Küsschenwache

Wir sitzen hier. Wir gucken Boote. Wir genießen die Ruhe. Wir werden wach gerüttelt vom Sohn, der wieder eines seiner absoluten Lieblingsboote entdeckt hat, plötzlich aufspringt und laut Küsschenwache! brüllt.

Etwas weniger laut, aber mit nicht weniger Nachdruck, läuft er anschließend einmal reihum und verpasst jedem möglichst feuchte Schmatzer. Die bitte sofort an alle anderen weiter zu geben sind. Küsschen hier, Küsschen da. Küsschen dort. Es ist ein wahrer Exzess.

Und jetzt muss ich dringend heraus bekommen, wo man Einblick in den Dienstplan dieses Bootes bekommen kann. Damit ich mich in aller Ruhe auf diese Liebesattacken vorbereiten kann. Man wird schließlich nicht jünger. Auch nicht im Urlaub.

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Außer Haus

Mit Kindern zu verreisen ist immer so eine Sache. Besonders, wenn man mit dem Auto unterwegs ist. Da gibt es gern Überraschungen. Nicht immer die besten, wie man so hört. Aber das gilt nicht für den Sohn. Er ist da recht pflegeleicht. Man sagt ihm einfach: Sohn, sagt man da, also: Sohn, wir wollen mal weg. Allerdings fahren wir dafür eine Weile mit dem Auto. OK?

Sohn: Auf der Autobahn?

Ich: Auf der Autobahn.

Sohn: Nehmen wir die Schwester mit?

Ich: Wir nehmen auch Deine Schwester mit.

Damit scheinen alle wesentlichen Fragen geklärt. Wir schwingen uns also in das Gefährt und machen uns auf den Weg. Auf den langen Weg. Und so eine Fahrt ist ermüdend.

Junge, mach’ ruhig die Augen zu und schlaf’ ein wenig. – empfehle ich ihm. Aber wir sind unterwegs. Und wir sind nicht allein. Da sind noch andere Autos. Und sie fahren an uns vorbei. Oder wir fahren an ihnen vorbei. Und überhaupt ist das alles sehr aufregend. Wer soll denn da schlafen? Man könnte ja etwas verpassen. Wie auch immer: Der Sohn hält durch und sich selbst wach.

Keine gute Idee. – denke ich mir. Und sage: Du kannst wirklich ein wenig schlafen. Und weißt Du was? Wenn Du wieder aufwachst, dann sind wir schon da. Auf der Autobahn war auch gerade wenig los. Kaum Autos. Wenig Überholerei. Ein Kopf fällt zur Seite. Zwei Augen fallen zu. Ein Sohn schläft. Tief und fest.

Bis kurz vor dem Ziel. Da fängt er an zu blinzeln. Sieht durch die nur minimal geöffneten Lider ein Boot, ein großes. Er reißt die Augen weiter auf und ruft laut: Ostsee! Dann sinkt wieder in seinen Sitz zurück, teilt die neue Erkenntnis mit seinem Plüschtier und seufzt leise: Urlaub.


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Vom Jammern und dem Weltfrieden

Papa liest. Sohn spielt. Man soll die Arbeit ja aufteilen, damit es gerecht zugeht. Das sieht der Sohn jedoch nicht ganz so. Vernünftig mitspielen soll ich. Sagt er. Recht hat er. Natürlich. Also schnappe ich mir ein paar seiner Legosteine und baue fleißig an einer wilden Konstruktion. Das Ergebnis wackelt etwas, bleibt aber stehen. Obendrauf habe ich sogar eine kleine Spielzeugblume gesetzt, an der man drehen kann. Sieht chic aus, finde ich.

Was soll das denn? – fragt der Sohn.

Ich gucke wohl ungläubig. Mit skeptischen Rückfragen hatte ich gar nicht gerechnet. Bin doch in Gedanken noch ganz beim gelesenen Text. Aber es hilft alles nichts. Wenn der Sohn fragt, hat er auch eine Antwort verdient.

Das repräsentiert natürlich den Weltfrieden. – sage ich.

Ahh, eine Waschstraße: Drehen. Waschen. Sauber. Gut. – sagt der Sohn. Ich grummel nur ein unverständliches: Ähh, ja, genau. Bin schließlich voll bei der Sache, also dem Text von eben.

In dem übrigens folgendes steht:

Die Lehrer brauchen dringend einen Führerschein für das Web, damit sie verstehen, wie die Welt inzwischen tickt.

Gesagt hat’s Gunter Dueck in einem jüngst veröffentlichten Interview. Es geht um Bildung. Das ist doch ein Thema für den Sohn! – denke ich. Er guckt mich nur kurz skeptisch an und baut lieber weiter mit seinen Legos. Ich sitze einfach da, gucke Löcher in die Luft und denke nach über die Zukunft, den Sohn, die Schule, den Bach, den alles runter geht, das Früher, in dem alles viel besser war und wie die Welt wohl schlicht zu Grunde geht.

Ich habe den Weltfrieden zerstört! – sagt prompt der Sohn. Dort musste eine neue Waschstraße hin. Die Autos sind jetzt alle sauber!

Präziser hätte ich es auch nicht auf den Punkt bringen können. Denn wie sagt Señor Dueck im Interview schon so schön: Lernen muss einfach Spaß machen.

Na dann.


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Feine Sitten

Kommunikation ist heutzutage alles, heißt es. Willst Du erfolgreich sein im Leben, lerne gut zu reden. Heißt es zwar nicht, aber da ist sicherlich trotzdem etwas dran. Und da man das am besten von der Pike auf lernt, werden die Kinder des Hauses hier entsprechend erzogen. Es werden also nicht onomatopoetisch wertvoll gutturale Laute in den Äther geblasen, wenn man mit jemandem spricht. Natürlich nicht. Statt dessen wird möglichst in ganzen Sätzen gesprochen und anständig Bitte und Danke gesagt. Das gilt zumindest für den Sohn. Bei der Tochter reicht es noch, wenn sie charmant lächelt. Dann bekommt sie auch, was sie möchte.

Das Ganze setzt sich natürlich in der Kita fort. Bildung ist schließlich eine umfassende Angelegenheit. Wenn der Sohn also nach dem ersten ausgedehnten Frühstück morgens in die Kita kommt, setzt er sich gleich wieder an den Tisch und pflegt seine Tischsitten in Gemeinschaft Gleichaltriger. Gibst Du mir bitte mal das Müsli? – heißt es da. Hier, Du kannst gern die Milch haben. – folgt darauf. Ich guck’s mir kurz mit an. Freue mich, so ein eloquentes Kind zu haben und lasse ihn den Rest des Tages in Ruhe den Bildungsbürger gegenüber seinen Kumpels ausleben.

Und ich wundere mich natürlich überhaupt nicht, wenn am Ende des Tages sein Vorrat an Feinheiten aufgebraucht ist und er beim Abendessen nur noch eines heraus bringt: Ey, Papa, gib mal die Wurst da rüber!


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Morgen

Hallo? Ist da der Wetterfrosch?

(Kurze Ruhe.)

Hallo Wetterfrosch!

(Ruhe.)

Morgen wird’s wieder schön, ja?

(Noch einmal Ruhe, wenn auch nur kurz.)

Alles klar. Gut. Aber nicht vergessen: morgen schön! Tschühüß.

Der Sohn als Beifahrer im Auto ist eine praktische Sache: Man braucht keine unsäglichen Radiosender zu hören, nur um ihren nichtssagenden Wetterbericht zu erleben; man braucht nicht während der Fahrt zum Telefon zu greifen, das nimmt er einem ganz freiwillig ab; und solange er ins Gespräch vertieft ist, kann man sicher sein, dass er sich nicht in die Musikauswahl im Gefährt einmischt.

Dafür erträgt man auch Gespräche mit dem Wetterfrosch.

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Knallgrün

Wir haben einen Frosch im Haus. Sitzt mitten im Wohnzimmer. Ist knallgrün. Und ruft fortwährend: Applaus! Applaus! Applaus!

Direkt daneben sitzt die Tochter. Macht große Augen. Fühlt vorsichtig, ob man den Frosch auch anfassen kann. Man kann. Sie stupst. Der Frosch lacht. Sie versucht, ihm in den Froschschenkel zu beißen. Er ruft nur: Applaus! Applaus! Applaus! Sie guckt hoch, macht noch größere Augen, setzt sich wieder vernünftig hin und folgt schlicht den Anweisungen des Froschs: sie klatscht. Und lacht dazu.

Ich stehe unschlüssig daneben und frage mich, ob und wann dieser Karnevallswahnsinn jemals wieder aufhört.

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