Resümee

Wir waren im Urlaub. So zwischendurch für eine Woche an der Ostsee. Das kann man ruhig mal machen. Das lohnt sich eigentlich immer.

Auf der Rückfahrt hat die Dame den Nachwuchs gefragt, was denn am besten war.

Antwort des Sohnes: Alles!

Der Mann ist gleichzeitig bescheiden und leidenschaftlich. Zwar offenbar leicht zufrieden zu stellen, aber trotzdem offen und sehr dankbar für alles Schöne, was ihm das Leben so bietet. Er kommt wirklich ganz nach mir.

Die Antwort der Tochter war: Bernsteine!

Ich sag’s mal so: Von mir hat sie das nicht.

Aus dem Regal: Schlaraffenland von Stevan Paul

Cover Schlaraffenland Er hat’s schon wieder getan: Nach seinem großartigen Monsieur, der Hummer und ich hat Stevan Paul schon wieder ein Buch mit Kurzgeschichten vollgepackt. Dieses Mal ist auch der Titel eingängiger. Schlaraffenland heißt es einfach. Und was soll ich sagen: Das passt auch so. Denn natürlich geht’s um Essen in den Geschichten. Ums Kochen vor allem, davon versteht der Autor etwas. Um Genüsse geht’s natürlich, um Leidenschaft. Passenderweise erfährt man bei der Gelegenheit, wie er seine große Liebe während einer Urlaubsfahrt schon mal ganz schlicht irgendwo unterwegs entlang der Strecke vergessen und zurück gelassen hat. Wie großartig ist das denn?

Das ist in etwa so großartig, wie die Kunst, am Ende von jeder der Geschichten ein passendes Rezept unterzubringen. Manchmal fragt man sich zwischendurch, wie er das noch schaffen will, wie er mitten aus einer fantastischen Geschichte heraus die Kurve hin zu einem Rezept bekommen möchte. Aber er schafft es jedes Mal.

Ein reiner Zufall ist es sicherlich, dass die Geschichten von der Länge jeweils so abgestimmt sind, dass man während des Lesens gut eine Tiefkühlpizza aus dem Supermarkt warm gemacht bekommt. Aber so etwas würden Leser dieses Buchs natürlich nie machen. Ganz klar. Vollkommen absurde Idee.

Viel weniger absurd ist es, dass dieses Buch eine ganz klare Leseempfehlung ist. Lesepflicht quasi. Das hier ist nicht nur gewohnte Qualität. Das ist auch noch solide Handwerkskunst. Was wiederum viel besser ist als es klingt. Also formuliere ich das gern ganz deutlich: Holen Sie sich dieses Buch und lesen Sie es.

Das wär’s auch schon. Außer für all jene, die immer sagen Ach, Kurzgeschichten liegen mir gar nicht. Nur ein ausgewachsener Roman ist ein vollwertiges Buch. Darunter mache ich es nicht. Für diese Fraktion habe ich noch einen kleinen Tipp: Halten Sie mal bitte kurz den Mund und holen Sie sich dieses Buch. Ich erwähnte das ja schon. Und ja: Lesen Sie es. Nur wenige Romane sind so gut geschrieben wie diese Geschichten. Also gönnen Sie sich mal etwas Gutes und lesen diese Quickies hier. Geht ja schnell, so kurz wie sie sind. Danach können Sie sich gern wieder einen dicken Schinken holen und ein halbes Jahr lang daran verzweifeln.

Guter Tipp? Gern geschehen.

Der Kumpel und die Nachbarn

Wir wohnen hier in einer aufregenden Gegend. Da gibt es viele Leute drum herum. Es ist immer etwas los. OK, gelegentlich wird auch mal das Gefährt vor der Tür umgestaltet, aber wir wollen mal nichts dramatisieren. Ganz im Gegenteil: wir freuen uns über die Vielfalt. Hier gibt’s Studenten, hier gibt’s ganz gewöhnliche Nachbarn, hier gibt’s sogar arbeitendes Volk. Gleich um die Ecke. Da sitzen Firmen. Agenturen oder so. Die machen wohl etwas in diesem Internet. Was das genau sein soll, weiß ich jetzt auch nicht. Da kommt man ja gar nicht mehr mit, bei diesem ganzen neumodischen Zeug.

So geht’s den Leuten wohl auch selbst. Sie nehmen sich nämlich gelegentlich eine Auszeit. Gehen vor die Tür, rauchen mal eine oder unterhalten sich. Was man eben so macht, um diesem Internet zu entkommen. Gelegentlich laufen sie sogar herum, ist schließlich aufregend, die Gegend. Und manchmal bleiben sogar einige bei uns vor der Tür stehen.

Den Sohn fasziniert das sehr. Er steht am Fenster und guckt ihnen zu. Stundenlang könnte er das tun. Ich stehe daneben und überlege, ob ich ihm ein Kissen holen sollte. Aber wirklich leidend guckt er nicht. Eher sieht es so aus, als ob er bald heraus fällt aus seinem Fenster, weil die Ohren nicht groß genug sind, um den offenbar sehr spannenden Geschichten angemessen folgen zu können.

Nur gut, dass es ab und an noch anderweitige Abwechslung gibt. Zum Beispiel, wenn Gäste im Haus sind. So war heute ein Kumpel des Sohnes zu Besuch. Das lenkt ab, da ist richtig was los, da hauen sich die Vierjährigen auch leidenschaftlich die Taschen voll. Man kann gar nicht immer zuhören, wenn sie sich unterhalten. Verrückt würde man werden. Wahrscheinlich geht’s oft auch um Agenturjungs und deren Themen. Man muss seine Leidenschaft teilen. Wozu sind Kumpels schließlich da? Eben.

Aber wie das mit Besuch so ist: irgendwann geht er wieder. Zieht sich die Stiefel an, wirft den Mantel über, liefert sich mit dem Sohn noch einmal eine feste Umarmung, wie es unter kleinen Männern nun mal so üblich ist und geht zur Tür hinaus.

Tschüss!, ruft er noch kurz über die Schulter und trabt los.

Der Sohn rennt zum Fenster, lehnt sich heraus, wirft zur Abwechslung nur einen flüchtigen Blick auf die ebenfalls gerade zufällig draußen stehenden Agenturjungs und brüllt seinem Kumpel hinterher: Tschüß, Quatschkopf! Du alte Labertasche! Ciao! Geh ruhig nach Hause! Tschühüss! Feierabend! Hau ab! Bis bahald!

Also sein Kumpel hat sich nicht umgedreht sondern nur lässig die Hand gehoben. Die Agenturjungs haben jedoch ihr Gespräch kurz unterbrochen und etwas skeptisch geguckt.

Dann mal auf weiterhin frohe Nachbarschaft.

Rechenschieber

Eine Familie zu haben heißt, einen geregelten Tagesablauf zu haben. Das geht früh am Morgen schon los. Nach der täglichen Rangelei im Bad sitzen wir relativ zügig am Frühstückstisch. Die Tochter trinkt Milch, der Sohn und ich: wir essen Müsli. Es ist wirklich jeden Tag das Gleiche. Da steckt so viel Routine drin, es könnte glatt langweilig werden.

Das sieht der Sohn wohl ähnlich so und zählt beim Essen erst einmal das Obst auf dem Tisch durch. Ein paar Äpfel liegen da vor ihm herum. Der Sohn stellt fest: Papa, das sind ja acht Äpfel!

Ich: Stimmt. Ist das etwas Gutes?

Sohn: Ja! Guck mal Papa: Ich werde doch bald fünf und die Schwester wird drei. Er zählt noch einmal und bestätigt sich selbst: Acht Äpfel! Passend schiebt er sich das Obst dabei zurecht:

5+3 Äpfel

Die Rechnung geht auf. Wir zählen gemeinsam noch ein paar Mal durch. Sicher ist sicher. Er ist bald fünf, die Schwester wird irgendwann drei. Passt alles.

Sohn: Aber jetzt bin ich noch vier, ja?

Ich: Korrekt.

Also schiebt er noch ein wenig herum:

4+4 Äpfel

Tja, jetzt stimmt’s für ihn. Aber für die Tochter nicht mehr. Also: gar nicht mehr. Das aktuelle Alter kommt nicht hin und nach dem nächsten Geburtstag wird’s immer noch nicht zu den Äpfeln passen. Der gesamte Nachwuchs guckt erst mal ganz betreten. Ich wechsle das Thema. Einer muss schließlich aufpassen, dass die Stimmung nicht kippt. Ich trage hier Verantwortung. Die Routine am Morgen darf nicht gestört werden. Wir wollen schließlich friedlich zu Ende frühstücken, die Basis für den Tag legen, routiniert die Energie tanken, von der wir in den nächsten Stunden zehren werden. Da kann nicht einfach ein unglücklich liegender Apfel alles kaputt machen. Nicht so lange ich meine Füße zu denen der Kinder unter den Tisch stelle. Oder so.

Nachdem wir Jungs alles Müsli weggelöffelt und die Tochter ihren Milchtrog geleert hat, räumen wir ab. Wie jeden Morgen. Routine und so. Nur eines ist anders heute: Kurz bevor wir aus der Küche traben, dreht sich die Tochter noch einmal um, geht zum Tisch, stellt sich auf ihre Zehenspitzen und greift sich einen Apfel. Sie beißt einmal kurz rein und legt ihn dann auf den Tisch, jedoch nicht zu den anderen. Sie guckt den Sohn und mich kurz an, nickt anerkennend ob ihrer cleveren Idee und stiefelt davon. Der Sohn dreht sich um, guckt auf den Tisch und stellt fest: Jetzt stimmt’s wieder besser.

Und jetzt mal ehrlich: Wer von uns Oberchecker-Erwachsenen kann heute noch intuitiv mit einem Rechenschieber umgehen? Eben – die Jugend hat uns selbst bei der Technik von gestern schon routiniert etwas voraus.

Baustelle

Vor einer Weile habe ich clever geheiratet, seitdem gilt: Einmal im Jahr sieht die Bude hier bei uns aus wie eine Baustelle. Das ist quasi ein Naturgesetz. Darauf kann man sich verlassen. Manchmal kann es sein, dass wir dafür umziehen müssen, manchmal bekommen wir einfach einen Wasserschaden. Aber manchmal geht’s auch ohne größere Katastrophen und wir legen uns einfach eine neue Küche zu.

Kein Problem, sagen Sie? Da lässt man einfach jemanden kommen! – Nun, so einfach ist es natürlich nicht. Zum einen können Küchenstudios mit ihren Attitüden anstrengender sein, als man das landläufig naiv so glauben mag. Zum anderen zieht unsere alte Küche in den Keller um. Das sorgt dort für Ordnung und vielleicht im nächsten Jahr für eine Baustelle weniger. Wer weiß? Könnte ja sein. Aber mal unter uns: Da glaube ich selbst nicht dran. Trotzdem zieht die alte Küche jetzt erst einmal in den Keller um. Und wer sich in der Küchenmöbelbewegungsszene ein wenig auskennt, kann sicher nachvollziehen, dass wir das lieber nicht von irgendwelchen Dienstleistern machen lassen.

Also legen wir selbst Hand an. Gehen in den Keller. Schaffen etwas Platz, indem wir alten Bestandskram beiseite räumen, Teile davon sogar entsorgen und in die gewonnene freie Landschaft die demontierten Küchenmöbel wuchten, um sie wieder neu zusammenzusetzen. Am Ende des Tages passiert, womit handwerklich eingeschränkt Begabte – also: ich – nicht wirklich gerechnet haben: Es herrscht nicht nur Ordnung im Keller, sondern es gibt sogar neuen Platz, um Altverstautes aus den Kisten zu holen und direkt ins Regal zu räumen. Das schafft Transparenz, sorgt für leichten Zugriff und man erkennt auf einen Blick den Stand der Vorräte im Untergeschoss.

Das begeistert auch den Sohn. Er lehnt sich an die Kellertür, guckt in den Raum, nickt anerkennen und stellt fest: Papa, jetzt haben wir endlich einen vollen Weinkeller. Das ist schön, oder?

Eine zufällig in dem Moment vorbeikommende Nachbarin hat dabei nur mit einem jetzt-weiß-ich-Bescheid-Augenbrauenhochgeziehe gegrüßt. Falls sie sich demnächst mal bei uns einlädt, weiß ich somit immerhin, was ich anbieten kann. Praktisch, der Sohn. Wollen wir nur mal hoffen, dass sie nicht ausgerechnet zur nächsten Baustelleneröffnung kommt. Könnte schließlich sein, dass dann niemand den passenden Korkenzieher findet.

Aus dem Regal: Dickhäuter von Oliver Koch

Dickhäuter von Oliver Koch Bei dem Titel ist das Buch ganz klar eines über Elefanten. Genau genommen nur einen Elefanten. Markus heißt er und ist natürlich gar kein Tier. Er ist ein Künstler, der im ganz normalen Wahn des Angestelltendaseins gefangen ist. Wie ein tollpatschiger Vierbeiner stolpert er dabei durch den Alltag. Scherben gibt’s dabei viele und er tritt in alle rein.

Die Geschichte ist wirklich ein kleines Drama. Eigentlich schlimme Sachen passieren gar nicht. Statt dessen gucken wir einfach nur die ganze Zeit jemandem dabei zu, wie er an den kleinen Dingen des Lebens scheitert. Wie er es nicht schafft, in der Welt klar zu kommen. Wie er es hingegen hinbekommt, die Schuld dafür in der Erwartungshaltung der anderen zu suchen. Sie haben keine passende Tätigkeit für ihn zu bieten, sie wollen seine Bilder nicht sehen, nicht verstehen, nicht ausstellen und schon gar nicht kaufen. Die da draußen wollen sein Liebesleben nicht akzeptieren. Dass er schwul ist, spielt dabei noch gar nicht mal die Hauptrolle. Wie gesagt: Es ist wirklich ein kleines Drama. Alles.

Und das ist irgendwie das Schöne an der Geschichte: man guckt jemand anderem dabei zu, wie er scheitert. Das Ende ist quasi von Anfang an klar, hier gibt es keine Wende zum Guten, hier wird auf ganzer Linie verloren. Das liest man, da guckt man zu, da erfreut man sich am eigenen voyeuristischen Instinkt und daran, dass es ein anderer ist, der hier abstürzt.

Man wird zwar das Gefühl nicht los, dass hier jemand seinen Gesellschaftsfrust im Text abgeladen hat, aber für die Lovestory eines gescheiterten schwulen Künstlers kann man auch schon mal über einen kleinen erhobenen Zeigefinger hinweg lesen und wird dafür ganz gut unterhalten.

Was will man eigentlich mehr?

Getränke für den Tag

Die Vorzüge eines geregelten Tagesablaufs lernt der moderne Mann von heute spätestens dann kennen, wenn Kinder im Haus einziehen. Kinder sorgen für Routine. Sie brauchen sie selbst. Routine gibt ihnen einen verlässlichen Rahmen, sie hilft ihnen bei der Orientierung durch den Tag. Mit Routine ist alles leichter, da kann der Alltag seinen geregelten Gang gehen.

Selbst Eltern schaffen es jedoch nicht immer, die Zeichen des Augenblicks richtig zu deuten und in jedem Moment die korrekten, angemessenen Maßnahmen zu erkennen, die das Kind routiniert jedoch ohne Langeweile durch den Alltag bringt. In solchen Momenten helfen sich die bedürftigen Kinder idealerweise einfach selbst. So zum Beispiel die Tochter. Mit der Wahl ihrer Getränke. Man kennt das ja durchaus selbst: Der erste Kaffee des Tages ist regelmäßig ein klarer Wegweiser für die Sorgen am Morgen. Vor dem Kaffee sind sie übernatürlich, nach dem Kaffee nur noch Schall und Rauch. Das korrekte Getränk am Morgen vertreibt also Kummer und Sorgen. Das hat die Tochter auch schon erkannt. Das Kind lernt schnell. Und spult täglich das gleiche Programm ab: Aufwachen; Brüllen, bis Papa endlich anrückt und klar verständlich einen Muntermacher bestellen: Milch! Die Betonung liegt wie immer auf dem Ausrufezeichen. Wir kennen das ja schon. Da ich jetzt weiß, was sie will und da ich den Wert von Routine sehr schätze, tue ich, was ein Mann tun muss: ich gebe ihr Milch. Und was kurz vorher noch unmöglich schien, ist jetzt eine Selbstverständlichkeit: wir sind zwei dicke Freunde. Die Tochter und ich: ein quasi unzertrennliches Paar der Harmonie. Zumindest für zwei Minuten. Spätestens dann ist der Becher nämlich leer. Aber irgendwas ist ja immer. Die Hauptsache ist doch, dass der Grundstein für den Tag gelegt ist. Wichtig ist, dass wir wissen, wie ein Tag korrekt beginnt: mit einem Becher Milch. Haben wir den erst mal geschafft, ist der Rest des Tages ein reines Kinderspiel. All die kleinen Sorgen und Nöte, Fragen und Gefahren, Risiken und Hindernisse: lächerlich, das machen wir mit links. Genau genommen erledigt die Tochter alles selbst und trinkt nebenbei einfach Wasser. Was die Milch am Morgen, ist das Wasser am Tag. Klar und rein, elegant darf’s sein.

Bis zum Abend. Dann geht’s ins Bett. Und jetzt machen wir uns mal nichts vor: Welches Kind lässt sich schon mit Wasser abspeisen, wenn’s ins Bett gehen soll? Eben. Da haben die Eltern schließlich ganz offensichtlich auch ein Interesse dran, also sollen sie sich mal ruhig etwas einfallen lassen. Wasser, also wirklich, das geht da gar nicht. Zum Glück lässt die Tochter sich nicht lange bitten. Sie sagt ganz freiwillig klar an, womit man sie zufrieden stellen kann. Sie liegt im Bett, die Augen weit offen, gibt sie ihre Bestellung heraus: Tee! Ich finde das verwunderlich, ich weiß auch nicht, woher sie es hat. Aber es ist wirklich jeden Abend das Gleiche. Tee!, sagt die Tochter und gibt man ihr diesen, schläft sie danach auch gern recht ruhig ein. Routine hilft.

Aber keine Regel ohne Ausnahme, denkt sich die Tochter. Auf einmal sitzt sie im Bett, soll eigentlich schlafen, denkt aber gar nicht daran, lässt sich auch mit Tee nicht ruhig stellen. Auf einmal guckt sie einen an, grinst verschmitzt, legt den Kopf leicht schief und sagt: Kaffee! Ich überlege nur kurz, denke ans Schlafen, denke an Pläne für den Abend, denke an den Weltfrieden und gebe schließlich der Tochter, wonach sie halt fragt. Kaffee, also wirklich. Das kann ja nur eine Ausnahme sein. Den wird sie jetzt schon nicht jeden Tag haben wollen. Wollen wir mal nicht so sein. Kaffee soll sie haben. Und siehe da: kurz danach schläft das Kind seelenruhig und tief und fest.

Und da wir hier ja ganz unter uns sind, kann ich es Ihnen ruhig verraten: Von mir aus kann die Tochter das Wasser am Abend nennen, wie sie will. Ob sie jetzt Tee oder Kaffee dazu sagt: mir passt beides in den Kram. Hauptsache, sie schläft routiniert pünktlich ein. Wasser passt schon.

Signatur

Kinder sind bekanntermaßen von Haus aus kreative Leute. Sie malen, basteln, skulpturieren. Es ist faszinierend, was da von Anfang an alles an Talenten drin steckt, in so einem Kind. Viele von uns sind sich dessen meist gar nicht bewusst, denn wir selbst verlernen das meiste davon im Lauf der Zeit wieder. Das ist bekannt so. Ein Allgemeinplatz quasi. Dazu gibt’s diverse Studien. Über solche Selbstverständlichkeiten brauchen gar nicht mehr zu reden. Reden wir zur Abwechslung lieber mal über Kollateralfähigkeiten. Also um das, was neben dem reinen kreativen Schaffensprozess alles an Talenten entsteht. Wie zum Beispiel das Signieren.

Um seinen Namen unter ein Kunstwerk zu setzen muss man erstmal Schreiben können? Weit gefehlt. Das ist ein Irrglaube, wenn auch ein weit verbreiteter. Vor allem unter uns erwachsenen Kreativlosen. Kinder kennen irgendwoher noch den eigentlichen Sinn hinter der Signatur, die ursprüngliche Idee sozusagen, die immer schon da war, das Wesen so einer Unterschrift beschreibt und nur von uns erkannt werden muss. Ich könnte jetzt Platon zitieren, aber lassen wir das. Wichtig ist nur eins: Das gemeine Kind weiß, wie man ein Werk signiert, es als das Eigene markiert. Mal sind es Kringel, mal sind es Krakel, nie sind es übrigens drei Kreuze. Hauptsache ist, dass man am Ende weiß, von dem das Kunststück ist. Das ist Know-how für die Ewigkeit. Das braucht man immer wieder. Hier legen sich die Kinder einen Grundstein, der ihnen noch oft hilfreich sein wird. Unterschriften leisten: dafür gibt’s wahrlich viele Gelegenheiten im Leben.

In genau diesem Leben war ich kürzlich übrigens mal bei einer Bank. Für eine Unterschrift. Das eigentliche Werk war recht schlicht, eher wenig kreativ. Man kennt das ja: irgendwann müssen es nicht mehr bunte Farben, schwungvolle Kurven und elegante Formen sein. Irgendwann reicht ein olles Formular und gut ist’s. Meist sogar ein vorgedrucktes, viel mehr Schaffenskraft haben wir im ausgewachsenen Alter gar nicht mehr. Aber eine Unterschrift, die darf’s noch sein. Die bekommen wir noch hin. Das geht. Und die Dame in der Bank sah mir so aus, als ob sie das mit den Buchstaben schon ganz gut drauf hätte. Hier würde ich weder mit billigen Kringeln, noch mit wackeligen Krakeln heraus gehen, hier gibt’s etwas Solides. Das stand für mich ganz klar fest. Bis sie mir sagte: Wissen Sie was? Das mit der Unterschrift, das ist nicht so einfach. So etwas habe ich hier noch gar nicht gelernt.

Wer tatsächlich immer noch denkt, dass wir im Alter an Kreativität einbüßen, hat sich offenbar gründlich getäuscht.

Aus dem Regal: Unfug von Ute Weber

Haben Sie schon mal versucht, jemandem Twitter zu erklären? Dabei meine ich jetzt nicht die ganzen aktuellen Geschichten über API-Änderungen, 3rd-Party-Apps und ähnliches. Ich meine »Twitter« wie in »140-Zeichen Kurznachrichtendienst als soziales Netzwerk für Nachrichten, Links, Infos und Unterhaltsames.« Wenn nicht, dann versuchen Sie es ruhig einmal. Viel Spaß.

Cover: Unfug von Ute Weber Ein beliebter Ansatz ist, quasi gleich aufzugeben und dem Gegenüber klar zu machen, dass es sich eh nicht sinnvoll erklären lassen kann, sondern man es schlicht ausprobieren soll. Das Drama liegt dabei natürlich im Henne-Ei-Dilemma. Aber jetzt hat’s jemand gelöst: Im @FrohmannVerlag hat @UteWeber nämlich ihr Buch »Unfug. Tiefe Gedanken, auch in seichten Gewässern« heraus gebracht. Und die Lösung ist dieses Buch aus einem ganz schlichten Grund: Es ist eine Sammlung von Tweets, also diesen maximal 140 Zeichen langen Beiträgen, wie man sie bei besagtem Kurznachrichtendienst findet. Es sind die Tweets von Señora Ute. Und sie haben sich gewaschen. Sehr saubere Tweets sind das. So sauber, dass Pia ‘Suna‘ Ziefle sie glatt als Twitteratur bezeichnet hat. Klingt edel? Passt schon. Und als wäre das noch nicht genug des Guten, hat die Autorin oder der Verlag oder der Lektor oder was weiß ich wer die ganzen Aphorismen noch fein säuberlich in Ordnung gebracht und thematisch gruppiert. Egal, ob es um Worte, Liebe, Unfug, Beobachtungen, Twitter selbst, Nostalgie oder Filme geht: Das Stöbern darin ist eine Freude, es ist ein Spaziergang durch das Land der auf den Punkt gebrachten Momentaufnahmen.

Für all jene, die Twitter jedoch noch nicht so genau kennen sollten, habe ich hier ein kleines Stückchen bittere Wahrheit: Die meisten von uns schreiben dort gar keine Twitteratur, schon gar keine, die in der Liga von Señora Ute spielt. Das ist aber gar nicht weiter schlimm. Denn wenn Sie tatsächlich mal jemand fragen sollte, ob Sie sich nicht endlich bei dem Dienst anmelden wollen, um zu erleben, worum es dort geht, dann haben Sie hoffentlich dieses Buch inhaliert und können sagen: Ich habe »Unfug« von @UteWeber gelesen. Darunter mache ich es nicht. Ihrem Gegenüber wünsche ich viel Spaß beim Finden einer stilvollen Antwort, egal wie lang.

Etappensieg

Zeit vergeht, das ist ihr Job. Wahrscheinlich muss das so sein. Schlimm nur, dass dabei die Kinder quasi wie nebenbei groß werden. Man guckt einmal nicht hin und zack: krabbeln sie. Laufen, Sprechen, Fahrradfahren: ruck zuck geht das alles. Passt man einmal nicht auf und setzt den Nachwuchs im Auto auf den falschen Sitz, fahren sie mit der Karre einfach davon. Wenn man richtig Pech hat, verstellen sie obendrein auch noch die Musikauswahl im Gefährt. Es ist verrückt.

Wie gesagt: das passiert alles, ohne dass man da viel machen kann. Es passiert eben. Einfach so. En passant. Wenn man Glück hat und gut aufpasst, bekommt man ab und an wenigstens mal etwas davon mit. Vieles aber zieht an einem vorüber. Wirklich wahr: man hat keine Chance. Zeit. Vergehen. Job. Sie wissen schon. Aber wenn Sie wenigstens gelegentlich etwas dagegen unternehmen wollen, kann ich nur eines empfehlen: passen Sie genau auf. Gucken Sie auch bei den kleinen sich bietenden Gelegenheiten mit offenen Augen hin. Wer weiß? Vielleicht erhaschen Sie einen dieser seltenen Momente, in denen der Nachwuchs beim Wachsen kurz innehält und Ihnen einen kleinen Einblick gewährt.

Hier im Haus sind die Mahlzeiten sehr beliebt für solche Momente. Da sitzt beispielsweise der Sohn plötzlich da, schnappt sich ein mehrfach aufgeschnittenes Brötchen und stopft alle Schichten mehrfach so dermaßen mit diversen Belägen voll, dass er das Riesensandwich letztlich kaum noch in den Händen halten kann. Meinem zweifelnden Blick hält er dabei problemlos stand, blinzelt nur kurz, fixiert dann sein Kunstwerk mit großen Augen und beißt herzhaft einmal über die ganze Höhe hinweg hinein. Erfolgreich.

Reden kann er jetzt nicht mehr. Kauen auch nicht. Aber gucken, das geht. Und falls jemand wissen möchte, ob man beim Essen zu neuer Größe gelangen, neue Erfolge feiern und siegessicher gucken kann: ja, man kann.

Ab morgen schneide ich ganze Brote quer auf. Es wäre doch gelacht, wenn ich der Zeit nicht ein Schnippchen schlagen und die nächste Etappe noch ein wenig herauszögern könnte.