Stunden lang sind. Damit schwimmt er gegen den aktuellen Strom. Sehr sogar. Und das ist gut so, man kann’s gar nicht deutlich genug sagen.

So ganz nebenbei kann man auf dieser einen Veranstaltung die passende Örtlichkeit für kommende andere aufschnappen. Das Wohnzimmer Karlsruhe zum Beispiel. Das hatte zwar gar keinen Stand in der Halle, aber Thema wurde es trotzdem irgendwie, irgendwann, mit irgendwem. Und dieses Wohnzimmer scheint mir eine hochgradig vernünftige Kulisse für Lesungen hier vor Ort zu sein. Wie großartig klingt das denn? Mit denen sollte man dringend mal etwas machen. Da geht noch was.

Die Südstaaten, ich unterschätze sie wohl. Und, Bücherbüffet: Gerne wieder.

Schaukelware zur Klassenfahrt

Wir waren also auf Klassenfahrt. Nach Helgoland ging’s. Das ist eine Insel. Man fährt für gewöhnlich mit dem Boot dorthin. Das möchte gut vorbereitet sein. Klassenfahrtprofis wissen das natürlich. Ergo waren wir bekanntermaßen schon am Tag vorher in Hamburg. Das Erreichen der Fähre war somit quasi gewährleistet. Den eher ungeschickten Teil meiner Navigationskünste habe ich auch vorausschauenderweise bereits an der U-Bahn auf dem Festland abgewetzt. Besser geht’s doch gar nicht. Da konnte nur noch das Wetter verrückt spielen.

Das Wetter? Reden wir über das Wetter. Wenn es schon nicht mit uns spricht. Was vielleicht ganz gut so ist, denn es käme eh nur heiße Luft dabei heraus. Wind machen kann das Wetter nämlich. Reichlich sogar. Dermaßen reichlich, dass wir noch am Tag der Überfahrt beim Frühstück sitzen und uns fragen, ob das mit dem zeitigen Aufstehen wirklich so eine sinnvolle Idee war. In solchen Momenten ist es übrigens sehr hilfreich, Kinder dabei zu haben. Vor allem, wenn diese bei der Feststellung des frühen Aufstehens einen Blick aufsetzen, der ganz klar ihren Verdacht auf vorsätzliche Täuschung durch die Erziehungsberechtigten ausdrückt. Also streichen wir die Zweifel an dem Sinn der Uhrzeit wieder und gucken stattdessen lieber im Hafen nach, ob ein Boot dort auf uns wartet.

Es wartet ein Boot.

“Dann kann das mit dem Wind so schlimm ja nicht sein”, denke ich mir. Wir gehen an Board und das Gefährt setzt sich in Gang, um mit erstaunlicher Gelassenheit die Elbe herab zur offenen See zu gleiten.

elbe_boot_versenkt Unterwegs lassen wir die frisch versenkten Boote einfach links liegen. Wir schöpfen Kraft aus dem Elend der anderen. Das mag verwerflich klingen, ist es aber gar nicht. Das Leben auf dem Wasser, es ist ein raues. Da ist man auf sich allein gestellt, kämpft mit der Natur bis man quasi eins mit ihr wird. Letztendlich sind wir so mit ihr verschmolzen, dass wir den Winden trotzen und die Insel einnehmen.

Das stellt man sich am besten so vor, dass wir erhobenen Hauptes und mit froher Miene zum schaukelnden Spiel vom Boot wanken und uns selbst mitsamt Gepäck zum charmanten Hotel auf der Insel schleppen. Die weiteren Aktivitäten auf der Insel fassen wir einfach mal als angemessen für eine Klassenfahrtgesellschaft zusammen und hüllen uns ansonsten in Schweigen. Die Sache mit den Details wird gemeinhin eh ganz furchtbar überschätzt. Also wirklich.

Konzentrieren wir uns eher auf das Wesentliche. Die Rückfahrt zum Beispiel. Wie es sich für eine wilde Gang im besten Alter gehört, haben wir diese für den letzten möglichen Tag der Fahrt des Katamarans von der Insel zum Festland geplant. Soviel Kick muss sein. Auf Reisen gehen heißt immer auch, ans Limit zu gehen. Oder darüber hinaus. Wenn diese Fahrt zum Beispiel abgesagt wird. Wegen noch mehr heißer Luft. Oder kalter. Auf jeden Fall Luft. Und zwar viel davon. Die Warnung kommt immerhin rechtzeitig. Wir buchen um. Und lassen uns somit schon einen Tag früher als geplant über das Wasser nach Hamburg schaukeln. Wäre das hier nicht ein ordentliches Familienblog, ich würde sagen: Es ist zum Kotzen. Da das hier aber ein ordentliches Familienblog ist, sage ich lieber, dass die dem Kotzen vorbeugenden Reisedrogen eine wahrhaft sinnvolle Erfindung sind. Ich möchte das ruhig mal recht deutlich in aller angemessenen Diskretion anpreisen. Ich nenne auch keine Produktnamen, so ist’s ja nicht.

In der Retrospektive stelle ich heute ganz banal fest: Wir können problemlos aus den Südstaaten in die Nordstaaten fahren. Wir können über das Wasser zu den Inseln reisen. Wir können sogar den Hamburger ÖPNV bezwingen. Und wir können einen der letzten noch fahrenden Züge in Richtung Heimat erwischen. Aber das Wetter, das haben wir nicht im Griff. Man mag das als ein Eingeständnis von Schwäche werten. Man mag das gutheißen. Oder man mag anerkennen, dass der Sturm auf den Namen Christian hört. Klar, oder? Einem weiblichen Windhauch würde man derartig wilde Eskapaden wie jene der letzten Tage nämlich eher nicht zutrauen. Man verschone mich bitte auch weiterhin mit politischer Korrektheit. Die bringt’s doch nicht.

Ein Trost bleibt immerhin: Aus gut unterrichteten Kreisen hört man, dass das oben erwähnte Hotel zumindest in seinen Grundzügen noch steht und sich nicht hat wegwehen lassen. Fahren Sie doch ruhig mal hin. Das lohnt sich ja eh. Insel und so. Sie können Ihre ganze Klasse mitnehmen. Vielleicht geht’s aber auch ohne.

Knieper

Früher war mehr Hummer. Da machen wir uns mal nichts vor. Das letzte Mal Hummerschlemmen: wie lange ist das wohl her? Na? Jetzt komme mir niemand mit “Letzte Woche. Heute ist schließlich erst Montag.” Das glaube ich Euch eh nicht. Und das liegt ausnahmsweise nicht nur an meiner zweifelnden Ignoranz. Sondern ganz schlicht an den knallharten Fakten.

Früher gab’s nämlich tatsächlich mehr Hummer. Zumindest in den uns nahegelegenen Krebswohngegenden. Rund um Helgoland zum Beispiel. Die Insel war quasi von Hummern umzingelt. Belagerung nennt man das wohl. Passenderweise war’s der zweite Weltkrieg, der dem Treiben ein Ende gesetzt hat. Der Legende nach wurde der Krebsfang während dieser Zeit glatt für eine Weile ausgesetzt. Das muss man sich mal vorstellen: Da ziehen Leute lieber durch die Gegend und hauen sich gegenseitig die Köpfe platt, anstatt solide ins Wasser zu tauchen und Krebse an Land zu ziehen. Zeiten gibt’s, die muss man nicht verstehen. Diesen Unsinn haben viele dann auch eingesehen und mit dem Köpfeplatthauen schlicht aufgehört. Es hat dann glatt noch einmal ein paar Jahre gedauert, bis wieder jemandem eingefallen ist, was man statt dessen sinniges machen kann. Und, zack, ging er ins Wasser – Nachgucken, was die Krebse machen.

Das Ergebnis war wohl bitter. Sagt die Legende. Denn, ich traue mich kaum, es so zu sagen: Früher war mehr Hummer.

Alle weg.

Statt dessen wimmelt es auf einmal nur so von Taschenkrebsen. Hummer? Taschenkrebse! Man könnte das jetzt anprangern. Aber das führt ja zu nichts. Den gemeinen Krebs zumindest lässt das herzlich kalt. Der ändert deswegen zumindest nicht seine Wohngegend. Besser ist’s, man arrangiert sich. Und holt sich eben die Taschenkrebse an Land. Die haben schließlich auch ihre feinen Seiten. Die Scheren zum Beispiel. Auch Knieper genannt; zumindest bei denen, die fit genug in Halunder sind. Und wer würde schon freiwillig zugeben, das nicht zu sein? Eben.

knieper_vorher Knacken wir eben diese. Wichtig ist, es mit Stil zu tun. Was keineswegs immer leicht ist. Denn gucken wir doch mal genau hin: Die Scheren sind mit einer soliden Schale versehen und es liegt ein Hammer daneben. Man kann sich denken, was diese Kombination bedeutet. Mit Eleganz und Stil hat das gemeinhin eher wenig zu tun. Aber es macht wahnsinnig Spaß. Und wann kann man das schon mal von seinem Essen sagen? Viel zu selten, korrekt. Also greifen wir zum Hammer und klopfen erst vorsichtig, dann jedoch mit dem angemessenen Schmackes bei den Kniepern an.

knieper_danach Relativ fix hat man den Dreh raus. Dann reicht ein solider Hieb mit dem Hammer auf die korrekt anvisierte Schwachstelle des Panzers und selbiger ist zertrümmert. Da sind auch die Kinder schnell dabei. Trauen Sie sich ruhig. Geben Sie den Hammer einfach mal aus der Hand. Der Nachwuchs macht das dann schon und schlägt einfach zu. Passen Sie jedoch auf, ihnen den Hammer danach wieder wegzunehmen und geben Sie den Kleinen noch den Tipp mit auf den Weg, dass der Trick bei Nudelgerichten nicht so gut funktioniert. Man möchte schließlich seinem Erziehungsauftrag gerecht werden, so ist’s ja nicht.

Das, was nach dem Zertrümmern und dem Auflesen der Schalenrestteile übrig bleibt, ist übrigens erstaunlich genießbar. Das ist Seafood vom Feinsten. Ganz ohne knorpelige Extravaganzen. Man kann’s einfach essen. Es ist kein Verbrechen, das ebenfalls gereichte Brot trotzdem zu verspeisen. Das passt durchaus. Nur wozu die zwei Alibi-Salatblättchen gedacht sind, das hat sich mir nicht erschlossen. Aber auf hoher See und beim Essen: Da dürfen ruhig ein paar Fragen ungeklärt bleiben.

Das große Dilemma an dem ganzen Spaß ist übrigens ein ganz anderes: Man frönt ihm am Besten direkt auf Helgoland, bei Rickmers zum Beispiel. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll das Scherenkrachen demnächst auf das Hamburger Festland exportiert werden. Da kann es sich eigentlich nur noch um Jahrzehnte handeln, bis wir auch direkt in den Südstaaten in diesen Genuss kommen. Wir sind hier schließlich eine prima Küstengegend, wenn auch südlich der Elbe.