Aus dem Regal: Kochbücherei

Örtliche Besucher mögen es kaum glauben, aber auch hier im Haus gibt es Kochbücher. Diverse sogar. Seit langem schon. Aber jetzt verrate ich Ihnen einmal etwas: Es musste erst Herr ‘NutriCulinary‘ Paulsen anfangen, nicht nur schöne Bilder zu machen, sondern gleich ganze Bücher zu schreiben, bis selbige endlich nicht nur zur Deko hier herumliegen, sondern ab und an sogar mal aufgeschlagen werden. Was sich lohnt, denn Herr Paulsen ist ein Künstler. Zwar einer von der Sorte, die im kulturellen Rahmenprogramm einer Lesung tatsächlich Cantaloop von US 3 spielen. Aber: Schwamm drüber! Jugendsünden haben wir alle, die zugehörige Lesereihe gibt’s eh nicht mehr und manchmal muss man ja auch mit den alten Geschichten seinen Frieden schließen. Um statt dessen lieber etwas zu essen. Ein sinniges Chili sin Carne zum Beispiel. Oder Bulgur mit jungem Spinat. Oder Tandoori-Chicken. Oder schlicht eine schnelle Tortilla-Pizza. Oder sonst etwas von all den Sachen, die in diesem Buch oder dieser Anwendung für mobile Rechengeräte zu finden sind.

Schneller Teller
Go Veggie!


Lauter schöne Rezepte. Schön anzusehen. Schön einfach zu verstehen. Schön selbst zu machen.

Und wer nicht nur gutes Essen sondern auch gute Bücher mag, ist beim Herrn Paulsen trotzdem passend aufgehoben. Neben seiner Kochbücherei hat er nämlich noch Geschichten parat, bei denen die Rezepte nur Beiwerk sind. Das erste Buch mit Küchengeschichten gibt es schon seit längerem. Der Nachwuchs kommt demnächst. Es ist verrückt.

Und was die Kochrezepte anbelangt, gestehe ich Ihnen etwas, wir sind hier schließlich unter uns: Seitdem wir auf die Tipps des Herrn Paulsen setzen, kommt der Sohn abends freiwillig vom Spielplatz rein und sagt: Essen? Ja, ich will kochen! Das ist perfekt. Denn selbst bei den schnellen Tellern ist es um das leibliche Wohl und die Sicherheit aller hier im Haus deutlich besser bestellt, wenn der Sohn kocht und nicht ich.

Wir gehen mal zu zweit

Die Familie war eingeladen: einen Tag lang frühstücken. Irgendwann am Vormittag ging es los. Irgendwann im Verlauf des Tages haben wir dann aufgegeben und uns verabschiedet. Dazwischen lag viel Zeit. Während der naturgemäß auch einmal kam, was halt so kommt: der Sohn musste auf die Toilette. Wir waren in einer öffentlichen Gastronomieeinrichtung, die Toiletten im Keller, dem Sohn selbiges recht unheimlich. Ich sollte mit, also ging ich mit. Nach kurzer Inspektion stellte der Nachwuchs fest, dass das allgemeine Ambiente im Untergeschoss angemessen standesgemäß ist. Er suchte sich seine Kabine aus, zog mich mit hinein, schloss die Tür und machte es sich auf dem Thron bequem. Ich lehnte mich ganz entspannt an die – übrigens sehr saubere – Wand.

Das war ein Fehler. Denn der Sohn holte einmal tief Luft und sagte: Du Papa, ist die Tür eigentlich zu? Also ich meine: auch abgeschlossen? Ja? Ach ja. Habe ich doch selbst gemacht. Das ist ja auch wichtig. Denn guck mal: wenn jetzt noch jemand kommt, der weiß ja gar nicht, dass wir hier drin sind. Oder kann der das sehen? Kann er unten durch die Tür gucken? Macht man das so? Machen alle das so? Aber da kann man meine Füße doch gar nicht sehen. Deine Füße kann man aber sehen. Das ist gut, ja? Guck mal, Papa, da ist gerade ein Mann gekommen. Der ist jetzt gleich nebenan. Du Papa, ob er mal muss? Ach ja, sonst wäre er gar nicht hier, oder? Ich glaube, der muss auch mal. Aber ich bin viel schneller. Ich bin dann erster, ja? Guck mal, Papa. Der Mann ist schon wieder fertig. Hat er sich auch die Hände gewaschen? Kann man sich hier die Hände waschen? Papa, ich habe gar kein Waschbecken gesehen. Aber man kann sich hier die Hände waschen, ja? Das ist gut. Oh, ich glaube, das dauert jetzt länger. Aber das macht ja nichts. Bei Dir dauert das auch manchmal länger. Und wir haben gar kein Buch dabei? Haben wir ein Buch dabei? Guck mal, Papa. Da kommt schon wieder ein Mann. Nein, das ist gar kein Mann. Das sind die anderen Kinder. Nein Papa, das macht gar nichts, wenn man sich hier unterhält. Weißt Du: immer, wenn noch jemand mit im Klo ist, dann darf man sich auch unterhalten. Das ist so. Ich weiß das nämlich. Nein Papa, ich bin noch nicht fertig. Papa? Musst Du eigentlich auch mal? Nein? Warum nicht? Nein? Ich bin aber noch nicht fertig. Guck mal, hier gibt es zwei Papierrollen. Warum gibt es hier eigentlich zwei Papierrollen? Nimmt man die gleichzeitig? Warum nimmt man die gleichzeitig? Nimmst Du die auch immer gleichzeitig? Ich will die gleichzeitig nehmen. Machen wir das? Ja? Guck mal. Nein, ich habe das gar nicht alles abgerollt. Das war schon ganz weit abgerollt. Du, Papa? Weißt Du? Fertig!

Nur gut, dass ich nicht mit der Tochter im Keller war. Man hört ja viel darüber, was da so abgeht, wenn Frauen zu zweit auf die Toilette gehen. Gern auch während des Essens.

Knotenlehre

Nach einer planschenden Schwimmrunde im heimischen Balkonpool sitzt der Sohn im Bad. Quasi nackt. Nur seinen Bademantel trägt er. Offen, versteht sich. Denn auch wenn wir eigentlich gerade Zähne putzen wollen, sitzt er lieber da und widmet sich seinem Bademantelgürtel. Ich sehe es nur aus dem Augenwinkel. Die Tochter putzt schließlich schon und man macht sich keine Vorstellungen, welchen Aufmerksamkeitspegel das erfordert. Irre, sage ich Ihnen, es ist irre. Und währenddessen fuchtelt der Sohn gelegentlich mit seinen Armen, nur um sie im nächsten Moment schon wieder ganz ruhig zu halten und irgendwie weiter an seinem Bademantelgürtel herum zu spielen.

Irgendwann ist die Tochter fertig mit dem Hochleistungsputzen ihrer paar Zähne und wir setzen uns beide rüber zum Sohn, um zu gucken, was er da gerade anstellt. Zähne putzt er recht offensichtlich zumindest nicht.

Guckt mal, sagt er stattdessen. Knoten!

Und während ich gerade mit einem cleveren Klugscheißerspruch darauf antworten wollte, stelle ich beim genaueren Hinsehen fest: Tatsächlich, der Sohn macht lauter Knoten in seinen Gürtel.

Sohn: Knoten! Papa, guck mal, das geht ganz einfach: Du legst eine Acht und ziehst das Ende hier durch. Und dann fest ziehen. Da brauchst Du viele Muskeln für. Möchtest Du meine Muskeln mal sehen?

Ich: Klar! Und Deine Knoten sind faszinierend! Und einige sogar doppelt. Wo hast Du das denn gelernt?

Sohn: Im Kindergarten.

Ich: Ach, haben die Erzieherinnen Dir das gezeigt?

Sohn: Nein, nein, das habe ich von den anderen Kindern. Wir haben alle Knoten gemacht!

So, liebe Fraktion der Betreuungsgeldbefürworter: Jetzt seid Ihr dran.

Berufswunsch (15)

Die Kindheit, sie besteht aus Phasen. Man freut sich darüber besonders, wenn der Nachwuchs noch ganz jung ist. Weniger wegen der Phasen selbst. Mehr, weil man weiß, dass sie irgendwann auch wieder vorbei sind. Man denkt sich einfach: Lass die Kleinen doch schreien, das hört schon wieder auf. Und schon werden schlaflose Nächte viel erträglicher. Außerdem hilft das Aufsagen derartiger Mantras enorm, um sich selbst einfach nur wach zu halten, während man mit dem Kind auf dem Arm durch das Zimmer wippt.

Aber nur keine Angst. Die Phasen verschieben sich und finden irgendwann auch tagsüber statt. Da gibt es zum Beispiel die berühmte Baggerphase, schön tagsüber, und sie dauert auch nur ein paar Jahre. Dann gibt’s die Kiwis-sind-giftig-Phase, eine die-Schwester-ist-ein-Zerstörer-Phase, die dieses-T-Shirt-für-den-Rest-des-Lebens-Phase, die kein-Zähneputzen-unter-einer-halben-Tube-Zahnpasta-Verbrauch-Phase, die ich-lese-der-Schwester-die-Gutenachtgeschichte-vor-Phase und es gibt sogar eine musische Phase.

Diese ist übrigens ganz unheimlich. Denn wir wissen schließlich alle: Wenn die Musik einen erst einmal erobert, dann verschlingt sie einen mit Haut und Haaren. Und den Sohn hat es erwischt. Dieser junge Mann kann am frühen Morgen in einem Moment noch wohlklingend schnarchen und nur einen Augenblick später melodisch grummelnd ins Bad schlurfen. Er schafft es nicht nur, dort die Toilette zu erobern, sondern auch darauf sitzend eine Ode an die fröhliche Wurst zu ersinnen. Nach diesem Ohrwum wechselt er die Sitzgelegenheit und macht es sich auf seinem Waschtischhocker bequem. Munter vor sich hinsummend sortiert er dabei seine mitgebrachten Socken neu und überlegt, welches Paar er sich aus dem Sortiement zusammen stellt. Ich weiß auch nicht genau, wie er es macht, aber während er sich seine Socken anzieht, schafft er es, rhythmisch auf seinem kleinen Hocker zu trommeln. So treffend gar, dass man sich glatt beim Mitwippen erwischt, noch bevor man den Sohn daran erinnern kann, dass vor dem ersten Kaffee am Morgen gefälligst nicht so ein Krach gemacht wird. Er nimmt die Ermahnung zur Kenntnis, nickt zustimmend und optimiert seine Darbietung dadurch, dass er zum Trommeln noch die Zahnbürste hinzu nimmt. Was will man da machen? Außer, zuzusehen, dass man an Tempo etwas zulegt, damit wir aus dem Bad heraus und in die Küche zum Kaffee kommen. Irgendwie schafft der Sohn es dabei, schon vor einem dort zu sein, am Tisch zu sitzen und in seinem Müsli herumzustochern, während er mit der freien Hand auf dem Tisch trommelt und vor sich hinsummend neues Liedgut komponiert. Es ist beeindruckend, obwohl man manchmal heimlich still und leise in sich hineindenkt, dass es ein Segen sein kann, wenn die Kaffeemaschine den Nachwuchs wenigstens für einen kurzen Moment übertönt.

Und so geht es fortwährend weiter: Im Auto auf dem Weg zur Arbeit? Da trommelt, klatscht und singt er relativ textsicher zu dem Lied mit den Farben sowie der Quatschmusik. Da kann man sich schon mal das Radio klauen lassen – es fällt kaum auf. Auf dem Rückweg läuft es ähnlich. Und falls man sich erst zu Hause wieder über den Weg laufen sollte, gehört es zu den ersten Bitten des Sohnes, dass man doch all die Gegenstände erraten möchte, mit denen seine Gang in der Kita heute musikalische Experimente veranstaltet hat. Ich sage dazu nur soviel: FM Einheit würde blass vor Neid. Dass das sonstige neue Liedgut des Tages lautstark bei der Abendtoilette präsentiert wird, muss ich jetzt nicht extra erwähnen, oder?

Musik begleitet den Sohn durch den Tag. Man erkennt es ganz klar.

Noch während ich dem singenden Trommler seine Zähne nachputze, frage ich ihn somit dezent: Na, wirst Du später wohl mal Musiker?

Sohn: NEIN!

Ich: Ach, warum denn nicht?

Sohn: Ich werde doch LKW-Fahrer!

Na, da lag ich ja nur knapp daneben. Vielleicht frage ich einfach nächste Woche noch einmal nach. Bevor die Phase wieder vorbei ist.

Stilfrage

Es ist jeden Morgen das Gleiche: Man muss die passenden Klamotten zum Anziehen heraussuchen. Schlimm genug, dass man das für sich selbst machen muss. Aber hat man erst einmal Kinder, darf man es für diese auch noch mit erledigen. Das ist auf Dauer ein richtig schwerer Job. Warum hat einem das eigentlich niemand vorher gesagt? Es wäre bestimmt alles ganz anders gelaufen.

Jetzt läuft es so: Wir ziehen uns an. Früh am Morgen. Streng genommen ist noch niemand munter genug, um auch nur halbwegs zuverlässig Klamotten auswählen zu können. Da hilft nur eins: Der moderne Mann von heute muss tun, was er tun muss. Er trifft Entscheidungen. Also suche ich den Kindern ihre Sachen heraus. Sie sollen schließlich elegant durch den Tag kommen. Da kann ich nichts einfach dem Zufall überlassen. Machen wir uns mal nichts vor: Kinder anzuziehen ist ein knallharter Job. Besonders vor dem ersten Kaffee.

Dumm nur, dass meine Vorschläge für gewöhnlich konsequent abgelehnt werden. Was für die Kinder zählt, ist der eigene Geschmack. Dieser funktioniert leider nicht immer ganz zuverlässig. Wie auch? Die beiden Größenwahnsinnigen hatten schließlich bisher relativ wenig Zeit zum Üben, jung wie sie sind. Je nach Grad der jeweiligen Verirrung diskutiere ich somit durchaus. Ihr Tag soll ja auch nicht zu schwer werden. Man macht sich schließlich keine Vorstellungen, wie gemein Kinder in so einer Kita sein können. Da wird geklatscht und getratscht, dass einem ganz schwindelig wird. Bei den frühreifen Kindern geht das heutzutage wirklich alles viel frühzeitiger los als früher in den guten alten Zeiten.

Ich ermahne die Kinder also und versuche, sie zur Vernunft zu bringen. Ich erkläre meine ästhetischen Beweggründe, sie sollen sie schließlich verstehen. Von Farben erzähle ich ihnen etwas, von Mustern, von Stoffen und von Zusammenhängen zwischen all diesen. So brauchen die beiden nicht ein Leben lang am frühen Morgen den Papa um Rat zu fragen, wenn es um die passende Kleiderwahl für den Tag geht. Da ist etwas Energie und Durchhaltevermögen gut investiert. Also zeige ich, erkläre ich und belehre ich. Und werde ignoriert. Für die zu ihrer Selbständigkeit erzogenen Kinder zählt nur ihr eigener Geschmack. Wer soll sie schließlich besser kennen als sie selbst? Eben. Da braucht man gar nicht viele Worte zu verlieren. Taten zählen. Die Kinder tun und ziehen sich an.

Was soll’s? – denke ich mir. Wenn das Ergebnis nicht gar zu dramatisch ist, sollen sie die Sachen doch ruhig anbehalten. So lange wie wir die Pudelmütze im Hochsommer vermeiden und über die Badeshorts im Winter noch eine wärmende Hose ziehen, wird es schon gehen. Da darf man als Elternteil nicht immer päpstlicher sein als der Papst. Da kann man einfach mal die Kirche im Dorf lassen. Die Kinder sehen schließlich sowieso gut aus. Was machen da schon ein paar lächerliche Klamotten aus? Eben. Das ist nichts, wofür es sich lohnt, die frühkindliche Kreativität einzuschränken und möglicherweise gar im Keim zu ersticken.

Also Mut zur Lücke und ab in die Kita.

Wo wir nicht nur gewohnt freundlich empfangen werden, sondern die Erzieherin glatt sagt: Die beiden sind heute wieder ausgesprochen elegant angezogen. Legt Ihre Frau die Sachen immer passend heraus? Mit Verlaub, aber was ist das denn bitte für eine vollkommen inakzeptable Frage? Ich antworte natürlich mit einem energischen: Ähh, nein. Natürlich nicht! Und ernte dafür: Hach, dass es das noch gibt: Männer mit Geschmack und Stil, die sogar ihre Kinder passend anziehen können.

Also wirklich, dass man uns Männern heutzutage aber auch gar nichts mehr zutraut, ist doch ganz offensichtlich hochgradig unfair.

Party. Oder: Wasser oben, Wasser unten

Der Sohn war unterwegs. Wilder Partyhengst, wie er es nunmal ist, hat er einen Geburtstag gefeiert. Ein Kumpel von ihm wurde fünf. Und der Rest der Clique war auch dabei. Was kann es Schöneres geben als eine Horde wild gewordener Halbstarker, die ganz ohne zierlich zurückhaltende Prinzessinnenmädchen ein rauschendes Gartenfest feiern? Eben. Da stört es noch nicht einmal, dass es mehrere Male am fraglichen Nachmittag recht unbescheiden geregnet hat. Wolkenbruch nennen es die einen, quasi Hagel sagen andere. Der Sohn und seine Gang, sie sagen nur: super! Und sie machen, was es an so einem Tag nunmal zu machen gilt: Sie spielen, sie laufen, sie rutschen. Mal draußen, mal im Zelt, mal im Regen. Papa, die Rutsche war nass. Aber nur am Anfang. Nach uns dann nicht mehr. – sagt der Sohn. Den Satz mit der Sintflut denke ich mir nur und sage lieber nichts. Was soll ich mich groß einmischen? Die Jungs hatten die Lage ganz offensichtlich gut im Griff. Ich sitze hier und staune noch immer, wie der Sohn es geschafft hat, vollkommen trocken und mit unbenutzten Wechselsachen wieder nach Hause zu kommen.

Es wundert sicherlich niemanden, dass die Jungs natürlich auch noch den Grill angeworfen haben. Es war schließlich ein Gartenfest. Das muss man ausnutzen. Da draußen in der freien und wilden Natur können die kleinen Kerle das wahre Leben kennenlernen. Immer nur militant in der Stube hocken, mit dem Rechner auf dem Schoß: das bringt’s einfach nicht. Der Sohn sagt zum Thema übrigens nur ganz lapidar: Papa, so mit Regen ist es gar nicht einfach, Feuer im Grill zu machen. Ach, sag bloß. Da brauchst Du einen kräftigen Puster!, wirft er noch hinterher.

Gut, dass wir das geklärt haben. Ich weiß gar nicht, wie er solche Sachen von mir lernen könnte. Man muss die Kinder wirklich auch mal allein raus lassen, damit sie sich entfalten können. Der häußlichen Enge entflohen, lernen sie, wie die Welt da draußen wirklich tickt. Man stelle sich vor, immer nur behütet, behätschelt und betätschelt zu werden. Ausschließlich von Schreibtischtätern erzogen: ein Horror. Da muss man einfach mal die Leine etwas lockerer lassen und den Kindern ihren wohlverdienten Freiraum geben. Davon verderben sie nicht gleich. Ganz im Gegenteil: all die feinsinnigen Akzente, die man selbst als Teil der Erziehung so gesetzt hat, können sich draußen in freier Natur erst so richtig entfalten.

Plötzlich fällt dem Sohn noch etwas ein: Und Papa, weißt Du was?

Ich: Bestimmt, aber was meinst Du denn?

Sohn: Auf der Toilette, da im Garten, konnte man im Stehen Pipi machen!

Tja, was halt wirklich zählt, wenn Männer mal so richtig wild feiern.

Ganz langsam

Das Leben mit Kindern bleibt spannend. Zweifel hatten wir daran natürlich nie. Beweise gibt es trotzdem immer wieder neu. Oft auch ungebeten. Zum Beispiel dann, wenn der Sohn nicht nur Fieber sondern auch irgendwelche Punkte am ganzen Körper und Beläge auf der Zunge aus der Kita mitbringt. Scharlach nennt sich das Ganze. Wollte niemand haben. Hat er trotzdem nicht dort gelassen.

Am ersten Tag war das wohl auch noch ganz unterhaltsam. Alle haben sich rührend um ihn gekümmert und er hatte nicht nur die Couch für sich allein, sondern auch den Rechner. Zumindest eine Zeit lang. Das gibt’s nicht so oft. Papa, bin ich jetzt ganz lange krank? hat er gefragt. Na, hoffentlich nicht. habe ich geantwortet. Er hat mich verständnislos angeguckt. Quasi um ihm zu zeigen, wie unelegant das nach außen tatsächlich aussieht, sind wir als Eltern wenige Tage später einfach auch geschlossen umgekippt. Scharlach nennt man das dann wohl nicht mehr. Die Ärztin meint, es ist dann eine Art Angina. Ist mir – ehrlich gesagt – egal. Es fühlt sich scheiße an. Da muss man gar nicht viel schönreden.

Ein Trost im ganzen Dillemma ist dann, wenn man lernt: Kinder unter drei Jahren bekommen noch kein Scharlach. Wusste ich vorher nämlich nicht. Stand dann aber in irgend so einem Internetforum. Stimmt offenbar trotzdem. Die Tochter war hier im Haus somit “last man standing.” Unser Supergirl. Zu anderen Zeiten wäre ich stolz auf sie gewesen. So habe ich nur mit großer Latenz ihren Bewegungsdrang bewundern können.

Stellen Sie es sich ganz schlicht etwa so vor: Sie liegen auf der Couch, die der Sohn natürlich vorher räumen musste. Die Tochter rennt laut schreiend an Ihnen vorbei. Sieht, dass die Balkontür offen ist und brüllt glatt noch lauter, wahrscheinlich hat sie draußen eine Katze gesehen. Das Supergirl stürmt weiter, leiser wird sie nicht. Ziemlich fix ist sie nicht nur auf dem Balkon sondern auch die paar Stufen herunter, die von dort in den Hof führen. Sie merken während der ganzen Aktion nur: irgendwas stimmt hier nicht. Nach vollkommen aufgebrauchter Latenzzeit fällt Ihnen auch auf, was es ist: diese Stufen, da am Ende vom Balkon, die sind doch viel zu hoch für die Tochter. Die kann sie noch gar nicht allein herunter gehen. Supergefährlich. Panik! Sie aktivieren irgendwelche Kräfte, die Sie gar nicht mehr haben und schleichen hinterher. Am Ende des Balkons gucken Sie sich um, die Tochter ist nicht zu sehen. Sie gehen vorsichtig die Stufen herunter, halten sich dabei natürlich sorgfältig am Geländer fest. Unten angekommen sehen Sie dann das Kind im Sandkasten sitzen und fröhlich vor sich hin buddeln. Der Schweiß läuft von der Stirn. Und zwar von Ihrer. Gelegentlich fragen Sie sich, ob der wirklich nur vom Fieber kommt.

So läuft’s übrigens nur am ersten Tag. Am zweiten Ihres eigenen Dilemmas wird der Sohn langsam wieder fit. Es ist wohl das Ergebnis irgendwelcher Drogen, über die wir hier lieber nicht weiter reden. Dafür sieht das Bild jetzt so aus: Sie liegen immernoch auf der Couch. Zwei Kinder rennen gröhlend an Ihnen vorbei. Und Sie wünschen sich nur noch, einfach die Augen schließen zu können, um den nahen Weltuntergang nicht mit ansehen zu müssen. Am Ende des Tages stellen Sie nur fest, dass Sie keine Ahnung haben, wie er eigentlich vorüber gegangen ist, dass die Kinder total glücklich den halben Sandkasten in die Wohnung getragen haben und vollkommen tiefenentspannt eingeschlafen sind.

Es bleibt als kleiner Tipp für Eltern: Werden Sie ruhig mal krank. Da lernen Sie ihre Kinder aus einer vollkommen neuen Perspektive kennen.

Feierabend

So ein Feierabend ist etwas Feines. Da kommen der Reihe nach alle nach Hause. Die einen von der Arbeit, die anderen aus der Kita. Und gemeinsam wird der Tag ausgewertet. Was gab’s überall jeweils so zum Mittag? Wer hatte vielleicht etwas Spaß an besonders unterhaltsam peinlichen Auftritten der jeweiligen Spielkameraden? Gemeinsam gebaute Sandburgen? Wasserspiele? Ausflüge? Es sind die wirklich essenziellen Fragen des Lebens, die an so einem Feierabend im trauten Kreis der Familie geklärt werden.

Wenn denn alle mitspielen. Was bei den Kindern keineswegs garantiert ist. Auf die Frage Wie war Dein Tag? Was habt Ihr denn in der Kita heute so gemacht? antwortet der Sohn gern mit: Sag’ ich Dir nicht. Hättest ja die Erzieherinnen fragen können. Tja, ein Vierjähriger müsste man sein. Dann klappt’s auch mit den egalitären Antworten. Eltern sind schließlich verständnisvoll. Mit denen kann man’s ja machen. Das denkt auch die Tochter und antwortet auf die gleiche Frage mit einem lapidaren: Ja, toll. Viel wichtiger scheint es ihr nämlich zu sein, sich den Weg zum Kühlschrank frei zu boxen, um die trockene Kehle mit einem beherzten Schluck aus der kühlen Milchtüte zu bekämpfen.

Kinder zu haben kann ich nur empfehlen. Denn über die großen Dramen der Weltgeschichte macht man sich auf einmal gar keinen Kopf mehr. Weltfrieden? Lächerlich. Man scheitert lieber schon an den kleinen Fragen des Alltags. Vorübergehend zumindest, denn wenn man bei der Abendtoilette am Wickeltisch feststellt, dass die Tochter in ihrem Body nicht nur den üblichen Sandkastensand gehortet hat, sondern auch ein paar Taschentücher, etwas Spielplatzrindenmulch und ein vierblättriges Kleeblatt, dann gilt für den Tag wohl: Ja, toll.

Zuhören will halt auch gelernt sein.

Berufswunsch (14)

Es soll Leute geben, die fangen schon in frühester Jugend an, ihre Karriere zu planen. Da wird der Lebenslauf getrimmt, dass einem schwindelig wird, wenn man nur davon zu hören bekommt. Wir kennen sie alle. Es sind die Kinder, bei denen man schon den Eltern ansieht, dass der Ernst des Lebens wahrlich kein Spaß ist. Sie sind gehetzt, gestresst und ständig aus der Puste. Dabei verwalten sie nur den Terminkalender der Kinder. Die eigentliche Arbeit machen die Kleinen. Schwimmen, Reiten, Chor, Fremdsprachennachhilfe und Kunsterziehung machen da nur den Anfang. Die richtig ernsten Berufsvorbereitungskurse gehen erst los, wenn die Kleinen erstmal drei Jahre alt geworden sind.

Dabei ist das alles natürlich gar nicht nötig. Wenn wir mal ganz ehrlich sind, wissen wir es doch viel besser. Alles, was wir tun müssen, ist: Augen auf und gucken, was der Nachwuchs besonders gut kann. Diese ganz persönlichen Stärken fördert man dann zielgerichtet. Da braucht es gar nicht viel. Etwas Zuspruch hier, einen Akzent gesetzt dort. Und schon nehmen die Dinge ihren Lauf und die Entwicklung des Überfliegers geht sprichwörtlich ab wie eine Rakete. Wie gesagt: Alles, was man dafür braucht ist ein offenes Auge im richtigen Moment.

Zum Beispiel bei der abendlichen Routine im Bad. Der Sohn ist schon vorgegangen. Angeblich, um sich die Zähne zu putzen. Freiwillig, quasi. Ich weiß zwar nicht, wie er ausgerechnet heute auf diese Idee gekommen ist, aber wenn der Nachwuchs mal freiwillig macht, was man jahrelang allabendlich gebetsmühlenartig vorgeträgt, dann stellt man nicht viele Fragen. Dann ist man dankbar. Und reißt erwartungsfroh die Badtür auf, um den Sohn freudestrahlend zu seinen großen Taten zu beglückwünschen. Positives motiviert. Also: Tür auf und – Augen ebenfalls, ganz weit sogar. Denn mitten im Bad steht der kleiner Mann, mit freiem Oberkörper, auf seinem Hocker. Er hat sogar die Zahnbürste in der Hand. Jedoch weniger zum Putzen sondern vielmehr als Ersatz für einen Dirigentenstab. Er schwingt sie hoch, er guckt, und er singt mit langsam aber stetig ansteigender Lautstärke:

Eine Fliege war nicht dumm,
sie flog mit viel Gebrumm
um’s rote Pferd herum.
|: Da hat das rote Pferd
sich einfach umgekehrt
und hat mit seinem Schwanz
die Fliege abgewehrt.
Die Fliege war nicht dumm,
sie flog mit viel Gebrumm
um’s rote Pferd herum. :|

So geht es eine Weile. Und nur mit Mühe kann ich dem ekstatischen Künstler seinen Dirigentenstab entreißen, um etappenweise seine Zähne zu polieren.

Zähneknirschend ist mir eines klar geworden: Der Sohn wird mal ein großer Star in der Partykracherszene. Und wer jetzt sagt, dass in dem Text ein summ, summ fehlt, der bekommt es mit seiner kleinen Schwester zu tun. Sie hat sich nämlich vorhin schon als Türsteherin bewährt.

Vielleicht sollte ich mich mal nach einer Balettschule umschauen.


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Von Zimmern und Farben

Papa, fragt der Sohn, wohnen wir jetzt wirklich alle in diesem Zimmer?

Ich: Ja, mein Sohn. Wir sind hier in einem Hotel. Da ist das durchaus üblich so.

Er: Cool.

Als sorgender Elter fragt man sich dan dieser Stelle natürlich, was genau dieses Cool jetzt wohl bezeichnet. Aber fragen lohnt sich nicht. Der Sohn würde es eh nicht auflösen. Ich spreche da aus Erfahrung. Versuchen Sie mal, die Hintergründe einzelner Phasen von sprachlichen Exzessen eines Vierjährigen aufzudröseln. Sie werden verstehen, was ich meine.

Auf jeden Fall stecken wir in einem Hotel, in Hamburg, noch bevor die Klassenfahrt wirklich los geht. Und dieses Zimmer in dem Hotel, in dem wir alle wohnen, also gemeinsam, die ganze Familie, wie aufregend, alle zusammen, also – dieses Zimmer ist eine super Bude. Vielleicht steht deswegen auch Superbude draußen dran. Wer weiß das schon? Zusammenhänge gibt’s ja, an die glaubt man fast gar nicht. Die Bude ist übrigens nicht nur super, sondern auch ganz in Rot gehalten. Alles rot. Fußboden, Wände, Decke, Einrichtung, Bad, Hocker: alles rot. Immer irgendwie ein wenig anders, aber rot. Die Dame des Hauses hat insgesamt tatsächlich sechs verschiedene Rottöne gezählt. Und da sie sich sowohl mit Farben als auch dem Zählen verdammt gut auskennt, wird das stimmen. Und man mag’s kaum glauben, aber das Gesamtbild wirkt: super. Sehr wahrscheinlich ist das ein Wort, welches der Sohn noch nicht kennt. Prompt nennt er es statt dessen schlicht: Cool. Kann ja alles sein.

Wir fahren trotzdem wieder weiter. Bude hin oder her, super – klar: alles toll. Aber Klassenfahrt ist Klassenfahrt. Und da kann man nicht einfach schwänzen und sagen: Ach, weißt Du, ich bin lieber die ganze Zeit in meiner Bude geblieben und habe mich am coolen Spiel der Farben erfreut. So geht das nicht. Wo kämen wir hin? Eben. Also: Klassenfahrt. Und wir wissen ja, was das bedeutet: rauf auf die Insel und ab in das nächste Hotel.

Der Sohn fragt ganz erstaunt: Wohnen wir hier schon wieder alle zusammen?

Ich: Ja klar. Ist ja ein Hotel.

Sohn: Aber es ist doch gar nicht rot?

Stimmt, hier dominiert eher Blau. Das hat er gut erkannt. Inselblau, sage ich mal, aber vielleicht ist’s auch irgendein anderes Blau. Andere kennen sich da besser aus. Auf jeden Fall ist rund ums Blau charmant minimalistischer Retrochic aus den 60ern zu finden. Das passt wirklich gut, man muss einfach nur Glück haben mit der Wahl des Hotels, auch wenn der Sohn glatt fragt: Aber wo sollen wir hier spielen? Die Antwort ist klar, denke ich: Draußen, mein Sohn. Da gibt es auch mehr Strand. Das hat ihn überzeugt. Und was man da draußen tatsächlich so alles anstellen kann, hat die Klassenlehrerin bereits protokolliert. Ich fasse es mal schlicht zusammen mit: alles super, macht aber müde. Und hat irgendwann ein Ende. Man glaubt’s ja kaum, stimmt aber. Also zurück. In die Bude. Als Eltern denken wir uns: Was am Anfang der Reise passt, kann am Ende nicht verkehrt sein. Es ist schließlich eine Superbude, was soll da schon schief gehen? Die Kinder fanden’s schon beim ersten Mal toll, was will man mehr? Sie haben gespielt, fast so schön wie zuhause. Es ist ein garantierter Treffer. Wir sollten niemals Lotto spielen, denn alles Glück ist schon verbraucht.

Nur ist das Zimmer dieses Mal keineswegs rot, sondern: grün. Wir kommen rein, wir finden’s toll. Wir können’s gar nicht glauben, so schön ist es. Nur der Sohn guckt sich kurz um, stellt sich in der Mitte des Raumes ganz ruhig hin und stellt fest: Grün ist nicht meine Lieblingsfarbe. Ich will lieber das rote Zimmer. Hier schlafe ich nicht.

Geh’ auf Reisen, heißt es. Da erlebst Du was, heißt es. Das stimmt wohl, sage ich.