Morgen

Hallo? Ist da der Wetterfrosch?

(Kurze Ruhe.)

Hallo Wetterfrosch!

(Ruhe.)

Morgen wird’s wieder schön, ja?

(Noch einmal Ruhe, wenn auch nur kurz.)

Alles klar. Gut. Aber nicht vergessen: morgen schön! Tschühüß.

Der Sohn als Beifahrer im Auto ist eine praktische Sache: Man braucht keine unsäglichen Radiosender zu hören, nur um ihren nichtssagenden Wetterbericht zu erleben; man braucht nicht während der Fahrt zum Telefon zu greifen, das nimmt er einem ganz freiwillig ab; und solange er ins Gespräch vertieft ist, kann man sicher sein, dass er sich nicht in die Musikauswahl im Gefährt einmischt.

Dafür erträgt man auch Gespräche mit dem Wetterfrosch.

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Knallgrün

Wir haben einen Frosch im Haus. Sitzt mitten im Wohnzimmer. Ist knallgrün. Und ruft fortwährend: Applaus! Applaus! Applaus!

Direkt daneben sitzt die Tochter. Macht große Augen. Fühlt vorsichtig, ob man den Frosch auch anfassen kann. Man kann. Sie stupst. Der Frosch lacht. Sie versucht, ihm in den Froschschenkel zu beißen. Er ruft nur: Applaus! Applaus! Applaus! Sie guckt hoch, macht noch größere Augen, setzt sich wieder vernünftig hin und folgt schlicht den Anweisungen des Froschs: sie klatscht. Und lacht dazu.

Ich stehe unschlüssig daneben und frage mich, ob und wann dieser Karnevallswahnsinn jemals wieder aufhört.

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Stadtneurotiker

Ganz in der Nähe unserer Heimatbasis gibt es ein Bäckereifachgeschäft. Das ist gut und praktisch so. Denn als moderner Mann von heute schafft man dadurch den Weg selbst am frühen Morgen. Und man macht es sich dabei natürlich auch nicht unbedingt schwerer als nötig. Man sucht sich seinen Weg, man geht diesen Weg, man entwickelt Routine. Raus aus dem Haus, über die Straße, Gehweg, Bäcker. Raus aus dem Bäcker, über die Straße, Gehweg, wieder rein ins Haus. Das ist ganz normal so und ergibt sich vollkommen natürlich. Hin- und Rückweg sind nicht identisch sondern bilden einen Kreis, einen geschlossenen. Man überquert jeweils bei der erstbesten Gelegenheit die Straße, dann hat man das hinter sich. So muss das sein, das ist streng logisch, anders geht es eigentlich gar nicht.

Und neulich morgen, da stand ich mit dem Sohn am Fenster. Eine Hand steckt jeweils in der Hosentasche, die andere hält ein Plüschtier (Sohn) oder eine Tasse Kaffee (ich). Wir beobachten eine beschauliche Sonntagmorgenszenerie. Leute mit Hund. Morgensjogger. Kirchgänger, die sich in der Uhrzeit vertan haben. Lauter ganz normale Leute, die vorüber ziehen. Und ein Nachbar betritt die Bühne. Der will bestimmt zum Bäcker. – denke ich mir und nehme einen Schluck vom Heißgetränk. Während er allerdings gar nicht über die Straße geht sondern einfach nur den Gehweg entlang. Und dann erst über die Straße. Tatsächlich zum Bäcker. Aha, man kann die Runde auch anders herum absolvieren. – denke ich als nächstes und nehme sicherheitshalber noch einen Schluck Kaffee. Woraufhin der Nachbar wieder aus dem Backwarenladen kommt und: sofort direkt über die Straße geht. Und den Gehweg entlang. Und ins Haus herein. Der Mann läuft tatsächlich den gleichen Weg zurück, den er vorher hin gelaufen ist.

Der Sohn und ich: wir gucken uns kurz an, schütteln jeweils den Kopf und drehen ihn wieder zum Fenster.

Nur Neurotiker da draußen!

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Mittagsschlaf

Kinder sind ein Spiegel. Sie gucken einen genau an und machen dann alles nach. Der Unterschied zum Spiegel ist eigentlich nur, dass sie auch dann noch hingucken, wenn man sich selbst schon längst umgedreht hat. Das ist übrigens gar nicht so schlimm, wie mancher von uns gemeinhin denkt. Denn die eigenen Kinder bestätigen einen auch immer wieder darin, dass man sich grundsätzlich korrekt verhält, einen stilvollen Umgang pflegt und auch sonst einfach nur unheimlich großartig, charmant und ausgeglichen ist.

Da sitzt der Sohn schon mal beim Essen und fragt höflich nach einer Serviette, um sich den Mund abtupfen zu können, bevor er zu seinem Glas greift. Da bittet der Sohn schon mal an einem trägen Morgen: Papa, kannst Du mir bitte die Schuhe anziehen? Da unterstreicht er sein Verständnis der Balance von Geben und Nehmen, welche er sich bei seinen Eltern abgeschaut hat, mittels: Ich habe Dir auch schon Deinen Mantel hier hingelegt. Da rennt er auf dem Weg zum Spielplatz schon mal freudig als erster aus der Wohnung, holt den Fahrstuhl und hält an diesem die Tür auf, bis die gesamte Familie es endlich hinein geschafft hat. Da grüßt er vor dem Haus jeden Bauarbeiter mit einem freudigen Guten Morgen!. Welches er allerdings auch nachdrücklich wiederholt, wenn der Angesprochene nicht adäquat reagiert.

Und wenn man als moderner Mann von heute mal voller Elan und guter Laune von der Arbeit nach Hause kommt, da man sich auf rasantes Spiel mit dem Sohn und seinem Fuhrpark freut oder es kaum erwarten kann, in seinem Einkaufsladen wieder nichts verkauft zu bekommen, dann, ja, dann kann es schon mal passieren, dass der Sohn die gerade mit ihm spielende Dame des Hauses fragt: Mama, hat der Papa heute im Büro Mittagsschlaf gehalten?

Ich frage mich, woher er das nur hat.


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Streetworker

Es gibt so Tage, an denen sitzt man auch als moderner Mann von heute am Abend da und lässt die Zeit Revue passieren. Und stellt fest, dass manchmal aus ganz unerwarter Richtung Abwechslung in den Alltag kommt. Zum Beispiel, wenn überraschend jemand anderes auf einen zukommt und um Unterstützung bei dem Abgewöhnen einer alten Gewohnheit bittet.

Abwechslung vom Alltag ist immer gut, denkt man sich vielleicht und stimmt ohne groß zu überlegen zu. Man hilft schließlich gern und wo man nur kann. Wer würde sich da schon mit großen Fragen nach wahrscheinlich unrelevanten Details zur besagten Gewohnheit aufhalten? Eben.

Also setzt man sich mit seinem Patienten zusammen und stellt recht schnell fest: Es ist ein Junkie auf Entzug. Aber zugesagt ist zugesagt, versprochen ist versprochen und Aufgeben natürlich keine Option. Also begibt man sich für eine Weile auf die gemeinsame Reise zwischen Hochs und Tiefs. Zwischen totaler Euphorie und aggressiver Manie. Man stellt schnell fest, dass eine abwechslungsreiche Tagesgestaltung vieles vereinfacht, aber das Leben in der Nacht für den Patienten unsäglich schwerer wird. Man zieht bei ihm ein, denn geteiltes Leid ist halbes Leid. Das wissen wir doch alle. Man lässt sich mitten in der Nacht erst anbrüllen und dann anflehen: Nur noch dieses eine Mal! – heißt es dann. Ich komme sonst nicht durch die Nacht! Und man bleibt standhaft, natürlich. Redet. Hält Händchen. Beruhigt. Lenkt ab. Hilft zurück in den Schlaf. Und wartet auf den nächsten Schub.

Und dann auf einmal ist’s vorbei. Der Patient ist ruhig, ausgeglichen, schläft entspannt durch die Nacht. Er hat’s geschafft und ist wohl clean.

Heute ist so ein Tag. Es ist Abend. Man sitzt halt da. Zeit. Revue. Passieren lassen. Und kurz bevor man ins eigene Bett geht, um auch selbst mal wieder ungestört und in Ruhe durch zu schlafen, da überlegt man, ob auf einmal ein Streetworker aus einem geworden ist oder ob schlicht der eigene Sohn vor ein paar Tagen beschlossen hat, seine gesamte Nuckelware an die Schnullerfee zu übergeben.

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Berufswunsch (12)

Der Sohn hat ein Geschenk bekommen. Und es hat mal wieder vier Räder. Damit kennt er sich aus. Auto! – sagt er anerkennend und steigt ein zur Probefahrt. Zum Glück ist es nicht nur groß sondern auch stabil genug, um die ersten Runden problemlos zu überstehen. Beim Ein- und Ausparken lässt sich der Nachwuchs dabei gern von mir einweisen. Ansonsten bewegt er sich aber souverän und eigenständig. Beide Hände am Lenkrad, die Füße tippeln Dank clever eingebautem Fußbodenschacht als Hilfsmotor, der Blick ist ernst und doch gelassen, beim Rückwärtsfahren lehnt ein Arm recht lässig auf der Karosse. Und sollte der Sohn zufällig mitbekommen, dass ihn seine kleine Schwester beobachtet und anhimmelt, wird seine Mine noch etwas kühler und er fragt mich eher beiläufig und unauffällig, wo eigentlich seine Sonnenbrille verblieben sei.

Alles in allem ist der Sohn also glücklich und ausgeglichen. Bis er plötzlich stehen bleibt, sein Blick sehr ernst wird, er alle ermahnt, kurz ruhig zu sein, dann seinen Kopf zur Seite und nach vorn neigt, um mit Kennermine in die Seele seines Gefährts hinein zu lauschen.

Nicht gut – sagt er. Motorschaden!

Vorsichtig rollt er den Wagen in sein Zimmer, die Werkstatt. Er steigt aus. Sagt kein Wort mehr und holt sich eine Decke. Breitet sie aus und legt sich rücklings darauf, um einen Blick unter den Wagen zu werfen. Er brummt von dort unten unverständliche Worte hervor, greift sich immer mal neues Werkzeug und ist für eine Weile nicht mehr ansprechbar. Er steht auf, setzt sich in den Wagen, versucht wohl den Motor zu starten, schüttelt den Kopf und legt sich wieder nach unten. Das Procedere wiederholt sich. Es wirkt auf mich sehr ingenieurwissenschaftlich: analytisch und systematisch kämpft er sich vor und zwingt den Motorschaden in die Knie. Offenbar erfolgreich. Denn auf einmal sitzt er wieder in seinem Auto und fragt:

Hörst Du das?

Ich: Ähh, was jetzt genau?

Sohn: Na, der Motor läuft wieder!

Ich: Das hast Du prächtig gemacht. Ich bin beeindruckt. Du bist ein Profi, oder?

Sohn: Nein, nein. – und schüttelt den Kopf ob meiner offensichtlichen Ahnungslosigkeit. Das Licht ist doch noch kaputt!

Ahh, ja. – sage ich nur und denke mir, dass er diese Trivialität mit seiner wissenschaftlichen Präzision bestimmt in den Griff bekommen wird. Analyse, Systematik und so.

Woraufhin sich der Sohn ein paar Legosteine schnappt, diese vorsichtig auf der Motorraumhaube ablegt, ihre Anordnung noch einmal korrigiert, kurz zufrieden guckt und sich dann andächtig davor stellt, um eine Schweigeminute einzulegen. Gerade denke ich darüber nach, Luft zu holen, um ihn zu fragen, was diese Zeremonie bewirken soll, da schnappt er sich die Steine, steckt sie ineinander, legt sie zurück in ihre Kiste, steigt in sein Auto und fährt zufriedenen Blickes wieder davon. Er fragt noch nicht mal nach seiner Sonnenbrille.

Selbst ist also der Mann und der Sohn wird natürlich ein Automechaniker. Wenn das mal kein guter Vorsatz für das neue Jahr ist.


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Damenwahl (2)

Weihnachten ist gelaufen. Das Gelage hat ein Ende. Und für geübte Feiertagsgourmets waren die letzten Tage natürlich wieder ein einziger Festschmaus. Ohne Komplikationen haben wir es überstanden, vom ersten Frühstück des Tages bis zum Mitternachtsnachtisch fortwährend mit Nahrungsaufnahme beschäftigt gewesen zu sein. Was immer es gab, es wurde verspeist. Von allen, die am Tisch saßen.

Von allen?

Nun, natürlich nur von fast allen. Denn die Tochter ist noch in dem zarten Alter, in dem sie von der Dame des Hauses gestillt wird. Für die Zeit der Mahlzeiten hat es sich somit eingebürgert, dass die kleine Madame lieber bei mir im Arm sitzt. Zur Vermeidung spontaner Appetitsanfälle ihrerseits, ganz klar. Und so saß sie da und sah diversen Frikassees, Braten und zugehörigen Nachspeisen dabei zu, wie sie erst auf meine Teller kamen und anschließend, Happen für Happen, wieder verschwanden. Erst noch recht gleichgültig dreinschauend, konnte sie es zusehends kaum glauben, wie das Procedere sich fortwährend wiederholte. Essen auf den Teller, Essen auf das Besteck, Essen in den Mund, Essen weg. Immer und immer wieder. Ganz genau angesehen hat sie es sich. Ihre Augen wurden zusehends größer dabei.

Und ihren Augen konnte sie offenbar kaum glauben, als das letzte Mahl des Tages auch das Fest ausklingen lassen sollte. Keine Braten, keine Soßen, keine Dämpfe, kaum noch Düfte. Normalität zog wieder ein. Brot kam auf den Teller. Aber auch das ist Essen. Und Essen kommt vom Teller in den Mund. So hat sie es gelernt. Ein paar intensive Tage lang. Und griff spontan zu. Kurz. Schnell. Ohne einen Ton. Bis sie laut und zufrieden zu schmatzen anfing während ich noch mein Butterbrot suchte, welches noch kurz zuvor auf meinem Teller lag.

Es bedurfte den vereinten Kräften der Erziehungsberechtigten, ihr das Brot wieder zu entreißen, während sie es unter den anfeuernden Zurufen ihres großen Bruders hartnäckig verteidigte.

Nach dieser Schlacht stelle ich fest: Die Tochter wird später ganz sicher Raubtierdompteuse. Die dafür notwendigen praktischen Erfahrungen sammelt sie im Selbstversuch.


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Feiertagerei

Es gibt Tage, an denen kommt man nach Hause und denkt sich nichts böses. Schließlich hat man den ganzen Tag fleißig mit den Kollegen gespielt und sich gegenseitig die Kaffeetassen zugeschoben. Das ist hartes Training. Danach erschüttert einen nichts mehr.

Bis zur Wohnungstür. Welche kaum aufgeht, weil dahinter eine Horde wild gewordener Kleinkinder herumlungert. Von denen ein Teil sofort wild auf einen einredet, ein weiterer Teil einem wild an den Sachen zieht und ein dritter Teil enthusiastisch die aktuelle Beute vom Raubzug durch das Spielzeugreservoir im Kinderzimmer vorführt. Zwischendurch brüllt gern auch jemand laut: TOPF! und passt man als frisch Heimgekehrter nicht gut auf, macht man die Bekanntschaft mit einem elegant geschwungenen Kochlöffel, gefolgt von begeistertem Kinderlachen. Alles halb so wild – denkt man sich als moderner Mann von heute, lacht mit den Halbwüchsigen und wird prompt zweimal von einer Feuerwehr überfahren.

Nur gut, dass der Sohn nicht jeden Tag Geburtstag hat.


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Wundern Sie sich nicht

Das Leben mit Kindern ist nicht immer einfach. Wie wir alle wissen. Besonders verrückt ist es manchmal, dass man einfach aus dem Staunen nicht heraus kommt. Der Nachwuchs macht etwas. Irgendetwas. Und man wundert sich. Wundert sich, warum er das macht. Wie er gerade darauf kommt, es zu tun. Von wem er sich das abgeschaut hat. (Von den Eltern natürlich. Aber das geben wir nicht zu.) Wir wundern uns. Vollkommen unnötig natürlich. Darum lassen Sie sich einen kleinen Rat von mir geben: wundern Sie sich nicht.

Wenn Ihr Kind morgens aufwacht und noch vor dem ersten Heißgetränk fragt, wo die Bauarbeiter bleiben oder ob diese denn alle frei haben – wundern Sie sich nicht.

Wenn Ihr Kind auf einmal durch die Wohnung robbt, um diverse reale sowie imaginäre Defekte aufzuspüren und diese sämtlichst umgehend auszubessern – wundern Sie sich nicht.

Wenn Ihr Kind sich hierfür ungefragt in einer der herumstehenden Werkzeugkisten bedient – wundern Sie sich nicht.

Wenn Ihr Kind auf einmal das Wort “Hilti” akzentfrei aussprechen kann – wundern Sie sich nicht.

Und selbst wenn Ihr Kind auf einmal anfängt, die Deckel aller verfügbaren Schuhkartons einzusammeln, um diese anschließend mit dem BobbyCar durch die Wohnung zu kutschieren und laut zu rufen: Platz da! Ich bin der Pizzamann. – wundern Sie sich nicht.

Bloß nicht wundern. Stattdessen überlegen Sie kurz, ob Sie in letzter Zeit vielleicht umgezogen sind. Das könnte alles erklären.

Wenn’s nur immer so einfach wäre.


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