Berufswunsch (5)

Bekanntermaßen ist der Sohn ein Freund gesitteter Tischmanieren. Sitzt er am Tisch, fühlt er sich wohl. Das liegt natürlich hauptsächlich an seinen charmanten Tischnachbarn. Also meistens uns, den Eltern. Aber auch ein gepflegtes Mahl lehnt er nicht ab. Und wenn der Nachtisch vertilgt ist, lädt er gern zu einem Verdauungsspielchen ein. So viel Luxus muss gefeiert werden. Sagt der Sohn. Und hebt sein Glas.

Genau: sein Glas. Denn immer nur aus Kunststoffbechern mit Silikonaufsatz zu trinken, hält er mittlerweile für unwürdig. Ein Glas muss her, die anderen Anwesenden haben schließlich auch jeweils eins. Wie man aus so einem Glas korrekt trinkt, braucht dem Nachwuchs niemand zu erklären. Oft genug hat er es genauestens beobachtet. Und seine lang erprobte Technik mit dem Silikonaufsatztrinkbecher hat sich ebenfalls bewährt.

Also schnappt er sich sein Glas, setzt es grob an und hebt es schwungvoll in die Vertikale. Nach seinem Erfrischungsseufzer brüllt er laut “Echo!” ins Glas und sollte wirklich so etwas wie ein Widerhall zu hören sein, setzt er sein Glas mit Schmackes auf dem Tisch ab, guckt erst kurz mit glasigem Blick ins Leere, dann zu einem der anderen Tischgesellen, sagt aber nicht viel. Ein kurzes “Da!” macht allen Beteiligten klar, dass das Trinkgefäß wieder aufzufüllen ist. Und zwar pronto. Womit sich das Prozedere wiederholt.

Auf diese Weise vertilgt der Sohn wahre Massen seines Getränks. Und bei aller geselligen Freude, die er dabei verbreitet, fällt auch kaum auf, dass er während dessen kaum etwas trinkt, sondern alles nur recht galant in der näheren Umgebung verteilt. So trinkt er mit Sicherheit auch die härtesten Jungs unter den Tisch.

Wenn er an der Technik noch ein wenig feilt, dann wird der Sohn später ein ganz hervorragender Biergartentester.

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Abnabelei

Früher, also ganz früher, war die Welt noch einfach.

Wenn der Sohn ins Bett gehen sollte, gab’s keine Zweifel, wer ihm dabei hilft. Die Frau Mama war es. Sohn geschnappt. Sich selbst obenrum frei gemacht. Sohn angedockt. Gestillt. Sohn schläft. Das war alles eins. Und der Herr Papa des Hauses konnte derweil nicht viel mehr tun, als sich apathisch in die Ecke zu verkriechen und den Sinn seiner Existenz zu hinterfragen. Als moderner Mann von heute kam er dabei natürlich auf die clevere Idee, einfach des Nachts den Sohn ordentlich wach zu rütteln, ihn auf den Wickeltisch zu wuchten und die traute Zweisamkeit durch Herumwedeln mit stinkenden Windeln zu feiern.

Das ging so oder ähnlich eine ganze Weile gut. Bis es dem Sohn irgendwann zu bunt wurde. “Jetzt reicht’s!” – sagte er, “Das gibt Ringe unter den Augen. Was sollen denn die Mädels in der Kita denken?” Und da er nicht nur ein Mann der großen Worte sondern auch ein Freund konkreter Taten ist, hat er sich von heute auf morgen abgestillt.

Von da an durfte ich ihn ins Bett bringen. Es war großartig: Wir haben gemeinsam Lieder gesungen, mit Nuckeln geworfen, flaschenweise Fencheltee vernichtet. Kurzum: Die allabendliche Männerrunde war ein formidabler Spaß. Und dank einer verbesserten Kuschelquote des Herrn Papa hatte der Sohn des Nachts mehr Ruhe, wurde nicht ständig aus dem Schlaf gerissen und konnte vollkommen ausgeschlafen tagsüber viel besser bei den Mädels punkten.

Alles super. Bis er jetzt ganz plötzlich auf die Idee kam, einfach ganz allein ins Bett zu gehen. Gemeinsames Abendessen? Jederzeit! Mit dem Papa ab zum Zähneputzen? Warum eigentlich nicht. Dann reicht es ihm aber auch schon. Er stiefelt los in Richtung Bett, lässt sich noch kurz beim Reinklettern helfen, dreht sich um und schläft tief und fest. Pünktlich zum Frühstück ist er wieder wach.

Ich glaube, so fühlt sich Abstillen an. Nicht einfach.

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Aus dem Regal

Lagerfeuer von Julia Franck

Eines der Lieblingsbücher des Sohnes beim Griff in das häusliche Regal ist Moskauer Eis von Annett Gröschner. Großartig. Das zeugt von Stil.

Was er schon lange nicht mehr heraus geholt hat: Zonenkinder. Gut so. Lohnt sich nämlich eh nicht. Wenn ich es mir recht überlege, habe ich das Stück auch schon eine Weile selbst nicht mehr gesehen. Möglicherweise hat der Sohn es heimlich um die Ecke gebracht, damit sich niemand die Finger daran schmutzig macht. Schlaues Kind.

Was der Sohn bestimmt nicht aus dem Regal holen wird: Ingo Schulze. Den gibt’s hier nämlich nicht und den wird’s hier auch nicht geben.

Das gilt so ähnlich auch für Den Turm vom Tellkamp. Wobei dieser gern noch zu Besuch kommen könnte, wenn er es schafft, den ganzen Rummel um ihn draußen zu lassen.

Julia Franck: Lagerfeuer Wie es leuchtet von Thomas Brussig steht zu weit oben. Da kommt der Sohn noch nicht heran.

Aber was hat das alles mit Lagerfeuer von Julia Franck zu tun?

Nicht viel. Korrekt. Das ist nämlich gar kein Wenderoman. Ganz anders als ich anfänglich dachte. Nein, denn es ist ein im-Westen-nicht-ankommen-Roman, kürzlich vom Herrn Nachwuchs aus dem Regal geangelt und stolz durch den Raum geworfen. Dabei ist es die Geschichte von ein paar Leuten, die zwar aus dem Osten heraus gekommen sind, es im Westen aber nur bis in das Aufnahmelager geschafft haben:

Aber wo bist du gelandet? Ist dir nicht aufgefallen, daß wir in einem Lager wohnen mit einer Mauer drumherum, in einer Stadt mit einer Mauer drumherum, mitten in einem Land mit einer Mauer drumherum.

Es ist komisch. Es ist dramatisch. Es ist komisch dramatisch.

Und es ist lesenswert.

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Aus dem Regal

Der Sohn ist ein großer Freund der häuslichen Regale. Dabei lotet er entweder seine DJ-Fähigkeiten am CD-Regal aus oder er lässt sich im Bücherregal für mögliche Berufswünsche inspirieren.

Da die Wahl des Sohnes natürlich nicht willkürlich ist, sondern stets wohl durchdacht, werde ich sie zumindest auszugsweise dokumentieren. Genau hier, versteht sich. Allerdings vorerst nur dann, wenn es um Bücher geht. Denn über seine CD-Auswahl muss ich erst noch mal ein ernstes Wort mit ihm reden. So von Mann zu Mann.

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Minderheiten

Eine prominente deutsche Tageszeitung macht etwas sensationell Neues: Sie schreibt über ominöse Studien. Dabei sagt sie über den modernen Mann von heute: er gehört zur kleinsten Gruppe, in die sich Männer so einteilen lassen.

Was vollkommen unerhört ist.

Vor lauter Aufregung konnte ich natürlich nicht schlafen und habe heute gleich einmal den kleinen Mann des Hauses ganz furchtbar früh geweckt. Das war gar nicht einfach, denn sein Schnarchen säuselndes Atmen im Tiefschlaf schien deutlich stärker als mein hochmelodischer Weckgesang. Irgendwann war es ihm trotzdem zu viel, er blinzelte zwei Mal zum Wachwerden, sah mir in die Augen und meinte nur: Entspann’ Dich, Papa. Die Gruppe ist vielleicht klein, aber fein.

Na, da bin ich ja beruhigt. Denn das klingt ganz klar nach einer deutlich repräsentativeren Aussage als so manch suspekte Studie sie zu präsentieren vermag.

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Der Placebo-Effekt

Halbe Sachen sind nichts für den kleinen Mann. Wenn er etwas neues lernt, dann bleibt er so lange dabei, bis er es in all seinen Schattierungen durchschaut und verinnerlicht hat. Das gilt nicht nur für die rein luxuriösen Hobbys in seinem Leben, sondern auch für die einfachen und essentiellen Dinge. Wie Essen und Trinken.

So gehört zum Trinken zum Beispiel nicht nur, die Flüssigkeitsmassen in sich hinein zu schütten. Das wäre schließlich nur die halbe Sache. Rund wird Trinken erst in Gesellschaft, wenn man die Krüge aneinander stößt, dann jeweils ansetzt, senkrecht nach oben kippt, möglichst auf Ex austrinkt und abschließend einen zufriedenen Erfrischungsseufzer ausstößt.

Mit dem Essen verhält es sich ganz ähnlich, wenn auch weniger interaktiv. Die Speisen sind (hoffentlich) wohl ausgesucht, der kulinarische Genuss wird zelebriert und die Nahrung dabei natürlich nicht einfach nur planlos heruntergeschlungen. Statt dessen setzt sich der Sohn mit seinem Essen auseinander, manchmal nimmt er es auch auseinander, steckt’s dann aber doch in den Mund und kaut vorbildlich darauf herum, bevor er es herunter schluckt. Das macht er nicht für jeden Happen 32 Mal. Aber groben Schätzungen nach doch im Durchschnitt etwa einmal pro Zahn. So soll es sein.

Interessanterweise klappt beides auch ohne wirkliche Nahrungsaufnahme. Selbst wenn der Sohn einmal aus einem leeren Becher trinkt, stößt er mit ihm an, kippt ihn senkrecht nach oben und zelebriert seinen Erfrischungsseufzer. Und auch die Nudel, welche auf dem Weg vom Teller zum Mund einfach vom Löffel gesprungen ist, kaut er durch. Gründlich, einmal pro Zahn. Denn halbe Sachen sind nichts für den kleinen Mann und eine gepflegte Nahrungsaufnahme liegt ihm sehr am Herzen.

Wenn Speis und Trank sich dabei nicht an die Spielregeln halten, ist das ja nicht seine Schuld.

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Porn for New Moms

Der moderne Mann von heute ist natürlich nicht nur mit sich selbst im Reinen. Glück durch intrinsische Zufriedenheit? Mitnichten! Erst wenn der kleine Mann und die Dame des Hauses zu ihrem ausgeglichenen Karma gefunden haben, stimmt’s auch mit dem des Herrn Papa.

Nun braucht man sich zumindest hier vor Ort um den Sohn in dieser Hinsicht wenig zu sorgen. Ob er nun in Ruhe bei Tisch ist oder sich den Möglichkeiten seiner Zukunftsgestaltung hingibt: es dient alles seinem ausgeglichenen Selbst.

Und für die Dame des Hauses gibt’s das Glück auf Erden jetzt käuflich zu erwerben: Porn for New Moms.

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Damit dabei der Mann von heute, vollkommen unmodern, auch versteht, was er bitte verschenken möchte, wird der Witz im Video hinter obigem Link natürlich erklärt. Klar und deutlich.

Da steht dem Glück ja nichts mehr im Weg.

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Berufswunsch (4)

Wenn der Herr Papa des Hauses mal wieder den modernen Mann spielt und dabei sogar einen Staubsauger in die Hand nimmt, dann ist der Sohn nicht weit. Zumindest ist er nicht weit vom Staubsauger.

Ganz im Gegenteil. Ganz dicht heran setzt er sich. Und übernimmt die Kontrolle. Das Gerät hat nämlich genau zwei Knöpfe. Und beide lassen sich nicht nur drücken, sondern auch drehen. Genau das macht der Sohn dann auch: Er setzt sich hin, hat das Gerät vor sich und drückt und dreht an den Knöpfen herum, wobei er keine Miene verzieht. Als Reaktion auf seine Aktivitäten erntet er Geräusche. Kabel rein, Kabel raus. Drehzahl hoch, Drehzahl runter. Bei geschicktem Spiel mit den Bedienelementen kommt Rhythmus ins Spiel. Manchmal kann man den Sohn sogar vor Ekstase leicht lächeln sehen, schunkeln ist aber tabu.

Eins ist somit ganz klar: Die großen Vorbilder des kleinen Mannes sind Kraftwerk sowie Señor Coconut. Und später wird er selbst einmal ein Popstar, ein elektronischer.

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Glasklares Hochdeutsch

Sprache ist gut. Korrekte Sprache ist noch viel besser. Da trifft es sich gut, dass die Ahnen der Familie aus einer Gegend kommen, die selbstverständlich die Wiege des reinen Hochdeutsch ist. Aus Ehrfurcht vor diesem Erbe bin ich als moderner Mann von heute natürlich sehr bestrebt, diese reine sprachliche Eleganz direkt an den Sohn weiter zu geben.

Er weiß das auch sehr zu schätzen. Und bringt derzeit jeden Wunsch, jedes Gefühl, jeden Imperativ, jeden dezenten Hinweis auf spannende Geschehnisse in einem einzigen, glasklaren, schnörkellosen und dialektfreien Wort auf den Punkt: Da!

Als stolzer Herr Papa bin ich fast schon sprachlos und antworte selbst in Gegenwart des Sohnes auf eine sicherlich sehr sinnige Frage der Dame des Hauses mit einem lapidaren:

Seidd wann had’n dat wat damit dsu dun?

Nur gut, dass wir beim Abendessen waren. Da entgeht dem Sohn schon mal der eine oder andere sprachliche Faux-Pas, weil er damit beschäftigt ist, sich ganz in Ruhe seinem Mahl zu widmen.

Nur gut. Ansonsten würde ich mir um das nächste Wort des Sohnes ernste Sorgen machen.

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Applaus, Applaus, Applaus

Der Sohn mag Applaus. Großartiges zu tun ist schließlich nur eine Sache. Ein adäquates Maß an Anerkennung eine andere. Da er offenbar der Meinung ist, dass sein Umfeld ihn nicht ausreichend würdigt, spendet er sich gelegentlich seinen Applaus einfach selbst.

Er spielt mit seiner neuen Sortierbox? Kommt dabei auf die Idee, diese einfach umzudrehen, den großen Entnahmeschacht zu öffnen und alles einzuwerfen? Frenetischer Applaus!

Er füttert beim Essen erfolgreich den Papa mit Banane statt immer nur selbst alles eingetrichtert zu bekommen: Applaus.

Er bekommt erfolgreich die Windel gewechselt und ramponiert während dessen einen Lippenstift: tosender Applaus.

Er läuft mehr oder weniger eigenständig auf einen großen Spiegel zu, um den bezaubernden kleinen Mann darin herzlich zu umarmen und stößt sich dabei gnadenlos den eigenen Kopf: torkelnder Applaus.

Damit der Sohn jetzt nicht ernsthaft denkt, ich würde ihn ignorieren und seine grandiosen Taten nicht standesgemäß honorieren, sitze ich jetzt hier und klatsche; ich werde die ganze Nacht hindurch klatschen; ich werde am Morgen während des Zähneputzens klatschen; ich werde während des Frühstücks klatschen und ich werde auch den gesamten Tag hindurch klatschen. Es ist schließlich Sonntag, also Feiertag. Irgendwann werden die Hände wund sein vom Klatschen. Aber der moderne Mann von heute muss eben seine Opfer bringen, wenn es um den bescheidenen Respekt vor den großen Taten des kleinen Mannes geht.

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