Aus dem Regal

Heute: Aufbruch in die Nacht von Stephen Wright, Deutsch von Peter Torberg

Es soll Leute geben, die fanden Jonathan Franzens Korrekturen ein aufregendes Buch. Das war es nicht. Es war nur eine nett erzählte Geschichte von quasi Durchschnittsamerikanern auf deutlich mehr Seiten als notwendig.

Cover So in etwa sieht es mit diesem Buch auch aus. Es geht um einen Durchschnittsamerikaner, der gemäß des bedeutungsschwangeren Titels los zieht, um eine Art persönlichen Aufbruchs zu erleben. Thematisch geht da die Post ab. Denn der werte Protagonist erlebt viel und vor allem trifft er aufregende Leute. Sie drehen Pornos, sie sterben (unfreiwillig), sie dröhnen sich mit Drogen zu, sie sind auch ohne Drogen vollkommen durchgeknallt: alles ist dabei. Wie gesagt: thematisch geht die Post ab, da kommt keine Langeweile auf.

Es liest sich trotzdem wie ein Kleinwagen mit angezogener Handbremse. Ich kann noch nicht mal sagen, woran genau es liegt. Aber der Funke springt nicht über. Ein richtiger Seitenwechsler sieht anders aus. Das kann natürlich an einer unglücklichen Übersetzung liegen. Es kann auch an der etwas verkrampft wirkenden Überzeichnung der Normalverrückten des amerikanischen Durchschnittswahnsinns liegen. Wer weiß das schon so genau? Fakt ist: Selbst Franzens Korrekturen gingen flüssiger durch die Finger. Und das will etwas heißen.


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Morgenstund

Es gibt eine Zeit am Tag, die ist nicht leicht. Sie beginnt ganz früh am Morgen — wenn alle noch im Bett sind. Ein Wecker klingelt, vielleicht wird man aber auch ganz ohne ihn wach. Nach nur wenigen Minuten des hoffnungslosen Herumwälzens wird sofort klar: Jetzt beginnt die Zeit bis zum ersten Kaffee. Das ist die Zeit, die sich nur mit eiserner Routine überstehen lässt. Diese sieht hier wie folgt aus: Tochter schnappen und ihr klar machen, dass sie gleich wieder aufhören kann, einem wie wild an der Nase zu ziehen. Es ist schließlich noch nicht die Zeit für lustige Spiele mit Elefantengeräuschen. Also: Tochter schnappen und ab nach nebenan, den Sohn aufwecken. Danach ins Bad, um bei möglichst minimaler Beleuchtung alle Anwesenden mit einer adäquaten Zahnreinigung zu versorgen und auch ansonsten ausgehfertig zu bekommen. Danach müssen es nur noch alle möglichst heile in die Küche schaffen, um die Kaffeemaschine anzuwerfen. Wenn das erst mal geschafft ist, wird der Rest des Tages quasi zum reinen Kinderspiel.

Diese Morgenroutine funktioniert so übrigens tatsächlich erstaunlich gut. Wenn man nicht mit der Tochter auf dem Arm und nur einem halb geöffneten Auge die Tür zum Kinderzimmer öffnet, um den Sohn zu wecken, welcher jedoch bei vollständiger Festbeleuchtung durch seine Deckenlampe, Schreibtischlampe und Weihnachtsstern bereits fertig angezogen durch das Zimmer tanzt und freudig strahlend ruft: Ich bin schon wach und angezogen! Da hilft nur eines: das halb geöffnete Auge gleich wieder fest schließen und den Rückzug ins Bad antreten. Tochter wickeln. Tochter anziehen. Zahnbürsten fertig machen. Und schon reißt jemand die Tür auf, wirft das große Licht an und jubelt: Ich habe auch schon Zähne geputzt! Wie beruhigend. Also: Licht wieder reduziert und weiter gemacht. Tür auf. Kopf rein. Laut: Und Hände gewaschen. Ich war heute Erster! Egal, ignorieren. Die Tochter und ich: wir haben hier zu tun. Und man soll’s kaum glauben, aber wir schaffen es tatsächlich irgendwann heraus aus dem Bad und ab in die Küche. Auf halbem Weg zur Kaffeemaschine höre ich nur: Gefrühstückt habe ich auch schon! Das macht er sonst nie. An anderen Tagen kann ich froh sein, wenn er sein Müsli wenigstens kurz anguckt, bevor er es als fertig gegessen zur Seite schiebt. Ich hab’ mir einfach ein Stück Stolle genommen., sagt der Sohn ganz entspannt, setzt sich auf seinen Stuhl und guckt mich an. Ganz so, als würde er meine Reaktion testen wollen.

Ich zeige keine.

Ich überlege nur schnell und nehme mir vor: Wenn ich heute Abend ins Bett gehe, dann gucke ich nicht einfach nur kurz beim Sohn rein und decke ihn korrekt zu. Nein, heute werde ich das Zimmer stürmen, mit lautem Gebrüll den Sohn aufwecken, ihn aus dem Bett zerren und wir werden gemeinsam sein gesamtes Spielzeug neu inventarisieren. Und natürlich werde ich den werten Herrn Nachwuchs anschließend noch eine Weile mit dem Neusortieren seiner gesamten Bibliothek wach halten. Danach darf er sich gern noch einmal kurz hinlegen und wieder weiterschlafen.

So klappt’s bestimmt viel besser mit dem Ausschlafen morgen früh. Das ist auch gut für den Sohn und seinen Frieden. Irgendwann wird er das verstehen. Da bin ich ganz sicher.

Wir bremsen

Wer meint, dass Autos aus den Städten verbannt gehören, hat natürlich vollkommen recht. Wer allerdings aus der Blechschubserei das Maximum heraus holen möchte, sollte sie nutzen, um seine Kinder in die Kita zu bringen. Dabei kann man nämlich schon am frühen Morgen Sachen vom Nachwuchs lernen, die einen locker über den Rest des Tages bringen.

So hat neulich die Lektion zur Verkehrsästhetik die Augen für die — ähh — schönen Dinge geöffnet. Ästhetik ist aber nicht alles. Als reiner Schöngeist kommt man schließlich nicht durchs Leben. Da gibt’s noch mehr Qualifikationen, die essenziell sind, um sich souverän durch den Alltag bewegen zu können. Das Auskommen mit anderen Menschen zum Beispiel. Toleranz ist hier gefragt. Verständnis. Empathie. Die Welt ist geprägt von Teamwork. Das Zeitalter der grandiosen Autisten ist vorbei. Da ist es wichtig, dass man klar kommt mit den anderen; dass man einen Weg des kooperativen Miteinanders findet.

Wir fahren also zur Kita. Die Kinder sitzen hinten im Auto und kommentieren den aktuellen Soundtrack. Ich sitze vorn und konzentriere mich auf den Verkehr. Wir wollen schließlich heile ankommen. Dafür gebe ich alles. Ich fahre ruhig, ich fahre ausgeglichen, wir gleiten sozusagen elegant durch die Stadt. Bis sich an einer Kreuzung der Sohn von hinten zu Wort meldet: Papa?

Ich: Ja, mein Sohn?

Sohn: Warum hast Du gerade gebremst?

Ich: Ähh, weil ich den Radfahrer dort vorn vorbei gelassen habe.

Er sagt darauf nichts. Die Antwort scheint ihm zu reichen. Wir sind hier im Straßenverkehr schließlich ein Team. Hier geht es nicht darum, wer größer oder schneller ist. Hier geht es darum, miteinander auszukommen. Hier zählt es, dass alle ein harmonisches Ganzes ergeben. Das spart Agressionen, das spart Unfälle, das sorgt für mehr Frieden in der Welt. Es ist doch so, da machen wir uns mal nichts vor: Der Weltfrieden fängt vor der eigenen Haustür an. Ich bin froh, dass auch der Sohn das schon verinnerlicht hat. Er denkt sogar noch ein wenig darüber nach. Man kann sein Denken in der plötzlich eingetretenen Stille geradezu fühlen. Und schlussendlich sagt er auch wieder etwas, wenn auch mehr zu sich selbst als zu den anderen im Wagen, ganz leise und beiläufig kommt es aus ihm heraus:

Aha. Wir bremsen also auch für Radfahrer.

Neue Brille

Die Tochter steckt mitten drin in ihrer Sturm- und Drang-Zeit. Es stürmt und drängt zumindest nur so aus ihr heraus. Sind es mal nicht die Zähne, sind es die Wörter. Ich bin dankbar für jedes der letzteren. Zumal sie Papa sagt. Seit kurzem erst. Da wird das Herz warm. Und wir klatschen uns freudig in die Hände, wenn sie angelaufen kommt, sich vor mir aufbaut, erst die Arme in die Hüften stemmt und dann laut Papa! ruft. High Five.

Wie begeistert ich vom neuesten Wort des Tages bin, weiß ich hingegen noch nicht so richtig. Seit heute sagt sie nämlich: Brille.

Kein Problem? Lediglich Ausdruck ihres naiven Verständnisses des gemeindurchschnittlichen Bildungsbürgertums? Mitnichten. Denn dass das Sprechenlernen für die Tochter nur ein Hilfsmittel ist, um ihre Besitzansprüche durchzusetzen, hatten wir hier schon mal. Und dass der Imperativ dabei ihr Lehrer des Vertrauens ist, ebenfalls. Ihre physischen Ausdrucksfähigkeiten hingegen, mit denen sie ihrem Willen einen ganz beachtlichen Nachdruck verleihen kann, haben wir hier noch nicht weiter thematisiert. Aber glauben Sie mir: Auch auf diesem Gebiet ist sie zu Höchstleistungen fähig, die sich nicht unbedingt mit elegant und damenhaft zurückhaltend umschreiben lassen. Selbst dann nicht, wenn sie freundlichst lächelt während sie zielsicher zugreift.

Morgen gehe ich auf jeden Fall erst einmal in den Drogeriemarkt des Vertrauens und gucke, ob es diese Fertigbrillen von der Stange noch gibt.

Sturmfrei

Kennen Sie das? Sie leben jahrelang in einer Beziehung. Sie gehen zusammen durch dick und dünn. Sie erleben aufregende Sachen zusammen. Sie erleben den Alltag miteinander. Sie wohnen zusammen. Sie sind eine Einheit, quasi eine Wohnungseinheit. Wenn der jeweils andere tatsächlich mal nicht da sein sollte, fehlt richtig was. Es ist fast so, als würde man schnell noch links und rechts nachsehen, ob nicht vielleicht noch ein Arm abgefallen ist, so unvollständig fühlt man sich.

Und irgendwann passiert’s dann doch: der andere ist auf einmal weg. Also nur vorübergehend, versteht sich. Aber doch länger als nur für eine Verabredung am Abend. Richtig weg, für mehrere Tage.

Sturmfrei.

Jetzt ist die Routine dahin. Sturmfrei zu haben, heißt, mal so richtig die Sau rauslassen zu können. Nichts ist so, wie es immer ist. Also kann man auch gleich raus gehen. Parties besuchen. Feste feiern. Die ganze Nacht durchtanzen. Zu Hause wartet eh niemand, also: warum beeilen? Und falls außer Haus wirklich gerade nichts anstehen sollte, kann man einfach ganz viele Leute zu sich einladen. Findet die Party eben gleich dort statt. Macht ja nichts, es ist schließlich niemand da, der etwas dagegen haben könnte. Also wieder: Feste feiern und durchtanzen bis zum Morgengrauen. So läuft das, wenn man sturmfrei hat. Ganz klar.

Außer, man hat Kinder.

Dann bleibt man auf jeden Fall erst mal zu Hause. Wer holt sich schon einen Babysitter, um dann allein irgendwo hin zu gehen? Eben. Und dass man keine Hundertschaften zur Party des Jahres einläd, ist sicherlich eh klar. Denn Kinder zu haben, sollte am späten Abend heißen, schlafende Kinder zu haben. Allzu unanständiger Lärm ist dem meist recht abträglich.

Sturmfrei heißt jetzt: Man bleibt zu Hause, man hat keinen Besuch, man ist allein. Und irgendwie will man das jetzt ausnutzen. Passiert schließlich nur selten, dieses sturmfrei. Da kann man es nicht einfach so verstreichen lassen. Also liest man erst einmal das Internet leer. Schafft man sonst ja nie. Hier gibt’s endlich die Gelegenheit. Wenn man damit fertig ist, bleibt natürlich immer noch viel freie Zeit. Also ab, zurück an den Rechner. Arbeiten. Endlich mal all die Sachen erledigen, die schon seit Äonen liegen geblieben sind. Schaffen, bis der Kopf auf den Tisch fällt. Da werden Träume wahr. Sturmfrei ist die Rettung für Zeitplanungsopfer, denen das Lied von der Work-Life-Balance schon so zu den Ohren heraus hängt, dass sie vor lauter Gleichgewicht fast von der Yogamatte fallen.

Also stellen Sie sich das jetzt bitte einmal vor: Sie haben sturmfrei. Dann sitzen Sie letzten Endes da und daddeln den ganzen Abend allein vor dem Rechner herum. Vielleicht nennen Sie es Arbeit, vielleicht sind Sie auch ehrlich sich selbst gegenüber. Es ist aber egal, denn irgendwann fällt Ihnen der Kopf auf den Tisch. Dann heben Sie ihn wieder auf und schleppen sich ins Schlafzimmer. Dort fallen Sie ins Bett. Vielleicht brabbeln Sie noch schnell irgendetwas unverständliches zu dem Kleinkind, das da irgendwo mit herumlungert. Aber eigentlich fallen Sie einfach nur um und schlafen tief und fest.

Bis Sie irgendwann eine Stimme hören. Papa?, ruft diese. Also werden Sie ausreichend wach und gehen hin. Ja?, fragen Sie zurück. Ich will aufstehen!, antwortet die Stimme. Im Imperativ. Glasklar und deutlich. Hier ist bereits eine Entscheidung gefallen. Da hilft nur eins: Seien Sie spontan, seien Sie konkret, bringen Sie es auf den Punkt, sagen Sie: Sohn, die Uhr sagt ‘was mit vier, da schlafen wir! Wird schon gut gehen. So gut vielleicht, dass Sie am Ende der Nacht feststellen, dass der ganze zu Hause gebliebene Teil der Familie glatt zwei Stunden länger geschlafen hat als sonst. Die fehlende Routine hat ihren Preis gefordert, ganz klar. Einmal sturmfrei und das Lotterleben zieht ein. Verfall der Sitten, man macht sich keine Vorstellungen.

Hier wird’s wohl Zeit, dass die Dame des Hauses wieder zurück kommt.

Bücher

Grimms Märchen

Die Zeiten ändern sich. Der Wandel ist quasi allgegenwärtig. Wer davon noch nichts mitbekommen hat, sollte sich einfach mal Kinder anschaffen. Niemand zeigt die laufende Veränderung direkter, ehrlicher, offener und mit einer größeren Selbstverständlichkeit.

Der Sohn liest seit einer Woche zum Beispiel keine Bilderbücher mehr. Diese dünnen Dinger mit ihrem beschränkten Wortschatz kann sich gern die kleine Schwester reinziehen. Er ist hier der große Bruder. Schon richtig alt, zumindest, wenn man ihn fragt. Und es stimmt ja auch. Er wird schließlich bald vier. Da ist Schluss mit Kinderkram. Grimms Märchen müssen her. Somit ein richtig schön dickes Buch, mit ganz viel Text und immerhin noch ein paar Bildern.

Willkommen im Bildungsbürgertum! — möchte man da fast rufen. Was könnte es schließlich Größeres geben als Kinder, die sich für Bücher begeistern? Bücher sind der Hort der Kultur, Bücher sind Schätze des Wissens, Bücher sind ein Ruhepol im stressigen Alltag, Bücher sind Phantasieanreger, Bücher sind ein Quell steter Inspiration.

Und Bücher sind tot. Das hört man immer wieder. Wahrscheinlich sogar, seit es Bücher überhaupt gibt. Aber derzeit werden die Stimmen lauter. Und ich gebe Ihnen mal einen Tipp: So gut wie Kathrin Passig mit ihrem Buch als Goldbäumchen hat es selten jemand auf den Punkt gebracht. Lesen Sie’s dort: Bücher sind tot.

Also ist alles umsonst? Diese Zeiten des gemeinsamen Blätterns, Guckens, Lesens und Vorlesens, dieses Selbstlesen, auch wenn die Kinder dabei sind? Alle Vorbildfunktionen für die Katz? Geht es letztlich nur noch um ein kurzes Klicken, vielleicht ein Wischen und das war es dann? Der Untergang des Abendlandes — viel beschworen, jetzt kommt er wirklich?

Zum Glück wohl nicht. Denn wie hat kürzlich der viellesende Blognachbar festgestellt: Der Medienwandel im Kinderzimmer ist gar kein Problem. Der Nachwuchs nimmt die Märchen wie sie kommen. Ganz frei von jeder Theorie. Nicht das Medium ist die Botschaft, sondern auch in Zeiten des Wandels gilt eine Konstante: Rotkäppchen ist das schönste Mädchen, dass es je gegeben hat. So sagt es nämlich der Sohn. Und er muss es wissen, verliebt, wie er ist.

Lokalnachrichten

Wer kennt sie nicht, diese Frage: Schatz, wie war Dein Tag? Sie ist quasi ein Familienritual. Denn natürlich stellt man die Frage nicht nur der besseren Hälfte, das würde nämlich eintönig mit der Zeit. Nein, man stellt sie auch den Kindern. Die haben schließlich einen ganzen Arbeitstag hinter sich. Und somit viel zu berichten. Denn wer glaubt, dass die Kleinen in ihrer Kita den ganzen Tag einfach nur seelenruhig vor sich hin spielen und zwischendurch lediglich kurze Essenspausen einlegen, irrt natürlich gewaltig. So ein Arbeitstag für Kleinkinder ist voll von Überraschungen, Verabredungen, Meetings im Großen, Meetings im Kleinen, Einzelaktionen und Teamevents. Da schlummern Freuden ebenso wie Gefahren. Es gibt wirklich viel zu erzählen.

Also fragt man auch die Kinder: Schatz, wie war Dein Tag? Erzähl doch mal, was so los war. Wer jetzt allerdings glaubt, dass es hierauf sofort eine umfassende, ausschweifende, vollumfängliche und sprudelnde Antwort gibt, die alles bis auf das kleinste Detail aufklärt, irrt schon wieder. Denn das Leben der Kleinen ist voll von Stimmungsmetamorphosen. Was natürlich immer nur eine Phase ist, wie es ein Blognachbar einmal recht treffend auf einen seiner Buchdeckel geschrieben hat.

Die aktuelle Phase hier im Haus dauert momentan seit etwa drei Wochen an und äußert sich darin, dass der Sohn auf die obige Frage mit einem lapidaren Das sag’ ich Dir nicht! antwortet, was er gelegentlich immerhin mit einem Das kannst Du gern die Erzieherin fragen! ergänzt.

Also habe ich heute gar nicht viel erwartet. Aber fragen kann man ruhig trotzdem. Kostet ja nichts. Also: Sohn, Du Schatz, wie war Dein Tag?

Gut, sagt er ganz beiläufig. Wir haben einen Ausflug gemacht, ergänzt er etwas begeisterter. Und geht über zu wachsender Euphorie: Wir haben den Wilhelm besucht. Aber am besten war der Spielplatz. Wilhelm war nämlich schon eingegraben. Aber nicht auf dem Spielplatz. Und das hat er selbst gemacht. Hat einfach gegraben. Und dann die Tür vergessen. Jetzt liegt er da. Mit einer Pyramide oben drauf. Und auf dem Spielplatz war es ganz toll. Da haben wir nämlich Stöcker gesammelt — ganz riesengroße und kleine und mittlere und…

Sohn, das ist ja phantastisch!, greife ich kurz unterstützend ein. Aber sag’ mal: wie seid Ihr denn dort hin gekommen? Etwa gelaufen?

Nein, Papa, schüttelt er mit dem Kopf. Mit der Bahn natürlich. Aber nicht mit der Straßenbahn. Denn die war ganz voll. Und die andere Bahn auch. Die war auch ganz voll. Und alle haben Schals getragen. Und laut herum gegröhlt. Ganz laut haben sie gegröhlt. Weil sie nämlich mehr Geld haben wollen. Und mehr Urlaub. Ganz laut haben sie da gegröhlt. Dabei darf man das gar nicht, so laut herum zu gröhlen. Ich weiß das nämlich!

Tja, was soll ich sagen? Der KSC hat das Spiel heute verloren. Beim KVV streiken sie wahrscheinlich noch etwas weiter. Aber der Sohn, er ist offenbar in einer neuen Phase angekommen. Ein erfolgreicher Tag.

Aus dem Regal

Heute: Die Frau, für die ich den Computer erfand von Friedrich Christian Delius

Hier geht’s um Konrad Zuse. Nicht irgendeinen kleinen Erfinderamateuer, nein, es geht um Konrad Zuse. Also um den Mann, der den Computer erfunden hat. Und wie der Titel so schön verrät, geht’s darum, wie er das eigentlich angestellt hat, das mit dem Erfinden des Computers.

Cover des Buches Das verrät er übrigens wirklich. Also nicht nur inhaltlich. Dieser Teil ist mit dem Titel quasi schon verraten. Sondern auch stilistisch. Denn es ist Zuse selbst, der das ganze Buch über redet. In einem Interview, das vom Autor des Buches aufgenommen, niedergeschrieben und wohl auch etwas sortiert worden ist. Und wie das so ist, wenn ein großer Geist in seinen alten Tagen einmal so richtig in Redefluss geraten darf, kommen sehr schöne Anekdoten dabei zum Vorschein. Zum Beispiel diese hier:

Glauben Sie mir, das Erfinden, auch das geht ja nicht ohne Eros. Ohne Eros entwickelt sich nichts im Leben, nicht einmal der Bau von Rechenmaschinen … Wenn Sie stundenlang Kontaktfedern justieren oder das Komma gleiten lassen, dann denken Sie auch mal an gleitende Ausrufungszeichen, verstehen Sie?

Es geht aber gar nicht nur um Frauen und durch niedere Instinkte getriebene Anregungen. Das ist hier schließlich nicht der — ebenfalls hochgradig lesbare — Lebensrückblick von Richard Feynman, sondern eben jener von Konrad Zuse.

Und wenn man sich erst einmal dazu überwunden hat, den Monologstil des Herren zu akzeptieren, ist es ganz großartige Lektüre. Bei der man sogar das eine oder andere Neue lernen kann. Was will man mehr?

Verkehrsästhetik

Die Erziehung der Kinder ist wohl eine der Aufgaben, die niemals enden wird. Ein Prozess der kontinuierlichen Verbesserung sozusagen. Dabei ist es natürlich keineswegs so, dass man viel vorgeben könnte. Wer zum Beispiel glaubt, dass man einfach mal sagt: Kind, mach’ bitte dieses und nicht jenes! und dann erwartet, dass das Kind fortan immer dieses und ganz sicher niemals jenes machen würde, irrt natürlich. Gewaltig. Es ist eher so, dass man mal einen Hinweis hier gibt, einen Impuls dort setzt und das perfekte Verhalten einfach vorlebt. Der Nachwuchs beobachtet schließlich alles ganz genau. Da wird er sich schon die richtigen Sachen heraus suchen und durch pures Nachahmen zu einem charmanten Bündel von mustergültigen Schwiegerkindern werden. Oder so.

Hierbei handelt es sich übrigens nicht um einen rein theoretischen Ansatz. Nein, nein. Das Ganze hat sich bereits in der Praxis bewährt und zeigt erste Früchte.

Nehmen wir zum Beispiel den Sinn für das Schöne im Leben. Den gibt’s nicht einfach so, der fällt nicht plötzlich vom Himmel. Er will wohl trainiert und Stück für Stück aufgebaut werden. Da helfen — wie gesagt — vor allem viele dezente Hinweise und ein konsequentes Vorleben. Die Belohnung gibt es quasi ganztägig. Sie fängt morgens im Bad an, wenn der Sohn mit Hilfe diverser Handtücher eine wohlgeordnete Gartenlandschaft mit Wiesen, Beeten und Wegen aufbaut. Es geht natürlich beim Anziehen weiter, wenn nicht jeder beliebige Pullover zur eh falsch vom Papa herausgesuchten Hose passt. Es folgt das Frühstück, bei dem er den Tisch so deckt, dass er alle Behältnisse mit Marmeladen, Honig und Nussnougatcremes in einem akkuraten Halbkreis direkt hinter seinem Teller arrangiert. Es zeigt sich im Kindergarten, wenn er seine Schuhe nicht einfach nur plump nebeneinander abstellt, sondern sie adäquat zu einer kleinen Pyramide aufbaut, die zwar fragil, aber gut anzusehen ist. Und es zeigt sich sogar am Abend, wenn er beim Aufräumen seines Zimmers den ganzen Fuhrpark nicht einfach nur mit Schmackes in die Schublade wirft, sondern dort jedes Auto orgentlich und vorsichtigst so einparkt, dass ein möglichst harmonisches Gesamtbild entsteht.

Nur heute morgen, nach dem Bad, nach dem Anziehen und nach dem Frühstück, da kam er bei der Fahrt in die Kita auf ganz eigene Ideen:

Sohn: Papa, kannst Du da vorn bitte rechts abbiegen?

Ich: Hhm, warum das denn?

Sohn: Das Auto vor uns ist so häßlich. Ich will es nicht mehr sehen!

Und ich muss jetzt nicht extra erwähnen, dass ich zur Ästhetik des uns umgebenden Verkehrs natürlich nie irgendwelche Aussagen gemacht oder Vorgaben erteilt habe. Ja? Gut.

Er ist halt doch ein Autodidakt.