Scharfe Teile

Wer Kinder hat, weiß, dass Verletzungen zu vorher ungeahnten Erlebnissen werden. Denn es ist natürlich erst einmal so, dass man nicht mehr nur die eigenen Wunden erleidet, sondern jene der Kinder gleich mit. Das ist schließlich der eigene Nachwuchs, der in verwundeten Momenten vor den eigenen Augen zugrunde geht. Das kann man nicht unberührt wegstecken. Da spürt man mit, lässt es sich aber selbstverständlich nicht anmerken. Statt dessen pustet man und tröstet bis die Welt wieder in Ordnung ist. Und wenn man selbst mal aus Versehen mit seinem Fuß umknicken sollte, weil er in einer der zahlreichen Baustellen vor Ort überraschend in einem Loch verschwunden ist, so beißt man kurz die Zähne zusammen und erklärt den folgenden Stützverband zum modischen Accessoire. Das ist die Chance, den Kindern ein leuchtendes Vorbild zu sein, wenn es um das graziöse Ertragen der kleinen Hürden auf dem großen Weg des Lebens geht.

Auf der anderen Seite freuen die Kinder sich tatsächlich sogar, wenn sie wieder irgendwoher einen Kratzer mitgebracht haben. Entweder können sie in einem Tonfall der totalen Begeisterung schildern, wie dramatisch der Unfall war, dem sie zum Opfer geworden sind. Man glaubt gar nicht, zu welch großen Ausschmückungen auch recht kleine Kinder bereits fähig sind. Es ist atemberaubend. Außerdem glaubt man gar nicht, wie groß Kinderaugen werden können, wenn sie ein wundervoll kitschig buntes Pflaster bekommen und damit stolz hausieren gehen können. Aus leidvoller Erfahrung gebe ich Ihnen jedoch den Tipp, derartige Pflaster nicht nur mit unterschiedlichen Tiermotiven darauf vorrätig zu haben, sondern möglichst auch mehrere Farben anbieten zu können. Die Kinder werden es danken. Und sei es nur mit erhabener Kreativität beim Aufspüren ihrer eigenen Verletzungen.

So zeigte mir der Sohn kürzlich ganz stolz ein Pflaster an seiner Hand. So, wie es aussah, musste es ihn wirklich stören. Es saß genau zwischen Daumen und Zeigefinger. Wenn sich da eine Wunde entlang zieht, dann ist das unangenehm. Dann kann man einen der beiden Finger meist gar nicht mehr so recht bewegen. Das ist schlimm, wirklich. Ohne Daumen oder Zeigefinger sind die meisten von uns ganz arg aufgeschmissen. Glauben Sie mir das ruhig. Sie müssen es nicht extra ausprobieren.

Nach einer angemessenen Bewunderung seines tollen Pflasters habe ich den Sohn natürlich gefragt, wie er sich da verletzt hat. Das kann schließlich alles mögliche sein. Hat man erst einmal etwas Scharfes in der Hand, rutscht man schnell mal ab und zack: blutet es. Seit kurzem ist er obendrein derjenige hier im Haus, der für das Brotschneiden zuständig ist. Mit dem großen scharfen Messer, versteht sich. Nur kurz denke ich darüber nach, verwerfe die Möglichkeit aber auch gleich wieder. Denn dafür, dass er auf die Art und Weise an seiner Hand gesägt haben sollte, ist die Wunde samt Pflaster viel zu klein. Man freut sich über die kleinen Dinge im Leben. Alltag kann so schön sein. Und wie gesagt: Da ich nicht von selbst drauf komme, frage ich den Sohn einfach, was ihm denn da passiert ist.

Er guckt mich kurz an, er guckt seine Hand kurz an, er sagt für einen Moment erst einmal gar nichts und verrät mir dann in sehr ernstem Ton: Er habe sich an seinen Unterhosen geschnitten.

Das habe ich tatsächlich nicht erwartet. Allerdings: Es sind schon scharfe Teile. Ich hätt’s mir also denken können. Mein Fehler.

Kenne Deinen Clan

Die Zeiten sind mobil geworden. Damit meine ich jetzt übrigens nicht diese neumodische Masche, bei der wir mit Geräten ins Internet rein gucken, für deren Displaygröße wir uns in den 90ern noch geschämt hätten. Nein, ich meine die Wohnmobilität von uns als Generation der Hochflexiblen, die ihrem Broterwerb in die entlegensten Gegenden hinterher reist, von denen wir vorher manchmal noch nicht mal etwas gehört haben. Da passt man einmal nicht auf, da guckt man ganz kurz mal nicht hin und zack: wohnt man ein paar hundert Kilometer vom Heimatdorf entfernt, in dem man groß geworden ist. Das hätte es früher natürlich nicht gegeben. Früher waren schließlich nicht nur die alten Zeiten besser sondern früher galt es schon als moralisch verwerflich, wenn man auch nur den Nachbarort als mögliche neue Wohngegend in Betracht gezogen hätte.

Aber heute ist nicht früher. Heute sind wir hochflexibel. Da kann’s auch schonmal passieren, dass man sich plötzlich in den Südstaaten wiederfindet. Sachen gibt’s, die hält man selbst kaum für möglich. Wenn man aber eh in der Gegend ist, kann’s passieren, dass man sich mit den Leuten vor Ort unterhält. Das klappt meistens sogar erstaunlich gut. Gelegentlich fällt es aber doch auf, dass man eigentlich gar nicht von hier kommt. Antwortet man ehrlich auf die für gewöhnlich folgende Frage nach der Herkunft, kann’s passieren, dass man als Fischkopp betitelt wird. Das trifft es natürlich nicht so ganz. Aber ich möchte mich hier nicht in Details verlieren.

Wesentlicher ist vielmehr der Umstand, dass die Südstaaten tatsächlich in respektabler Entfernung der alten Heimat liegen. Das bringt die skurrilsten Nebenwirkungen mit sich. So trifft man zum Beispiel manche Mitglieder des Familienclans viel seltener als es noch zu Kindheitstagen der Fall war. Kommt die ganze Bande dann doch mal wieder zusammen, wundert man sich, wer so alles in der Runde mit dabei ist. Einige sind so markant, dass man sie grundsätzlich jederzeit und spontan wiedererkennen würde. Das sind die Einfachen. Einige erkennt man am Besten an der Stimme. Das ist auch noch relativ einfach. Man muss nur aufpassen, dass man ihnen möglichst diplomatisch geschickt den Rücken zudreht, gerade zu Beginn des Ereignisses, ansonsten ist die Stimmung schnell kaputt. Und dann gibt es da noch jene, bei denen man sich nicht so ganz sicher ist. Das beruht dann meist auf Gegenseitigkeit, also ist man besser erstmal betont freundlich zueinander und gibt sich die Hand. Ich empfehle auch sehr, das nachfolgende Getuschel elegant zu überhören, auch wenn aus diesem ein “Kenne ich den etwa?” klar herauszuhören ist.

Für solche unelegant formulierten Unsicherheiten muss man Verständnis haben. Wie gesagt: es geht einem schließlich selbst nicht besser. Man weiß auch nicht so ganz genau, wer die junge Dame nun genau ist. Das macht aber nichts. Das Wiedertreffen hat gerade erst begonnen. Da gibt es bestimmt noch genug Gelegenheiten, die Erkennungslücken wieder zu schließen und sicher zu gehen, dass der Gegenüber auch wirklich zur Familie gehört und nicht einfach ein aus der Ferne zugereister Fremdkörper ist. Bei der Suche nach einer solchen Gelegenheit hilft es zum Beispiel, wenn sich im eigenen Clan Rituale entwickelt haben, welche zumindest die regionale Herkunft recht verlässlich nachweisen lassen. Je unauffälliger solche Rituale sind, desto sicherer ist übrigens der Nachweis, den sie erbringen. Ein recht untrügliches Abstammungsmerkmal meiner alten Heimat ist beispielsweise die Art und Weise, wie jemand den Kuchen zum Kaffee aufschneidet. Wir erinnern uns: da kann man nicht einfach beliebig mit der Kuchengabel herumstochern, da ist viel mehr ein präziser Feinschliff am original Salzwedeler Baumkuchen gefragt:

baumkuchen_nachher

Im aktuellen Test hat die Dame gegenüber übrigens bravourös bestanden.

Was lernen wir daraus? Die richtige Herkunft ist Gold wert. Ich frage mich jetzt nur, womit mich unsere in den Südstaaten geborenen Kinder später mal testen werden. Aber vielleicht gibt’s den Mobilitätstrend bis dahin gar nicht mehr. Und alles ist wie früher.

Leserei

Wer denkt, der Tag mit Kindern endet, wenn diese im Bett sind, täuscht sich natürlich gründlich. Denn auch, wenn das gesamte Abendprogramm bereits abgespult ist, wenn die Mäuler gestopft, die Zähne geputzt, die Schlafsachen angezogen und die Gutenachtgeschichten gelesen sind, ist noch nicht Schluss. Nein, ganz kurz vor dem letzten Küsschen, kurz bevor man das Licht ausschalten und den Raum verlassen darf, fragt beispielsweise der Sohn noch in ganz unschuldigem Ton: “Papa, musst Du heute Abend eigentlich noch Arbeiten?”

Damit ist man durchaus locker für den Rest des Abends lahmgelegt. Denn natürlich ist es so, dass man selbst total wichtig ist. Selbstverständlich ist unsereins den ganzen Tag dabei, die Welt zu retten. Und wann hat man dabei schon Feierabend? Niemals, versteht sich. Das ist schließlich ein Fulltime-Job. Und Fulltime heißt eben rund-um-die-Uhr. So ist das nun mal. Und selbst, wenn man mit etwas Abstand betrachtet feststellt, dass man möglicherweise doch ein ganz kleines bisschen weniger wichtig ist und es streng genommen vor allem dem Weltfrieden total egal ist, was man den ganzen Tag so macht, dann kann es trotzdem sein, dass man gelegentlich am Abend noch einmal am Schreibtisch sitzt und etwas schafft. Belangloses halt, aber vielleicht hat man das auch schon mal dem Nachwuchs erzählt. Wer weiß? Manches rutscht einfach so heraus. Ich werde mir wohl besser mehr Mühe geben und auf meine abendliche Wortwahl achten.

Quasi als Training habe ich mir dann heute eine Lesung gegönnt. Also nicht so ganz allein und nur für mich, sondern eine öffentliche. Eine Lesung, bei der Autoren aus ihren Werken vorlesen. Das inspiriert und sensibilisiert für den Feinschliff der eigenen Wortwahl. Wenn das Ganze auch noch in einer kleinen, überschaubaren Lokalität stattfindet, ist’s sicher auch gemütlich. Da geht man nicht einfach anonym bei einer Massenveranstaltung unter. Da kommt man noch direkt mit den Autoren ins Gespräch. Wenn diese Autoren denn auch kommen würden. Was offenbar nicht so ganz selbstverständlich ist. Die Kulturszene hier in den Südstaaten ist immer für eine Überraschung gut und sei es nur jene, dass von zwei geplanten Vorleseautoren tatsächlich kein einziger zum Termin erscheint.

Das ist erstaunlich. Das öffnet einem aber auch die Augen. Zum Beispiel für die Erkenntnis, dass die Zukunft keineswegs dem Selfpublishing gehört, sondern Verlage sehr, sehr nützlich sind. Sie organisieren nämlich nicht nur Lesungen, sondern die Verlagsinhaber lesen im Zweifelsfall auch einfach für einen vor. Das klingt verlockend, zumindest aus Autorenperspektive. Man stelle sich jetzt mal vor, dass sich das Drama mit dem Schreiben auch noch irgendwie lösen und delegieren lässt und prompt eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten.

Als schnöder Zuhörer sehe ich mich jetzt aber erst einmal darin bestätigt, auch weiterhin einen Bogen um Texte rund ums Mittelalter zu machen. Das passt so gut in meine bisherigen Lesegewohnheiten, dass ich es keineswegs darauf schieben möchte, dass nicht die Autorin selbst aus der Geheimsache Luther vorgelesen hat, sondern eben ihre Verlegerin. Daran liegt meine Aversion jedoch ganz bestimmt nicht. Es ist vielmehr so: Das Mittelalter und ich, wir sind einfach nicht per Du. Das kann man ganz schlicht mal akzeptieren.

Dafür weiß ich jetzt: Der Western lebt! Wer hätte das gedacht? Noch gestern hätte ich Wetten darauf abgeschlossen, dass die Geschichten von Indianern, Saloons und wilden Schießereien längst alle erzählt sind. Aber: weit gefehlt. Señor Florian Arleth bringt demnächst eine Kriminovelle auf den Markt. Jetzt und hier, im Jahr 2014. Es ist faszinierend. Vor allem auch, da es um einen tanzenden Indianer geht, der erst von seinem größten Freund angeschossen wird und dann Mühe hat, das Pony, auf dem er sonst reitet, die Berge hochzutragen, die es selbst nicht mehr schafft. Das Komische an der Geschichte ist, dass sie ansonsten wohl durchaus ernst gemeint ist. Man darf gespannt sein. Ich warte mal ab.

Beim Zusammensuchen der Links bestätigt sich hier übrigens das, was vorher nur ein Gefühl war: Den einzig verlässlichen Permalink zur Veranstaltung gibt es tatsächlich nur bei Facebook und nicht bei den gastgebenden Verlagen. Das ist wirklich indie. Bei den Verlagen ganz am Ende der Popularitätsskala wird tatsächlich noch für jedes Wort geschwitzt. Da kann man die Buchstaben nicht einfach billig in den Marketingtechnologien des Netzes verschwenden. Da werden die Wörter noch sorgfältig zwischen Buchdeckel gewoben. Darum geht’s schließlich. Ich verstehe das. Auch wenn ich davon manchmal gern viel leichter etwas mitbekommen würde – schön bequem von der Couch aus, versteht sich.

Dem Sohn habe ich auf seine Frage, ob ich heute Abend noch arbeiten muss übrigens mit einem entschlossenen “Nicht so direkt.” geantwortet. “Dann schlaf gut.”, sagte er. Wenn der wüsste.

Schreckgespenst

Erziehung ist eine heikle Angelegenheit. Zu ihrer Gestaltung gibt es wirklich sehr viele Ansätze. Sie unterscheiden sich ganz grundlegend. Es ist ein riesiges Feld, welches sich einem dabei auftut. Ich empfehle wirklich jedem, der der nicht gerade Kinder zu Hause herumlaufen hat und sich bisher noch gar nicht groß Gedanken um Erziehungsfragen gemacht hat, es auch weiter so zu halten. Man wird sonst verrückt. Glauben Sie mir ruhig.

Wenn Kinder mit im Haus wohnen, ist das natürlich nicht mehr ganz so einfach. Müsste ich jetzt ganz ehrlich sein, würde ich wohl zugeben, dass diese letztlich zwar eh machen, was sie wollen. Aber so viel Ehrlichkeit braucht niemand. Lieber halten wir noch ein wenig die Illusion aufrecht, dass wir durchaus etwas beeinflussen können. Lieber glauben wir noch eine Weile, dass wir die Erziehung und somit das Verhalten der Kinder fest im Griff haben. Dafür ist es übrigens wichtig, dass Eltern immer an einem gemeinsamen Strang ziehen. Man suche sich somit einen erziehungstheoretischen Ansatz aus und lebe diesen schließlich als harmonisches Elternteam.

Hier im Haus sieht das zum Beispiel so aus, dass wir versuchen, einen eher positiv orientierten Ansatz zu fahren. Wir versuchen also, den Kindern die Vorzüge eines harmonischen, höflichen und rücksichtsvollen Miteinanders zu vermitteln. Wir versuchen dabei möglichst, auf simple Bedrohungsszenarien zu verzichten. Es geht uns also eher darum, den Kindern zu verraten, dass es ganz toll ist, wenn wir uns alle in normaler Lautstärke unterhalten, dabei weder wild strampelnd auf dem Boden liegen, noch laut die Türen knallen, während wir mit frisch in der Kita aufgeschnappten Schimpfwörtern um uns werfen. Das finden wir hier viel toller als einfach nur lautstark anzusagen, dass gefälligst Ruhe in der Bude zu herrschen hat, da ansonsten die Gummibärchen für vier Wochen gestrichen würden. Es geht also um Werte, es geht um Verständnis, es geht um Zuneigung. Es geht um das Positive, nicht den Entzug und nicht die Verbote.

Was ist die Theorie doch schön.

Erst kürzlich konnten wir sie wieder in ihrer ganzen Pracht entfalten. Nehmen wir zum Beispiel einem ganz normalen Tag unter der Woche. Die ganze Familie ist tagsüber arbeiten, die Eltern im Büro, die Kinder in der Kita. Am Abend sitzen wir alle zusammen, erst friedlich und harmonisch, dann erkennend, dass wir doch reichlich geschafft sind vom Tag. Er war schließlich lang. Da kann man schon mal ein wenig erschöpft sein, müde gar. Das äußert sich bei allen natürlich auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Während die Eltern immer ruhiger werden und darum kämpfen, dass ihnen beim Essen nicht einfach der Kopf auf den Tisch fällt, drehen die Kinder noch einmal kurz auf. Es ist ein letztes Aufbäumen vor der Ohnmacht. Wenn man in dem Moment einmal kurz nicht aufpasst, weil man zum Beispiel gerade seinen eigenen Kopf oberhalb der Tischkante jongliert, dann liegt auf einmal eins der Kinder auf dem oben erwähnten Boden und strampelt. Sobald der eigene Kopf wieder repräsentabel aufgerichtet ist, kann man ihn auch gleich planlos hin- und herschütteln. Denn eine Erklärung für das spontan geänderte Verhalten des eigenen Kindes fällt einem nicht ein. Wir greifen also zur Routine und zu unserem erprobten Schatz von Erziehungsmaßnamen. Wir schildern der Tochter, dass das gemeinsame Zusammensein am Tisch viel schöner ist als das bockige Herumvegetieren auf dem Fußboden. Wir fragen sie nach den Gründen ihres Ausrastens, um auf diese eingehen zu können. Wir versuchen, sie mit positiven Anreizen zur Kooperation zu bringen. Warum soll das Kind schließlich nicht ruhig noch einmal auf dem Schoß sitzen, um ihren Nachtisch zu essen? Eben, das kann man ruhig schon mal anbieten. Auch wenn das Angebot gnadenlos abgelehnt wird.

Irgendwann kommt der Moment, in dem man die Taktik ändern muss. Sonst fährt sich das Positive fest und kommt nicht weiter. Ab und zu kann man ruhig mal etwas Kontrast einstreuen. Das bringt Farbe ins Spiel. Es ist wie die berühmte Ausnahme von der Regel. Also sagt die Dame des Hauses:

“Jetzt setzt Du Dich bitte ordentlich an den Tisch. Ansonsten bringt Dich heute der Papa ins Bett!”

Zack, sitzt die Tochter auf ihrem Stuhl, nimmt ihr Besteck korrekt in die Hände und isst, wie es sich in einem vornehmen Haushalt nun mal gehört. Sie ist wirklich ein wohlerzogenes Kind.

Wie gesagt: Es ist wichtig, dass wir als Eltern an einem gemeinsamen Strang ziehen. Dabei übernimmt jeder seine angemessene Rolle. So wird man auch als moderner Mann von heute gerecht und vollwertig in die Erziehung der Kinder einbezogen. Und sei es nur als Schreckgespenst.

Aus dem Regal: Der goldene Reiter von Michael Weins

Von Michael Weins hatten wir schon einmal, ach was, zweimal ein Buch hier in der Reihe. Der Mann passt offenbar ins Haus. Das lässt sich schwer leugnen. Und mit der neuen Geschichte, dem Goldenen Reiter, sowieso. Es geht nämlich um eine Frau, die langsam aber sicher verrückt wird. Und wo passt das nicht? Verrückt sind wir schließlich alle. Zumindest so ein bißchen. Da machen wir uns mal nichts vor.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive ihres Sohnes. Der geht noch zur Schule, ist so mittendrin im Teenageralter. Und so eine verrückt werdende Mutter, die während der Geschichte auch in die Psychiatrie kommt, ist natürlich eine herausfordernde Angelegenheit. Man fragt sich zwischendurch so manchmal, ob er es denn schafft, der Junge. Oder ob er auch verrückt wird. Er scheint zumindest kurz davor. Und das nicht nur einmal.

Aber letztlich geht alles gut aus. Es ist beinahe schon ein Happy End, was die Geschichte hier abliefert. Und sie macht es durchgehend auf eine wundervoll erzählte Art.

Das Buch kommt in 119 Kapiteln daher. Diese sind jeweils so charmant prägnant, dass man sie immer mal zwischendurch einschieben kann. Hier muss man gar keine riesigen Lesesessions einlegen, um nicht jedes Mal den Anschluss zu verlieren. Hier kann man das Buch immer wieder in die Hand nehmen und ein oder zwei Kapitel in sich aufnehmen. Das passt. Vor allem passt das für Familienväter wie unsereins, die gern mal zwischendurch lesen. Zum Beispiel mit dem Buch im Kinderzimmer, während alle drumherumtoben. Oder mit dem Smartphone abends im Bett, während schon das Licht aus ist. Oder in der Badewanne, wobei ich jetzt lieber nichts dazu sage, ob ein schönes Buch aus Papier oder ein olles Smartphone dort besser hinpasst.

Ja, da steht: Smartphone. Denn passenderweise liefert der freundliche mairisch Verlag das Buch nicht nur als wundervoll golden gestaltetes Hardcover mitsamt quietschgelbem Lesebändchen aus, sondern legt auch gleich noch das E-Book mit oben drauf. Man kann das auf dem Telefon zum Beispiel mit der ebenfalls sehr schön gestalteten E-Book-Leseanwendung Marvin lesen.

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Das ist total praktisch. Ich mag das so. Medienmix zum Selbstgestalten. Davon können sich andere Verlage mal eine Scheibe abschneiden. So gehört sich das heutzutage. Jetzt mal ganz im Ernst.

Vorratshaltung

Die Zeit mit Kindern, sie vergeht im Flug. Wir hatten das hier schon öfters: man guckt einmal kurz nicht hin und zack – können sie etwas Neues, machen etwas ganz Unerwartetes, wissen auf einmal alles besser als man selbst oder wachsen einem schlicht auf eine andere kreative Art über den Kopf. Es ist verrückt und trotzdem kürzlich erst wieder passiert.

Denn früher war hier im Haus die Welt noch in Ordnung und es stand glasklar fest: Süßigkeiten gibt es für die Kinder entweder gar nicht oder nur nach Willkür sorgfältigen elterlichen Überlegungen und Abwägung des pädagogischen Mehrwerts.

Heute ist es auf einmal so, dass sie gemeinhin ausreichend eigene Vorräte haben, die sie regelmäßig auf dem Tisch ausbreiten, um sich an diesem Reichtum zu laben und ihn Stückchen für Stückchen zu dezimieren. Ich weiß gar nicht, wo das ganze Zeug immer herkommt. Ich staune nur, wie clever sie ihre Beschaffungskreativität offenbar bereits perfektioniert haben. Beide hängen des öfteren auf diversen Kindergeburtstagen herum. Für gewöhnlich hübsch getrennt voneinander. So können sie mehr Termine abdecken. Und jedes Mal neue Vorräte von Gummibärchentüten, Schokoladen, Kaubonbons und ähnlichen Kreationen mit nach Hause bringen. An den Tagen dazwischen kommt gelegentlich bei uns Besuch vorbei. Und warum sollte der mit leeren Händen vor der Tür stehen? Ganz genau: das wäre total unsinnig. Also werden die kindlichen Vorräte aufgestockt. Und wenn wirklich mal gar nichts mehr geht, laden sie halt Oma und Opa ein. Diese werden doch wohl hoffentlich nicht ohne kleine Überraschungen auftauchen. Denken sich die Kinder. Und liegen wahrscheinlich nicht immer ganz falsch damit.

All diese Sammelwut und die Vielzahl dieser Versorgungskanäle haben natürlich glasklare Vorteile. So lernen die Kinder zum Beispiel, mit ihren Vorräten verantwortungsvoll umzugehen und sie sich so einzuteilen, dass sie nicht plötzlich ganz ohne dastehen. Das ist eine wichtige Etappe auf ihrem Weg in die Selbständigkeit. Durch eigene Erfahrung lernen sie viel besser, als wenn fortwährend wir Eltern herumrationieren und uns eloquent darüber auslassen würden, wie ungesund das ganze Zeug doch eigentlich ist und ob sie nicht viel lieber an einer frischen Möhre knabbern möchten. Durch ihre eigenen Vorräte haben die Kinder selbst die Kontrolle und wir Eltern unsere Ruhe.

Bis es irgendwann dann doch passiert. Bis irgendwann die Kinder am Tisch sitzen und dezent anfragen, ob sie sich nicht ein paar Süßigkeiten holen dürften. Wogegen wir natürlich nichts haben. Selbständigkeit und so. Natürlich dürfen sie sich etwas holen und am Tisch geschwisterlich gerecht aufteilen. Was beide Kinder auch erfreut und mit positiver Mine zur Kenntnis nehmen. Allerdings ruhig auf ihren Plätzen sitzen bleibend.

Auf meinen fragenden Blick reagieren sie nur mit einem wortkargen Hinweis darauf, dass sie nichts mehr haben sowie mit einem stummen Fingerzeig auf die Schublade, dort drüben, an der Wand, die man kaum noch auf und schon gar nicht wieder zu bekommt, so voll ist sie, diese Süßigkeitenvorratsschublade. Sie zu plündern geht natürlich trotzdem gar nicht. Das ist quasi technisch nicht möglich, erkläre ich den Kindern in einem ruhigen Ton. Schließlich handelt es sich um das Lager für den Herrn Papa. Das ist nicht für Kinder gedacht. Da kann ich leider auch nichts machen.

Sie gucken mich beide an. In diesen Augen, die sonst nur Liebe erkennen lassen, stehen jetzt bloß große Fragezeichen. Nach einer atemlos ruhigen Gedenkminute findet der Sohn seine Stimme wieder und fragt, warum ich trotz so einer Schublade denn nie Süßigkeiten esse.

Tja, gute Frage.

Aber mal ganz unabhängig davon: Wie bekommt man eigentlich Schokolade aus einer Rechnertastatur wieder heraus, wenn sie spätabends ganz mysteriös dort drin gelandet ist, während man selbst hochkonzentriert in der Nachtschicht an irgendwelchen Texten gesessen hat?

Freiwillige Strafarbeit

Die Zeit schreitet mal wieder voran, verrückt ist das. So sind wir aktuell zum Beispiel in der Phase angekommen, dass der Sohn schon voller Stolz mit einem Schulranzen herumläuft. Bisher nur zu Hause, versteht sich. Aber irgendwann im Verlauf des Jahres gibt sich das wohl noch. Dann kommt er in die Schule. Und zack, beginnt der Ernst des Lebens. So heißt es doch. Oder sagt man das heute gar nicht mehr?

Na, auf jeden Fall ist dann Schluss mit lustig. Dann wird nicht mehr planlos herumgespielt. Dann gibt es nur noch knallharte Arbeit. Dann wird nur noch gelernt und zwischendurch zur Entspannung vielleicht mal Hausaufgaben gemacht. So wird das hier nämlich laufen.

Glaube ich.

Vorerst jedoch kam der Sohn kürzlich morgens aus seinem Zimmer ins Bad getorkelt, fuchtelt wild mit einem Blatt Papier in der Luft herum und bittet darum, es vorgelesen zu bekommen. Nachdrücklich.

Mit der Zahnbürste in der Hand und nur marginal offenen Augen gucke ich ihn fragend an. Er wiederholt sich, bittet um’s Vorlesen, das Blatt zittert förmlich in seiner Hand. Ich nehme es mal in meine und wir nutzen die Gunst seiner noch schlafenden Schwester, um es uns auf den noch freien Höckerchen im Bad bequem zu machen und endlich einen Blick auf sein Blatt zu werfen. Da steht tatsächlich etwas drauf. Und die Handschrift ist unverkennbar die des Sohnes. Ich bin plötzlich wach und lese es ihm vor. Der Text kommt mir bekannt vor. Das sage ich auch so.

Es ist der erste Satz aus einem Pixieheft, sagt der Sohn. Den hat er jetzt einfach mal abgeschrieben. Mit dem ersten Satz anzufangen, erscheint ihm sinnvoll. Wenn das so in Ordnung ist, kann er ihn ja noch 100 Mal wiederholen. Sagt der Sohn, wohlgemerkt.

Seit dem Tag habe ich hier im Haus keine Chance mehr. Egal, für wann ich mir den Wecker stelle: der Sohn ist schon wach und sitzt an seinem Schreibtisch. Er hat schließlich ein Buch zu schreiben.

So sieht der Ernst des Lebens also wirklich aus: vorgeführt vom Sohn zieht er mit ernster Mine die eigenen Ambitionen ins Lächerliche. Bücher kann man schließlich schreiben bevor der Rest der Familie wach geworden ist. Oder gar den ersten Kaffee bekommen hat. Zusätzlich darf ich mir auch schon mal neue Strafarbeiten ausdenken zum knallharten Durchsetzen meines pädagogisch wertvollen elterlichen Willens für die Zeit, in der er tatsächlich mal zur Schule geht.

Der eigene Nachwuchs: was für ein Spielverderber.

Aus dem Regal: Hotzenplotz 1-3 von Otfried Preußler

Das letzte Jahr ist bekanntermaßen überstanden. Das war nicht für jeden von uns eine leichte Angelegenheit. So ist der Sohn zum Beispiel ein Dezemberkind. Er musste somit nicht nur Weihnachten ertragen, sondern auch noch einen Geburtstag über sich ergehen lassen. Zweimal Geschenke in einem Monat: irre, was dabei so herauskommt.

Das hier zum Beispiel:

Räuber Hotzenplotz 1-3

Drei Bücher. Ein Räuber Hotzenplotz. Das macht viel Text. Ordentlich auf Kurzgeschichten aufgeteilt. Es gibt für jede auch ein Bild, aber der Text überwiegt. Das ist sehr großartig.

Oder anders formuliert: Mit dem Sohn sind wir endgültig im Zeitalter der längeren Vorlesesitzungen angekommen, bei denen es nicht um die spontankreative Interpretation von Bildmaterial geht. Das gab es bei ihm zwar auch vorher schon. Aber es waren immer nur Phasen. Jetzt ist es Ernst. Ich habe das im Blut.

Jetzt ist es schließlich auch spannend. Es sind zwar einzelne Kurzgeschichten, welche sich durch die Bände ziehen. Aber diese Geschichten bauen aufeinander auf. Sie bilden ein großes Ganzes. Eines, das mit einem Kaffeemühlendieb beginnt und mit einer neuen Berufslaufbahn für den Herrn Räuber endet. Zwischendurch wird überfallen, geraubt, verfolgt, gejagt, versteckt, gezaubert und sich gegenseitig clever ausgetrickst. Das ist alles so aufregend, dass ich staune, nach dem Vorlesen ein Kind an den Tiefschlaf übergeben zu können.

Spannend ist die ganze Angelegenheit übrigens auch für die Erziehungsberechtigten und Vorlesenden im Haus. Da wir beide in einer Gegend sozialisiert wurden, in der andere Helden zwischen Buchdeckeln heroisiert wurden, ist Herr Hotzenplotz ein neuer Akteur. Und er reibt uns auf. Er spaltet uns. Er provoziert den ehelichen Familienfrieden. Denn wie sonst soll man es nennen, wenn nach einigen Tagen ruhiger Vorleseroutine auf einmal der jeweils andere an der Reihe ist? Wie könnte man es schönreden, mitten in der spannenden Folge von Abenteuern für einige Geschichten auszusetzen? Ich benenne es ganz klar: Es ist unerträglich. Man ist versucht, nachts in das Kinderzimmer zu schleichen und sich vom Sohn ein Buch auszuleihen.

Was leider tabu ist, da er hier gemeinhin morgens als Erster aufsteht. Und wenn er dann nicht in Ruhe selbst noch einmal die Geschichten des Vorabends nachlesen kann, ist die Nachtruhe auch für uns vorbei. Das sind selbst die Abenteuer des Räuber Hotzenplotz nicht wert.

Abgesehen davon kann ich ihn allerdings voll und ganz empfehlen.

Tschüss

Wir waren im Urlaub. Wer sowas auch schon mal gemacht hat, weiß um ein Dilemma, welches es dabei meist gibt: Er geht zu Ende, der Urlaub. Unweigerlich. Manchmal vorhersehbar, manchmal zumindest gefühlt ganz überraschend. Das kann man bedauern, es wäre sicher verständlich. Oder man kann es einbauen in den Urlaub, quasi ein kleines Erlebnis daraus machen. Oder zumindest eine Routine entwickeln. Diese kann helfen, über das eigentliche Drama hinweg zu kommen.

Bei uns hier sieht das zum Beispiel so aus, dass wir “Tschüss” sagen. Tschüss zum jeweiligen Ort. Tschüss zu besonderen Sehenswürdigkeiten. Tschüss zu Spielplätzen. Tschüss zur ganzen Gegend. Dazu gehen wir kurz bei der jeweiligen Örtlichkeit vorbei, winken, rufen im Chor: Tschüss und ziehen weiter.

So auch dieses Mal. Zumindest laut Plan. Schon am Abend vor der Abreise haben wir die große Strandverabschiedung gemacht. Hin zum Strand, Figuren in den Sand malen, Herumlaufen, laut Tschüss Strand! rufen: Es war eine Zeremonie, es war wie immer, es war Routine, es war nötig, es war gut. Die große Verabschiedung war somit durch. Die Rückfahrt am nächsten Morgen konnte reibungslos starten. Es sind ein paar Stunden Fahrt. Da ist man als organisationsverantwortliche Erziehungsberechtigte froh über jede Vorbereitung, die sich erledigen lässt und abgehakt ist. Am letzten Morgen heißt es dann nur noch: Ready, set, go! Und ab geht die Post. Alles gepackt, alles erledigt, ordentlich Tschüss gesagt. Da ist für die eigentliche Fahrt in die Heimat quasi ein glanzvoller Durchmarsch vorprogrammiert.

Wenn der Sohn nicht einen neuen Liebling vor Ort gefunden hätte: einen alten Anker, der mittlerweile fest an Land liegt und auf dem man prima mit Blick auf das Wasser herumturnen kann. Es ist ein beeindruckendes Stück, das muss ich zugeben.

Anker am Strand

Prompt verkündet der Sohn beim letzten Frühstück, dass wir uns natürlich auch noch angemessen vom Anker verabschieden müssen. Die Familienrunde schweigt plötzlich. In den Köpfen der Eltern rasselt der Zeitplan für den Tag sichtbar einmal durch. Es sieht nicht gut aus. Eine extra Strandrunde: Das ist nicht eingeplant. Das geht nun wirklich nicht. So etwas dauert. Das zieht sich. Fangen wir damit einmal an, kommen wir garantiert erst am Nachmittag los. Wo soll das nur hinführen? Wir müssen es dem Nachwuchs schonend beibringen, ohne die Stimmung zu verderben. Wir haben einige Stunden harmonischer Autofahrt vor uns. Die möchten wohl behütet bleiben.

“Klar”, sage ich somit. “Wir verabschieden uns auch noch vom Anker.”

Der Sohn wirkt zufrieden. Er nickt kurz und greift beherzt zum Honigglas.

“Wir fahren auf dem Rückweg noch einmal extra vorbei und sagen anständig Tschüss zum Anker. Kein Problem.” ergänze ich. Es ist wichtig, eine klare Position festzulegen, auf die wir uns alle verlassen und später berufen können. Ansonsten ist Streit quasi vorprogrammiert. Und wer möchte schon mit Streit den Urlaub beenden? Eben. Da ist es besser, man klärt die Grenzen kurz ab und alle sind zufrieden.

“Ähh, Moment mal.” sagt plötzlich der Sohn. Er hat sogar das Honigglas wieder hingestellt und guckt mich an. “Nicht nur mit dem Auto vorbeifahren, das Fenster aufmachen und Tschüss rufen. Wir wollen auch aussteigen und auf den Anker klettern.”

Mist, er hat mich durchschaut. Offenbar kennt er die Rhetorik der Familie bereits. Auf derart profane Tricks fällt er nicht mehr herein. Die Sache mit den Grenzen, dem Klarmachen der selbigen und der daraus folgenden Sicherheit hat er vollkommen verstanden. Und sorgt dafür, dass die Regeln gründlich und verlässlich eingehalten werden.

“Wenigstens ganz kurz.” ergänzt er. Ich nicke nur noch stumm. Man muss erkennen, wenn man ein Duell verloren hat.

Tschüss Kontrolle denke ich mir und stelle innerlich fest: Sie werden so schnell groß.

Happy 2014

Allen Lesern ein frohes neues Jahr!

Happy 2014!

Und bitte keine Sorgen machen, wenn im Laufe des Jahres das Eine oder Andere passieren sollte. Das muss so sein. Das gehört dazu. Es bleibt 2014, keine Angst.

2014