Aus dem Regal: Marmelade im Zonenrandgebiet von Maximilian Buddenbohm

Cover: Marmelade im Zonenrandgebiet Im normalen Leben schreibt der Herr Buddenbohm ein Blog. Herzdamengeschichten steht draußen dran. Drin gibt’s jedoch meist etwas über zwei Kinder. Als wär’ das nicht per se schon schlimm genug, nimmt er diese Texte manchmal, schleift noch ein wenig daran herum, presst sie schließlich zwischen zwei Deckel und nennt das Ergebnis: Buch. Wiederholt. Unerhört.

Denn sind wir doch mal ganz ehrlich: Wer will schon immer nur Geschichten über Kinder lesen? Die Kleinen machen dies, die Kleinen machen das; guck mal – wie lustig, was haben wir gelacht; bitte ruhig weiter geh’n, hier gibt’s nichts zu sehen. Irgendwann reicht’s.

Das hat sich offenbar auch Herr Buddenbohm gedacht und jetzt glatt mal ein Buch über einen Erwachsenen geschrieben: sich selbst. Endlich mal etwas Solides, Bodenständiges, Ernstes. Es ist ein Buch voll mit Fragen, die jeder von uns unmittelbar nachvollziehen kann. Es geht um die großen Dinge des Lebens. Also um die Studienwahl und die Suche nach einer Frau. Und das Allerbeste ist: Die Antworten gibt’s auch. Im Buch. Also kann ich nur eines empfehlen: Zugreifen! Kaufen, Holen, Selbst-lesen. Nachdem wir in den ersten Büchern des Schriftstellers mit dem Kinderkram konfrontiert wurden, erfahren wir hier endlich alles über seinen ganz eigenen Werdegang. Wir bekommen tiefe Einblicke in seine Vergangenheit. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Er macht sich quasi nackt. Nichts ist tabu. Alles wird geklärt.

Nur eine Frage bleibt am Ende doch offen: Was wurde eigentlich aus Wiebke?

Weltpoesietag

Heute war Weltpoesietag. Das muss man sich mal vorstellen: Ein ganzer Tag für die Poesie. Das ist natürlich Provokation pur. Aber mit zwei Kindern im Sprachlernalter schrecken wir hier natürlich vor keiner Herausforderung zurück und reimen uns den Tag zusammen (Die Reihenfolge ist verkehrt, was hoffentlich keinen Leser stört.):

Reime

Auf Twitter war das und wurde auch gelesen, die Antwort kam prompt, quasi mit ‘nem Besen:

Reimende Antwort

Und für jene, die jetzt noch sagen: Was soll’n die Schweine, darf ich das fragen? hab’ ich ‘nen Tipp: nur nicht verzagen. Denn Dank der Schweine gibt’s Reime und zwar ganz feine:

Wichtige Entscheidungen

Es gibt Tage, die sind lang. Viel länger als andere. Zumindest gefühlt ist das so. Da war es wohl sehr anstrengend, was den ganzen Tag über so passiert ist. Ermüdend, quasi. Und so sitzt die Familie am Tisch mit dem Abendmahl und alle gucken sich eher ruhig, recht träge und mit glasigen Blicken an.

Wirklich alle? Nun, ein kleiner Mann leistet Widerstand gegen den allgemeinen Trend. Der Sohn hat in einem Wahn von vorausahnender Cleverness als einziger im Haus einen ausgiebigen Mittagsschlaf gehalten. Er ist topfit, putzmunter, gut drauf und voller Tatendrang. Das ist zwar anstrengend, muss aber selbstverständlich sofort gnadenlos ausgenutzt werden. Wir planen gleich mal das tägliche Ritual des ins-Bett-Gehens neu. Wir schlagen dem Sohn vor, dass er es ist, der heute alle ins Bett bringt. Schwester, Papa, Mama – am besten in genau der Reihenfolge. Er guckt erst einmal skeptisch. Wer weiß schon, was die Eltern da erzählen? Und nachher meinen sie es vielleicht doch nicht ernst. Unmöglich, so ein müder Familienclan. Unberechenbar, das Volk. Man sieht’s dem Sohn an: Er wartet erst einmal ab. Ich ringe mir ein paar motivierende Worte ab: Das ist nicht weiter schlimm, mein Sohn. Zähne putzen wir uns selbst. Du musst am Ende nur ein Buch vorlesen, das war es dann schon fast. Die Mama sucht eins aus, holt es Dir aus dem Bücherwagen und Du liest es dann vor. Das reicht. Und zack: alle schlafen.

Er guckt mich an, legt sein Essen erstmal ab und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Ob das Entspannung ist, kann ich gar nicht sagen. Eher scheint er zu überlegen. Soll er ruhig. Wir essen einfach weiter. Plötzlich guckt er ganz freudig. Lehnt sich leicht zur Dame des Hauses herüber und flüstert: Mama?Ja, mein Schatz?, antwortet sie. Mama, Du suchst Dir am besten ‘Stop für Willi’ aus, ja? Das ist ein recht unterhaltsames Buch, wenn auch relativ viel Tempo in der Geschichte liegt, so ganz optimal zur Nacht ist es nicht, es geht um Autos, Züge, Fahrräder, es geht um Tempo, Fußball, Unfälle gar. Ein schönes Buch, keine Frage, aber zum Einschlafen? Mama, das ist doch mein einziges Buch, in dem überhaupt gar kein Text drin steht. Das kann ich Dir vorlesen, ja? Ja!, sagt der Sohn grinsend, nickt noch einmal, um sich selbst zuzustimmen und lässt in seinem Blick klar erkennen, dass die Entscheidung für die Nachtlektüre gefallen ist. Die Mama wird nachher auf jeden Fall das Richtige tun.

Und nach einem langen, vielleicht sogar anstrengenden Tag haben wir sogar noch etwas gelernt: Wichtige Entscheidungen sehen immer nur aus, als würden sie spontan gefällt. Tatsächlich sind sie gut vorbereitet und mit allen Beteiligten im Vorfeld sorgfältig abgestimmt. Der Sohn hat das schon ganz intuitiv drauf. Wenn’s bei den Großen mal auch immer so gut klappen würde. Selbst an ganz normalen Tagen.


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Lösung erarbeitet

Wir sitzen bei Tisch. Mal wieder. Das kommt hier so regelmäßig vor, dass sich schon eine feste Routine eingeschlichen hat. Das sieht man nicht zuletzt an der Sitzordnung. Denn es ist tatsächlich fast immer das Gleiche: Der Sohn sitzt mit der Dame des Hauses auf der einen Seite des Tisches. Die Tochter macht es sich mit mir auf der anderen bequem. Das hat glasklare Vorteile: So kann sich jedes Kind voll einem Erziehungsberechtigten widmen. Denn bei Tisch geht es ums Essen, beim Essen geht’s ums Überleben. Und beim Überleben muss jeder zusehen, wo er bleibt. Die Kinder haben das früh erkannt.

Die Routine bringt es mit sich, dass auch die Aufmerksamkeiten relativ klar getrennt sind: Die Tochter und ich, wir bilden ein Team. Was die beiden anderen da treiben, ist uns weitgehend gleichgültig. Wir haben genug mit uns selbst zu tun. Hier geht’s schließlich ums Essen und Überleben – wir hatten das ja schon. Also machen wir, was man in einem guten Team machen sollte: Wir teilen alle Aufgaben sinnvoll nach Qualifikation auf. Die Tochter schnappt sich das Brot sowie den Frischkäse und beschmiert das eine mit dem anderen. Ich darf immerhin die Tomaten vierteln. Ich mache es gewissenhaft, die Qualitätsmaßstäbe im Team sind hoch. So geht das eine ganze Weile. Sie macht die Brote, ich die Tomaten. Wir tauschen die Ergebnisse aus, essen glücklich vor uns hin, gelegentlich gibt es sogar etwas zu trinken. Es ist Harmonie pur. Von der anderen Seite des Tisches bekommen wir nicht viel mit, außer, dass sie da drüben weniger essen, dafür offenbar mehr verhandeln. Ständig zeigt einer auf den Kühlschrank und schüttelt die andere mit dem Kopf. Wir nehmen das eher beiläufig zur Kenntnis und essen weiter friedlich vor uns hin. Bis es da drüben auf einmal ganz ruhig wird und ein Satz über den Tisch schwappt:

Siehst Du, mein Sohn. Jetzt haben wir zusammen eine gute Lösung erarbeitet.

Die Tochter und ich: wir sind spontan auch ganz ruhig. Wir gucken uns an. Wir gucken die beiden da drüben auf der anderen Seite des Tisches an. Wir schütteln kurz mit den Köpfen, schieben uns dann jedoch weiter gegenseitig die Happen zu. Wir sind hier schließlich bei Tisch. Da kann man sich nicht einfach durch die Sprüche der anderen aus dem Konzept bringen lassen. Überleben und so. Im gemeinsamen Spiel mit dem Essen wird uns klar: wichtig ist, dass der Prozess der Nahrungsaufnahme stimmt. Die Workflows sind definiert und müssen schlicht eingehalten werden. Dann ist auch das Outcome Sättigungsgefühl gesichert. Routine ist alles.

Ohne die Tochter wäre ich jetzt sicherlich durch das Verhalten und die Sprüche der beiden anderen Kollegen am Tisch für einige Zeit irritiert gewesen. So aber erkenne ich nur eins: Kinder zu haben ist eine klare Win-Win-Situation.

Kulturbanause

So ein kleinbürgerlicher Bildungshaushalt ist eine inspirierende Sache. Da kann’s zum Beispiel passieren, dass man einfach mal unschuldig pfeiffend nach Hause kommt und eine Bude voller Kunstwerke vorfindet. In solchen Momenten ist es sehr wichtig, den eigenen Elan zu bremsen und vorsichtig durch das neu eröffnete Atelier zu manövrieren. Denn eines steht fest: auf Bilder möchte man nicht treten und mit dem Künstler will man es sich nicht verscherzen. Das gilt besonders dann, wenn es sich um den eigenen Sohn handelt. Der Typ hat offenbar spontan beschlossen, seine gesammelten Werke aus der Kita mit nach Hause zu bringen. Bei ihm als Mann der Taten werden Beschlüsse natürlich sofort umgesetzt. Super Sache: Tabula rasa dort, Chaos hier. Und ein kunstverständiger Familienvater tut selbstverständlich, was er tun muss: Er bückt sich, er greift willkürlich in das Papiermeer, er fischt ein paar bemalte Fetzen heraus und bewundert sie angemessen.

Auf einigen Werken kann man sogar etwas erkennen. Robotter sind es meist. Robotter sind gerade schwer angesagt beim Künstlersohn. Robotter hier, Robotter dort, Robotter auf Papier. Und was soll ich sagen: Da sind stellenweise wirklich respektable Robotter dabei. Ich staune und tue, was ein Staunender tun muss. Ich sage: Ach, da sind aber wirklich ein paar schöne Bilder dabei!

Lob tut schließlich auch mal gut. Das arme Kind kann nicht ausschließlich mit Repressalien groß gezogen werden. Als moderner Mann von heute kann ich auch mal weich sein und ein Herz zeigen. Der Sohn hat schließlich schwer gearbeitet. Und eines wissen wir doch alle: Das Leben eines Künstlers ist ein hartes, ein undankbares, ein brotloses. Da ist ein wenig Bestätigung genau das Richtige. Wenn sie noch dazu von jemandem kommt, den man liebt und schätzt – dem Herrn Papa zum Beispiel – dann fühlt man sich verstanden, dann bekommt das Künstlerleben einen Sinn.

Nur der Sohn versteht das noch nicht so recht. Er hält statt dessen abrupt mit dem Spielen auf, erstarrt für einen kurzen Moment vollständig, schüttelt ungläubig den Kopf und merkt recht trocken an: Papa, die sind alle schön!

Es geht doch nichts über klare Ansagen. Und ich habe wohl verstanden, auf welchem Wort hier die Betonung lag. Da habe ich – ganz klar – einen Fehler gemacht. Soll nicht wieder vorkommen. Versprochen. Mensch, eine korrekte Erziehung, die auch adäquate Wertemaßstäbe vermittelt, scheint wirklich schwer zu sein. Aber ich bin mir sicher: irgendwann wird der Sohn das schon noch schaffen.

Aus dem Regal

Heute: 1Q84 von Haruki Murakami, Deutsch von Ursula Gräfe

Cover 1Q84 Von Señor Murakami kann man viel halten. Muss man aber nicht. Manch’ hanseatische Textexpertin macht das zum Beispiel nicht. Aber sie begründet ihre Meinung auch ganz dick mit der Rezension eines selbstreferenziellen Sachbuches. Das passt natürlich nicht. Denn das Ego des japanischen Herren scheint recht ausgeprägt zu sein. Vielleicht, weil ihm zu oft jemand gesagt hat, dass seine Romane gelungene Konstrukte sind.

Wo jedoch etwas dran ist. Murakami versteht sein Handwerk. Erzählen kann er. Man sieht es an dieser Geschichte recht gut. Es gibt zwei Hauptdarsteller, beide sehr charmant, beide zumindest etwas mysteriös. Es gibt relativ starke Nebendarsteller, die jedoch nie am Thron der Helden rühren. Die Geschichte steuert obendrein auf ein recht offensichtliches Ende zu. Aber sie macht es von zwei verschiedenen Richtungen aus. Und unterwegs gibt es durchaus die eine oder andere Verwirrung und Nebengeschichte. Damit bleibt es unterhaltsam und abwechslungsreich. Verwirrt wird man garantiert nicht. Es gibt viele Seiten, die mit ausführlichen Beschreibungen von allem und jedem gefüllt sind. Wenn schon Tolkien mit seitenlangen Ergüssen über das saftige Grün einer saftig grünen Wiese erfolgreich war, warum sollten sich dann nicht auch nachfolgende Romanschreiber daran orientieren? Eben. Und keine Angst: das klappt auch ohne Graswiesen – zum Beispiel mit Brüsten. Denn in diesem Buch gibt es wohl keine Frau, zu der wir nicht etwas über die Größe, Form und sonstige Beschaffenheit ihrer Brüste erfahren. Das allein sollte doch eine glasklare Leseempfehlung sein, oder?

Und selbst wenn nicht: Trauen Sie sich ruhig. Lesen sie Murakami. Aber bitte als Roman, nicht als Sachbuch. Und seien Sie um Himmels Willen nicht zu analytisch bei der Sache. Das Erlebnis ist sorgfältig geplant und handwerklich solide umgesetzt. Bis hin zum Cliffhanger ganz am Ende, welcher zum Kauf des Folgebandes motivieren soll. Man merkt das alles. Aber sei’s drum.

Zivilisationssorgen

Bei einem Blognachbarn gab es kürzlich die Frage: Mal was persönliches – nimmst Du Dein Smartphone oder Tablet mit aufs Klo?

Das ist ein provokativ rhetorisch gestaltetes Konstrukt. Ganz klar. Denn die eigentliche Frage lautet natürlich:

Wenn Du mit dem Smartphone auf der Toilette sitzt, kommen Deine Kinder dann auch immer mit einem Hocker vorbei, machen es sich bequem und gucken Dir entweder konzentriert zu oder quatschen Dich einfach gnadenlos voll?

Kalt

Man ahnt ja nichts. Schon gar nicht am frühen Morgen. Da wird man einfach nur wach, steht auf, stubst eine Weile an den Kindern herum, damit diese sich auch irgendwann hoch bequemen. Man putzt sich gegenseitig die Zähne, tauscht so lange an den Klamotten herum, bis jeder etwas passendes angezogen hat. Man wirft die Kaffeemaschine an und das Müsli in die Schale. Und irgendwann rollt man auch die Jalousinen vor den Fenstern hoch. Hilft ja alles nichts, Leugnen ist da zwecklos, früher oder später muss man eh raus. Da kann man ruhig schon mal nachgucken, ob die groben Koordinaten der Außenwelt noch stimmen oder ob man zwischendurch so eine Art Weltuntergang verschlafen hat.

Und was soll ich sagen? Man hat.

Da liegt Schnee. Ganz weiß. Ganz frisch. Ganz viel. Ganze drei Paar Augen gucken da raus. Zwei sehen Schneeglück, einer sieht ein Drama.

Wer Kinder hat und seine morgendliche Routine liebt, der mag keinen Schnee. Keinen plötzlich eintreffenden zumindest. Man stelle sich nur mal vor, wie man bei so einem gefrorenen Durcheinander die Kinder gepflegt in die Kita bekommen soll. Schnee! Unter allen Übeln dieser Welt gibt es wohl wenige mit mehr Potenzial, die Relativität der Zeit neu unter Beweis zu stellen. Allein dreißig Sekunden Weg zum Auto können an Tagen wie diesem locker zu Stunden werden. Nicht auszumalen.

Also ziehe ich die Kinder zurück in fensterärmere Teile der Wohnung und überlasse sie dem Rest der auch sonst üblichen Morgenroutine. Routine hilft, spontanen Ablenkungsmanövern nicht zu erliegen, denke ich mir. Und liege goldrichtig. Denn die dreißig Sekunden Weg zum Gefährt werden glatt zwanzig. Es ist schließlich kalt. Von vier großen, strahlenden Augen abgesehen, gab’s nur eine kurze Zwischenfrage.

Sohn: Heute ist ein Tag zum Schneeman bauen, ja?

Ich: Ja, klar.

Und schon sitzen wir im Gefährt und diskutieren die Musikauswahl anstelle meteorologischer Überraschungsgäste. Auch der Rest des Tages verläuft routiniert. Und letztlich ist der einzige Schneemann des Tages der Sohn selbst, der am Ende des Tages mit einer Handvoll Eisschnee vor der Tür steht und auf die fragenden Blicke nur nüchtern antwortet: Das ist Eis. Für’s Bier. Damit’s nicht warm wird.

Morgens noch einen Schneemann bauen wollen, am Abend dann das Bier kalt stellen: der Sohn hat offenbar verstanden, worauf es im Leben ankommt.

Unter Kontrolle

Früher, also vor langer Zeit, als der Sohn noch ganz klein war und gerade mal frisch Laufen konnte, stand er glatt eines Abends in der Küche, guckte noch recht schlaftrunken, schaute sich trotzdem ganz in Ruhe um und fragte dann ungläubig: Papa, wer ist dieser Mann?

Wir hatten wohl Besuch. Kommt in den besten Familien vor. Und legt man sich Nachwuchs zu, steht im Kleingedruckten nirgends, dass man diesem auf einmal über alles sofort Rechenschaft schuldig ist und Männerbesuch erst mal angekündigt gehört. So plump diese Frage also war, so plump habe ich ihn geschnappt und in sein Bett zurück getragen. Das Thema war damit abgehakt. Dachte ich.

Denn der Sohn hat natürlich dazu gelernt.

Heutzutage steht er nicht mehr einfach so am späteren Abend irgendwo in der Gegend herum. Dazu müsste er schließlich aufstehen. Und wer weiß schon, ob sich das lohnt? Eben. Darum gewährt der kleine Herr jetzt Audienzen. Er bittet die Erziehungsberechtigten großzügig zu sich. Ganz dezent, versteht sich. Nur, wenn diese einfach nicht hören wollen, wird er dabei laut. Ist das Personal irgendwann endlich vor Ort, darf es dann gern behilflich sein.

Er sagt: Muss Pipi!

Er meint: Es könnte sein, dass ich auf die Toilette muss. Vielleicht stimmt das aber auch gar nicht. Auf jeden Fall bin ich wach und Du kannst mich jetzt bitte ganz vorsichtig aus dem Bett heben. Bitte so, dass meine Füße dabei nicht den Boden berühren. Der könnte schließlich kalt sein. Idealerweise trägst Du mich dann vorsichtig ins Bad. Ich kann auch selbst laufen. Aber was, wenn ich dann krank werde? Trag’ mich mal lieber. Und halte Deinen Kopf nicht wieder vor meine Augen. Der stört mich da. Und wenn die ganze Aktion sinnlos war, bringst Du mich wieder zurück. Vorsichtig, ja? Schließlich schlafe ich streng genommen ja noch. Kannst mich aber trotzdem hinlegen. Und zudecken, bitte!

So in etwa läuft das dann auch. Die Hierarchien in der Familie sind klar. Da muss man nicht immer lange fragen, wer jetzt eigentlich was zu sagen hat. Es ist letztlich ganz klar. Da machen wir uns mal nichts vor. Zumindest so lange nicht, wie die Tochter noch zu klein für grammatikalisch vollständige Imperativsätze ist.

Wenn der Sohn wieder im Bett liegt und man sich so denkt, dass damit endlich wieder Ruhe einkehrt, fragt er noch ganz beiläufig: Papa, wer sitzt da in der Küche?

Ich antworte: Wir haben Besuch.

Er: Und Ihr esst noch etwas? Nach dem Abendbrot?

Ich: Ja. Und das ist auch vollkommen in Ordnung so!

Er: Und was esst Ihr da? Brot?

Ich: Ja, genau. Brot, passt gut zum Wein.

Er: Und wozu braucht Ihr da Gabeln?

Die hat er nämlich klimpern gehört, der Sohn. Genau jener Sohn, über den wir noch kurz vorher dem Besuch ganz glaubhaft erzählt haben, dass er jeden Tag pünktlich ins Bett geht, problemlos einschläft und garantiert erst am Morgen wieder wach wird. Dieser durchschlafende Sohn ist im Moment jedoch sogar noch munter genug, um leise zu sagen: Durch das Schlüsselloch habe ich schon geguckt. Aber da sieht man ja fast gar nichts! Das ist schade, stimmt’s?

Dann fallen ihm aber doch die Augen zu und er fängt leise an zu schnarchen. Im Traum entwirft er bestimmt schon mal eine Überwachungsanlage mit Videokameras an allen Ecken. So kann das hier schließlich nicht weitergehen.