Aus dem Regal: Wüstensand, Wolkenkratzer und der ganz normale Wahnsinn von Anne Harenberg

Sachen gibt’s, die glaubt man kaum. Jetzt hat doch tatsächlich eine Bloggerin ausgewählte Beiträge aus ihrem eigenen Repertoire genommen und ein Buch daraus gemacht: Wüstensand, Wolkenkratzer und der ganz normale Wahnsinn. Verrückt ist das.

Und interessant ist das. Denn bei der Dame handelt es sich um jene, welche bekanntermaßen seit einiger Zeit in Dubai abhängt und somit ausreichend Geschichten von dort zu erzählen hat. Genau das macht sie hier im Buch. Genau 50 mal. So viele Geschichten sind es nämlich. Und die meisten davon sind wirklich chic. Chic beobachtet, chic erzählt, chic zusammengestellt. Das ist ‘ne Menge Chic. Das trifft man ja auch nicht alle Tage.

Also: glasklare Leseempfehlung! Wer möchte, kann sich die Texte sicherlich selbst aus dem Blog heraus suchen. Aber wozu hat man das Personal, wenn nicht zur geeigneten Vorselektion? Passenderweise macht den Job hier die Autorin selbst.

Volltreffer.

Abwechslung versus Routine

Das Leben als Schreibttischtäter: es ist kein Leichtes. Immer nur Sitzen, immer nur Tippen, immerhin manchmal auch Klicken. Anstrengend ist das. Aber Abwechslung ist wohl etwas anderes. Das Leben sollte bunter sein. Regelmäßig im Sandkasten sitzen hilft da auch nicht wirklich weiter. Man sollte ruhig ab und an mal den Hintern hoch bekommen. Damit es stimmt mit der Balance. Man möchte doch schließlich mit der Zeit gehen.

Gehen ist dabei gar kein schlechtes Stichwort. Das klingt nicht nur nach Bewegung, das ist auch welche. Da man dabei aber nicht so recht vom Fleck kommt, kann man’s ruhig etwas zügiger absolvieren. Schon wird’s zum: Laufen. Feine Sache. Dafür braucht’s nicht viel. Das kann man auch als Schreibtischverwöhnter. Einmal gelernt, klappt es immer wieder erstaunlich gut. Laufen ist ein feiner Ausgleich zum Schreibtisch. Das machen wir.

Dachte ich übrigens vor ein paar Jahren schon mal. Und habe mich prompt zum lokalen Stadtrundlauf in den damals für mich ganz neuen Südstaaten angemeldet. Die Südstaaten sind groß. Der Rundlauf geht somit über etwa 40 Kilometer. Aber was soll’s? Ich dachte mir damals: Das machst Du locker auch ohne großes Training. Wozu auch? Was soll das schon groß sein? Man läuft halt nicht vierzig lange Kilometer auf einmal, sondern einfach einen kurzen Kilometer vierzig Mal hintereinander. Klingt schaffbar. Das haben andere auch schon hinbekommen. Etwa drei Wochen vor dem Event habe ich dann doch mal zwei Proberunden gedreht. An zwei Tagen hintereinander. Jeweils nur über die Hälfte, also zwanzig Kilometer. Man will’s ja auch nicht übertreiben. Außerdem dauert sowas ja auch. Und die Zeit muss irgendwo herkommen. Schlimm ist das. Das erwähnt übrigens viel zu selten mal jemand. Ich sag’s also noch mal ganz deutlich: diese ganze Trainiererei kostet Zeit, man macht sich keine Vorstellungen. Schlimm ist das. Ich hab’s somit konsequenterweise auf zwei Tage beschränkt. Und mir prompt am zweiten Tag irgendwas verzogen – eine Sehne oder ein Muskel oder wie immer diese Dinger eigentlich heißen. Das tat richtig weh. Zum Teufel mit den Schmerzen hätte ich gern gesagt. Statt dessen habe ich beim eigentlichen Lauf drei Wochen später das Ziel nach der Hälfte genommen. Man muss auch mal zu Kompromissen bereit sein.

Nächster Anlauf: zwei Jahre später. Und da ich mich für durchaus lernfähig halte, lief das mit der Vorbereitung etwas anders. Also regelmäßiger. Den ganzen Sommer über. Der Termin war irgendwann im September. Das passte somit gut. Und hat auch tatsächlich etwas gebracht. Ich war quasi in Form. Vier Wochen vor dem Ereignis waren Testrunden in etwa dreißig Kilometer lang und diese waren sogar in erfreulich kurzer Zeit abgespult. Ich hatte richtig Respekt vor dieser Idee mit dem Trainieren. Hut ab! Auf andere zu hören kann manchmal doch richtig nützlich sein. Wer hätte das gedacht? Und wer hätte weiterhin gedacht, dass ziemlich genau drei Wochen vor dem Termin bei einer kleinen und entspannten Laufrunde ein paar Damen vor mir her spazieren und ich mir beim Ausweichen glatt den Fuß umknicke? Wirklich wahr. Ich konnt’s kaum glauben. Wie ungeschickt. Und selten dämlich. Für die folgenden fünf Monate habe ich erst mal eine Bewegungspause eingelegt. Der Marathon fand ohne mich statt. Selbst die erste Hälfte.

Tja, was soll ich sagen? Vor ein paar Tagen habe ich mich trotzdem noch einmal angemeldet. Wieder zum Baden-Marathon. Wieder in Karlsuhe. Wieder im September. Aber dieses Mal wird alles anders. Soviel steht fest. Dieses Mal bereite ich mich vor. Dieses Mal werde ich nicht wieder drei Wochen vorher irgendeinen Verletzungsquatsch mitmachen.

Dieses Mal habe ich mir eine Zerrung oder Überdehnung oder was weiß ich, was das hier gerade für ein überflüssiger Blödsinn ist, gleich am ersten Tag nach der Anmeldung zugezogen. Vier Monate vor dem Termin. Abwechslung soll ja etwas Gutes sein.

Als nächstes bleibe ich dann jedoch trotzdem wieder am Schreibtisch sitzen. Denn in der Routine liegt bekanntermaßen die Kraft.

Saisonal gekleidet

Das Wetter ist doch etwas Feines. Man kann quasi immer darüber reden. Es geht nie aus. Es ändert sich ab und an. Es ist spannend. Es bleibt spannend. Und man kann mehr oder weniger Glück mit ihm haben.

Das mit dem Glück ist natürlich schon eher so eine Sache. Dem muss man bekanntermaßen manchmal etwas nachhelfen. Mit der Wahl des Wohnortes zum Beispiel. Bei aller Vorliebe für den coolen Norden steht dabei ganz klar fest: Er ist eben genau das – cool. Wenn’s darum geht, dem Glück beim Wetter ein wenig auf die Sprünge zu helfen, gibt’s einen klaren Punktsieg für die Südstaaten. Glück gehabt, sag’ ich mal.

Bis auf die drei oder vier Tage im Jahr, in denen selbst im Süden kein Verlass auf die Sonne ist. Die gibt’s tatsächlich. Von denen hat mir vorher auch niemand etwas gesagt. Es ist eine Sauerei. Ich prangere das an. Aber was will man machen? Außer, für ein paar Tage Unterschlupf in einem Haus mit Sonnenanschluss zu suchen, ganz klar. Geplant, getan. Urlaub geht schließlich immer. Also ab in die Sonne. Ab ins Haus. Ab in den Garten. Ab zum Pool.

So lässt man sich das gefallen. So kann man es aushalten. So hat man die Südstaaten immer dabei, selbst wenn man sich ein paar Stunden auf der Autobahn in Richtung Norden bewegt. Das passt. Wenn nur diese unsägliche Hitze nicht wäre. Manchmal ist sie dann doch schwer zu ertragen. Vor allem, wenn man selbst noch zu sehr Fischkopp im Geiste ist und beispielsweise nicht einfach kurze Hosen anziehen kann, um das Ganze erträglich zu gestalten. Ich meine: kurze Hosen, jetzt mal ehrlich! Geht ja gar nicht. Dabei gebe ich durchaus zu, ein Paar von der Sorte zu besitzen. Das ist jetzt in etwa zehn Jahre alt, wird pro Jahr grob geschätzt zweimal getragen und sieht somit noch immer fast genauso furchtbar aus, wie ganz am Anfang.

Also: kurze Hosen gehen mal gar nicht. Da kann vom Himmel scheinen, was will. Das gilt zu Hause und das gilt auf Reisen. Es ist schließlich eine Kulturfrage. Es ist eine Frage von Stil. Es ist eine Frage der Ehre. Es wird somit ruck-zuck eine Frage der Familienehre. Eine Frage der Erziehung. Kurze Hosen: da gibt es etwas zu vermitteln, da ist etwas, was ich dem Nachwuchs mitgeben kann. Dem Sohn, dem Großen, ganz besonders. Er kennt das. Wenn es um Themen geht, die wirklich zählen, gibt’s ein Gespräch unter Männern. Ein Gespräch über Werte. Ein Gespräch über das Wahre im Leben. Ein Gespräch, bei dem er mal so richtig etwas von seinem großen Vorbild, dem Papa, lernen kann. Er ist in solchen Momenten auch ganz bei der Sache. Hört zu, fragt dezent nach, nimmt auf, versteht, sagt: Ja, Papa. Schon klar. Und das ist es dann auch. Wir verstehen uns. Die Das wäre geklärt.

Prompt schickt er heute morgen seine Schwester, um mich zu wecken. Er braucht etwas Zeit. Muss sich wohl noch Sachen für den Tag heraus suchen. Soll er ruhig. Ist ja schon groß. Und er weiß ja, worauf es ankommt. Ich habe da volles Vertrauen und genieße etwas Zweisamkeit mit der Tochter.

Bis der Sohn fertig angezogen ins Bad poltert. Ich sehe ihn nur dezent im Spiegel. Und muss glatt zweimal hingucken. Er trägt keineswegs einfach kurze Hosen. Natürlich nicht. Das würde er doch nicht machen. Stil und Ehre und so. Er trägt aber auch keine langen Hosen. Nein, der Sohn trägt heute: Hotpants! Und strahlt dabei bis über beide Ohren.

Ich sag’s mal so: Nordish by Nature ist wohl etwas anderes. Aber wie das so ist mit den gebürtigen Südstaatlern in der Familie: Er sieht trotzdem verdammt gut dabei aus. Reden wir lieber weiter über’s Wetter.

Berge

Reise mit Kindern und Du wirst etwas erleben. Das geht schon bei der Wahl des Hotels los. Wir hatten das schon mal. Lage, Farbe, Kategorie, überhaupt: alles schwierig. Zum Glück gibt’s immerhin die Sterne, an denen man klar erkennt, ob eine Herberge wirklich standesgemäß ist.

Oder?

Wenn die Lobby zum Beispiel nicht mit Loungesessel aufwarten kann, ist das schlecht für’s Sterne-Karma:

berge_lobby

Wenn dann auch noch aus besagter Lobby nur eine schnöde Holztreppe weiter nach oben führt:

berge_treppe

Wenn man im Zimmer nicht in einen Fernseher sondern nur aus dem Fenster gucken kann, gibt’s vielleicht mal Sterne am Himmel, aber nicht für’s Hotel:

blick_aus_fenster

Wenn man an der Wand keine hobbyambitionierten Gefälligkeitskunstwerke findet, sondern eher so ein eingerahmtes Loch:

leitungsbild

Wenn man nicht darauf kommt, was das hier ist:

berge_besenbox

Und somit das hier wohl eher auch nicht braucht:

berge_zinkeimer

Wenn man sich dafür aber in so ein Gefährt begibt:

lift_no50_im_nebel

Um danach wohl nicht auf dieser Bank zu sitzen:

sonnen-alm_bank_no2

Dann ist man wohl hier gelandet:

sonnen-alm_im-nebel

In den Bergen.

Und wenn diese ganzen Bedingungen gelten, dann wohl nicht in einem viel-Sterne-Hotel, sondern in einer anderen Art von Herberge.

Als kleiner Tipp für all jene, die einer derart hügeligen Umgebung gegenüber nicht vollkommen abgeneigt sind: Das Haus berge kann man sich ruhig mal ansehen. Echt jetzt. Zum Trost gibt’s sogar etwas Wasser in der Nähe. Das gehört zum Chiemsee. Die klassische Küstengegend ist das damit natürlich noch nicht. Aber irgendwas ist ja immer. Die Kinder sagen auf jeden Fall: War toll! Und: Wir wollen gleich wieder Urlaub machen!

Na dann.

Auf dem Tablett: Fruit Ninja

OK, wer nach dem Auftakt jetzt meint, dass es hier im Haus nur harmlose Spiele über das Tanken, Reparieren und Putzen von Autos gibt, irrt natürlich gewaltig. Denn bei allem Pazifismus bleibt doch eines ganz klar: nur in der wahren Metzelei liegt die Kraft. Säbel müssen rasseln, Klingen das Fleisch zerteilen und fette Spritzer die Umgebung verschönern. Knallen muss es. Die Fetzen sollen fliegen.

fruit_ninja Wie bei Fruit Ninja. Dort zerteilen wir Obst, lassen die Klinge durch Fruchtfleisch gleiten und Obstsaft an die Holzwand spritzen.

Genau darum geht’s: Wahre Ninjas mögen kein Obst. Also schnappen sie sich ihren Säbel und zerkleinern es. Frucht für Frucht oder schwungvoll gleich eine ganze Korbladung voll auf einen Streich. Wer die meisten Früchte schafft, hat gewonnen. Wer sich von hinterhältig in den Fruchtmix gestreuten Bomben irritieren lässt, verliert. Das ist einfach. Das kann man verstehen.

Es ist somit ein Spiel für die Kinder, ganz klar. Aber wenn Sie am Abend mit der Holden auf der Couch sitzen, dann reichen Sie sich ruhig ab und an mal das Tablett rüber und spielen um den Highscore. Das ist ein großer Spaß. Man merkt es nicht zuletzt, wenn man von seiner geliebten Angetrauten in nur wenig säuselndem Ton deutlich gesagt bekommt: Ich hab’ ‘nen Fruchtangriff mit doppelten Punkten. Und jetzt hör’ auf zu Fummeln! Ehen sollen schon an weit harmloseren Dramen gescheitert sein. Daher gebe ich Ihnen noch einen Tipp: Vermeiden Sie den Mehrspielermodus. Dabei zappeln sie nämlich zu zweit über’s Display. Und jetzt mal ganz ehrlich: wer soll dann noch das Gerät festhalten? Eben. Gefährlich! Also: Modus vermeiden, sonst haben sie bald kein Tablett mehr. Erklären Sie das mal den Kindern.

Resümee: Es ist ein super Spiel, nicht nur für die Kinder. Es ist auch für Pazifisten geeignet, denn in diesem Spiel steht schnell fest: Bomben sind komplett bescheuert und die braucht kein Mensch. In logischer Konsequenz gibt’s daher sogar einen Zen-Modus – ganz ohne böse Bomben.

Was will man mehr?

Heikles Essen

Essen ist ein heikles Thema. Man hat das kürzlich erst wieder sehr gut bei unserer Klassenlehrerin Frau Isa gelernt, welche sogar versucht, uns Schokolade und Kaffee madig zu machen. Das ist nicht nur heikel, sondern sehr mutig. Von ihr. Aber darum geht’s hier gar nicht. Hier geht’s um die ganz alltägliche Wahl des Speiseplans. Von Schokolade und Kaffee einmal abgesehen.

Wer Kinder hat, weiß: Diese Wahl kann ganz einfach sein. Man braucht nur mal den Kindern zuzuhören und dann läuft das wie von selbst. Es gibt einfach: Nudeln! Nudeln gehen immer. Die Kinder tanzen förmlich, wenn sie Nudeln! hören. Die könnte es wirklich jeden Tag geben. Es würde nicht langweilig werden. Warum hat schließlich jemand die unterschiedlichen Sorten für Nudeln und Pesto erfunden? Eben. Da steckt durchaus Sinn dahinter. Aber nein, wir als Eltern kapieren das einfach nicht. Wir Eltern, also wirklich, versuchen laufend Alternativen aufzutischen. Wenn die Kinder Glück haben, gibt’s Maultaschen. Wir leben hier schließlich in den Südstaaten. Das kann man ruhig mal würdigen. Und sei es nur beim Essen. Maultaschen finden die Kinder auch super. Maultaschen und Nudeln: das ist quasi eine Äquivalenzklasse.

Aber sonst so? Brot. Geht ja gar nicht. Brot, jetzt mal ehrlich: wer mag das schon? Und auch diese ganzen dreihundert verschiedenen Sorten von Belägen, die man darauf ablegen oder verschmieren kann. Wurst, Käse, Gemüse, Kram vom Türken: alles das Gleiche. Es kommt schließlich auch alles auf’s Brot. Das kann gar nicht brauchbar sein. Nur gut, dass es irgendwann noch Nachtisch gibt. Und am nächsten Tag dann Nudeln. Hoffentlich. Und nicht wieder Reis oder noch mehr Gemüse oder einen Sonntagsbraten. Das ist doch alles: eklig! Es soll einfach Nudeln geben und gut ist’s. Egal, ob lang oder kurz oder gedreht oder gefüllt: Hauptsache Nudeln!

Vor kurzer Zeit hat die Dame zur Tochter auf dessen Frage nach dem Abendmahl endlich geantwortet: Heute? Heute gibt es Nudeln.

Man durfte mit einem glücklichen Kind rechnen. Mit einem freudigen Lachen, welches die pure Liebe ausdrückt, die ein Kind für seine Eltern nun einmal hat. Man durfte erwarten, dass die Tochter ruhig und klaglos den Tisch deckt und sich schon einmal vollkommen glücksseelig an selbigen setzt um ganz in Ruhe die Stunde bis zum Essen abzuwarten.

Was wir stattdessen zu Hören bekamen war die Tochter mit einem trockenen: Ich will Kartoffeln!

Essen? Heikel.

Aus dem Regal: Extrem von Norman Bücher

Was sagt sich wohl jemand, der gerade dabei ist, rund um den Mont Blanc zu laufen und bei Kilometer 122 eine kleine Pause einlegt? Das hier zum Beispiel:

“Nur” noch ein Marathon mit 3.000 Höhenmetern liegt vor mir, denke ich.

Das klingt doch beruhigend. So schreibt es Norman Bücher in seinem Buch Extrem. Und dabei soll’s nicht bleiben. Die Sache mit der Runde um den Mont Blanc erwähnt er zwar (gefühlt) noch weitere Dreihundertmal im Rest des Buches. Aber auch andere Geschichten kommen vor. Und auch diese haben es in sich. Der Autor läuft und läuft und läuft. Ob im Himalaya oder durch die Atacamawüste. Letzteres durchaus ganze 600 Kilometer lang. Und das in 14 Tagen. Das schafft man locker. Es ist ja nur ein Marathon. Pro Tag. In der höchstgelegensten und trockensten Wüste, die wir so haben.

Da gewinnt man Respekt. Worum es dem Autor auch geht. Nicht zwingend um den Respekt vor ihm und seinen tollen Abenteuern. Sondern um den Respekt vor dem inneren Schweinehund und noch viel mehr vor der Möglichkeit, diesen laufend zu überwinden. Ob nun zu Fuß unterwegs oder im Alltag bei den ganz normalen Herausforderungen, die auch dort auf einen warten: Wenn man einen Schweinehund findet, macht man ihn fertig und bekommt als Dank ein klein wenig Glücksgefühle ob seines Erfolgs. Das ist doch was.

Das Charmante am Buch sind tatsächlich die Erzählungen von den Laufereignissen des Autors. Es sind schöne Geschichten dabei. Es sind natürlich extreme Geschichten dabei. Es sind Geschichten dabei, bei denen würde man selbst vielleicht noch nicht einmal darüber nachdenken, sie auch nur in Erwägung zu ziehen. Aber genau das macht sie zum Teil auch so interessant. Wirklich schön. Das hat man nicht jeden Tag. Das rüttelt einen wach. Das macht einem bewusst, dass Grenzen oft viel weiter gesteckt sind als man das oftmals so denkt. Das tut gut. Ich finde, so eine aufscheuchende Wachrüttelei kann man sich ruhig ab und an mal geben. Bevor man vollkommen einrostet.

Etwas anstrengender sind die ständigen Bemühungen des Autors, einem den impliziten Transfer der Laufgeschichten auf den quasinormalen Alltag abzunehmen. In jedem Kapitel sieht er zu, den Nutzen der Erfahrungen aus seinen Aktivitäten auf das gemeine Leben im Privaten und Geschäftlichen aufzuzeigen. Als ob das nötig wäre. Wenn man nicht mal diese Kurve mehr selbst bekommt, hat eh vieles keinen Sinn mehr. Aber irgendwas ist ja immer. Ich möchte mal das mal nicht stärker kritisieren als notwendig. Denn die entsprechenden Abschnitte sind kurz und schnell überflogen.

Es bleibt ein ganz wundervolles Buch eines wirklich motivierenden Autors.

Und während unsereins mit einem Stück Schokolade im Mund genüsslich in diesem Buch liest, hat der Autor irgendwo anders mal wieder ein kleines Abenteuer abgespult. Manchmal ist alles sehr relativ.

Aber wir lassen uns nicht beeindrucken sondern höchstens dezent inspirieren. Heute war gerade der Marathon in London. Den gibt es nächstes Jahr bestimmt wieder. Die Stadt ist ja auch immer mal einen Besuch wert. Das nehmen wir uns mal vor, was? Und das mit den anderen, den sinnvollen Zielen des Alltags, das wird quasi nebenbei auch alles noch. Motivation ist jetzt schließlich da.

Frühlingsgefühle

Jetzt geht’s los. Aber so richtig. Eben haben wir noch überlegt, ob wir zum Skifahren wirklich in die Berge bei den Vororten fahren müssen. Oder ob nicht auch die Garageneinfahrt ausreicht. Jetzt auf einmal scheint die Sonne. Richtig warm sogar. Man könnte meinen, dass hier jemand versucht, gleich ganze Jahreszeiten zu überspringen. So geht das natürlich nicht. Wir brauchen schließlich auch etwas Verlässlichkeit. Routine gehört in den Alltag. Dazu gehören auch die ganz normalen Jahreszeiten. Und zwar vollständig. Das wissen wir doch alle. Denn für ein rundes Jahresgefühl braucht’s nicht nur den Winterschlaf, sondern auch die Frühjahrsmüdigkeit, die Sommerschwere und die Herbstdepressionen. Fehlt eins von denen, geht die ganze Reihe nicht auf. Also hört bitte auf, jetzt gleich von Sommer zu reden, nur weil mal kurzzeitig keine Schneestürme auf uns einprasseln.

Frühling also.

Wer würde den auch wirklich überspringen wollen? Es ist doch die Zeit, in der wir alle wieder so richtig zum Leben erwachen. Wenn wir nicht gerade schlafen, versteht sich. Aber die Sache mit dem Bett ist doch gar nicht so verkehrt. Das passt doch ganz wunderbar in die Zeit. Wenn Sie verstehen, was ich meine. Es wird schließlich alles wach. Nicht wahr? So richtig allumfassend. Wir fühlen uns kraftvoll. Wir wollen wieder etwas erleben. Jetzt geht die Post ab.

Das gilt natürlich keineswegs nur für die Volljährigen unter uns. Nein, auch der Nachwuchs holt jetzt Schwung. Mit der Sonne kommt die Kreativität. Jetzt wollen die Kinder so richtig loslegen. Jetzt ist Schluss mit dem grauen Einerlei des Winters. Jetzt wird rebelliert. Jetzt lassen es die Kinder mal so richtig krachen.

Prompt sagt der Sohn: Ich möchte wirklich gern mal etwas machen, ohne vorher um Erlaubnis fragen zu müssen.

Die Dame und ich, wir gucken uns an. Wir gucken zum Sohn und sie fragt: Und was wäre das zum Beispiel?

Der Sohn guckt vollkommen ernst und antwortet: Ganz nackig durch die Gegend laufen.

Ja klar! Was auch sonst? Ist schließlich Frühling.

Aus dem Regal: Schattenmorellen von Sigrid Hunold-Reime

Ich wollte ja endlich mal wieder einen Krimi lesen. Bei Schattenmorellen steht Kriminalroman außen dran. Das passt also. Dachte ich. Endlich mal feine Leichen am Anfang des Buches, nach deren karrierefördernden Mitstreitern den Rest der Seiten über gesucht wird. Erwartete ich. Endlich mal Schluss mit den üblichen literarisch selbstgefälligen Verwirrungen. Hoffte ich.

Und was habe ich bekommen? Eine Geschichte aus dem Krankenhaus. In diesem liegt die in etwa siebzigjährige Protagonistin und erzählt anhand von aktuellen Geschehnissen eine Rückblende ihres Lebens. Ein Leben, in dem sie von ihrem Hausnachbarn geliebt und verehrt wird. Wofür dieser durchaus auch über Leichen geht. Diese hätten wir damit. Haken dran. Wenn auch nicht am Anfang der Geschichte sondern irgendwo im letzten Drittel.

Und entsprechend spannend liest es sich bis dorthin. Partiell ist es zwar auch vorher schon andeutungsschwanger angereichert. Aber wirkliche Krimiaufregung mag nicht aufkommen.

Ein klarer Fall von falscher Erwartungshaltung. Davon abgesehen ist es eine schön erzählte Geschichte. Dafür kann man ruhig dankbar sein.

Vom Einkaufen und sprachlichen Herausforderungen

Wenn man die Tochter fragt, herrscht hier im Haus eine klare Aufgabenteilung. Das ist gut so. Es ist von Vorteil, wenn jemand den Überblick behält. Ansonsten würde es nur drunter und drüber gehen. Nicht auszumalen. Es wäre das reinste Chaos. Aber wir haben ja die Tochter. Und fragt man sie, steht zum Beispiel fest: Geht es um das Einkaufen, ist Papa dran. Und sie unterstützt. Immer. Grundsätzlich. Zumindest, wenn man die Tochter fragt. Und selbst, wenn mal niemand fragt, findet sie Gelegenheiten, um auf diverse Sachen zu zeigen und zu sagen: Hat Papa gekauft! Und ich auch!

Statistisch lässt sich das Ganze wahrscheinlich gar nicht belegen. In Wirklichkeit ist es hier im Haus durchaus so, dass die meisten Tätigkeiten des Alltags mehr oder weniger wechselseitig von den zuständigen Erwachsenen erledigt werden. Da ist durchaus Rotation im Geschäft. Es soll ja nicht langweilig werden. Aber Einkaufen scheint für die Kinder etwas ganz Besonderes zu sein. Das kann man nicht einfach vergleichen mit Wäschewaschen, Müll herunter bringen oder Fußboden reinigen. Das muss man verstehen. Denn beim Einkaufen springt auch meist etwas für die Kinder mit heraus. So ist’s ja nicht. Sie äußern schließlich unentwegt Wünsche. Da kann es mit dem Einen oder Anderen durchaus mal klappen. Und egal, ob es dabei um den Nuss-Nugat-Brotaufstrich geht, um den extra leckeren Orangensaft oder das Sprudelwasser, um die Erdnussbutter oder verschiedenste Melonensorten: Das sind alles feine Sachen, die nur dann auf den Tisch kommen, wenn sie vorher jemand eingekauft hat. Dabei hilft es natürlich, wenn man gute Beziehungen zum Einkaufenden hat oder einfach selbst mit Hand anlegt und im Supermarkt die Sachen aus dem Regal mit Schmackes in den eigenen Korb wirft. Genau so macht’s die Tochter und ist entsprechend stolz auf ihre Leistungen.

Wenn somit beim Essen der Sohn erfreut feststellt, dass sein Lieblingsjoghurt endlich wieder vorrätig ist, stellt die Tochter schlicht ganz nüchtern fest: Hat Papa gekauft! Um direkt danach zu ergänzen: Ich auch einkauft! Im Wagen!

Da liegt sie nicht ganz falsch. Denn wenn wir nicht ihr Laufrad bemühen, nehmen wir auf dem Gang zum Laden um die Ecke gern ihren Kinderwagen mit. Das ist praktisch, nicht zuletzt, weil sie auch gleich einen Teil des Einkaufs elegant im Kofferraum des Gefährts verstauen kann. So langsam kommt die Tochter jedoch in ein Alter, in dem sie sich ruhig an korrekte Bezeichnungen gewöhnen kann. Wir sind hier schließlich nicht im sprachlichen Niemandsland. Also wirklich. Da kann man ruhig rechtzeitig anfangen, erst gar keinen Slang einziehen zu lassen. Wagen, also wirklich. Wehret den Anfängen! Die Dame des Hauses bittet unsere Tochter somit charmant: Sag doch mal: Kinderwagen.

Und die Tochter sagt: Kinder! Wagen!

Das ist nah dran. Das lassen wir durchgehen. Ein paar Ausrufezeichen extra braucht sie. So kennen wir sie. Diese seien ihr gegönnt. Hauptsache, sie gewöhnt sich langsam an zusammengesetzte Substantive. Die Welt ist schließlich komplex. Wenn sie diese sprachliche Herausforderung meistert, wird sie weit kommen im Leben. Davon kann auch ihr großer Bruder ein Lied singen. Er musste da schließlich auch schon durch. Aus purer Zuneigung seiner kleinen Schwester gegenüber hilft er ihr gern, wo er nur kann. Er lässt sie an seiner reichhaltigen Lebenserfahrung teilhaben. Sie soll es schließlich leichter haben als er. In dieser umfassenden Fürsorglichkeit guckt er seine Schwester in diesem Moment an, fängt leicht an zu grinsen, lehnt sich in seinem Stuhl zurück und meint zu ihr: Und jetzt sag mal: Filzmupfen.

Hach ja, Geschwisterliebe. Und wenn man den Sohn fragt, herrscht wohl auch in Erziehungsfragen eine glasklare Aufgabenteilung.